Dreißig Jahre habe ich in einem Staat gelebt, der sich kommunistisch nannte. Im Land meiner Kindheit gab es Mangel, aber keinen Hunger, Kollektivismus, aber Ansätze einer Zivilgesellschaft, staatlich propagierten Atheismus, aber Religionsfreiheit, Personenkult, aber Freiräume für Individualismus und künstlerische Boheme, Einfalt und Zensur in Presse und Massenmedien neben der Einstrahlung westlicher Radio- und Fernsehsender. Ostberlin war ein Grenzort, wo Ost und West aufeinanderstießen, ein Knotenpunkt im eisernen Vorhang, ein Hexenkessel und Glutkern der Welt zu Zeiten des Kalten Krieges. Und gleichzeitig eine biedere, ruhige, friedliche, langsame Provinzstadt. Ich habe mir diesen Ort nicht ausgesucht, wollte ihn jedoch nicht vermissen. Ich will versuchen, Ihnen ein Bild dieses Ortes zu geben, nicht indem ich die Leiden aufliste, den Mangel an Industriegütern und Südfrüchten, die Bürokratie, politische Bevormundung, die Wohnungsnot – die, vergleicht man sie mit der »Dritten Welt«, noch immer luxuriös war –, die eingegrenzte Reisefreiheit usw. Dies alles können Sie in den Geschichtsbüchern nachlesen, ich will Ihnen vom lebendigen Reiz dieses Ortes erzählen. Es war ein hungriger Ort, in dem – trotz aller Lethargie und Hoffnungslosigkeit – der Glaube lebte, dass etwas geschehen, dass der Zustand des Augenblicks nicht von Dauer sein würde, dass Veränderung kommen muss und kommen wird. Mochten die Propagandisten des Staates sich noch so laut als die Sieger der Geschichte feiern. Man konnte den Satz aus Goethes »Faust« nicht verändern oder zensieren: »Alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht.« Man konnte und wollte auch Marx nicht verbieten, denn man pochte ja auf sein Wort. Und dennoch hatte ausgerechnet er die Bewegung der Welt als Grundsatz formuliert. »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.« Da ich nicht in die Haltung der Schildkröte verfallen und den Kopf einziehen will, gestehe ich: In meiner frühen Jugend war ich von der Unfehlbarkeit des Staates, in dem ich geboren wurde, überzeugt. Die Wirklichkeit lehrte mich bald, dass dies eine Phantasmagorie war, ein ideologisches Gespinst, eine gesellschaftliche Selbsttäuschung, die mit Propaganda aufrechterhalten werden musste. Zu den Seltsamkeiten meiner Läuterung gehört, dass ich – und darin bin ich nicht der einzige Ostdeutsche – durch das Studium des Marxismus, also der offiziellen Staatsdoktrin, auf die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit gestoßen wurde. Aus solcher Schule entsteht entweder betonstarrer Glaube oder kritisches Bewusstsein. Seitdem bin ich sicher, dass alle Ideologen, die uns vorgaukeln wollen, wir befänden uns im sicheren Hafen der Geschichte, Demagogen sind, Heuchler oder – im besten Falle – Dummköpfe. Ich kann behaupten, als Künstler und Staatsbürger eine kritische Haltung zum ostdeutschen Staat eingenommen zu haben. 1989 war ich aktiv an der sogenannten Revolution beteiligt. Ich trat am 4. November 1989 bei einer Großdemonstration in Berlin auf, zu der eine Million Menschen erschienen. Es war die wohl größte freiwillige politische Versammlung in der Geschichte Deutschlands, denn die Propaganda-Aufmärsche zuvor verdienten dieses Etikett nicht. Andererseits kann ich sagen, dass ich dem deutsch-deutschen Vereinigungsprozess früh mit Skepsis gegenüberstand. Als Realist war ich mit der Erkenntnis geschlagen, dass der Verkehr der Menschen untereinander stärker durch ökonomische und machtpolitische Interessen bestimmt wird als durch Moralvorstellungen. Im Dezember 1989 befragte eine Literaturzeitschrift verschiedene Autor*innen nach ihren persönlichen Perspektiven für Deutschland. Mein Text war kurz und zitierte einen amerikanischen Songwriter: »It’s money that matters.