Einheit und Spaltung der Arbeiterbewegung werden in der Regel als politisches Problem definiert. Meist wird die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung zwischen 1918/19 und 1933 als besonders anschauliches Material für die Realität von Spaltung und Konfrontation der Arbeiterbewegung herangezogen. Schnell gelangt man zur emphatischen Beteuerung der politischen Lehre, die aus dieser Erfahrung und der mit ihr verbundenen Niederlage des Jahres 1933 gewonnen wurde: die Überwindung/Aufhebung der Spaltung ist wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung einer Politik, die gegenrevolutionäre und antidemokratische Bewegungen abzuwehren vermag, die jedoch zugleich in diesem Kampf und vermittels der Einheit jene Kraftentfaltung und Bewußtseinsentwicklung ermöglicht, ohne die demokratische und sozialistische Veränderungen des bestehenden Gesellschaftssystems und seiner Herrschaftsordnung nicht zu erreichen sind.

Aus der Periode zwischen 1934 und 1946/47 sind daher verschiedene Formen der Überwindung der Spaltung in der Arbeiterbewegung überliefert: die Form der Aktionseinheit aller an der Verhinderung des Faschismus beziehungsweise am antifaschistischen Kampf interessierten Kräfte oder eine auf die Gewinnung der politischen Macht zielende Bündnisstrategie. Außerdem haben sich in dieser Periode einheitliche Organisationen der Arbeiterbewegung entwickelt: so wurde gegen Ende des Zweiten Weltkrieges – getragen von den Widerstandsbewegungen – das Ziel der Schaffung von „Einheitsgewerkschaften“ oder auch einer sozialistischen „Einheitspartei“ diskutiert und zum Teil realisiert. Pietro Nenni, lange Jahre Vorsitzender der Sozialistischen Partei Italiens (PSI), hat – für Italien – diese Bewegung folgendermaßen charakterisiert: „Der Geist war zutiefst einheitlich. Das erste Manifest (des PSI, F. D.) begann mit den Worten ,Eine Klasse, ein Ziel, eine Partei‘. Es war unsere Absicht, die Spaltungen aus der ,schmerzlichen Epoche‘ der Jahre 1921/22 zwischen Kommunisten und Reformisten zu überwinden.“[1] Diese geschichtlichen Erfahrungen haben gewiß bis in die Gegenwart ihre Bedeutung nicht verloren. Gleichwohl birgt die Reduktion des Problems auf diese Erfahrungen die Gefahr in sich, wesentliche Dimensionen der Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung gleichsam abzuschneiden. Das Phänomen Einheit und Spaltung würde so in der Tat auf der Ebene der Politik und Strategie von Führungsgruppen nebeneinander bestehender und konkurrierender Organisationen der Arbeiterbewegung abgekapselt. Historisch-materialistische Analyse und Kritik muß sich jedoch der Frage stellen, welche Beziehungen zwischen den materiellen Existenz- und Reproduktionsbedingungen der Arbeiterklasse, ihrer inneren Differenzierung (als der sozialökonomischen Spaltung und Segmentierung) und den politisch-ideologischen Verarbeitungs- und Erscheinungsformen dieser Bedingungen bestehen. Sie muß außerdem der Frage nachgehen, welche dieser Bedingungen (in welcher Weise) die Handlungsbedingungen der Arbeiterbewegung beeinflussen. Diese Problemformulierung führt natürlich direkt ins Zentrum der methodologischen Auseinandersetzungen zwischen bürgerlicher und marxistischer, aber auch zwischen verschiedenen Richtungen der marxistischen Gesellschafts- und Geschichtswissenschaft. Letztlich konzentriert sich diese Debatte (die sprachlich die Nuancierung zwischen „Arbeiterschaft“ und „Arbeiterklasse“, „Arbeitergeschichte“ und „Geschichte der Arbeiterbewegung“ hervorgebracht hat) auf die wissenschaftliche und politische Relevanz des Klassenbegriffs für die Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung – insbesondere jedoch ihrer Einheit und Spaltung. Der traditionelle Ansatz der Sozialgeschichte – exemplarisch in Conze’s Studie „Vom Pöbel zum Proletariat“[2] – richtete sich in doppelter Weise gegen den marxistischen Klassenbegriff. Zum einen sollte mit dem empirischen Nachweis der sozialen „Heterogenität“ der „Unterschichten“ die in der marxistischen Klassenanalyse begriffene Struktur der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, des grundlegenden sozialökonomischen Zusammenhangs in der Herausbildung und Entwicklung der antagonistischen Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft, von Bourgeoisie und Proletariat, falsifiziert werden. Zum anderen sollten die politischen Dimensionen des Klassenkampfs, der Zusammenhang von Klassenlage, Klassenkampf, Klassenbewußtsein und Klassenorganisation eliminiert werden. Mit der Infragestellung des marxistischen Klassenbegriffs wurde so zugleich die gesamte materialistische Geschichtsauffassung negiert. Die neuere sozialgeschichtliche Forschung und Diskussion hat solche Vereinfachungen, die recht unkritisch den soziologischen Schichtbegriff übemahmen,[3] inzwischen hinter sich gelassen. So wird z. B. in dem von H. U. Wehler herausgegebenen Band „Klassen in der europäischen Sozialgeschichte“[4] in verschiedenen Einzelanalysen der Klassenbegriff als Mittel der historischen Analyse der Ungleichheit anerkannt. Indem freilich mit Max Weber „Klassenlage … letztlich (als) Marktlage“ bestimmt wird,[5] erfolgt schon eine Ablösung des Klassenbegriffs von den Produktionsverhältnissen. Weber’s Bemerkungen über Klasse, Status und die Partei bewegen sich im Rahmen einer „Typologie von Machtsubjekten“, die gesellschaftliche Machtverteilung ist schon vorausgesetzt, ihre Konstitution nicht selbst mehr Gegenstand der Untersuchung.[6] Gleichwohl formuliert Wehler in dem einführenden Beitrag zu diesem Sammelband zahlreiche Fragen, deren Erforschung in der Tat zu einem besseren Verständnis der Geschichte der modernen Klassengesellschaften beitragen können. Hartmut Zwahr hebt jedoch mit Recht hervor, daß „für das historisch-materialistische Verständnis des Themas … die formationstheoretische Einbettung der Klassenentwicklung von zentraler methodologischer Bedeutung (ist), die Existenz der sozialen Klassen doch an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden (ist).“ In der „realen Klassendialektik“ der Antipoden Bourgeoisie und Proletariat drücke sich daher zugleich „der allgemeine Struktur-, Bewegungs- und Entwicklungszusammenhang der Formation“ aus.[7] In der Tradition der marxistischen Theorieentwicklung gibt es jedoch zweifellos eine Tendenz zur Vernachlässigung der konkreten Erforschung der inneren Struktur der Klasse. Dieser Tendenz zur Mystifizierung des Klassenbegriffs korrespondiert die quasi naturgesetzliche Fassung der Entwicklung von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ oder auch die ahistorische Hypostasierung der „historischen Mission“ der Arbeiterklasse. Manche positivistische Gegenreaktion wurde so verstärkt. Erinnert sei nur an Georg Lukács’ „Geschichte und Klassenbewußtsein“. Obwohl er Gesellschaft als „konkrete Totalität“ bestimmt, verzichtet er nahezu vollständig auf die konkrete sozialwissenschaftliche und historische Analyse der inneren Struktur der Klasse, der Bewußtseinsformen sowie ihrer objektiven und subjektiven Handlungsbedingungen.[8] Wir wissen heute sehr viel mehr über die Entwicklung der inneren Gliederung der Arbeiterklasse, über die Basisprozesse der Kapitalbewegung sowie über die Relevanz solcher Prozesse für das gesellschaftliche Bewußtsein und auch die politische Entwicklung der Arbeiterorganisationen. Dennoch öffnet dieses erweiterte Wissen keineswegs einen direkten Zugang zum Verständnis der politischen Prozesse, in die die Geschichte der Arbeiterbewegung eingebunden ist, die durch ihre Aktivität entfaltet werden und die ihre innere Struktur – eben auch u. a. in der Form der Einheit und Spaltung – ausmachen. Hier besteht nach wie vor jene Schwierigkeit, die E. J. Hobsbawm für den Zusammenhang von Klassen- und Gesellschaftsgeschichte erwähnt:

„Die ernsthafteste Schwierigkeit mag wohl die sein, die uns direkt zur Geschichte der Gesellschaft als Ganzem führt. Sie ergibt sich aus der Tatsache, daß Klasse keine isolierte Gruppe von Menschen definiert, sondern ein System von vertikalen sowie horizontalen Beziehungen: So ist es eine Beziehung der Verschiedenheit (oder Ähnlichkeit) und der Distanz, aber auch eine qualitativ andere Beziehung der sozialen Funktion, der Ausbeutung, der Herrschaft/Unterwerfung. Forschung über Klassen muß deshalb den Rest der Gesellschaft mit einbeziehen, von der sie einen Teil bildet … Deswegen sind Studien über Klassen, wenn sie nicht auf einen bewußt begrenzten Teilaspekt beschränkt werden, Analysen der Gesellschaft.“[9]

Formulieren wir zunächst noch einmal das Problem. Einheit und Spaltung der Arbeiterbewegung bezeichnen nicht nur Aspekte der politischen Entwicklung und der jeweiligen politischen Kräftekonstellationen in der Arbeiterbewegung. Vielmehr wird dabei auch – um es zunächst auf eine allgemeine Formel zu bringen – die Frage nach dem Verhältnis von „Klasse an sich“ und „Klasse für sich“ thematisiert.[10] Die intensive, sozialgeschichtliche Beschäftigung mit der „Konstituierung des Proletariats als Klasse“ hat auf jeden Fall schon zu dem Ergebnis geführt, die Klasse als eine „lebendige Struktur“ zu begreifen und zu untersuchen. Hartmut Zwahr, der die „drei sich durchdringenden und beeinflussenden Komponenten, (die) drei großen Bereiche der Klassenentwicklung: die ökonomische, die soziale und die politisch-ideologische Konstituierung“ am Beispiel des Leipziger Proletariats analysiert hat, will daher

„…unter der Struktur des sich als Klasse konstituierenden Proletariats … die Gesamtheit jener Beziehungen und Wechselbeziehungen (verstehen), die die Arbeiterklasse sozialökonomisch und politisch konstituieren. Die Definition umfaßt nicht nur den zwischen Bourgeoisie und Proletariat bestehenden grundlegenden ökonomischen Zusammenhang, sondern auch die klasseninternen Beziehungen.“[11]

Die Veränderung dieser klasseninternen Beziehungen, in denen gerade die innere soziale und politische Konstituierung, auch die Segmentierung und Partikularisierung von sozialer Erfahrung mit reflektiert wird, in Richtung auf eine Vereinheitlichung und Verallgemeinerung der Klassenerfahrung wird sowohl durch objektive, materiell-technische Prozesse (Kapitalakkumulation, Produktivkraftentwicklung) als auch durch Kampferfahrung sowie durch theoretische Lern- und Organisierungsprozesse, die ein wesentliches Moment der Kämpfe selbst bilden, bewirkt. Sie vollzieht sich demzufolge in der Einheit von unmittelbarer Erfahrung, der Aneignung von theoretischem, allgemeinem Wissen und der Konstitution der Organisationen der Arbeiterbewegung. Edward P. Thompson hingegen lehnt einen solchen Zusammenhang ab. Mit der originellen Formulierung “class itself is not a thing, but a happening“[12] will er die Bestimmung der Klasse als eines Handlungszusammenhanges betonen:

„Ich sehe Klasse nicht als eine ,Struktur‘ oder gar einen ,Begriff‘, sondern als etwas, was in menschlichen Beziehungen tatsächlich geschieht … Und Klasse geschieht, wenn einige Menschen infolge gemeinsamer (überlieferter oder geteilter) Erfahrungen die Identität der Interessen von ihren eigenen verschieden (und ihnen gewöhnlich entgegengesetzt) sind, fühlen und artikulieren. Die Klassenerfahrung ist weithin bestimmt durch die Produktionsverhältnisse, in die die Menschen hineingeboren sind – oder unfreiwillig eintreten. Klassenbewußtsein ist die Weise, in der diese Erfahrungen kulturell gehandhabt, d. h. in Traditionen, Wertsystem, Ideen und institutionellen Formen verkörpert werden.“[13]

Obwohl er an anderer Stelle sagt, daß Klasse nur im „Verhältnis zu anderen Klassen“ begriffen werden kann, bestimmt Thompson den „Überbau“ der Klassenerfahrung (Normen, Ideen, Institutionen) doch als ein mehr oder weniger passives Element. Gleichwohl charakterisiert er die „Konstitution“ (the making) der Arbeiterklasse als die Herausbildung eines Klassenbewußtseins, das sich namentlich durch zwei allgemeine Bestimmungen auszeichnet: 1. Das Bewußtsein der Identität der Interessen zwischen Arbeitern der verschiedensten Berufs- und Qualifikationsgruppen – eine Identität, die sich in zahlreichen institutionellen Formen verkörpert (besonders in der Gewerkschaftsbewegung 1830 bis 1834); und 2. das Bewußtsein der Identität der Interessen der Arbeiterklasse gegenüber denen der anderen Klassen und, darin eingeschlossen, die wachsende Forderung nach einem alternativen System.[14] Nicos Poulantzas beschreibt die Funktion, die Marx und Lenin der politischen Partei zusprechen, wie folgt: „die revolutionäre politische Einheit dieser Klasse herzustellen, die permanent im ,individuellen‘, ,lokalen‘, ,partiellen‘ und ,vereinzelten‘ ökonomischen Kampf befangen ist.“[15] W. I. Lenin wiederholt diese Notwendigkeit immer wieder, z. B. in dem Aufsatz „Über die Arbeitereinheit“ (1913):

