Zu den vielleicht bizarrsten Erscheinungen der heutigen extremen Rechten in den USA gehört das Auftreten von „Urvätern“ – von alttestamentarischen Patriarchen, die nicht nur eine Familie, sondern eine ganze Rasse zeugen wollen. Elon Musk ist der bekannteste dieser Möchtegern-Abrahams, aber bei Weitem nicht der einzige. Wie in einem ausführlichen Bericht des Wall Street Journal über ihn nachzulesen ist, wünscht sich Musk nach eigenen Angaben, eine „Legion“ von Kindern zu hinterlassen, die die Menschheit vor dem demografischen Niedergang retten und seine überlegenen Gene in die ferne Zukunft tragen sollen. Eine SpaceX-Rakete steht stets bereit, um seinen Samen über den Erdball hinaus in die Welt zu schießen – was wie eine Umkehr der Panspermie-Theorie anmutet, wonach alles organische Leben über Weltraumstaub auf unseren Planeten gelangte.


⇒ Dieser Artikel erschien zuerst im Englischen unter dem Titel Epstein Family Values bei © equator.


Musk soll derzeit mindestens 14 Kinder mit vier Frauen haben, um deren rechtliche und finanzielle Angelegenheiten sich teilweise Jared Birchall kümmert, der Leiter seines Family Office. „Wir werden Leihmütter brauchen“, schrieb Musk einer von ihnen per SMS, „um vor der Apokalypse noch auf eine Legion zu kommen.“ Zur Umsetzung dieses Plans hat er ein Anwesen mit mehreren Wohneinheiten in Austin, Texas, erworben.

Der Transhumanismus als spezifische Form des Pronatalismus im Silicon Valley 

Der Silicon-Valley-Pronatalismus wird gemeinhin als eugenisch verstanden – eine Deutung, die zwar den Wunsch nach „Rassenreinheit“ erfasst, aber nicht den spezifischen Prozess, über den diese Reinheit erreicht werden soll. Die „klassischen“ amerikanischen Eugeniker der Progressiven Ära wollten genetische Anomalien ausmerzen, die sie für geistige Degeneration und andere soziale Missstände verantwortlich machten. Musk und seinesgleichen hingegen sind zutiefst durchdrungen von der Pseudowissenschaft des Transhumanismus und daher weniger an der Beseitigung von Störungen als an der Verherrlichung außergewöhnlicher Abweichungen interessiert. Der ideale Patriarch sprengt mit seinem Über-IQ die Normalverteilung der Intelligenz. Er will nicht nur das weiße genetische Erbe bewahren, sondern es auf neuem geheiligtem Grund wiedererwecken. Urväter werden als Gründer einer neuen Rasse verehrt, nicht als Nachfahren einer alten.

»Der ideale Patriarch sprengt mit seinem Über-IQ die Normalverteilung der Intelligenz. Er will nicht nur das weiße genetische Erbe bewahren, sondern es auf neuem geheiligtem Grund wiedererwecken.«

Der Urvater ist ein Mythos. In „Totem und Tabu“ deutete Freud an, dass das primitive Unbewusste von einem übermächtigen Patriarchen und einer Horde eifersüchtiger Söhne bevölkert sei. Der Vater beansprucht alle Frauen für sich, ungeachtet ihres Alters und der Verwandtschaftsverhältnisse. Seine autokratische Herrschaft findet erst ein Ende, als die Brüder sich erheben, ihn ermorden und ein neues Regime errichten, unter dem Frauen Gemeineigentum sind. Freud räumte freimütig ein, dass er damit eine hypothetische Urgeschichte beschrieb. Hinter dem Mythos der Urhorde verbarg sich kein realer entwicklungsgeschichtlicher oder anthropologischer Hintergrund, sondern lediglich die ausgelöschten Spuren in den Erinnerungen seiner Patienten.