« Der Ablauf der deutsch-deutschen Vereinigung ist Ihnen sicher in seinen Grundzügen bekannt. Das Ganze begann mit Tränen des Glücks und großen Emotionen. Alle bedeutenden Umwälzungen brauchen solch Pathos, es ist eine Energie, die viel bewirkt, aber wenig kostet. Nüchternheit ist in solchen Zeiten nicht gefragt und wird selten bejubelt. So wie eine betrunkene Partygesellschaft den Einzigen, der sich nicht berauscht, als Störenfried und Spielverderber ausgrenzt. Am nächsten Morgen ist dann der Kopfschmerz eine unwiderlegbare Tatsache. Ach, hätten die Deutschen ihren großen Philosophen Hegel gründlicher gelesen, hätten sie gewusst, dass auf jede Euphorie der Katzenjammer folgt. Vor einigen Jahren sah ich einen Dokumentarfilm, der die Lebensgeschichten eines Zwillingspaars erzählte. Zwei Brüder, die Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland geboren wurden, um kurz nach ihrer Geburt getrennt zu werden. Der eine Sohn blieb bei der Mutter, der andere wanderte mit dem Vater in die USA aus. Viele Jahre später, nach dem Krieg, trafen sie sich als erwachsene Männer wieder, sie sahen sich so ähnlich, wie sich Zwillinge ähnlich sehen, hatten jedoch völlig verschiedene Leben gelebt, andere Haltungen, Werte, Anschauungen entwickelt. Nun wäre solche Differenzierung auch möglich gewesen, wären sie gemeinsam aufgewachsen, denn auch Zwillinge unterscheiden sich in Temperament und Charakter, doch hatte in ihrem Fall die unterschiedliche Sozialisation die Entfernung deutlich verstärkt. Dies war zu erwarten gewesen, erstaunlicher war, dass beide – bei allen Unterschieden, Antipathien und Schwierigkeiten, den anderen in seiner Andersartigkeit zu akzeptieren – seltsame Gemeinsamkeiten entdeckten. Sie hatten gleiche Gewohnheiten, ähnliche Vorlieben, Abneigungen gegen bestimmte Stoffe und Nahrungsmittel, ja sogar gleiche Ticks und Schrulligkeiten. Etwas in ihrem biologischen Code oder ihrer sozialen DNS – wenn es so etwas geben sollte – war konstant geblieben. Gibt es so ein Phänomen, das für Individuen zu existieren scheint, auch für soziale Gruppen oder sogar geteilte Nationen? Es gibt im Deutschen ein Sprichwort, das besagt, Blut sei dicker als Wasser. Dahinter steckt der Glaube, verwandtschaftliche Beziehungen würden stärker wirken als sozial hergestellte. Diese schöne Annahme mag für vorindustrielle Zeiten, als die Familie noch das erste gesellschaftliche Konstitutiv war, gegolten haben. Der Kapitalismus hat mit diesem Vorrecht aufgeräumt, er zerstört systematisch den Familienverband, da auf dem Markt Individuen miteinander in Beziehung treten, keine Clans. So geschah es auch im Prozess der deutschen Vereinigung. Am Anfang war man überglücklich, die Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten in Ost und West wieder ohne Probleme besuchen zu können, man entdeckte die gemeinsamen Wurzeln und ließ sich von der Illusion blenden, man spräche noch immer ein und dieselbe Sprache. Weshalb sollte man sich nicht verstehen? Doch als das Fest zu Ende ging und die Frage auftrat, wer die Feier bezahlt, wuchs die Erkenntnis, dass man sich, obwohl man miteinander verwandt war, in vielerlei Hinsicht nicht verstand, andere Ansichten hatte, Lebenspläne, Werte, Umgangsformen usw. Der Westen verstand den Osten nicht, und umgekehrt. So abrupt wie man sich in die Arme geschlossen hatte, stieß man sich jetzt von sich. Und es traten jene Kräfte auf, die sich um das Pathos und die Emotionen nicht scherten, die eiskalten Rechner, die in den neuen Bundesländern nicht mehr sahen als einen erweiterten Marktplatz für ihre Geschäfte und in den neuen Menschen nicht mehr als einen Teil der Konkursmasse. Vereinigt sich ein ökonomisch unterentwickeltes, schwaches, auf einen begrenzten Binnenmarkt orientiertes Land mit einem aufstrebenden, wachstumsbereiten, global agierenden Land, so liegt auf der Hand, wer in diesem Prozess die Regeln bestimmt. Mit der Vereinigung wird die Wirtschaft des schwachen Partners in die Zirkulation des Weltmarktes gerissen. Die Inselsituation ist vorbei. Die Konkurrenz fordert ihren Tribut. Es ist in etwa so, als würde man im Jahr 2020 den Kapitän eines Segelbootes zu einer Atlantiküberquerung auffordern, unter der Voraus­setzung, dass man selbst mit einem Schnellboot an den Start der Regatta gehen kann. Die schnelle Vereinigung der beiden deutschen Staaten ging in etwa so vonstatten. Es gab genug Expert*innen, die vor übereilten Schritten warnten. Man hat nicht auf diese Stimmen gehört. Man glaubte, die Gelegenheit mache unverzügliche Entscheidungen nötig. Mit den Folgen hat Deutschland noch heute zu tun. Die meisten Industriebetriebe im Osten waren Segelboote, mitunter ganz ansehnliche stolze Fregatten, aber eben ohne wirkliche Chance in