Je nach politischer Konjunktur und strategischer Notwendigkeit ging die Führung des Gesamtsubjekts von einem Teil des Mosaiks auf einen anderen über. In Spanien beispielsweise von der 15M-Bewegung über die Plattform der Hypothekenbetroffenen (PAH) und Podemos zu den kommunalen Plattformen und schließlich Unid@s Podemos während der letzten Parlamentswahl; oder in Griechenland von den anarchistischen Bewegungen und Gewerkschaften zu den Empörten und dann zu Syriza in Verbindung mit den Solidaritätsstrukturen. Angesichts der Erfahrung in Griechenland macht Porcaro nun das strategische Moment gegenüber dem verbindenden stark. Eine strategische Partei muss in der Lage sein, den geschichtlichen Moment zu erkennen, die Initiative zu ergreifen, voranzugehen und im Gehen andere zu überzeugen. Sie ist dabei keine eigenständige Entität, keine abgeschlossene Gruppe. Je nach Konstellation kann sie »als kleine und bewegliche Partei« auftreten oder »eine transversale Führungsgruppe sein, die sich aus in den verschiedenen Bewegungsorganisationen aktiven Zellen zusammensetzt« (14). Mit den Grenzen von Partei- und Regierungsprojekten wie in Griechenland und Spanien wird deutlich, dass die Führungsfunktion der Partei im engen Sinne immer nur ein konjunktureller Moment in einem beweglichen Verhältnis von Partei, Bewegung und Subalternen innerhalb komplexer gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse sein kann. Keineswegs übernimmt die Bewegung die Vorarbeit, um dann die Führungsfunktion an die Partei abzugeben. Doch wie eine Strategie formulieren, die die Vielen überzeugt? Porcaro schreibt: »Aufgabe der Strategie ist es, Verbindungen herzustellen, nicht umgekehrt.« Tatsächlich entsteht aus der Zusammenkunft der Vielen nur in Ausnahmen eine Strategie. Es braucht andere Orte, Zellen von Gleichgesinnten, ob es um strategische Kerne in Bewegungen oder in Parteien geht. Doch es genügt nicht, eine verbindende Strategie zu formulieren. Wenn sie nicht gemeinsam formuliert wird, bleibt sie wirkungslos. Das Mosaik muss also aktiv zusammengebracht und verbunden werden, immer wieder. Es muss produziert, ja organisiert werden, um neben einem besseren Verständnis für Differenzen das Gemeinsame hervorzubringen. Doch Vermittlung und Verbindung brauchen Zeit. Dies stößt auf Probleme der Dringlichkeit. Hier bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen dem Reichtum und der Inkohärenz der Vielheit auf dem Wege einer verbindenden Partei und der Kohärenz der strategischen Partei. Nur Letztere kann in spezifischen Konjunkturen des »Bewegungskrieges« (Gramsci), jene rasche Initiative entfalten, die nötig ist. Dies geht notwendigerweise einher mit einer Überforderung anderer Teile, die die Veränderungen nicht im gleichen Tempo nachvollziehen, wenn das Wissen nicht schnell genug verallgemeinert wird. Es braucht daher ein Verständnis für die Notwendigkeit eines Raums für Experimente von ›unten‹ – aber eben auch von ›oben‹. In der realexistierenden Partei die LINKE dominiert die Tendenz, jede Initiative durch Bedenken, unendliche Rückkopplungs- und Entscheidungsschleifen zu zersetzen: Wenn sie nicht durch jede Gliederung bewilligt und in diesem Prozess bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet wird, verendet sie nahezu folgenlos. Vor diesem Hintergrund hat eine Partei mit schmaler und hierarchischer Organisation, mit weniger vermittelnden Instanzen und direkterer Kommunikation zwischen Führung und ›Massen‹ (wie Podemos) Vorteile gegenüber einer üblichen demokratischen Parteistruktur oder auch gegenüber horizontalen Konsensmodellen – solange die Führung ›gut’ ist. Im Übergang zur institutionellen Politik kommt es jedoch immer wieder zu einer zu starken Institutionalisierung der strategischen Funktion, hinter der die verbindende Funktion zurücktritt. Eine Aufgabe in diesem Zusammenhang wäre, als Teil einer konstituierenden Macht die »Institutionen zu erschüttern« (13), Verfestigungen und Bürokratisierung offen und beweglich zu halten – auch innerhalb der eigenen Organisationen. Denn koppelt sich die strategische Partei ab und hat keine Rückbindung mehr, kann sie rasch die Sensibilität für die Veränderung des Moments verlieren, die Strategie wird unangemessen. Dies traf nach den Kommunalwahlen im Mai 2015 auf Podemos zu, aber auch auf die Gruppe um Tsipras nach dem Wahlsieg im Januar 2015 und dann vollständig entkoppelt nach dem OXI des Referendums sechs Monate später. Hier wäre eine »transversale Führungsgruppe« (14) sinnvoller als hierarchische Modelle. Das Spannungsverhältnis zwischen verbindender und strategischer Partei ließe sich produktiv bearbeiten, wenn »jede der beiden Seiten [...] selbst einen Teil der Eigenschaften der anderen annimmt« (15). Die einen verbinden, suchen den Kontakt zu den Bewegungen und Nachbarschaften, die anderen formulieren Strategien, bewegen sich in Staat und Parlamenten – so kann die Arbeitsteilung nicht funktionieren (vgl. Candeias 2016). Diese Fragen der Führung waren auch in Griechenland bei Syriza, der ersten real entwickelten verbindenden Partei, nicht geklärt.