Doch Fantasien werden mitunter Realität. Am deutlichsten zeigt sich das bei Sektenführern, die mit faszinierender Vorhersehbarkeit am Ende ein Regime mit erzwungenem Gemeinschaftssex errichten, wobei sie über das Monopol verfügen, jederzeit mit jeder und jedem Sex zu haben. Auch sie bevorzugen große Anwesen gegenüber Einfamilienhäusern und flüchten sich, wenn es um die Frage der Thronfolge geht, in Fantasien von Unsterblichkeit und Vergöttlichung. Die Art, wie sie die bevorstehende Apokalypse heraufbeschwören und normalisieren, lässt sich als kosmische Übersetzung folgender Angst deuten: Sektenführern fällt es leichter, sich ein Ende der Welt vorstellen als den Verlust ihrer persönlichen Macht.

»Epstein gelang es, unerschütterliche Bindungen zu seinen Komplizen aufzubauen, indem er ihnen sagte: ›Was mir gehört, gehört auch euch‹, und indem er Beweisfotos aufbewahrte.«

Zweifelsohne steht dieses Ethos im krassen Widerspruch zu den traditionellen Familienwerten der religiösen Rechten (ein Grund für das Rumoren in verschiedenen Lagern der MAGA-Koalition). Diese „Urväter“ wollen einen Großhaushalt, keine Kleinfamilie. Mit Freude verstoßen sie gegen alle Tabus der Konservativen wie Ehebruch, Inzest und Sex zwischen Personen mit einem erheblichen Altersunterschied, indem sie allen Angehörigen ihres Großhaushalts ungeachtet der Frage der Blutsverwandtschaft den Status von Dienenden verleihen.

Im System Epstein sind Frauen und Mädchen wahlweise Eigentum eines Mannes… 

Sie betreiben eine besondere Form der Haushaltsökonomie, deren Merkmale wir besser verstehen, wenn wir den Fall von Jeffrey Epstein betrachten. Wie Musk war Epstein vom Transhumanismus fasziniert und träumte davon, die Menschheit mit seiner exklusiven DNA zu beglücken. Nach seiner Verurteilung im Jahr 2008 wegen Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger fantasierte er davon, sich auf seine Zorro-Ranch in New Mexico zurückzuziehen und bis zu 20 Frauen gleichzeitig zu schwängern. 

In ihren posthum veröffentlichten Memoiren „Nobody’s Girl“ schildert Virginia Roberts Giuffre, die mit 16 Jahren von Epstein und seiner damaligen Freundin Ghislaine Maxwell angeworben wurde, dass ihre Peiniger*innen ihr vorschlugen, sie als Leihmutter für ihr zukünftiges Kind zu behalten, jedoch ohne jegliche Sorgerechtsbefugnisse. Sie wollten ihr 200 000 US-Dollar im Monat dafür zahlen, dass sie das Kind aufziehen und mit ihm für Treffen mit Epstein rund um die Welt reisen würde. Aus Angst davor, dass ihr Kind missbraucht werden könnte, entwarf Giuffre einen Fluchtplan.

… oder aller Männer

Epsteins Fall ist aufschlussreicher als der von Musk, weil bei ihm die beiden von Freud im primitiven Unbewussten identifizierten Ökonomien des sexuellen Besitzes zusammenkommen: die fratriarchale (brüderliche) und die patriarchale. Epstein gelang es, unerschütterliche Bindungen zu seinen Komplizen aufzubauen, indem er ihnen sagte: „Was mir gehört, gehört auch euch“, und indem er Beweisfotos aufbewahrte. In diesem Sinne schuf er ein fratriarchales System, in dem sich gleichgesinnte Männer junge Frauen und Mädchen teilten, was sie zusammenschweißte. Zumindest einige dieser Frauen wollte Epstein jedoch als sein unantastbares Eigentum behalten. Die Mütter seiner zukünftigen Kinder sollten tabu sein, sie lebten abgeschottet hinter den Mauern eines unzugänglichen Anwesens. Epsteins Haushaltsökonomie sah eine Zuordnung der Frauen zu einem der beiden Regime sexuellen Besitzes vor – wobei einige mit zunehmendem Alter vom fratriarchalen zum patriarchalen überwechselten. Entweder sind alle Frauen und Mädchen das Eigentum eines Mannes oder alle Frauen und Mädchen gehören allen Männern.