„Die Arbeiterklasse braucht die Einheit. Die Einheit kann nur durch eine einheitliche Organisation verwirklicht werden, deren Beschlüsse von allen klassenbewußten Arbeitern nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt werden. Eine Frage beraten, die verschiedenen Meinungen äußern und anhören, die Ansicht der Mehrheit der organisierten Marxisten ermitteln, diese Ansicht in einem Beschluß zum Ausdruck bringen, diesen Beschluß gewissenhaft durchführen – das bezeichnet man überall in der Welt, das bezeichnen alle vernünftigen Menschen als Einheit. Und eine solche Einheit ist der Arbeiterklasse unendlich teuer, unendlich wichtig. Zersplittert sind die Arbeiter nichts. Vereint sind die Arbeiter alles.“[16]

Betrachtet man diese Aussagen genauer, so läßt sich leicht erkennen, daß der Begriff der Einheit auf die Organisation, die revolutionäre Klassenpartei, jedoch keineswegs auf die Klasse bezogen ist, von der lediglich gesagt wird, daß sie diese einheitliche Organisation braucht. Natürlich wußte Lenin, daß unter den Bedingungen kapitalistischer Rückständigkeit und Zersplitterung (wie z. B. in Rußland) die Werktätigen voneinander isoliert und daran gehindert werden, „sich ihrer Klassensolidarität bewußt zu werden,“ daran gehindert werden, „sich zu vereinigen“.[17] Außerdem war er sich darüber im Klaren, daß – aufgrund des Verhältnisses von Kapitalismus und Kleinproduktion – „die kleinbürgerliche Weltanschauung in den großen Arbeiterparteien immer wieder zum Durchbruch kommt“.[18] Schließlich konnte er die Existenz von „Reformisten … in allen Ländern“ feststellen; „denn überall ist die Bourgeoisie darauf bedacht, die Arbeiter auf die eine oder andere Art zu demoralisieren und zu zufriedenen Sklaven zu machen, die den Gedanken an die Beseitigung der Sklaverei fallenlassen.“[19] Aufgrund dieser Differenzierungen und Spaltungen der Arbeiterklasse bestimmt Lenin die Partei als die „bewußte, fortgeschrittenste Schicht der Klassen, ihre Vorhut“.[20] Erfolgreich kann diese Partei nur handeln, wenn sie es lernt, „sich mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletarischen, werktätigen Massen zu verbinden“ – und wenn die Bedingung erfüllt ist, „daß sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von … der Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik … überzeugen“.[21] Auf diesem Wege braucht die „Arbeitersache“ die Einheit, d. h.: „die Einheit unter den Marxisten, nicht aber die Einheit der Marxisten mit den Gegnern und Verfälschern des Marxismus.“[22] Wir wollen nun untersuchen, welche die genaueren Bestimmungen dieser – von den Theoretikern des Marxismus immer wieder thematisierten – Dialektik von Spaltung und Einheit der Arbeiterklasse sind. Wenn es die Aufgabe der politischen Organisation ist, einen einheitlichen und allgemeinen Willen (als Form der objektiv allgemeinen Interessen der Klasse) zu bilden und in diesem Sinne die Klasse zu führen, so muß die Bestimmung dieser Aufgabe offensichtlich nicht „von oben“ (d. h., von der Ebene der politisch organisierten bzw. postulierten Einheit), sondern „von unten“, vom Sachverhalt der „Spaltung“, oder genauer: vom Vorhandensein verschiedener Erfahrungsbereiche, Lebensweisen, Bewußtseinsformen in der Arbeiterklasse ausgehen und auch zur Kenntnis nehmen, daß diese Verschiedenheit zugleich unterschiedene Formen des politisch-ideologischen Ausdrucks finden. Die Bildung eines einheitlichen Klassenwillens und einer entsprechenden Klassenpraxis zu untersuchen, bedeutet demzufolge der Frage nachzugehen, welche Bildungselemente diese Aufspaltung der Klassenerfahrung sowie die Vielfalt der Bewußtseinsformen überwinden, was – mit anderen Worten – diese disparaten Elemente im Feld der Klassenpraxis „zusammenschweißt“ und dem gemeinsamen Willen letztlich unterordnet. Die Diskussion dieser Fragen soll zunächst durch die folgenden Thesen eingeleitet werden:

  1. Der politische „Normalzustand“ der Arbeiterklasse ist nicht der der Einheit, sondern der der „Spaltung“. Als Spaltung bezeichnen wir vorerst die Vielfalt der nebeneinander bestehenden politisch-ideologischen Formen, in denen sich die Verschiedenheit der Erfahrungen von Klassenpraxis bzw. ihrer ideologischen und politischen Interpretation – individuell und kollektiv – artikuliert.
  2. Die Überwindung dieser „Spaltung“ hat einerseits den Vergesellschaftungsprozeß des Kapitals zur Voraussetzung (soweit dieser die Klassenstruktur und die Klassenpraxis determiniert). Als politische Einheit, die sich selbst in der Praxis der gesellschaftlichen Transformation realisiert, hat sie freilich darüber hinaus eine politische Krise der alten, herrschenden Ordnung zur Voraussetzung. Diese bedeutet – sehr allgemein formuliert – eine Krise des alten Typs der Klassenhegemonie, die sich stets auch dadurch charakterisiert, daß sie die Spaltung in den beherrschten Klassen reproduziert.
  3. In den politischen Organisationen der Arbeiterbewegung oder: in ihrem politisch-ideologischen „Überbau“ – werden und müssen diese Segmentierungsformen immer in der Existenz verschiedener Strömungen und Richtungen vorhanden sein. Darin reflektiert sich einmal die zuvor erwähnte objektive „Spaltung“ der Klassenpraxis. Zum anderen schließt die Praxis der politischen Organisationen immer auch die Möglichkeit der nicht-identischen Deutungsmöglichkeit der konkreten politischen Situation sowie der – darauf bezogenen – konkreten, politischen Entscheidungsalternativen ein.

Die sozialgeschichtliche Analyse im engeren Sinn wird sich zunächst einmal der genaueren Erforschung der inneren Struktur der Klasse, ihrer Bewegung und Veränderung, widmen. Für die Konstitutionsperiode des Proletariats lassen sich dabei die folgenden Fraktionierungen bzw. Rand- und Übergangsschichten der Arbeiterklasse, die ihrerseits zur Masse der „Subalternen“ gehören, benennen: das Industrieproletariat, die Arbeiter der Heimindustrie, der Manufakturen und des Handwerks, das Landproletariat sowie die Masse der im klassischen Sinne unproduktiven Arbeiter, das zumeist weibliche Dienstpersonal. Unterhalb dieser Schichten existiert noch das sogenannte „Lumpenproletariat“. Gemeinhin wird darunter die Masse derer verstanden, die durch die Gesetze der Kapitalakkumulation, durch die Auflösung traditionaler Lebensverhältnisse, durch absolute Verelendung, Arbeitsunfähigkeit, Krankheit etc. marginalisiert werden. Gleichwohl sind diese nicht die einzigen Segmentierungsformen der „Subalternen“ im Kapitalismus. Innerhalb dieser Fraktionierungen bestehen vertikale Schichtungen nach Qualifikation, Bildungsstand und Einkommen, nach Arbeits- und Lebensbedingungen etc. Mit der Mobilität der Arbeitskraft, die die Kapitalbewegung hervorbringt, vermischen sich lokale und regionale, ethnische und nationale Bestimmungsfaktoren mit den sozial-ökonomischen Kriterien. Oftmals rekrutieren sich die Unterschichten der Arbeiterklasse sowie Teile des „Lumpenproletariats“ aus den ausländischen Arbeitsimmigranten. Die Beziehungen zwischen diesen Schichten – in sozialer wie in politischer Hinsicht – sind keineswegs statisch fixiert. Sie verändern sich vielmehr im Konstitutions- und Entwicklungsprozeß der Klasse, dessen objektiv materielle Determination der Entwicklungs- und Verallgemeinerungsprozeß des Kapitals selbst bildet. Hartmut Zwahr beschreibt diesen Zusammenhang für die Entstehung des deutschen Industrieproletariats:

„Das Industrieproletariat entstand in Deutschland in Fortführung von Entwicklungstendenzen der feudalen sowie kapitalistischen Manufaktur aus einer breiten Schicht von gewerblich ungelernten Arbeitern, aus denen unter den Bedingungen einer großen Überschußbevölkerung vom Lande abwandernden Teilen des Gesindeproletariats und anderen Gruppen landwirtschaftlicher Arbeiter, aus gescheiterten Zunftgesellen und Zunftmeistern sowie ,Gesellen‘ und deklassierten ,Meistern‘ des nichtzünftigen Handwerks in Stadt und Land … Gleichzeitig entstand eine zunächst noch kleine Schicht von gelernten, dem Handwerk oder der Manufaktur nahestehenden Arbeitern, hervorgegangen aus solchen Handwerkern, deren Berufs- und Produktionserfahrungen in der kapitalistischen Fabrikproduktion verwertbar waren.“[23]

Die „Vereinfachung“ (Engels) in den Klassenverhältnissen, auch in der klasseninternen Struktur des Proletariats, vollzieht sich mit dem Wachstum des Industrieproletariats, der Absorption von Fraktionen, deren soziale Existenz und Lebensweise wesentlich mit vor- bzw. frühkapitalistischen Produktionsverhältnissen verbunden und durch feudale „Überbauelemente“ bestimmt ist.

„Die der kapitalistischen Produktion entstehenden Arbeitergruppen waren zunächst, jede für sich genommen, den Elementen der zerfallenden spätfeudalen Gesellschaft, aus denen sie hervorgingen, enger verbunden als jenen proletarischen Elementen, mit denen sie gemeinsam in die Klassenkonstituierung eintraten. Hier bestanden überkommene persönliche, aber auch politische Beziehungen und Abhängigkeiten fort, wenn die ursprünglich engen ständischen Grenzen auch fließend geworden waren und in immer schnellere Bewegung gerieten.“[24]

Eric J. Hobsbawm hat diesen Vereinheitlichungsprozeß für England wie folgt charakterisiert:

„So bahnte sich im Vierteljahrhundert vor 1914 eine wachsende Vereinheitlichung der Arbeiter zu einer von Bürgertum und dem neuen Stehkragenkleinbürgertum scharf getrennten Klasse, was sie allerdings nicht zur homogenen Masse werden ließ. Getrennt nicht so sehr durch wirtschaftliche Ungleichheit als vielmehr durch Ungleichheit der Lebenschancen und Lebenserwartungen und des Lebensstils, zu denen nicht zuletzt das proletarische Klassenbewußtsein gehört.“[25]

Allerdings entwickeln sich nunmehr unter der Dominanz der großbetrieblichen, kapitalistischen Produktion neue Diffenzierungskriterien. Die wichtigsten erscheinen in der Scheidung von Facharbeitern und der Masse der an- bzw. ungelernten Arbeiter auf der einen, von Industriearbeitern und der neuen Sozialgruppe der Angestellten auf der anderen Seite.[26] Welche Beziehungen bestehen nun zwischen den besonderen Segmentierungsformen und Differenzierungen in der Klasse und der Entwicklung des gesellschaftlichen und politischen Bewußtseins? Diese Frage ist gewiß für die Untersuchung von Einheit und Spaltung der Arbeiterbewegung von großer Bedeutung. Wenn nämlich nachzuweisen ist, daß die Formen des gesellschaftlichen und politischen Bewußtseins selbst nur die spezifischen Erfahrungen von Sozialgruppen innerhalb der Klasse artikulieren, dann müßte nicht nur der Klassenbegriff, sondern – mehr noch – der politische Begriff der Klasseneinheit grundsätzlich modifiziert oder schlicht aufgegeben werden. Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, ihren Analysen und strategisch-politischen Debatten, sind zahlreiche Versuche bekannt, Fraktionen bzw. Schichten der Klasse – aufgrund ihrer besonderen sozialökonomischen Existenzbedingungen, aber auch aufgrund ihrer Funktion in der Organisation der kapitalistischen Produktion als Personifikationen bzw. Träger von Bewußtseinsformen und politischen Verhaltensmustern in der Arbeiterbewegung – zu identifizieren. Wenngleich die vorschnelle Identifikation von Klassenfraktionen und politischen Spaltungslinien in der Arbeiterbewegung nicht akzeptiert werden kann, so ist doch andererseits nicht zu übersehen, daß in jeder Entwicklungsperiode des Kapitalismus der Umfang und die innere Struktur der Arbeiterklasse, ihr Verhältnis zu den Mittelschichten sowie zu anderen „subalternen“ Sozialkräften, nicht nur die jeweiligen Handlungsbedingungen der Arbeiterbewegung, sondern auch die Rolle bestimmter Klassenfraktionen in ihr objektiv determinieren (und zwar auch in den politischen Spaltungs- und Vereinheitlichungsprozessen). [27] In diesem Sinne wird in der Klassen- und Sozialstruktur-Analyse des Institut für Marxistische Studien und Forschung (IMSF) die Arbeiterschaft der Großbetriebe als der „Kern der Arbeiterklasse“ im heutigen, staatsmonopolistischen Kapitalismus bestimmt; denn