diesem ungleichen Wettrennen. Einige von ihnen wurden schnell aufgekauft, um modernisiert oder stillgelegt zu werden. Viele kamen auf den Knochenhof und mit ihnen große Teile der Belegschaft. An den daraus folgenden sozialen Problemen (Deindustrialisierung, hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung junger und qualifizierter Arbeitskräfte, Überalterung von Regionen) laboriert Ostdeutschland noch heute. Die Alternative zu dieser Praxis hätte geheißen: langsame Angleichung, staatliche Subvention, Schaffung ökonomischer Sonderzonen. Sie hätte eine Begrenzung des freien Marktes bedeutet, ein antikapitalistisches Prinzip, das man glaubte, sich nicht leisten zu können, und das unter den Wirtschaftsbossen – denn sie sind keine Moralisten, sondern Pragmatiker, Technokraten des Geldes – keine Zustimmung fand. Logischerweise, denn der Quell, aus dem der Kapitalismus so munter sprudelt, heißt nicht Nächstenliebe, sondern Gewinnmaximierung – gestatten Sie mir diesen letzten kleinen marxistischen Fingerzeig mit dem Verweis auf meine Geburtsstadt Ostberlin. Natürlich blieb diese Entwicklung nicht ohne Folgen. Auf die himmelhohen Erwartungen folgte bittere Enttäuschung. Im Osten war man entsetzt, dass man mit den Segnungen der neuen Ordnung auch die Unbequemlichkeiten derselben zu spüren bekam, und die Goldgräber, die im Osten Betriebe, Land und Woh-nungen aufkauften, boten eine gute Zielscheibe für Verachtung. Der Westen ärgerte sich über die Forderungen der östlichen Bürger, ihre angebliche Unbescheidenheit, die Dreistigkeit, das System zu kritisieren, das sie doch befreit hatte vom Joch des Kommunismus. Gleichzeitig bekam man allmählich mit, dass mit der Erweiterung der alten Republik sich diese nicht nur vergrößert, sondern auch verändert hatte. Das Land geriet in eine wirtschaftliche Strukturkrise und zwischen den Bevölkerungsteilen in Ost und West wuchsen Misstrauen, die gegenseitigen Schuldvorwürfe nahmen zu. Jetzt zeigte sich, wie instabil die verwandtschaftlichen Bindungen waren, auf die man gesetzt hatte. Wasser war eben doch dicker als Blut. Es trat eine Phase ein, die im Gedicht »Beschwörungsformel« zu einem schönen Bild geronnen ist. Man trat sich nicht mehr wie Bruder und Schwester gegenüber, sondern wie Mensch und Schildkröte. Der Ostdeutsche übernahm dabei die Rolle desjenigen, der sich zu erklären hatte. Die Schildkröte passte zu ihm, er war langsamer – zumindest auf unsicherem, ihm nicht vertrauten Terrain –, er hatte einen Panzer, in den er sich zurückziehen konnte, und er besaß, geschult durch die Diktatur, einen gewissen Instinkt, wann man ihn übers Ohr hauen wollte, er war ebenso misstrauisch wie klug. Die Schildkröte und derjenige,  der mit ihr verhandelte, trafen aufeinander im Augenblick des Misstrauens. War es wirklich eine Schildkröte, die da den Kopf einzog, oder verbarg sich da ein gefährliches Raubtier, ein kommunistischer Agent sogar? Wie sollte man es wissen, solang man den Kopf nicht gesehen hatte. War es nicht Grundregel einer offenen Gesellschaft, dass ihre Mitglieder sich zeigten, teilhatten, mitwirkten? Die Schildkröte aber hatte schlechte Erfahrungen gemacht. Sie hatte erlebt, wie es anderen Schildkröten ergangen war, die gutgläubig ihr Köpfchen aus dem Panzer gesteckt hatten. An ihnen war die Drohung, gefressen und geröstet zu werden, wahr gemacht worden, weil sie den Fehler begangen hatten, den Kopf zu präsentieren. Sie fragte sich, woher derjenige, der sie ansprach, das Recht nahm, ihr zu befehlen. Er trat auf in der Position des Siegers, der glaubte, die Verhaltensregeln diktieren zu können. Die Schildkröte verweigerte sich, zog sich in ihr Haus zurück, privatisierte. Was aber konnte sie in dieser Haltung mit der Freiheit anfangen, in die sie versetzt wurde? Mark Twain schrieb einmal: »Wenn wir eine Freiheit, über die wir verfügen, nicht nutzen, ist es so, als besäßen wir sie nicht.« Ich will das Bild nicht überstrapazieren. Es beschreibt einen kritischen Moment der deutsch-deutschen Verhältnisse, es spricht von jenen Generationen, die in Ost und in West sozialisiert wurden. Für die junge Generation spielen Vorurteile und Misstrauen eine viel geringere Rolle, für sie ist die jetzige Bundesrepublik eine gemeinsame Realität.