Die Haushaltsökonomien der rechten Tech-Bro-Allianz

Freud sah die Urhorde fest im Bereich des Unbewussten verortet. Sie dringe nur in Momenten organisierter Grenzüberschreitung, wie etwa beim Karneval, an die Oberfläche. Doch an dem Verlangen der extremen Rechten aus dem Silicon Valley nach einer Neuinszenierung des Konflikts zwischen Urvater und Urbrüdern ist nichts Vermitteltes oder Unterschwelliges. Tatsächlich stieß ihr führender „Philosoph“ Peter Thiel – ein Mitglied der ursprünglichen „PayPal-Mafia“ – erstmals durch die Werke von René Girard auf Freud. Girard war ein Religionsphilosoph, der in den 1990er-Jahren in Stanford lehrte. Thiel bezeichnet sich bis heute als Girardianer, doch seine Freud-Interpretation ist von eigener Art. In „Zero to One“, der Erklärung seiner Unternehmensphilosophie in Buchform, nutzt er „Totem und Tabu“ als Prisma, um die politische Ökonomie eines gründergeführten Unternehmens im Silicon Valley zu analysieren. Thiel feiert Startup-Gründer als rebellische Brüder, die entschlossen sind, die Macht etablierter Monopole wie Google, Amazon oder Microsoft zu brechen. Die „Tech-Bro“-Allianz hat ihr disruptives Potenzial unter Beweis gestellt, doch Thiel warnt zu Recht davor, dass die Verteilung der Urrollen nicht unveränderlich ist. Sobald der Vater geopfert ist, wird die Brüderlichkeit von einem erbitterten Konkurrenzkampf abgelöst, in dem jeder Sohn sein persönliches Recht auf die Errichtung eines Monopols geltend macht. „Extreme Gründer sind in der Geschichte nichts Neues“, schreibt Thiel mit einem Verweis auf Ödipus und Romulus.

»Der immense Reichtum, der seit der Finanzkrise von Einzelnen angehäuft wurde, hat Beschäftigungsverhältnisse wiederbelebt, die bereits rar geworden waren: dauerhaft angestellte Dienstboten und Haushaltskräfte.«

Dank der jüngsten Veröffentlichungen des US-Justizministeriums wissen wir nun, dass Epstein enge Verbindungen zu führenden Persönlichkeiten der extremen Rechten im Silicon Valley unterhielt. Nach dem Brexit tauschte er E-Mails mit Thiel aus, in denen er die „Rückkehr des Tribalismus“ feierte. Vor seinem Tod investierte er Millionen in Thiels Technologieunternehmen. Als habe er sich in Thiels Porträt des tragischen Firmengründers wiedererkannt: Er sah sich selbst als „über dem Gesetz stehend“ und dazu bestimmt, nur seinen eigenen Gesetzen zu folgen. Giuffre zufolge durchforstete Epstein unentwegt die Vergangenheit seiner Opfer nach Anzeichen von Verletzlichkeit, wich aber jeder Frage nach seiner eigenen Kindheit aus. Epstein, so scheint es, kam aus dem Nichts. Er war ein Waisenkind. In einem der jüngsten Veröffentlichungen des US-Justizministeriums, einem von Steve Bannon aufgezeichneten Videointerview, inszenierte er sich als Außenseiter – „Jeffrey Epstein, einfach ein feiner Kerl“ –, unbelastet von den langen Biografien, die Typen wie Bill Clinton oder Paul Volcker mit sich herumschleppen.