„damit (wird) der Antipode des Monopolkapitals sichtbar …, der die Interessen der gesamten Arbeiterklasse am deutlichsten zum Ausdruck bringen kann, aufgrund seiner objektiven Lage am kompromißlosesten zu kämpfen gezwungen ist und somit in den Klassenkämpfen die aktivste Kraft der Arbeiterklasse darstellt … Entscheidend ist: sie ist in der Produktion von der Gegenklasse völlig differenziert, ihre Stellung in der Produktion ist die Grundlage ihrer hohen Organisiertheit, sie ist der Ausbeutung in der materiellen Produktion unterworfen und steht dem Monopolkapitel bzw. dem kapitalistischen Staat unmittelbar gegenüber.“

Allerdings wird auch hier auf eine direkte Ableitung des politischen Bewußtseins und Verhaltens dieses „Kerns der Arbeiterklasse“ verzichtet: „Die Bestimmung von der objektiven sozialökonomischen Grundlage her vermag … immer nur die objektive Basis zu umreißen.“[28] Die Gewerkschaften mit der Vielfalt ihrer professionellen Differenzierungen (Berufsgewerkschaften) und weltanschaulich-politischen Strömungen (Richtungsgewerkschaften) gelten gemeinhin – zumal im Blick auf deren Konstitutionsperiode – als diejenige Form, in der sich die beruflichen Sonderinteressen – zunächst meist in ihrer betrieblichen und lokalen Besonderheit – eine organisatorische Gestalt geben. Hier reflektiert sich also die Parzellierung von berufsständischen bzw. korporativistischen Sonderinteressen in der Klasse; denn zum einen beschränkt sich die klassische gewerkschaftliche Interessenvertretung auf die Verteidigung der sozialökonomischen Existenzbedingungen der Lohnarbeiter, zum anderen leitet sich das Organisationsprinzip aus der besonderen beruflichen Tätigkeit ab. Schließlich wurde in zahlreichen der frühen Gewerkschaften das ständische Abgrenzungsprinzip noch durch den Ausschluß der unqualifizierten „Massenarbeiter“ unterstrichen. Es ist zunächst einmal richtig, daß sich über diese gewerkschaftliche Organisierung und Interessenvertretung nicht umstandslos die Einheit des ökonomischen, politischen und ideologischen Handelns der Arbeiterklasse herstellt – zumal in der Konstitutionsperiode des Proletariats, in der der „Durchbruch zur Massenorganisation“[29] noch längst nicht erreicht ist. Gleichwohl bilden diese ersten Formen der Organisierung eines „kollektiven Willens“ schon eine „große Abstraktionsleistung“.[30] Diese liegt vorab in der Überwindung der individuellen Konkurrenz der Lohnarbeiter untereinander wie gegenüber dem Kapital. Die Interessen werden in allgemeiner Form gefaßt und zwar nicht als die Summe der je besonderen Einzelinteressen. Diese werden vielmehr „aufgehoben“ durch die Vertretung der gemeinsamen, allgemeinen Interessen, deren Artikulation und Bestimmung keine intellektuelle Abstraktionsleistung ist, sondern sich aus den objektiven Bestimmungen des Warencharakters der Arbeitskraft, des Gegensatzes von Kapital und Arbeit, der sozialen und politischen Erfahrung, hier besonders der Klassenkampferfahrung, herleitet. Schon in den ersten Formen proletarischer Organisation wirkt demnach das Spannungsverhältnis von Einzelinteressen, professionellen Gruppeninteressen und allgemeinem Klasseninteresse. Die Organisation hebt diese einzelnen und besonderen Interessen nicht auf. Als Instrument kollektiver und kommunikativer Handlungsorientierung[31] wirkt sie für die Entwicklung einer Klassensolidarität, eines Bewußtseins, das die Verwirklichung des konkreten Einzelinteresses (Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, Befreiung von Abhängigkeit und Unterdrückung) mit dem allgemeinen Klasseninteresse zu verknüpfen weiß. Mit anderen Worten: erst die kollektive Organisation stellt eine gesellschaftliche und politische Macht dar, die im Kampf Veränderungen auch des individuellen Schicksals herbeizuführen vermag. Diese Vermittlungsarbeit ist – oberflächlich betrachtet – schon in der Programmatik dieser frühen Organisationsformen der Arbeiterbewegung zu entdecken. Während sie auf der einen Seite ihren Mitgliedern einen gewissen sozialen Schutz anbieten, so postulieren sie doch immer auch allgemeine Ziele, die über den professionell begrenzten Organisationszusammenhang hinausweisen: von allgemeinen sozialpolitischen Forderungen (gesetzliche Begrenzung des Arbeitstages, Arbeitsschutzmaßregeln) über allgemein politische Forderungen (Anerkennung der Koalitionsfreiheit, Gewerkschaftsrechte und politische Gleichheit) bis hin zur Einordung in die allgemeinen „Emanzipationsbestrebungen“ der Arbeiterbewegung. Gleichwohl vollzog sich „die Konstitution einer relativ homogenen industriellen Arbeiterschaft … nicht in einem kontinuierlichen Prozeß, sondern verlief über viele, zum größeren Teil erhebliche Opfer verlangende Zwischenstationen, deren jede eine neue Stufe der Erfahrung der eigenen Wirklichkeit bedeutete“.[32] Vereinheitlichung, Organisierung und Politisierung der Arbeiterklasse sind vielmehr eingebunden in den Prozeß der kapitalistischen Industrialisierung. Klaus Tenfelde hat in seiner großartigen „Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19. Jahrhundert“ den „frappierenden Zusammenhang von jeweiliger Struktur, Lage und Verhalten der Bergarbeiterschaft“ in jeder Entwicklungsphase der Kapitalisierung des Bergbaus, der Ausweitung der Produktion, der Anwendung neuer Technologien, der konjunkturellen Schwankungen und der damit verbundenen Veränderungen im Umfang und der inneren Zusammensetzung des Bergbauproletariats, seiner materiellen Lebensbedingungen und seiner Lebensweise, seiner Kampfbereitschaft und -Erfahrung bis ins einzelne verdeutlicht.[33] An anderer Stelle schreibt er:

„Die Industrialisierung hatte die alten Daseinszusammenhänge, die um Arbeitsplatz, Familie und Kommune gegliederten Netze kommunikativer Beziehungen innerhalb weniger Jahrzehnte wenn nicht gesprengt und radikal neu geordnet, so doch in Bewegung versetzt, neuen Konfliktlagen und einer neuen Sinndeutung zugeführt. Die Zäsuren in der Entfaltung des Industriekapitalismus bestimmen daher auch die wesentlichen Phasen im Wandel der Arbeits- und Lebensbedingungen, und die Geschichte der Kommunikations- und Artikulationsformen der neu-entstandenen handwerklich-industriellen Arbeiterschaft, die Geschichte der Arbeitskämpfe und der frühen Formen der organisierten Arbeiterbewegung in Deutschland wie auch in anderen, nach englischem Vorbild industrialisierenden Ländern schließt sich diesen durch Wachstum und Rhythmus der Industrieproduktion ausgelösten Einschnitten eng an.“[34]

Die strukturellen Voraussetzungen, die erst noch durch die nivellierenden und vereinheitlichenden Tendenzen der kapitalistischen Industrialisierung aufgelöst werden mußten, werden von Tenfelde folgendermaßen beschrieben:

„Noch war die Schicht der potentiell Unzufriedenen in sich nach Regionen und Gewerben scheinbar unüberwindlich zergliedert, so daß Unterschiede der Herkunft und des Berufs, Bildungsmängel und Qualifikationsunterschiede und ständisches Denken zwischen Handwerkern, Tagelöhnern und Fabrikarbeitern und dem allseits verachteten ‚Lumpenproletariat‘ weiter auch konfessionelle Gegensätze und Verhaltensgewohnheiten, die sich aus dem überkommenen Stadt-Land-Gegensatz herleiteten, die nivellierenden Folgen des Übergangs zum Fabriksystem, der einsetzenden Urbanisierung und Entstehung sichtlich gleichgearteter Erwerbs- und Daseinsverhältnisse bei weitem überwogen.[35]

Wichtig ist hier vor allem der Hinweis, daß die Herstellung der politischen Klasseneinheit nicht einfach als eine politische Übersetzung bzw. als bloß mechanischer Reflex dieses objektiven, sozialökonomischen Klassenbildungs- und Homogenisierungsprozesses begriffen werden kann. Relevante Teile der Arbeiterschaft erfahren jetzt ihre soziale Lage als „Gruppenschicksal“. Sie setzen das „Gruppeninteresse in Kampfaktionen und Vertretungskörperschaften“[36] erst unter der Voraussetzung um, daß sich mit dem Großbetrieb und mit dem Wachstum der Industrieorte zu Großstädten eine spezifisch proletarische Lebensweise herausbildet, die ihrerseits die Erfahrung der gesellschaftlichen Klassenspaltung verdoppelt und intensiviert. Damit konstituiert sich jedoch auch ein materiell gesellschaftlicher Raum der sozialen Kommunikation, der zu einer wesentlichen Determinante proletarischer Solidarität wird.[37] W. H. Schröder beantwortet die Frage, warum die Arbeiterbewegung die Grundlagen für ihre gewerkschaftliche und politische Agitation zunächst vorrangig in den Großstädten vorfand, wie folgt:

„… Der Klassengegensatz zwischen Kapitel und Arbeit und zahlreiche Gegensätze (Arm: Reich; Arbeitende: Arbeitslose; Einheimische: Fremde; Arbeitszeit: Freizeit; etc.) traten … innerhalb des großstädtischen Agglomerationsbereiches … schärfer hervor als in den Kleinstädten und auf dem Lande, wo zahlreiche soziale Mechanismen wirksam waren, die diese Gegensätze – soweit sie überhaupt bestanden – verschleierten. Die Agitation der Arbeiterbewegung aktualisierte permanent diesen Klassengegensatz im Bewußtsein der Arbeiter, vertrat die den Interessen der Arbeiter adäquaten Forderungen und bot sich damit als organisatorische Manifestation der Arbeiterinteressen an.“[38]

Ohne diese sozialen und kulturellen Momente von Klassenerfahrung, der Konstitution eines spezifischen „Klassenmilieus“ wäre weder die proletarische Lebensweise noch die Alltagserfahrung der Lohnarbeiter und ihrer Familien angemessen zu begreifen. Dabei ist schon deutlich geworden, daß diese Sphäre der materiellen und kulturellen Reproduktion einen relativ selbständigen Bereich der praktischen Lebensbewältigung sowie der sozialen und politischen Erfahrung neben dem Arbeitsprozeß darstellt. Ebenso eindringlich haben jedoch verschiedene sozial- und kulturhistorische Analysen dieses Milieus, das sich um die Pole Familie, Reproduktion, Gemeinde gruppiert, dessen objektive Determiniertheit durch die kapitalistischen Produktions- und Austauschverhältnisse, das Niveau der Produktivkraftentwicklung, die Schwankungen der Konjunktur etc. nachgewiesen. Das schließt einen Dualismus der sozialen und kulturellen Normen, die hier in hohem Maße bewußtseins- und verhaltensorientierend wirken, nicht aus. Tenfelde hat diese „Bipolarität“ von vorkapitalistischen, ständischen Traditionen und von kollektiver, klassenbestimmter Interessenartikulation nicht nur für die Alltagskultur der Bergarbeiter, sondern auch für deren Kämpfe – bis hin zum großen Massenstreik der Bergarbeiter im Jahre 1889 – konkret herausgearbeitet. Die relative Homogenität dieses Industriearbeitermilieus, die Formen der Bewältigung des proletarischen Alltags können jedoch – gleichsam als notwendige Ergänzung der unmittelbaren Klassenerfahrung im Produktionsprozeß – die politische Einheit bzw. Vereinheitlichung des Klassenhandelns nicht vollständig erklären. Sie wirken – wie noch zu zeigen sein wird – oftmals als strukturelle Schranke dieser Vereinheitlichung. Obgleich der „Zusammenhang von Kampf und Organisation im früh- und hochindustriellen Arbeitskonflikt“, die „Interessenfindung und -artikulation“ sich nur auf der Grundlage „eines Geflechtes kommunikativer Beziehungen der Arbeiter untereinander“[39] herstellt, so bedarf es doch der Erfahrung allgemeiner gesellschaftlicher und politischer Widersprüche, damit sich der Übergang vom „Standesbewußtsein zum Klassenbewußtsein“,[40] der einhergeht mit der Schaffung von Klassenorganisationen, wirklich durchsetzt. Der wichtigste Filter, durch den diese Erfahrung konkret wird, sind zweifellos die Kämpfe der Arbeiter selbst. In ihnen – vor allem vermittels der planmäßigen und koordinierten Gegengewalt der Unternehmer und des Staates – manifestiert sich der Gegensatz von Kapital und Arbeit „in seiner grundsätzlichen Allgemeinheit“.[41] Die Erfahrung der Proletarisierung als Statusverlust, als materielle Depravation, vor allem aber die Erfahrung der betrieblichen und gesellschaftlichen Herrschaft und Unterdrückung[42] wirkt so als sozialer „Resonanzboden“ für die Tätigkeit der proletarischen Organisationen, die planmäßiges, organisiertes Handeln und die Klasseneinheit als wesentliche Bedingungen für den Erfolg des Klassenkampfes, die Verwirklichung der allgemeinen Emanzipationsziele der Arbeiterbewegung propagieren.

