Eine Regierungsbeteiligung der AfD auf Landesebene würde eine neue Qualität autoritärer Politik einleiten: eine radikalisierte Kürzungspolitik und die Umstrukturierung der öffentlichen und sozialen Infrastruktur; massive Angriffe auf Gewerkschaften sowie auf antifaschistische, antirassistische, feministische und queere Kultur-, Bildungs- und Jugendarbeit; eine weitere Eskalation von Polizeigewalt und Repression bis hin zu „Freibriefen“ für Hetzjagden auf Andersdenkende, von Rassismus Betroffene und Antifaschist*innen. Hinzu käme die gezielte Förderung rechter Strukturen in Verwaltung, Sicherheitsapparaten und Zivilgesellschaft. All dies würde die autoritäre Transformation des oftmals CDU-dominierten neoliberalen Staates und die Faschisierung der Zivilgesellschaft auf eine neue Stufe heben.
Gleichzeitig darf die Angst vor einer AfD-Regierung nicht dazu führen, dass Die Linke sich in den Regierungsverhandlungen zu einer Erfüllungsgehilfin von CDU oder SPD macht. Ein Einlenken unter schlechten Bedingungen, das zu einem Mittragen von konservativen und neoliberalen Vorhaben führt, würde ihre Glaubwürdigkeit massiv beschädigen. Und mehr denn je muss sie als eine Kraft erkennbar bleiben, die nicht käuflich ist, sondern durch und durch aufrichtig.
Wenn es uns nicht gelingt, dem Anspruch einer glaubwürdigen und organisierenden Partei im Osten gerecht zu werden, wird sich der positive Trend, den wir aktuell erleben, schnell wieder ins Negative kehren. Der Aufbau einer linken Gegenmacht im Osten ist ein fragiler Vorgang, denn der Rechtsruck und die politische Frustration der Menschen sitzen tief. Daher darf Die Linke es sich nicht erlauben, ihre Chancen zu verspielen – sonst droht ein Szenario, in dem eine faschistische AfD an die Macht gelangt, ohne dass ihr eine sozialistische Partei die Stirn bietet.
Wendepunkte oder auch: Was ist das DWE des Ostens?
Wenn wir also die Prämissen setzen, dass wir der AfD kein Regierungsamt überlassen dürfen, aber auch eine Regierungstolerierung zu den Bedingungen der Linken geschehen muss, dann stellt sich die Frage, wie genau diese Bedingungen aussehen müssen. Was wollen wir gewinnen? Und welche Wendepunkte setzt die Linke im Osten, die für sie als Dealbreaker für die Unterstützung einer etwaigen Minderheitsregierung gelten würden?
Die Diskussion über Regierungsbeteiligung betrifft ja nicht nur Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, sondern noch stärker, aber unter ganz anderen Vorzeichen Berlin. Auf ihrem Landesparteitag im November 2025 hat Die Linke ihr Programm für ein bezahlbares Berlin beschlossen, das auch für den Wahlkampf stichwortgebend sein wird. Im Zentrum steht die Vergesellschaftung der Immobilienkonzerne und die Umsetzung des Volksentscheids „Deutsche Wohnen und Co. Enteignen“. Damit formuliert die Partei eine klare Kampfansage und setzt einen Dealbreaker: nicht nur als Verhandlungspfand, sondern als feste Rückfalllinie und konkretes Vorhaben, für das sie einsteht. Dieses Vorhaben markiert nicht nur den Maßstab, an dem sich Die Linke selbst orientiert. Es macht zugleich für alle Menschen, die ihr ihr Vertrauen schenken, sichtbar, wofür die Partei steht und woran ihre Arbeit bewertet werden kann.
Einen solchen Wendepunkt braucht auch Die Linke in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Was ist das DWE des Ostens? Wofür kämpft man konkret und an welchem Projekt kann Die Linke zeigen, dass sie ihr eigenes Versprechen einhält? Der aktuelle Aufschwung wiederum hat viel damit zu tun, dass sie sehr deutlich nach außen transportiert, um was sie konkret kämpft: einen Mietendeckel, niedrige Preise, eine Reichensteuer. Wenn es der Linken gelingt dieses Prinzip auch auf die Wahlkämpfe in Ostdeutschland zu übertragen, würde die Partei mit deutlich mehr Sicherheit in Regierungsverhandlungen gehen. Sie würden nicht nur als die altbekannten Haltelinien dienen, sondern auch als Orientierungspunkte, um trotz der Bedrohung durch die AfD entlang von konkreten Vorhaben zu arbeiten. Doch dafür muss das DWE des Ostens noch gefunden werden: ein gewinnbares Projekt, das unmittelbar die Lebensrealität der Menschen verändert und sich an zentralen materiellen Konfliktlinien entscheidet, zum Beispiel an der Frage von öffentlicher Infrastruktur oder auch den Eigentums- und Bodenverhältnissen, die vielerorts längst zum Schauplatz eines neuen Ausverkaufs geworden sind (Brunner 2025). Wichtig ist, dass die Linke ihre Wendepunkte frühzeitig kommuniziert und auch deutlich macht, dass sie Dealbreaker sind. Es wäre ein wichtiger Schritt, Kapazitäten und Ressourcen zu investieren, um schnell und konzentriert in beiden Bundesländern eine solche konkrete Perspektive zu erarbeiten und sich vorzubereiten, diese gesellschaftlich und bei Bündnispartner*innen zu verankern. Das scheint zum jetzigen Zeitpunkt kaum noch möglich.
Der Partei garantieren die Wendepunkte Rückfalllinien und Kontrollmechanismen, doch daraus generiert sich noch keine Schlagkraft für etwaige Verhandlungen. Diese muss Die Linke außerhalb des Parlaments aufbauen.
Machtaufbau außerhalb der Parlamente
In den letzten Jahrzehnten haben wir immer wieder erlebt, dass das idealisierte Bild parlamentarischer Aushandlung klare Grenzen hat. Wir stehen für eine grundlegende Veränderung des bestehenden kapitalistischen Systems – alle anderen Parteien tun das nicht. Deshalb reicht es nicht aus, richtige Argumente oder gute Gesetzesvorlagen vorzulegen: Sie überzeugen die anderen Parteien weder davon, dass eine Verschärfung des Mietwuchergesetzes notwendig ist, noch dass die Schuldenbremse abgeschafft werden muss und erst recht nicht, dass die Produktionsmittel in die Hände der Arbeitenden gehören. Selbst das Gebot, dass sich Konservative aus Verantwortung gegenüber der Demokratie von einer Zusammenarbeit mit der AfD fernhalten sollten, verliert in der Union zunehmend seine bindende Kraft. Denn all diese Fragen entscheiden sich eben nicht anhand richtiger Argumente oder moralischer Appelle.