So wie sich in den bevorzugten Geschäftsformen dieser neuen Elite die Mythologie des Urvaters widerspiegelt, so gilt dies auch für ihre häuslichen Verhältnisse, wenn auch auf andere Weise. Der relevante Bezugspunkt ist hier nicht die Kleinfamilie, sondern die Haushaltsökonomie, in der die Produktion untrennbar mit der Reproduktion verbunden ist und in der sich die Verwaltung des Unternehmensvermögens mit dem Erhalt des Familienbesitzes deckt.

Der immense Reichtum, der seit der globalen Finanzkrise von Einzelnen angehäuft wurde, hat Beschäftigungsverhältnisse wiederbelebt, die zumindest im angloamerikanischen Raum Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend rar geworden waren: dauerhaft angestellte Dienstboten und Haushaltskräfte, und das in großem Stil. Man denke nur an Palm Beach, wo einst Trump und Epstein regelmäßig miteinander verkehrten und wo heute viele US-Milliardäre (sowie die engsten Verbündeten des Präsidenten) leben. Im letzten Jahrzehnt zogen der Blackstone-Gründer und Großspender der Republikanischen Partei Steve Schwarzman sowie Ken Griffin von Citadel und der Hedgefonds-Manager Paul Tudor Jones dorthin. Andere wie David Kochs Witwe Julia und KKR-Mitbegründer Henry Kravis leben schon lange dort. Ihre Häuser sind nicht nur Wohn-, sondern auch wichtige Arbeitsorte mit Dutzenden von Festangestellten und Saisonarbeiter*innen, die aus den ärmeren Gegenden von Palm Beach County kommen, aber zum Teil auch aus so weit entfernten Orten und Ländern wie New York, Irland, Südafrika und Rumänien rekrutiert werden.

Diese häuslichen Dienstverhältnisse werden stillschweigend durch etwas geregelt, das der alten Herr-Knecht-Beziehung und seinen Strukturen sehr nahekommt. Dem Arbeitgeber wird bei dieser Beschäftigungsform wie in früheren Zeiten faktisch eine umfassende Herrschaft über seine Angestellten zugestanden, auch über deren Privatsphäre. Dazu gehörte in der Vergangenheit zum Beispiel das Recht, bei vermeintlichem Fehlverhalten Hausarrest oder Gefängnisstrafen zu verhängen sowie das Gesinde körperlich zu züchtigen. Angesichts der Ursprünge des Herr-Knecht-Rechts im mittelalterlichen England könnte man diese Entwicklung als Rückkehr zum Feudalismus werten – eine zunehmend populäre Interpretation der gegenwärtigen Lage, wie sie beispielsweise Yanis Varoufakis in seinen jüngsten Arbeiten vornimmt.

Dieses Argument ist maßgeblich von Marx geprägt, der annahm, dass Dienstverhältnisse in Privathaushalten mit dem Übergang von feudalen Verhältnissen zur freien Lohnarbeit nach und nach verschwinden würden. Doch man sollte nicht vergessen, dass entgegen Marx’ Vorhersagen im späten 19. Jahrhundert die Nachfrage nach Haus- und Dienstpersonal nicht trotz, sondern gerade wegen der zunehmenden Konzentration des Industrie- und Finanzkapitals expandierte. Darüber hinaus hielten sich die traditionellen Herr-Knecht-Beziehungen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und erlebten in den letzten Jahrzehnten ein Comeback, wenn auch nicht in formal-rechtlicher, so doch in faktischer Hinsicht.