„Der innerbetriebliche bzw. der industrielle Konflikt zwischen Kapital und Arbeit erweiterte sich durch die bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu einem gesamtgesellschaftlichen Konflikt. Die ständig aktualisierte Erfahrung einer Dichotomie von ,oben‘, und ,unten‘ geriet zu einem festen Bestandteil des Arbeiterbewußtseins.“[43]

Insofern bildeten die großen Kampfaktionen oftmals Höhe- und Wendepunkte in der Entwicklung der Organisation, des Bewußtseins, des theoretischen Selbstverständnisses; denn in ihnen erschienen die Probleme der gewerkschaftlichen und politischen Interessenvertretung „wie in einem Brennglas gebündelt und diskussionsnotwendig gemacht“.[44] Soweit sollte deutlich geworden sein, daß der Konstitutionsprozeß des Proletariats zur selbständigen sozialen, politischen und ideologischen Kraft, der Übergang von der „elementaren zur organisierten Arbeiterbewegung“[45] doppelt bestimmt ist. Auf der einen Seite hat er den kapitalistischen Vergesellschaftungsprozeß zur Voraussetzung. Auf der anderen Seite begegnen wir in der Organisation einer Form der bewußten Vergesellschaftung, der Organisierung eines kollektiven Willens, der Schaffung eines Kampfinstruments, der Aneignung von Wissen, über den historischen Charakter der kapitalistischen Gesellschaft wie über die Ziele des Klassenkampfes. Diese beiden Seiten stehen einander nicht unvermittelt gegenüber. Ihr Zusammenhang stellt sich über die verschiedenen Formen der proletarischen Erfahrung der eigenen Klassenlage wie der gesellschaftlichen Klassenspaltung und des Klassenkampfes her. Dabei konnte gezeigt werden, daß die Klassenerfahrung nicht ausschließlich in der Erfahrung des kapitalistischen Arbeits- und Ausbeutungsprozesses aufgeht. Vielmehr entwickelt sich die Klassensolidarität auch in einem Netzwerk kommunikativer Beziehungen und in Sphären der Lebensbewältigung außerhalb des Produktionsprozesses, d. h. in Familie, Kommune sowie in anderen Formen der proletarischen Vergemeinschaftung, die keine unmittelbar politische Zielsetzung haben, sondern deren Zweck durch die Alltäglichkeit der konkreten Lebensbewältigung und -gestaltung definiert wird. Dennoch weist die Organisations- und Kampfgeschichte über diesen alltäglichen Konkretismus hinaus. Sie zeigt, in welch’ hohem Maße – auch in der Erfahrung und im Bewußtsein der einzelnen Lohnarbeiter – die Alltagserfahrung ebenso wie die klasseninternen Differenzierungs- und Segmentierungsprozesse beständig durch die ökonomischen, politischen und ideologischen Manifestationen des gesellschaftlichen Hauptklassengegensatzes gefiltert werden. Wenn es das charakteristische Merkmal der proletarischen Organisation ist, Formen der bewußten, politischen Vergesellschaftung als Konkretisationen eines kollektiven Willens (auch die frühen Gewerkschaften gehören dazu)[46] zu schaffen, die proletarischen Interessen in „allgemeiner Form“ darzustellen und zu repräsentieren, so kann diese ohne die Verallgemeinerung von Klassenerfahrung über die Grenzen der individuellen und professionellen Sonderinteressen hinaus letztlich nicht auf der geschichtlichen Bühne erscheinen. Erfahrung und organisatorische „Abstraktionsleistung“ bilden mithin keinen Gegensatz. Ebenso wenig stirbt die elementare, spontane Bewegung in der Arbeiterklasse mit der Konstitution der gewerkschaftlichen und politischen Massenorganisationen ab. Allerdings signalisiert der Gegensatz von elementarer und organisierter Arbeiterbewegung immer schon ein Moment der Spaltung in der Arbeiterbewegung.[47] Zugleich erscheint hierin aber auch das unauflösliche Spannungsverhältnis zwischen dem Konkretismus der proletarischen Erfahrung und der „Abstraktionsleistung“, die sich in der proletarischen Organisation verkörpert. Gleichwohl wird man die Konstitution der ersten gewerkschaftlichen Manifestationen eines „kollektiven Willens“, die im vorangehenden Abschnitt vor allem betrachtet wurden, nicht umstandslos mit der Herstellung von Klasseneinheit identifizieren können. Gerade in der deutschen, sozialdemokratischen Arbeiterbewegung reflektieren sich in der Periode des Durchbruchs zur Massenorganisation zwischen 1890 und 1914 besonders scharf klasseninterne Segmentierungsprozesse. Freie Gewerkschaften und Sozialdemokratie repräsentierten wesentlich die Facharbeiter, während die Masse der Un- und Angelernten, deren Zahl sich in dieser Periode des Durchbruchs zur „großen Industrie“ überdurchschnittlich erhöhte,[48] weitgehend außerhalb des sozialdemokratischen Organisationszusammenhanges blieb.[49] Hier war also nur eine Minderheit der Klasse präsent. Greift man das Jahr 1907 heraus, in dem die Anzahl der Unselbständigen im produzierenden Gewerbe, in Handel und Verkehr (11,3 Mio.) und in der Landwirtschaft (3,4 Mio.) zusammen 14,7 Mio. erreichte, so betrug der Anteil der Stimmen, den die SPD bei den Reichstagswahlen dieses Jahres erreichte (ca. 3,25 Mio.) 22,1 Prozent, der Anteil der freigewerkschaftlichen Mitglieder (1,6 Mio.) 10,8 Prozent sowie der Anteil der Parteimitglieder (ca. 530.000) 3,6 Prozent.[50] Erst am Ende des Ersten Weltkrieges, im historischen Zusammenhang des Zusammenbruchs der Monarchie und der Novemberrevolution, signalisierte das sprunghafte Ansteigen der Mitgliederzahl der sozialistischen Gewerkschaften (von 1,7 Mio., 1918, auf 5,4 Mio., 1919) den Zustrom von bis dahin unorganisierten Schichten der Arbeiterklasse. Die Kluft zwischen Organisationen und Klasse, die durch diese Daten erhellt wird,[51] zwingt zunächst zu einer Reformulierung der Spaltungsproblematik. Ganz im Unterschied zur vordergründigen Lokalisierung dieser Spaltung in der sozialistischen Arbeiterbewegung selbst – z. B. als Konfrontation von Reformisten und Revolutionären – muß bei nüchterner Betrachtung die Linie der Spaltung zwischen dem organisierten Kern der Arbeiterbewegung und seinem politischen Umfeld auf der einen und der Masse der Unorganisierten nicht unmittelbar durch die gewerkschaftliche und politische Arbeiterbewegung Repräsentierten gezogen werden. Dabei kann es im Rahmen dieses Beitrages nicht darum gehen, die Forderung einzulösen, die Geschichte der „vergessenen“ Arbeiterbewegungen aufzuarbeiten, oder auch die Formen der nicht- sozialistischen Arbeiterbewegung genauer zu analysieren. Wir müssen uns vielmehr darauf beschränken, einige sehr vorläufige und allgemeine Überlegungen zu dieser Dimension des Spaltungsproblems zu formulieren. Offenkundig verlangt eine Analyse dieser Spaltung zunächst eine Analyse der spezifischen Möglichkeiten der Lebensbewältigung, ihrer subjektiven Interpretation, der Konfliktbewältigung und der Identitätsbildung. Das heißt: Wir müssen von der Ebene der „abstrakten Allgemeinheit“, auf die wir uns mit den ersten Bestimmungen des Charakters der proletarischen Organisation begeben hatten, wieder herabsteigen ins Milieu des „Klassenindividuums“, wobei davon ausgegangen wird, daß „der Unterschied des persönlichen Individuums gegen das Klassenindividuum, die Zufälligkeit der Lebensbedingungen für das Individuum … erst mit dem Auftreten der Klasse ein(tritt), die selbst ein Produkt der Bourgeoisie ist“.[52] Im Zentrum der Spaltung findet sich daher die Dichotomie von individueller und kollektiver Lebensbewältigung sowie der korrespondierenden, subjektiven Deutung der Lebensperspektive. Idealtypisch wären daher zwei Typen von Lohnarbeitern zu konfrontieren: am einen Pol derjenige Lohnarbeiter, der die Perspektive der Lebensbewältigung für sich und seine Familie wesentlich mit seiner „eigenen Kraft“ und Qualifikation verbindet und hiervon ausgehend die vorgefundenen Bedingungen der Reproduktion und des Herrschaftssystems zu akzeptieren tendiert; am anderen Pol derjenige Lohnarbeiter, der die Perspektive der Lebensbewältigung und -gestaltung mit der kollektiven Kraft der organisierten Interessenvertretung und mit der Perspektive einer qualitativen Veränderung der sozialen und politischen Lebensumstände verknüpft. Man weiß, daß diese „Idealtypen“ die Wirklichkeit nicht adäquat wiederzugeben vermögen. Tatsächlich existieren diese Grundorientierungen in vielfältigen Mischformen. Erinnert sei nur an den Typus der „instrumentellen Orientierung“, für die die Zugehörigkeit zur gewerkschaftlichen und politischen Organisation vorrangig auf die Verbesserung der individuellen Lebenssituation bezogen ist.[53] Außerdem überlagern und verschieben sich diese Orientierungen auch in der Entwicklung des individuellen Bewußtseins – entsprechend dem Wechsel in der alltäglichen Lebenserfahrung, der durch die Schwankungen von Konjunktur und Krise, durch Arbeitslosigkeit, Alter und Krankheit, aber auch z. B. durch Heirat und die Familiensituation herbeigeführt wird. Die individuelle Lebensbewältigung hat ihre materielle Grundlage im individuellen Lohn sowie in der Individualitätsform der Konsumtion, der Wohnung, des Lebensraumes der Familie. Gleichzeitig belegen die Ergebnisse sozialhistorischer Forschung, die im vorangehenden Abschnitt resümiert und interpretiert wurden, die Existenz eines Klassenmilieus, in dem Kollektivität und Solidarität nicht „von außen“ an die alltägliche Lebenserfahrung herangetragen werden, sondern die als Formen kapitalistischer Vergesellschaftung (Produktion, Arbeiterwohnviertel etc.), als Formen kollektiver Erfahrung (materielle Depravation, Krisenerfahrung, Unterdrückung etc.) aber auch als Formen kollektiver Lebensbewältigung und Kommunikation einen festen Bestandteil des Klassenalltags wie des gesellschaftlichen Bewusstseins der Lohnarbeiter bilden. Mit anderen Worten: die proletarische Lebensweise ist stets schon „Leben-über-die-Privatformen-hinaus“.[54] Das Spannungsverhältnis zwischen privater und kollektiver Lebensbewältigung ist daher strukturell in die proletarische Klassenexistenz und -erfahrung „eingeschrieben“. Dabei spielen einerseits die kapitalistischen Vergesellschaftungsprozesse, die die Gesamtheit des Lebensprozesses „in letzter Instanz“ determinieren, eine entscheidende Rolle. Andererseits vollzieht sich der Austrag dieses Spannungsverhältnisses selbst schon im politischen Raum, genauer: im jeweils konkret-historischen, politisch-ideologischen Kräftefeld. Insofern bildet die politische Organisation der Arbeiterbewegung einen Faktor, der auf diesen Prozeß ein- und zurückwirkt. Kollektive Klassenerfahrung setzt sich jedoch nicht notwendig in kollektives Verhalten und Handeln um, das auf eine organisierte Veränderung der Lebensumstände zielt, dessen Träger „gesellschaftliche Subjekte mit historisch bestimmendem Einfluß“ sind, die „im Beitrag zur bewußten gesellschaftlichen Realitätskontrolle auch die Kontrolle über ihre eigenen Daseinsumstände erhöhen“.[55] Dieser Sachverhalt ist selbst wiederum aufs engste damit verbunden, wie die herrschenden politischen und ideologischen Verhältnisse die proletarischen Interessen und Bedürfnisse zu kanalisieren, letztlich zu atomisieren vermögen. Damit berühren wir das Problem der Hegemonie der herrschenden Klasse. Ihre Führungs- und Integrationsfähigkeit – über ihre unmittelbar ökonomische und politische Herrschaft hinaus – muß daher als ein Faktor begriffen werden, der die Spaltungsprozesse in der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung maßgeblich beeinflußt. Umgekehrt steht die Krise eines jeden historisch politischen Hegemonietyps im direkten Zusammenhang mit Prozessen, in denen die Spaltungskräfte an Wirksamkeit verlieren und Tendenzen der Vereinheitlichung von sozialökonomischer und politischer Klassenerfahrung sich auch in qualitativen Verschiebungen des politischen Kräftefeldes Geltung verschaffen. Die Politisierung des Spannungsverhältnisses von privater und kollektiver Lebensbewältigung und -deutung erweist sich mithin selbst noch als ein Moment des politisch-ideologischen Reproduktionsprozesses der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Die formale Verselbständigung und Trennung von Öffentlichkeit (dem politischen Raum) und „Privatsphäre“, die ihrerseits in Produktions- und Reproduktionsbereich geschieden ist, charakterisiert die Grundstruktur bürgerlicher Herrschaft ebenso wie den Inhalt des bürgerlichen Politikverständnisses (zumindest bis zur Konstitution der Arbeiterbewegung als Massenbewegung). Mehr noch: die beständige Reproduktion dieser Trennung wird zu einer wesentlichen Bedingung bürgerlicher Hegemonie. Diese Erkenntnis ist nicht nur von theoretischer Relevanz. Sie reflektiert vielmehr die institutionelle, rechtliche und ideologische Struktur des politischen Systems der bürgerlichen Gesellschaft. Die Besitzbürger, deren Eigentum und dessen Akkumulation durch Staat und Recht gesichert ist, wollen die Sphäre ihrer individuellen Selbstbetätigung (im Geschäft und „Haus“) als einen staats- und politikfreien Raum möglichst geschützt wissen.[56] Zugleich erwarten sie vom Staat und seinen Institutionen, deren Verwaltung der „politischen Klasse“ übertragen ist, daß deren „Technologie“ dem Prinzip der formalen Rationalität entspricht. Gesetz, Bürokratie und Parlamentarismus sind diese spezifischen „Technologien“ des bürgerlichen Rechtsstaates.[57] Dabei wird ein doppelter Zweck verfolgt: Auf der einen Seite muß die institutionelle Struktur des politischen Willensbildungsprozesses der politischen Kontrolle der Besitzbürger unterliegen sowie die Konkurrenz fraktioneller bürgerlicher Interessen ermöglichen (bürgerliche Öffentlichkeit). Auf der anderen Seite müssen die Volksmassen von der Politik ferngehalten, aus dem politischen Raum ausgeschaltet werden. Als „Passivbürger“ – so die Formulierung der französischen Verfassung von 1791 – sind sie durch das Zensuswahlrecht von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Darüber hinaus muß ihnen durch Koalitionsverbote der Zugang zur Bildung politischer Machtinstrumente verwehrt sein. Schließlich muß der Staat stark genug sein, um innere und äußere Bedrohungen des Gemeinwesens abzuwehren. Im Innern haben die staatlichen Zwangsapparate (Polizei, Militär, Justiz) gegebenenfalls spontane Einbrüche der Volksbewegungen in den politischen Raum, in denen sich lang aufgestaute Entbehrung und Unterdrückung entladen, zu unterdrücken. Franz Neumann hat in der Kritik der Metapher vom liberalen „Nachtwächter-Staat“ diesen Interessenzusammenhang von Bürgern und Staat unterstrichen:

„Der liberale Staat war immer so stark, wie die politische und soziale Situation und die bürgerlichen Interessen es erforderten. Er führte Kriege und schlug Streiks nieder, er schützte seine Investitionen mit starken Flotten, er verteidigte und erweiterte seine Grenzen mit starken Heeren, er stellte mit der Polizei ,Ruhe und Ordnung‘ her. Er war stark genau in den Sphären, in denen er stark sein mußte und wollte.“[58]

Im politischen Alltag einer jeden historischen Periode gehören jedoch Streiks, Rebellionen, Massenbewegungen und Revolutionen, die stets Zäsuren zwischen Epochen bilden, eher zur Ausnahme.[59] Zumal in den „normalen Ruhelagen“ tritt die Ausübung direkter, außerökonomischer Gewalt durch den Staat – auch aus der unmittelbaren Lebenserfahrung – zurück. Die Trennung des Politischen und der alltäglichen Gesellschaftlichkeit (Arbeit, Familie, Wohnen, Konsumtion, Kommunikation, Alltagskultur) wird unter diesen Voraussetzungen auch zur vorherrschenden, durchschnittlichen Erfahrung.[60] Die Formen bürgerlicher Politik bleiben den „Passivbürgern“ weitgehend äußerlich. Die Politisierung der Praxisformen des Alltags, von denen wir wissen, daß sie immer auch Klassenerfahrung implizieren, erfolgt im wesentlichen „von oben“, durch die ideologischen Instanzen und Apparate der herrschenden Ordnung. Als politisch-ideologische Sozialisationsinstanzen vermitteln sie Normen des Verhaltens wie der Sinndeutung im Alltag. Die herrschenden Moralvorstellungen sollen so zum Kitt disparater Alltagserfahrungen werden. Elemente der gegenwärtigen Klassenerfahrung werden überlagert durch zukünftige, außerweltlich religiöse Heilserwartungen. Die Erfahrung von Abhängigkeit und Unterordnung wird gedämpft durch die Identifikation mit der „Größe“ der Nation und ihrer politischen Führung.[61] Diese Aufgaben werden von den herrschenden ideologischen Apparaten wahrgenommen, zu denen in der von uns betrachteten Epoche vor allem die Kirche, die Schule und das Militär, aber auch die Fabrik mit ihrer Disziplin und Hierarchie, die Familie als Sozialisationsagentur sowie andere sinnvermittelnde Institutionen (z. B. die Massenliteratur) gehören. Ihre Tätigkeit zielt auf die beständige Isolierung der Klassenerfahrung von der kollektiven Klassenpraxis. Als ideologische Staatsapparate verfügen sie dabei über ein System von materiellen und immateriellen Sanktionen und Gratifikationen. Wer sich anpaßt, dem wird nicht nur sozialer Aufstieg als reale Utopie verhießen, er braucht auch keine Angst davor zu haben, mit den staatlichen Sanktionen und ihrem Zwangscharakter Bekanntschaft zu machen oder Gottes Zorn gegen die Sünder zu erfahren. Im Kern handelt es sich dabei um den Versuch der Partikularisierung und Atomisierung von Klassenerfahrung, die in neue Formen der klassenneutralen „illusorischen Gemeinschaftlichkeit“ (die Nation, die Volksgemeinschaft, die christliche Gemeinschaft etc.) überführt wird. Erst in dem Maße, wie diese ideologischen Vermittlungen als Stabilisierung bürgerlicher Hegemonie wirken, gewinnen sie auch im wirklichen Leben konkrete Gewalt – eben in jenen politischen Organisationen, die sich der „sozialen Frage“ oder der „Arbeiterschaft“ annehmen, um diese vor den Klassenorganisationen und besonders vor dem Klassenkampf zu schützen. Die Perspektive individueller Lebensbewältigung, abgeschnitten von kollektiver Praxis der Veränderung der obwaltenden Lebensbedingungen, wird hier demzufolge zum Feld von Klassenpraxis – und zwar: der bewußten Integration „von oben“. Soweit die Trennung des Politischen von der alltäglichen Lebenspraxis also diese Trennung von Klassenerfahrung und kollektiver Klassenpraxis korrespondiert, wirkt sie innerhalb der Arbeiterklasse als ein enormes Spaltungs- und Differenzierungspotential, dessen Ursprung weniger auf die klasseninternen, sozialökonomischen Differenzierungen als vielmehr auf die innere Struktur und Wirksamkeit des politischen Systems der bürgerlichen Gesellschaft, seiner hegemonialen Struktur, zurückzuführen ist.[62] In der klassengespaltenen Gesellschaft vollziehen sich diese Prozesse freilich nie in reiner Form, sondern stets im Medium eines bestimmten Kräfteverhältnisses der Klassen und des Klassenkampfes. Das Politikverständnis der sozialistischen Arbeiterbewegung ist – auch als theoretische und praktische Kritik der herrschenden Ordnung – dem bürgerlichen Politikverständnis radikal entgegengesetzt. Dies resultiert nicht nur aus dem Bestreben, die diskriminierenden Maßregeln, die die Arbeiterklasse und deren Organisationen aus der Politik fernhalten sollen, aufzuheben und formale politische Gleichheit durchzusetzen (allgemeines Wahlrecht, Koalitionsfreiheit). Vielmehr konstituiert sich mit der Arbeiterbewegung – und insbesondere mit den politischen Parteien der Arbeiterbewegung – ein neuer Typus von Politik, der seinerseits nachhaltige Veränderungen im politischen System der bürgerlichen Gesellschaft hervorruft, die Bedingungen der Ausübung bürgerlicher Hegemonie verändert und die herrschenden Klassen bzw. Klassenfraktionen zu neuen Strategien der Anpassung wie zu neuen Techniken der politisch-ideologischen Machtausübung zwingt.[63] „Die Partei im modernen Sinn … entsteht mit der Arbeiterbewegung.“[64] Nach ihrem Selbstverständnis ist sie Instrument der Mobilisierung von Klassenbewegung, in der sich die Verteidigung unmittelbarer Interessen mit der Perspektive einer revolutionären Umwälzung der bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse verbindet. Ihr Bestreben ist es, Massenbewegungen zu organisieren und zu führen. Für die hier zu diskutierenden Fragen ist es nun entscheidend, daß dieses Politikkonzept auf die Überwindung jener bürgerlichen Trennung von Ökonomie und Politik, von privater und öffentlicher Sphäre zielt. Sozialistische Politik ist Auflösung dieses realen „Scheins“, d. h. Politisierung der sozialen und der ökonomischen Frage und der in sie eingeschlossenen Widersprüche. Was auf der theoretisch-programmatischen Ebene sich als das Ziel der „Zurücknahme des Staates in die Gesellschaft“ artikuliert, transformiert sich in der konkreten politischen Auseinandersetzung von Anfang an in die Politisierung des Privaten,[65] damit auch der alltäglichen Klassenerfahrung. Aus dem bisher Entwickelten ergibt sich schon, daß eine solche Politik mit mannigfachen Widerständen konfrontiert wird, daß der politische Prozeß selbst sich im Austrag dieser Widerspruchskonstellationen vollzieht. Die verschiedenen Sphären der Lebensbewältigung und -gestaltung – von der alltäglichen Reproduktion, über den Produktionsprozeß, bis hin zur allgemeinen, politischen Artikulation von Interessen „in der Öffentlichkeit“ – sind nicht nur formal und illusorisch voneinander getrennt. Natürlich gehen sie – als Formen von Klassenerfahrung und -praxis – im wirklichen Leben vielfältige Verbindungen ein. Dennoch besitzen sie eine materiale Wirklichkeit und eine relative Selbständigkeit. Die innere Organisationsstruktur der Arbeiterbewegung selbst, die oftmals im Bilde von den „drei Säulen“ gefaßt wird, ist dafür ein Beleg. Die Vielzahl der genossenschaftlichen Organisationen und Vereine umspannen gleich einem Netzwerk den konkreten proletarischen Lebenszusammenhang. Sie dienen der materiellen und kulturellen Bedürfnisbefriedigung und fungieren zugleich als politische Sozialisationsinstanzen, d. h. in ihnen artikuliert sich proletarisches Solidaritätsbewußtsein und die Fähigkeit der Lebensbewältigung. Auch die Gewerkschaftsbewegung – als die zweite Säule – entwickelt sich zunächst als genossenschaftliche Solidargemeinschaft, zentriert um das Arbeitsverhältnis und den Arbeitsplatz. Mit dem Wachstum der Mitgliederzahlen, der allmählichen Überwindung des Lokalismus, der Schaffung nationaler Berufsverbände und einer „Generalkommission“, mit den ersten Ansätzen von Industrieverbänden verallgemeinert und vereinheitlicht sich die gewerkschaftliche Arbeit der Organisation.[66] In seiner berühmten Rede vor dem Kieler Parteitag der SPD (1927) hat Rudolf Hilferding die These von der „Politisierung“ der Gewerkschaften als Element der Konzeption vom „organisierten Kapitalismus“ vorgetragen:

„In der Gesellschaft der freien Konkurrenz konnten sie nur den unmittelbaren Klassenkampf zwischen Unternehmern und Arbeitern führen um die Länge der Arbeitszeit und die Höhe des Lohns. Jetzt stellen sich die Gewerkschaften selbst immer mehr andere Aufgaben, nicht mehr nur Beeinflußung des Staates auf sozialpolitischem Gebiet, sondern jetzt sind die beherrschenden Prinzipien in der gewerkschaftlichen Bewegung der Kampf um die Betriebsdemokratie und der Kampf um die Wirtschaftsdemokratie.“[67]

Diese Bemerkung enthält gravierende Fehlurteile. So waren – wie zuvor gezeigt werden konnte – auch die frühen Gewerkschaften politische Organisationen, die sich nicht nur um Lohn und Arbeitszeit kümmerten. Ebenso falsch ist die zugrunde gelegte These vom „politischen Lohn“, die gleichsam die Abkoppelung der Gewerkschaften von ihrer fundamentalen Aufgabe beinhaltet. Allerdings illustriert die Konzeption Hilfderdings ein Problem, mit dem die Gewerkschaften seit dem Durchbruch zur Massenorganisation sowie mit der politischen Anerkennung ihrer Wirkungsmöglichkeiten konfrontiert sind. Sie müssen in ihrer praktischen Arbeit eine ständige Vermittlung zwischen der konkreten sozialökonomischen Interessenvertretung und ihren politischen Aufgaben und Möglichkeiten herstellen. Damit ergibt sich gleichzeitig die Aufgabe, den Stellenwert des gewerkschaftlichen Kampfes im Gesamtzusammenhang des Kampfes der Arbeiterbewegung zu definieren. Dabei gilt: ihre Fähigkeit zur Durchsetzung allgemein politischer Ziele hängt direkt von der Kraft der gewerkschaftlichen Interessenvertretung an der „Basis“, am Arbeitsplatz, im Betrieb, in der Branche ab. Wann immer diese Basis ihrer allgemeinen Macht zugunsten einer Inkorporierung in den Staat, zugunsten einer Lösung „von oben“ (und das ist der Kerngedanke der Hilferding’schen Argumentation) vernachlässigt oder sogar bewußt gebändigt wurde, mußten die Gewerkschaften dies in Perioden ökonomischer und politischer Krisen des kapitalistischen Systems mit Orientierungsverlust und Handlungsunfähigkeit bezahlen.[68] Noch schärfer stellt sich dieses Problem der Vermittlungsarbeit für die politische Partei. Ihre Politik ist – wie W. Streek in bezug auf die moderne Industriegewerkschaft formuliert –