Verschiebungen im Verhältnis von Öffentlich und Privat

Die einschlägigen Gesetze hielten sich hartnäckig. Sie abzuschaffen, erwies sich dort als besonders schwer, wo es um die Behandlung von weiblichen Hausangestellten, vorwiegend schwarzen Frauen, ging. Auf jeden Versuch der gewerkschaftlichen Organisierung reagierten ihre Dienstherren mit dem Argument, im Grunde seien sie Familienmitglieder, von daher verdienten sie, genauso behandelt zu werden wie nächste Angehörige, was Misshandlungen einschloss. Hier zeigt sich die offensichtliche „Verwirrung von Kategorien“, die in der Haushaltsökonomie vorherrscht. Während das Kleinfamilienideal vorgibt, es gäbe eine klare Trennung zwischen dem Privat- und Berufsleben, zwischen Familie und Markt, geht das traditionelle Herr-Knecht-Recht von einer vollständigen Verschmelzung dieser beiden Sphären aus.

Epstein besaß mehrere große Anwesen in Palm Beach, New York, Paris und New Mexico sowie eine Privatinsel namens Little Saint James. Auf seiner Gehaltsliste standen Dutzende, vermutlich sogar Hunderte von Angestellten: von Rechtsberatern und Leibwächtern über Chauffeure, Köche, Reinigungskräfte, Gärtner und Hausmeister bis hin zu Masseuren. Besucher*innen berichteten von einer auffälligen Dienstbotenhierarchie. Oftmals waren die Beziehungen, die Epstein zu anderen Menschen unterhielt, nicht klar zu durchschauen, so vermischte sich häufig Geschäftliches mit Privatem.

»Während das Kleinfamilienideal eine klare Trennung zwischen dem Privat- und Berufsleben, Familie und Markt vorgibt, geht das traditionelle Herr-Knecht-Recht von einer vollständigen Verschmelzung dieser beiden Sphären aus.«

Männliche Geschäftspartner wie der Anwalt Alan Dershowitz waren Freunde und laut Aussagen einiger Opfer gelegentlich an sexuellen Straftaten beteiligt. In seinem Buch „Relentless Pursuit“ legt Bradley J. Edwards, ein Anwalt aus Florida, der etwa 20 von Epsteins Opfern vertrat, nahe, dass ein Kreis von Freundinnen, typischerweise schon etwas älter und wohlhabend, einen exklusiven inneren Zirkel bildete und diese Frauen als Komplizinnen mitunter an den kriminellen Machenschaften beteiligt waren. Gingen die sexuellen Begegnungen aus der Sicht von Epstein gut aus, so durften sich diese Frauen über eine Beförderung freuen und gemeinsam mit Epsteins Vertrauter Maxwell zu Vollzeit-Zuhälterinnen der jungen Mädchen werden.

Mit Haut und Haaren – von neu-alten Dienstbot*innen in der Günstlingswirtschaft 

Die Herkunft von Epsteins Vermögen bleibt weiterhin im Dunkeln. Bekannt ist, dass er als unqualifizierter Finanz- und Nachlassplaner für Milliardäre wie Les Wexner (Victoria's Secret), Leon Black (Apollo Global Management) und den jüngsten Enthüllungen zufolge ebenso für den Immobilienmogul Mortimer Zuckerman und die Erbin Ariane de Rothschild tätig war. Warum ihm diese Personen derart exorbitante Honorare zahlten, ist immer noch nicht geklärt. Klar ist jedoch, wie Epstein dieses Geld nutzte: als eine Art schwarze Kasse für seine Günstlingswirtschaft. Anderen einflussreichen Männern schmeichelte er mit dem Versprechen finanzieller und sexueller Gefälligkeiten. Seine Begünstigten durften sich beispielsweise über die Finanzierung einer Forschungseinheit freuen sowie über eine auf den ersten Blick harmlose Einladung in eine von Epsteins Residenzen, inklusive Fotoshooting. Im Gegenzug sollten sie ihm Zugang zu immer höheren Kreisen der Macht verschaffen. Sowohl was das Geld als auch was den Sex angeht, verknüpfte Epstein seinen Ruf mit dem seiner Begünstigten. Jegliche Schädigung seines Namens würde unweigerlich auch deren Ansehen beflecken. Über viele Jahre lang bedeutete dieses Arrangement faktische Straffreiheit. Trotz der Aussagen von 36 jungen Frauen verzichtete die Bundesstaatsanwaltschaft in den USA 2008 darauf, Anklage gegen Epstein wegen Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung zu erheben.