„das Resultat der Aggregation unterschiedlicher Teilinteressen und ihrer Transformation in ein einheitliches Gesamtinteresse, das gegenüber den in es eingegangenen Partikularinteressen in spezifischer Weise abgehoben ist“.[69]

Dabei wird die proletarische Klassenerfahrung in doppelter Weise organisiert: Auf der einen Seite ist die Partei Ausdruck dieser Erfahrung, politisches Instrument, um die Massenerfahrung in die politische Auseinandersetzung zu übersetzen, um das politische Kräfteverhältnis zugunsten der Arbeiterklasse zu verändern, kurzum: um Veränderungen bzw. die Aufhebung dieser Klassenerfahrung im Kampf um politische Macht herbeizuführen. Auf der anderen Seite wirkt die Partei durch ihre Propaganda, ihre Erziehungsarbeit, vor allem aber durch den politischen Kampf selbst (in dem der politisch-ideologische Apparat der herrschenden Klasse sie als den Hauptgegner identifiziert) auf diesen Erfahrungszusammenhang beständig zurück. Sie wird zu einem konstitutiven Element der Bewußtseinsentwicklung der Arbeiterklasse, ihrer Handlungsfähigkeit; durch ihre Presse, ihre Versammlungen, ihre Kampagnen der Massenmobilisierung vermittelt sie zugleich allgemeines Wissen über den Charakter der herrschenden Gesellschaftsordnung und ihres Staates, der bürgerlichen Hegemonie, der Bedingungen und Ziele des Klassenkampfes. Ohne diese Fähigkeit, sich in den breitesten Massen zu verankern, sich mit den wirklichen Bewegungen der Arbeiterklasse zu verbinden, und: ohne die Fähigkeit zu führen, d. h. diese Komplexität der Erfahrungen und der Kampffelder im Hinblick auf die Veränderung des politischen Kräftefeldes, der politischen Machtverhältnisse zu strukturieren, ohne diese Fähigkeit zu entwickeln, bleibt die Partei eine bedeutungslose Sekte. Allerdings wäre es eine reichlich idealistische Vorstellung, die Herstellung von Klasseneinheit als direktes Resultat der Konstitution der revolutionären Partei und der – über sie vermittelten – Anwendung der „richtigen“ Weltanschauung und Theorie auf die Praxis des Klassenkampfes anzusehen. Die Organisationen der Arbeiterbewegung wirken in einem fundamental fremdbestimmten Raum, in ihrem sozialökonomischen wie in ihrem politischen und ideologischen Kampf, in der Bewältigung des Lebensalltages ebenso wie im politischen Kampf, der auf die Eroberung der Staatsmacht zielt. Die Grenzen ihres Einflusses, die Widerstände gegen ihn, werden durch das System bürgerlicher Hegemonie und seine Funktionsweise bestimmt. Der „Prozeß der individuellen Durchsetzung … bürgerlicher Hegemonie“ umschließt daher nicht nur die Markierung „der von den Herrschenden zugestandenen Handlungsspielräume“, sondern zugleich – durch psychische Konfliktabwehr und -verarbeitung – deren Umformung in „negative Emotionen und Angst“. „Bei der psychischen Konfliktabwehr gewinnt die Angst vor der realen oder antizipierten Existenzgefährdung die Oberhand und führt zunächst zur Handlungsunfähigkeit.“ Soziale Integration, „individueller Opportunismus“ als Aufstiegsorientierung, Rückzug in die „Freizeit“ sind diejenigen Formen des Bewußtseins und Verhaltens, vermittels derer verhindert wird,

„daß die Konfliktangst und Konfliktscheu durch eingehende kognitive und emotionale Durcharbeitung sowohl der objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen als auch der subjektiven Möglichkeiten insgesamt überwunden wird und somit eine positive emotionale Gesamtstimmung, also eine Handlungsbereitschaft zur Verwirklichung der erkannten Ziele entsteht“.[70]

Auf der anderen Seite reproduziert sich die bürgerliche Hegemonie eben durch den Staat, der innerhalb einer Struktur mit verschiedenen Ebenen ungleichzeitigen Entwicklungsstandes die besondere Funktion hat, Kohäsionsfaktor der verschiedenen Ebenen einer Gesellschaftsformation zu sein … In der Tat hat die politische Praxis entweder die Aufrechterhaltung der Einheit einer Gesellschaftsformation in einem ihrer Stadien oder einer ihrer Phasen zum Ergebnis … oder die politische Praxis erzeugt Veränderungen, wobei sie sich den Staat als Ansatzpunkt zum Aufbrechen dieser Einheit zum Ziel nimmt, eben weil er deren Kohäsionsfaktor ist: in diesem Sinn kann der Staat auch anvisiert werden als Faktor, der eine neue Einheit und neue Produktionsverhältnisse herbeiführt.[71] Die organisierte Präsenz der Klassenbewegung in diesem politischen Raum, der „Verarbeitung“ und Synthetisierung partikularer Erfahrungen zu einem allgemeinen, politischen Willen, zu einer realen Kraft, ist daher ebenso notwendig wie ihre Verwurzelung in der Klasse und ihren alltäglichen Praxisformen. In dem um den Staat zentrierten politischen Feld kann sich die Partei jedoch nicht darauf beschränken, „Basisinteressen“ gleichsam von unten nach oben zu leiten. Da der bürgerliche Staat, seine Institutionen und Apparate, die Parteien etc. ihrerseits Formen darstellen, in denen konkurrierende bürgerliche Interessen synthetisiert und verallgemeinert werden, da auf dieser Ebene nicht nur die Zentren politischer Macht, sondern auch die Zentralen der ideologisch-politischen „Hegemonieapparate“ lokalisiert sind, wäre es – wie P. Togliatti einmal formuliert hat – ein schwerer Fehler, wenn sich die Politik der Partei darauf beschränken würde, die „Klassengegensätze starr und schematisch als politische Gegensätze“ aufzufassen.[72] Sie hat sich vielmehr mit Klassenstrategien auseinanderzusetzen, die keineswegs in reiner Form sozialökonomische „Basisinteressen“ des Kapitals widerspiegeln. Deren endgültige Formulierung und Präsentation wird vielmehr durch einen Block fraktioneller Bündniskonstellationen (sei’s innerhalb der Bourgeoisie, sei’s zwischen Resten der Feudalklasse, der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum) gefiltert und durch die ideologischen Hegemonieapparate gleichsam „modelliert“. Erinnert sei nur an das Gebiet der Außenpolitik, auf dem diese Mechanismen besonders deutlich zur Geltung kommen. Im Konzept der Strategien der herrschenden Klassen wird sie oftmals zum zentralen Feld einer ideologisch-politischen Gegenmobilisierung gegen die Arbeiterbewegung. In der Verknüpfung dieser beiden Pole des politischen Praxisfeldes, der individuellen wie der allgemein politischen Ebene des Kampfes und Hegemonie, liegt eben die Kunst oder die Wissenschaft der Führung, die sich die Arbeiterbewegung aneignen muß. Man findet diesen Gedanken durchgängig bei W. I. Lenin, für den das revolutionäre Wissen aus dem Gebiet der „Beziehungen aller Klassen und Schichten zum Staat und zur Regierung“, den „Wechselbeziehungen zwischen sämtlichen Klassen“ geschöpft werden muß.[73] Schärfer noch hat A. Gramsci die „Organizität“ in der Verbindung von Massen und Intellektuellen, von Alltagskultur, Leidenschaften und theoretischem Wissen als den Inhalt der Bildung eines „geschichtlichen Blockes“ hervorgehoben. Dabei begreift er die Partei, den „kollektiven Intellektuellen“ und „neuen Fürsten“ (moderno Principe), als die Mittlerin dieses Prozesses. So wird die Politik zu einer „autonomen Wissenschaft“, zu Führungswissen im Kampf um die Begründung eines neuen „kollektiven Willens“, der Hegemonie des Proletariats und der Schaffung eines neuen Staates.[74] Die relative Selbständigkeit der Partei ergibt sich aus diesen ihren Wirkungsbedingungen. Sie kann niemals allein Instrument der Widerspiegelung und Verlängerung des Komplexes spontaner, proletarischer Basisinteressen sein. Da sie unabdingbareres Instrument der Synthetisierung dieser Interessen im Felde des politischen Systems der bürgerlichen Gesellschaft, in der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Hegemonie ist und da sie zugleich die proletarische Klassenpolitik nicht nur aus der direkten Klassenerfahrung, sondern aus der Gesamtheit der Wechselbeziehungen und Kampffronten der Klassen ableitet, kann nur über diese Organisation die Aneignung des notwendigen Wissens sowie dessen Verbindung mit der Klassenpraxis erfolgen. Daß ein solches politisches Konzept – wie Alf Lüdtke unterstellt – dazu führe, die „Interessen der Betroffenen … durch abstrakte Zugriffe (zu) enteignen“ ,[75] erscheint kaum überzeugend; denn strategisches Handeln, einfacher gesagt: politisches Handeln ist stets nur in allgemeiner, gesellschaftlicher Form möglich und kann sich zugleich dem Determinationszusammenhang durch die materiellen und politisch-ideologischen Vergesellschaftungsformen der herrschenden Ordnung nicht entziehen. Strategisches Handeln als organisierte Kollektivität wird niemals – im Sinne einer rigiden stellvertretenden Repräsentanz – das Element der Alltagserfahrung der Spontaneität, auch des kollektiven Handelns und der Aktion, ersetzen können.[76] Der wesentliche Gesichtspunkt für die Herstellung der Einheit der Arbeiterklasse ist daher die Überwindung der Trennung, der Verselbständigung dieser Felder und Ebenen der Klassenwirklichkeit, die – wie wir gezeigt haben – eine relativ eigenständige und materiale Realität aufweisen und deshalb auch relativ selbständige Segmente proletarischer Klassenerfahrung konstituieren. Betrachtet man die langen Kampfzyklen in der Geschichte der Klassenkämpfe (und die Konstitutionsperiode bildet zweifellos einen der ersten dieser Zyklen), so ist relativ leicht auszumachen, daß – wie der sowjetische Sozialpsychologie G. G. Diligenski formuliert –

„die Fähigkeit einer Klasse, ihre Bedürfnisse in zielgerichtetem bewußten Handeln auszudrücken, … größtenteils von dem Maß der Entsprechungen zwischen ihrer spontan-psychologischen Entwicklung, in der sich die neuen Erfahrungen der Klasse widerspiegeln, und der Entwicklung der diese Erfahrungen verallgemeinernden Klassenideologie ab-(hängt)“.[77]

Diese Entsprechungen werden zunächst objektiv determiniert: durch Kapitalakkumulation und Produktivkraftentwicklung, ihre regionale und sektorale Gliederung, durch Wachstum und innere Strukturveränderungen der Arbeiterklasse sowie durch die zyklische Bewegung der kapitalistischen Produktion (Erfahrung von Konjunktur und Krise). Außerdem werden sie durch das politisch-ideologische Herrschaftssystem beeinflußt: die Form des Staates, die herrschenden Ideologien, die hegemonialen Apparate, der Grad der politischen Organisierung der Interessen der herrschenden Klassen, die Hegemonie als Konstellation des Bündnisses von Kräften unter der Führung einer Klasse bzw. Klassenfraktion, die Rolle der Intellektuellen. Diese objektiven Bedingungen sind jedoch keineswegs statisch. Die Veränderung dieser „Entsprechungen“ hängt vor allem von der Entwicklung des Widerspruchscharakters der kapitalistischen Produktion, von Krisen, der erweiterten Reproduktion des Gegensatzes von Armut und Reichtum ab. Indem sich diese Gegensätze politisieren, d. h. Konflikte und Kämpfe an die Oberfläche treten, verändern sich zugleich die Klassenstrategien und damit die politisch-ideologische Kräftekonstellation. Es muß die Aufgabe konkret historischer Forschungen bleiben, diese Zyklen sowie die sich verändernde Dynamik in ihnen genau zu analysieren. Wir beschränken uns daher auf einige sehr vorläufige und allgemeine Bestimmungen. – In der Konstitutionsperiode des Kapitalismus sind die Lohnarbeiter den Wirkungen der Kapitalakkumulation und der Ausbeutung unmittelbar und schutzlos ausgeliefert. Ihr Lebensschicksal – beginnend mit der „Entwurzelung“ aus dem vorkapitalistischen Sozialmilieu, das noch weitgehend ihre Sozialorientierungen bestimmt – reflektiert direkt die Schwankungen der Produktion, die Mobilität des Kapitals, die Unterordnung der Arbeitskraft unter das Diktat der Maschine. Elend, Krankheit, miserable Wohnverhältnisse, geringe Bildung etc. bestimmen ihre alltägliche Klassenerfahrung. Dazu kommt, daß ihnen jedweder politischer Einfluß verwehrt bleibt. Wann immer sie ihre Interessen offen artikulieren, sehen sie sich nicht nur mit der gesellschaftlichen Macht des Kapitals, sondern auch mit der außerökonomischen Gewalt der repressiven Staatsapparate konfrontiert. Schließlich lassen Umfang und innere Struktur der Klasse ein hohes Maß an sozialer Fragmentierung (der eine geringe Dichte der Kommunikation entspricht) erkennen. Der Grad an lokaler und regionaler Zersplitterung ist hoch und prägt zugleich die Netze der Kommunikation und die Wahrnehmung der gesellschaftlichen und politischen Realität. Spontaneität ist unter diesen Voraussetzungen die dominante Triebkraft der Interessenartikulation. Wo der Druck der täglichen Lebensbewältigung als auswegloses Schicksal erscheint, wo in der alltäglichen Klassenerfahrung überhaupt keine Kraft wahrnehmbar wird, die ihrerseits als Potential einer Veränderung wirken könnte und zugleich die Möglichkeit eigener Aktivität aufzeigt, da wird Apathie und Resignation (verbunden mit kompensatorischen Formen der „Flucht“ und des individuellen Aufstiegs, von Alkohol- und Drogenkonsum bis zur religiösen Unterwerfung) weit verbreitet sein. Die Unerträglichkeit dieser Lebensweise, das Aufstauen von Verzweiflung, Wut und Aggressivität – der, wie Labrousse formuliert, „Massenfaktor der Leidens- und Elendserfahrung der Vielen“[78] – schlägt in die spontane Aktion, den Aufruhr, die Rebellion um, die sich mit Gewalt unmittelbar gegen jene Instanzen gesellschaftlicher Macht richtet, die als die Quelle des eigenen Elends wahrgenommen werden (der Fabrikant oder Verleger, der Wucherer, Steuereintreiber oder Polizist, oder schließlich: die Maschine selbst). Der Übergang von der Vereinzelung zur sozialen Identifikation, zur Herausbildung eines Gruppenbewußtseins und zur Solidarität (die schon gemeinsames Handeln im Namen von Gruppenzielen und Gruppeninteressen einschließt)[79] vollzieht sich weitgehend unorganisiert. Die Explosivität der Aktion, ihrer Formen, ihrer emotionalen Triebkräfte widerspiegelt so selbst noch die Dominanz einer höchst partikularisierten Klassenerfahrung. Das utopisch-eschatologische Moment, das diesen Bewegungen oftmals eignet, erscheint hier zunächst als die unmittelbare Befreiung von dieser unerträglichen Lebenserfahrung. Darüber hinaus verkörpert es in der Regel die durchweg widersprüchliche Kombination des Einflusses traditionaler Wertorientierungen mit der sozialistischen Programmatik von Führerpersönlichkeiten oder von Organisationen, die diese Bewegungen nicht „machen“, sondern in sie eintreten, um die Programmatik und die Ziele der Emanzipation der Arbeiterklasse gleichsam „von außen“ in sie hineinzutragen. Die Spaltung erscheint also hier vorab in der Besonderung von Organisationen und Klasse. Ihre Verbindung erfolgt meist im Klima der „direkten Aktion“ und unterliegt daher in hohem Maße den Schwankungen des spontanen Aktionismus. Damit diese Verbindung (sowohl der Einzelaktionen als auch der von Aktion und Programmatik) freilich eine gesamtgesellschaftliche, politisch: eine nationale Dimension erreicht, dazu bedarf es in dieser Periode – wie E. Labrousse formuliert – der allgemeinen, außerökonomischen Gewalterfahrung:

„Damit der Zündstoff, aus dem die Revolution hervorgeht, sich bilde, müssen andere Momente (als die Wirtschaftskrise) hinzutreten, vor allem muß die wirtschaftliche mit der politischen Krise zusammenfallen, einer politischen Krise, die sich in der Auflösung der Regierungsmacht, dem Zerfall der militärischen Macht, aber auch in der Erosion der parlamentarischen und Verwaltungsstruktur ausdrückt.“[80]

– Für den Übergang zum nächsten Kampfzyklus bedeuten diese Kämpfe, die Erfahrungen, die Teilsiege oder Niederlagen vermitteln, oftmals wichtige Weichenstellungen, die ihrerseits die Verarbeitung der neuen Stufe in der Entwicklung der Akkumulation und der Produktivkräfte, des Umfangs und der inneren Struktur der Klasse sowie der Entwicklung der Arbeits- und Lebensbedingen beeinflussen. Die Kämpfe selbst setzen die Einsicht in die Notwendigkeit der Organisation frei. In ihnen und in ihrer Deutung verdichtet sich gleichsam das Wissen wie die Handlungsorientierung der Organisation. An den großen Kämpfen jeder Epoche kristallisieren sich daher die früheren Erfahrungen einer Klasse und ihr ideologischer Traditionsbestand. Der „Durchbruch zur Massenorganisation“ vollzieht sich – wie wir gesehen haben – in der Folge sozialökonomischer und politisch-ideologischer Veränderungen im Kapitalismus, die in die Periode des Übergangs zum Imperialismus fallen. Die tendenzielle Vereinheitlichung der Klasse durch die Wirkungen des kapitalistischen Vergesellschaftungsprozesses vermittelt sich nicht nur über die großindustrielle Produktion sondern auch über ein soziales und politisches Klassenmilieu, dessen Erfahrungsstruktur, Kommunikationsnetze und Identifikationsmöglichkeiten die Verarbeitung gesellschaftlicher Widersprüche und Konflikte prägen und daher wesentlich auf den Inhalt des proletarischen Klassenbewußtseins einwirken. Die proletarischen Organisationen und ihre Programmatik verstärken diese Vereinheitlichung insofern, als sie als Instanzen der allgemeinen Interessenwahrnehmung, aber auch vermittels der Interpretation von Klassenerfahrung, der Verknüpfung mit den Zielen der sozialen Emanzipation, fungieren. Der Kampf, der diesen „Durchbruch“ herbeiführt, steht jedoch selbst noch im Zusammenhang von Veränderungen des politisch-ideologischen Herrschaftssystems, des bürgerlichen Hegemonietyps. Reformen, die zumindest einem Teil der Arbeiterklasse das Wahlrecht zugestehen, erste soziale Reformen auf dem Gebiet der Sozial- und Bildungspolitik, aber auch veränderte Strategien der herrschenden Klasse, die sich selbst Organisationen für die Wahrnehmung ihrer ökonomischen, politischen und ideologischen Interessen schafft, Konstellationen der Machtbildung, in denen die Monopolbourgeoisie eine hegemoniale Position einzunehmen beginnt und diese für die unmittelbare Beeinflussung des staatlichen Handelns zu nutzen beginnt, Strategien mit dem Ziel der Einbindung des Kleinbürgertums oder auch von Teilen der Arbeiterklasse in den „Block an der Macht“ – alle diese Elemente charakterisieren Veränderungen im Herrschaftssystem, die den „Durchbruch“ zur Massenorganisation begleiten und zugleich die Wechselwirkung zwischen dem Klassenkampf und der Entwicklung der Kräftekonstellationen, der politischen Strategien und des Hegemonietyps veranschaulichen.   Die vollständige Ausarbeitung dieses Referats erschien in Marburg im Herbst 1981 unter dem Titel „Einheit und Spaltung der Arbeiterklasse. Überlegungen zu einer politischen Geschichte der Arbeiterbewegung“.  

Anmerkungen

[1] P. Nenni, Intervista sul socialismo italiano, a cura die G. Tamburrano, Roma-Bari 1977, S. 60/61. [2] Vgl. W. Conze, Vom „Pöbel“ zum „Proletariat“, in: H. U. Wehler (Hrsg.), Moderne deutsche Sozialgeschichte, Köln-Berlin (West) 1966, S. 111 ff. [3] Vgl. F. Deppe, Das Bewußtsein der Arbeiter, Köln 1971, Kapitel l. [4] H. U. Wehler (Hrsg.), Klassen in der europäischen Sozialgeschichte, Göttingen 1979, bes. S. 23 ff.; der 1979 von W. Conze und E. Engelhardt herausgegebene Band, Arbeiter im Industrialisierungsprozeß (Stuttgart), enthält zahlreiche, wichtige Einzelanalysen, jedoch keine systematische Reflexion auf die Klassenverhältnisse. [5] H. U. Wehler (Hrsg.), Klassen in der europäischen Sozialgeschichte, a. a. O., S. 13. [6] Vgl. G. Therborn, What does the ruling class when it rules? London 1978, S. 138 ff.; ausführlicher dazu ders., Science, class and society, London 1976. [7] H. Zwahr, Soziale Prozesse der Entwicklung der Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert: Bibliographie, Historiographie, Methodologie. Referat zur 16. Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung, Unz, September 1980 (vervielf. Man.), S. 2; vgl. dazu auch E. Hahn, Materialistische Dialektik und Klassenbewußtsein, Frankfurt a. M. 1974. [8] G. Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein, Berlin 1923; zur Kritik vgl. G. Ahrweiler (Hrsg.), Betr.: Lukács, Köln 1978, dort bes. die einleitende Diskussion zwischen Abendroth, Kammler und De la Vega. In einer „kritischen Diskussion der politischen Theorie von Karl Marx“ hat jüngst V. M. Perez-Diaz (State, Bureaucracy and Civil Society, London-Basingstoke 1978) nicht nur die „Mythologie“ der „Fusion von Klasse und Partei“ bei Lukács kritisiert (vgl. S. 133, Anm. 13), sondern überhaupt die Begriffe „Klasse an sich“ und „für sich“ zurückgewiesen (S. 107, Anm. 48). Seine Analyse reduziert jedoch (am Beispiel des „18. Brumaire“) die Politik auf einen „Austauschprozeß zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft“ (S. 55 ff.), wobei die „Neustrukturierung und Umverteilung von Macht“ (S. 41) im Mittelpunkt steht. Dieser „actor-approach“ vermag letztlich die Klassen und die Klassenbeziehungen nur noch empirisch deskriptiv zu erfassen. [9] E. J. Hobsbawm, Von der Sozialgeschichte zur Geschichte der Gesellschaft, in: H. U. Wehler (Hrsg.), Geschichte und Soziologie, Köln 1976, S. 331 ff., hier S. 346. [10] K. Marx, Das Elend der Philosophie, MEW, 4, S. 180/181. [11] H. Zwahr, Die Konstituierung des Proletariats als Klasse, Berlin (DDR) 1978, S. 17. [12] E. P. Thompson, The Making of the English Working Class, Harmondsworth 1968, S. 939. [13] Ebd., S. 9 f. (Übersetzung nach M. Vester, Die Entstehung des Proletariats als Lernprozeß, Frankfurt a. M. 1970, S. 32/33). [14] Ebd., S. 887/888. [15] N. Poulantzas, Politische Macht und gesellschaftliche Klassen, Frankfurt a. M. 1975 (2. Aufl.), S. 275/276. [16] K. Marx/F. Engels, Lenin, über die Partei der Arbeiterklasse, Frankfurt a. M. 1974, S. 266. [17] W. I. Lenin, Wer sind die „Volksfreunde“ …, in: ebd., S. 125 ff., hier S. 131. Später schreibt er:

„Kein vernünftiger Sozialdemokrat hat je daran gezweifelt, daß unter dem Kapitalismus selbst die Gewerkschaftsorganisation (die primitiver, dem Bewußtsein der unentwickelten Schichten zugänglicher ist) außerstande ist, fast die gesamte Arbeiterklasse zu erfassen.“ Ein Schritt vorwärts, zwei Schritt zurück (1904), in: ebd., S. 177 ff., hier S. 183.