Selbst gegenüber seinen jungen weiblichen Opfern inszenierte sich Epstein als Gönner. Den Schülerinnen, die er in New York aufgabelte, wurden finanzielle Mittel für ein Studium an einer der Eliteuniversitäten versprochen oder dass Epstein ein gutes Wort für sie beim Besitzer einer bekannten Kunstgalerie einlegen würde. Teenagern aus armen Familien aus Wohnwagensiedlungen in West Palm Beach wurde eine Karriere als professionelle Masseurin in Aussicht gestellt – wenn das nicht klappte, dann konnten sie zumindest für Bezahlung andere junge Mädchen anwerben. Die Ausreißerin Giuffre hatte man mit dem Versprechen einer Masseuse-Ausbildung an einer der renommiertesten Schule Thailands gelockt. Viele Opfer sahen in diesen Angeboten eine echte Chance, insbesondere in materieller Hinsicht. Nach Angaben von Rechtsanwalt Edwards sind einige der von ihm vertretenen Opfer als Kinder missbraucht worden oder stammen aus gewalttätigen Familien. Manche, die vorher als schlecht bezahlte Prostituierte gearbeitet hatten, waren Epstein aufrichtig dankbar dafür, dass er sie aus diesen Verhältnissen befreite.

Es waren nicht nur die 100 US-Dollar, die er für eine erste „Massage“ zahlte – Epstein bot auch eine Art berufliche Perspektive. Doch die auf Sex basierenden „Sugar-Daddy-Beziehungen“ schlugen schnell in extreme Abhängigkeitsverhältnisse um. Während Epstein mit Gesten und im Kleinen großzügig sein konnte, hielt er seine großen Versprechen nie ein. Sein Ziel war es, seine Opfer in einem Zustand ständiger Dankbarkeit zu halten, unter dem Eindruck, dass sie ihm etwas schuldeten.

»Epsteins Haushaltsimperium mag hinsichtlich der Ausgeklügeltheit und des Sadismus seines Systems, ein Extrem gewesen sein, doch die ihm zugrunde liegende politische Ökonomie verliert zunehmend ihren Ausnahmecharakter.«

Da Epstein fast alle, denen er begegnete, in ein Netz aus Verpflichtungen und Abhängigkeiten verstrickte, sind Fragen der Mitschuld nicht ganz einfach zu beantworten. Alle seine Hausangestellten waren vermutlich in irgendeiner Weise Mitwisser*innen und Teil seines Systems des sexuellen Missbrauchs. Viele von ihnen müssen direkt mitbekommen haben, was vor sich ging: der Starkoch, der die jungen Frauen in der Küche begrüßte, bevor sie nach oben gingen; die Chauffeure, die Maxwell durch New York fuhren, während sie Ausschau nach Schulmädchen hielt; die Haushälterin, die Schlafzimmer und Badezimmer reinigte. Selbst Epsteins schwächste Opfer konnten sich angeblich von den schlimmsten Formen des Missbrauchs freikaufen, indem sie andere Mädchen rekrutierten. Mehrere Personen haben die Haushaltsökonomie Epsteins als ein ausgeklügeltes Pyramidensystem beschrieben, in dem alle Beteiligten dazu angehalten waren, sich als selbstständige Auftragnehmer*innen zu verstehen, denen es freistand, ihre eigenen „kleinen Unternehmen“ im Model- oder Kunstbereich zu führen, solange sie auch die Bedürfnisse des Auftraggebers nach immer neuen Sexgespielinnen erfüllten. Wann genau schlug das Verfolgen von Eigeninteressen in Komplizenschaft um?

In ihren Zeugenaussagen gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft kamen die Opfer immer wieder auf die besondere Vertrautheit zwischen Epstein und Maxwell zu sprechen und darauf, wie es den beiden auf unheimliche Weise gelang, inmitten des grausamsten Missbrauchsgeschehens eine freundliche Atmosphäre herzustellen. Ein Mädchen erzählte, dass sie mit den beiden „Sex and the City“ gesehen und dabei Popcorn gegessen habe, bevor Epstein sich an ihr verging, Maxwell, so eine andere Zeugin, verhielt sich wie eine coole ältere Schwester, die ihre Geschwister in die Welt der Erwachsenen einführt.

Beschäftigte wurden behandelt wie Familienangehörige

Verwandtschaftsbeziehungen begründen anders als Beziehungen auf dem freien Markt eine Form nichtvertraglicher Verpflichtung – eine Bindung, die sich nicht einfach mithilfe von Geld schaffen oder auflösen lässt. Im Fall von Epsteins Haushaltsökonomie galten diese nichtvertraglichen Verpflichtungen nicht nur für die Familienangehörigen, sondern auch für alle seine Beschäftigten, was die grundlegende Unterscheidung zwischen den beiden verwischte (aber die Hierarchie zwischen ihnen nicht aufhob). Ein ehemaliges Opfer gab an, es habe deswegen nicht von Epstein loskommen können, weil sie in ihm nicht nur einen „Arbeitgeber und Vorgesetzten“ gesehen habe, dem sie sich verpflichtet gefühlt habe, sondern auch einen „Freund“ und eine „Vaterfigur“. Virginia Giuffre berichtete, dass Epstein und Maxwell sich wie ihre Eltern verhalten hätten: Sie kümmerten sich darum, dass sie regelmäßig zum Zahnarzt ging, und brachten ihr Tischmanieren bei.

Doch manchmal war auch Virginia die Fürsorgende, zog Epstein morgens die Socken an und brachte ihn abends ins Bett. „Epstein und Maxwell festigten ihre Macht über mich, indem sie mir eine neue Art von Familie boten“, schreibt sie. „Epstein war der Patriarch, Maxwell die Matriarchin, und diese Rollen waren nicht nur implizit. Maxwell nannte die Mädchen, die Epstein regelmäßig missbrauchte, gern ihre ‚Kinder‘.“ Die emotionalen Bindungen zu Epstein fühlten sich echt an: „Es war nicht unbedingt Liebe, ich denke, am besten lässt es sich mit einem Gefühl von Treue beschreiben.“

Aber diese Treue- und Schuldbeziehungen waren nur von einer Seite auflösbar. Epstein konnte die Verbindungen zu all seinen Haushaltsangehörigen jederzeit abbrechen und sich von ihnen trennen, aber insbesondere seine jungen Opfer hatten kaum eine Wahl. Giuffre wanderte nach Australien aus, um ihm zu entkommen, hatte jedoch weiterhin panische Angst vor ihm. Etliche Frauen sagten aus, Epstein und Maxwell hätten ihnen mit dem Tod gedroht, falls sie versuchen sollten, zu fliehen oder den sexuellen Missbrauch anzuzeigen.

Schuld und Treue in der Herr-Knecht-Beziehung

Epsteins Haushaltsimperium mag hinsichtlich der Ausgeklügeltheit und des Sadismus seines Systems, ein Extrem gewesen sein, doch die ihm zugrunde liegende politische Ökonomie verliert zunehmend ihren Ausnahmecharakter. Wenn Einzelpersonen über mehr Geld verfügen als staatliche Fördereinrichtungen oder eine Forschungsuniversität, dann wirkt sich das allgemein und sehr weitreichend auf die Wissensproduktion und die akademischen Beziehungen aus. Ein vergleichbarer Welleneffekt lässt sich im Dienstleistungs- und Wohnungssektor beobachten: An einigen Orten ist es bereits so, dass die Anwesen und Aktivitäten einzelner Milliardäre die Geschicke ganzer städtischer Regionen und ihrer Wirtschaft bestimmen. Epsteins Haushaltsimperium war, was die organisatorische Komplexität betrifft, vermutlich einzigartig, aber der spezifische Mix aus persönlicher Verpflichtung sowie Schuld- und Treuegefühlen der Angehörigen, auf dem es beruhte, ist heute ein Standardmerkmal der Haushaltsökonomien von Milliardären.