[18] Ders., Marxismus und Revisionismus (1908), in: ebd., S. 240 ff., hier S. 246. [19] Ders., Marxismus und Reformismus (1913), in: ebd., S. 253 ff., hier S. 254. Später fügt er hinzu: „Die ungeheure Kraft der Opportunisten und Chauvinisten entspringt ihrem Bündnis mit der Bourgeoisie, den Regierungen und Generalstäben“. Der Zusammenbruch der 11. Internationale, in: ebd., S. 273 ff., hier S. 274. [20] Ders., Wie Vera Sassulitisch das Liquidatorentum erledigt (1913), in: ebd., S. 257 ff., hier S. 261. [21] Ders., Der „linke Radikalismus“ … (1920), in: ebd., S. 307 ff., hier S. 308. [22] Ders., Einheit (1914), in: ebd., S. 269 ff., hier S. 271. [23] H. Zwahr, Bourgeoisie und Proletariat, Köln 1980, S. 39. [24] Ebd., S. 40. [25] E. J. Hobsbawm, Soziale Ungleichheit und Klassenstrukturen in England, a. a. O., S. 62/63. [26] Vgl. F. Deppe, Autonomie und Integration. Materialien zur Gewerkschaftsanalyse, Marburg 1979, S. 112 ff. [27] In der neueren französischen Industriesoziologie ist dieser Zusammenhang im sogenannten „Drei-Phasen-Schema“ der industriellen Entwicklung reflektiert. Dabei wird eine Abhängigkeit der inneren Struktur der Klasse, der Arbeitsbedingungen, des Arbeiterbewußtseins und der Klassenaktion vom jeweiligen – technisch determinierten – Entwicklungsstand der Produktivkräfte unterstellt. Vgl. als Darstellung und Kritik (vor allem der Konzeption von Alain Touraine) F. Deppe, Das Bewußtsein der Arbeiter, a. a. O., S. 90 ff. [28] IMSF, Klassen- und Sozialstruktur der BRD, 1950–1970, Teil 1, Frankfurt a. M. 1972, S. 128. [29] Vgl. dazu für die deutschen Gewerkschaften G. A. Ritter/K. Tenfelde, Der Durchbruch der Freien Gewerkschaften Deutschlands zur Massenbewegung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, in: H. O. Vetter (Hrsg.), Vom Sozialistengesetz zur Mitbestimmung, Köln 1975, S. 61 ff. [30] Vgl. E. Lukas, Zwei Formen des Arbeiterradikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung, Frankfurt a. M. 1976, S. 254. [31] Vgl. K. Hartmann, Der Weg zur gewerkschaftlichen Organisation, München 1977, S. 2. [32] G. A. Ritter/K. Tenfelde, Der Durchbruch der Freien Gewerkschaften Deutschlands, a. a. O., S. 61. [33] K. Tenfelde, Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19. Jahrhundert, Bonn-Bad Godesberg 1977, S. 573 ff. [34] Ders., Strukturelle Bedingungen für Solidarität, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 4/1977, S. 245 ff., hier S. 246. [35] Ebd., S. 248; vgl. dazu auch W. H. Schröder, Arbeitergeschichte und Arbeiterbewegung, a. a. O., S. 148/149. [36] K. Tenfelde, Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft, a. a. O., S. 338/339. [37] Vgl. ebd., S. 331 ff., ders., Strukturelle Bedingungen …, a. a. O., S. 250/251. [38] H. W. Schröder, Arbeitergeschichte und Arbeiterbewegung, Frankfurt a. M.-New York 1978, S. 50. [39] K. Tenfelde, Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft, a. a. O., S. 509. [40] Vgl. ebd., S. 334 ff. [41] K. Hartmann, Der Weg zur gewerkschaftlichen Organisation, a. a. O., S. 41. [42] Vgl. K. Tenfelde, Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft, a. a. O., S. 339. [43] W. H. Schröder, Arbeitergeschichte und Arbeiterbewegung, a. a. O., S. 220. [44] So K. Hartmann, Der Weg zur gewerkschaftlichen Organisation, a. a. O., S. 212, über den Bergarbeiterstreik von 1889. [45] Vgl. ebd., S. 137 ff.; vgl. den Begriff „elementare Arbeiterbewegung“ auch bei H. Zwahr, Die Konstituierung des Proletariats als Klasse, a. a. O., pass. [46] Vgl. dazu u. a. U. Engelhard, Gewerkschaftliche Interessenvertretung als „Menschenrecht“, in: ders. u. a. (Hrsg.), Soziale Bewegung und politische Verfassung, Stuttgart 1977, S. 538 ff. [47] D. Groh behandelt in seiner Projektskizze „Basisprozesse und Organisationsproblem“ (in: ebd., S. 415 ff.) dieses Widerspruchsverhältnis, ohne freilich über sehr allgemeine Forschungspostulate hinauszugelangen. [48] Vgl. quantitative Angaben bei W. H. Schröder, Arbeitergeschichte und Arbeiterbewegung, a. a. O., S. 68/69. [49] Vgl. dazu E. Brockhaus, Zusammensetzung und Neustrukturierung der Arbeiterklasse vor dem ersten Weltkrieg, München 1975, bes. S. 67 ff.; für England: E. J. Hobsbawm, Labouring Men, London 1964, bes. S. 179 ff. [50] Vgl. dazu u. a. F. Deppe, Elemente eines theoretischen Bezugsrahmens zur Analyse der Gewerkschaftsgeschichte, in: Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung, XII. Linzer Konferenz 1976, Wien 1979, S. 126 ff., bes. S. 133 ff. [51] In einer Schrift aus dem Jahre 1913 hat W. I. Lenin dieses Problem aufgegriffen und zugleich die Organisation als Element der Überwindung dieser Kluft bezeichnet:

„In Deutschland gibt es jetzt etwa 1 Million Parteimitglieder. Für die Sozialdemokratie werden dort etwa 4 ¼ Millionen Stimmen abgegeben, während es etwa 15 Millionen Proletarier gibt … Eine Million, das ist die Partei … 4 ¼ Millionen – das ist die ,breite Schicht‘. Sie ist in Wirklichkeit noch viel breiter, denn die Frauen haben kein Wahlrecht, desgleichen viele Arbeiter, die aufgrund des Ansässigkeitszensus, des Alterszensus usw. usf. des Wahlrechts beraubt sind. Diese ,breite Schicht‘ – das sind fast alles Sozialdemokraten, und ohne sie wäre die Partei machtlos. Diese breite Schicht erweitert sich bei jeder Aktion noch auf das 2–3-fache, weil dann der Parteien eine Masse von Nichtsozialdemokraten folgt … Die Bewußtheit des Vortrupps (ie. die Partei, F. D.) offenbart sich unter anderem gerade darin, daß er sich zu organisieren versteht. Und indem er sich organisiert, erhält er einen einheitlichen Willen, und dieser einheitliche Wille der fortschrittlichen Tausend, Hunderttausend, Million wird zum Willen der Klasse. Der Mittler zwischen Partei und Klasse ist die ,breite Schicht‘ (breiter als die Partei, aber enger als die Klasse), die Schicht derer, die für die Sozialdemokraten stimmen, die Schicht der Helfenden, die Schicht der Sympathisierenden usw.“ Ders., Wie V. Sassulitisch das Liquidatorentum erledigt, a. a. O., S. 260, S. 261/262.

[52] Marx/Engels, Deutsche Ideologie, MEW, 3, S. 76. [53] Vgl. dazu F. Deppe, Das Bewußtsein der Arbeiter, a. a. O., S. 83 ff. Als „Instrumentalverhältnisse“ bestimmt K. Holzkamp

„interpersonale Verhältnisse, soweit in ihnen durch Befangenheit ,in‘ den bürgerlichen Privatformen Subjektbeziehungen nicht verwirklicht sind. Das Grundmerkmal solcher interpersonaler Verhältnisse liegt darin, daß sie als ,Privatverhältnisse‘ keine allgemeingesellschaftlichen Ziele … kennen, sondern nur Partialinteressen“. Ders., Zur kritisch-psychologischen Theorie der Subjektivität (2), in: Forum Kritische Psychologie, 5, Argument-Sonderband 41, Westberlin 1979, S. 7 ff., hier S. 14/15.

[54] K. Holzkamp verwendet die Formulierung „Denken-über-die-Privatformen-hinaus“, um die Bedeutung des wissenschaftlichen Sozialismus für die Bestimmung eines positiven Zusammenhangs zwischen Subjektivität und Gesellschaftlichkeit zu charakterisieren, vgl. dazu ders., Zur kritisch-psychologischen Theorie der Subjektivität (1), in: Forum Kritische Psychologie, 4, Argument-Sonderband 34, Westberlin 1979. S. 10 ff., hier S. 36. [55] Ders., Zur kritisch-psychologischen Theorie der Subjektivität (2), a. a. O., S. 11/12. [56] Einer der bedeutendsten frühbürgerlichen Staatstheoretiker, J. Bodin, hat diesen Gedanken sehr prägnant formuliert:

„Wenn das Familienoberhaupt die Familie und die häuslichen Angelegenheiten hinter sich läßt, um auf den Markt hinauszutreten und öffentliche Belange zu erörtern, so ist es nicht mehr Herr, sondern nennt sich Bürger.“ Ders., Über den Staat (1583), Stuttgart 1976, S. 14/15.

[57] Vgl. G. Therborn, What does the ruling class when it rules, a. a. O., S. 51. [58] F. Neumann, Der Funktionswandel des Gesetzes im Recht der bürgerlichen Gesellschaft, in: ders., Demokratischer und autoritärer Staat, Frankfurt a. M.-Wien 1967, S. 31. [59] Vgl. J. Kuczynski, Prolegomena zu einer Geschichte des Alltags des deutschen Volkes, Berlin (DDR) 1980; als kritischen Literaturbericht zur aktuellen Diskussion über „Alltag“ und „Lebensweise“ vgl. K. Maase, Zwischen „Verbürgerlichung“ und „Klasse für sich“, in: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF, 3/1980, S. 149 ff. [60] Diese Normalität analysiert K. Ottomeyer, Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen, Reinbek bei Hamburg 1977. [61] Vgl. dazu W. K. Blessing, Der monarchische Kult, politische Loyalität und die Arbeiterbewegung im deutschen Kaiserreich, in: G . A. Ritter (Hrsg.), Arbeiterkultur, Königstein-Ts. 1979, S. 185 ff. Hier wird am Beispiel des Königreichs Bayern der „monarchische Kult“ als „symbolische Verdichtung“ des offiziellen politischen Ordnungsbildes charakterisiert, gleichzeitig aber nachgewiesen, daß dieser „Loyalitätsappell“ offenkundig in der Arbeiterbewegung auf eine nur geringe Resonanz stieß. [62] Daß dieser Zusammenhang von Alltagserfahrung und Hegemonie übersehen wird, zeichnet zahlreiche, ansonsten anregende Studien aus, vgl. z. B. A. Lüdtke, Alltagswirklichkeit, Lebensweise und Bedürfnisartikulation, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie, 11, Frankfurt a. M. 1978, S. 311 ff. (mit ausführlichem Literaturverzeichnis); ders., Erfahrung von Industriearbeitern, in: W. Conze/U. Engelhardt (Hrsg.), Arbeiter im Industrialisierungsprozeß, Stuttgart 1979, S. 494 ff. [63] Vgl. dazu H. Asseln/F. Deppe, Die „Staatsfrage“ und die Strategie der Arbeiterbewegung, in: F. Deppe u. a. (Hrsg.), Probleme der materialistischen Staatstheorie. Staat und Monopole (11), Argument-Sonderband, 16, Westberlin 1977, S. 84 ff., bes. S. 110 ff. [64] L. Gruppi, La teoria dei partito rivoluzionario, Roma 1980, S. 16. [65] G. Therborn, What does the ruling class …, a. a. O., S. 69 sieht darin ein wesentliches Merkmal sozialistischer Gesellschaften:

“In a socialist society, private life is made public by a number of proletarian and popular mass organizations apart from the state apparatus itself. In this way, the sharp delimination of the state as an apparatus with special tasks and personnel tends to be eroded – which is essentially what is involved in the notion of the withering away of the state.”

[66] Vgl. zu Diskussion dieser Tendenz F. Deppe, Autonomie und Integration, a. a. O. [67] Sozialdemokratischer Parteitag, 1927, Kiel, Protokoll, Berlin 1927, S. 165 ff., hier S. 171 . [68] Vgl. dazu F. Deppe, Hätten die Gewerkschaften die Weimarer Republik retten können? (Koreferat), in: H. O. Vetter (Hrsg.), Aus der Geschichte lernen – die Zukunft gestalten, Köln 1980, S. 152 ff. [69] W. Streek, Gewerkschaftsorganisation und industrielle Beziehungen, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 11/1979, S. 721 ff., hier S. 723. [70] K. H. Braun, Subjektive Bedingungen politischen Handelns in der Bundesrepublik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 4/1980, S. 443 ff., hier S. 448–453. [71] N. Poulantzas, Politische Macht und gesellschaftliche Klassen, a. a. O., S. 43. [72] P. Togliatti, Die Bildung der führenden Gruppe der IKP in den Jahren 1923/1924, (1962), in: ders., Ausgewählte Reden und Aufsätze, Frankfurt a. M. 1977, S. 17 ff. hier S. 25. [73] W. I. Lenin, Was tun? in: ders., Ausgewählte Werke in drei Bänden, Berlin 1964, hier: Band 1, S. 139 ff., hier S. 211. [74] Dieser Aspekt des Werkes von A. Gramsci wird deutlich herausgearbeitet von P. Togliatti, Der Leninismus im Denken und Handeln von Antonio Gramsci, in: H. H. Holz, H. J. Sandkühler (Hrsg.), Betr: Gramsci, Köln 1980, S. 71 ff. [75] A. Lüdtke, Erfahrung von Industriearbeitern, a. a. O., S. 500. [76] E. J. Hobsbawm, Labouring Men, a. a. O., S. 146, sieht die Bedeutung von “bodies of agitators, propagandists and organizers” für die spontanen, sozialen Arbeiterbewegungen seit 1800 in folgendem: “The new leadership helped to give the ,explosions’ … a historic individuality …, they helped to weld a mass of discrete local, regional and sectoral movements into a larger whole …, they provided the larger unifying force of common aims and slogans.” [77] G. G. Diligenski, Sozialpsychologie und Klassenbewußtsein der Arbeiterklasse im heutigen Kapitalismus, Frankfurt a. M. 1976, S. 21. Die Kategorie „Klassenpsychologie“ scheint nicht ganz eindeutig. Diligenski will darunter die „gesellschaftlichen Erfahrungen“ verstanden wissen, „die von der Klasse gesammt und in ihrer Psychologie widergespiegelt werden“ (S. 16). [78] E. Labrousse, 1848, 1830, 1789. Die Revolutionen entstehen, in: I. A. Hartig (Hrsg.), Geburt der bürgerlichen Gesellschaft: 1789, Frankfurt a. M. 1979, S. 67 ff., hier S. 78. [79] Vgl. diese Begriffe bei G. G. Diligenski, Sozialpsychologie …, a. a. O. S. 26. [80] E. Labrousse, 1848, 1830, 1789, a. a. O., S. 78.