»Epsteins Opfer waren die Ersten, die die neu entstehende politische Ordnung anprangerten und gegen sie aufbegehrten.«

Diese Erkenntnis hilft uns dabei, besser die katalytische Rolle der #MeToo-Bewegung in dieser Phase des konservativen Backlash zu verstehen. Inzwischen fällt es schwer, einen Überblick über all die Männer zu behalten, die – egal aus welchem politischen Spektrum – in den letzten Jahren einen plötzlichen Umschwung hin zum Trumpismus und der extremen Rechten vollzogen haben. Auf die Frage nach den Gründen für ihren Sinneswandel verweisen sie immer wieder auf Anekdoten über sexuelle Übergriffe, die zu trivial, um nicht zu sagen lächerlich erscheinen, als dass man ihnen zutraut, für eine Stimmung des welthistorischen Zusammenbruchs verantwortlich zu sein. Diese vermeintliche Diskrepanz löst sich auf, wenn man sich noch einmal vergegenwärtigt, dass die #MeToo-Bewegung ihren Ausgangspunkt in einem bestimmten Bereich der Filmindustrie nahm: in der hochgradig personalisierten Welt der privaten Arthouse-Studios. Harvey Weinstein, Mitbegründer von Miramax und der Weinstein Company, war das Produkt einer besonderen Form gründergeführter Unternehmen und Partnerschaften, bei denen die Inhaber uneingeschränkte Macht über ihre Mitarbeiter*innen und Kund*innen ausüben. Die #MeToo-Bewegung stellte einen direkten Angriff auf diese Kombination aus sexueller und ökonomischer Macht dar. Es verwundert daher nicht, dass Epstein und Weinstein befreundet waren, ebenso wenig, dass Männer aus allen politischen Lagern reihenweise bei Epstein um Rat nachfragten, als sie im Zuge von #MeToo mit Vorwürfen sexueller Übergriffe konfrontiert wurden.

Am System Epstein zeigt sich eine neue Form der politischen Ökonomie

Diese Einblicke in Epsteins Welt verhelfen uns zu einem etwas klareren Bild von der psychischen und wirtschaftlichen Logik und Verfasstheit eines Teils der extremen Rechten heute. So wie Epstein versuchte, seinen weiblichen Opfern alle Fluchtwege zu versperren, so wollen Trump und seine Tech-Reaktionäre alle Alternativen zu der hier beschriebenen Haushaltsökonomie unterbinden. Eines ihrer Ziele ist es, das Präsidentenamt in den USA in ein gründergeführtes Familienunternehmen zu verwandeln. Ihre Angriffe auf den Verwaltungsstaat, den öffentlichen Sektor und Gewerkschaften sowie die Umwandlung von Grenzschutzbeamten in eine private Kampfmiliz lassen sich als Teil eines umfassenderen Vorhabens verstehen, das die Prinzipien der Herr-Knecht-Beziehung auf die gesamte Wirtschaft ausdehnen will. Wenn wir erst einmal alle zu Uber-Fahrern, Drittanbietern auf Amazon, Handelsvertretern von Immobilienmogulen oder akademischen Bittstellern von Milliardären geworden sind – wer weiß: Vielleicht können sich dann die Gründer in Sicherheit wiegen und müssen keinen Aufstand ihrer Opfer befürchten?

Epsteins Opfer erlebten die Herr-Knecht-Beziehung nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als sexuelle Gewalt. Sie waren die Ersten, die die neu entstehende politische Ordnung anprangerten und gegen sie aufbegehrten.


Aus dem Englischen von Britta Grell

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