Dank der jüngsten Veröffentlichungen des US-Justizministeriums wissen wir nun, dass Epstein enge Verbindungen zu führenden Persönlichkeiten der extremen Rechten im Silicon Valley unterhielt. Nach dem Brexit tauschte er E-Mails mit Thiel aus, in denen er die „Rückkehr des Tribalismus“ feierte. Vor seinem Tod investierte er Millionen in Thiels Technologieunternehmen. Als habe er sich in Thiels Porträt des tragischen Firmengründers wiedererkannt: Er sah sich selbst als „über dem Gesetz stehend“ und dazu bestimmt, nur seinen eigenen Gesetzen zu folgen. Giuffre zufolge durchforstete Epstein unentwegt die Vergangenheit seiner Opfer nach Anzeichen von Verletzlichkeit, wich aber jeder Frage nach seiner eigenen Kindheit aus. Epstein, so scheint es, kam aus dem Nichts. Er war ein Waisenkind. In einem der jüngsten Veröffentlichungen des US-Justizministeriums, einem von Steve Bannon aufgezeichneten Videointerview, inszenierte er sich als Außenseiter – „Jeffrey Epstein, einfach ein feiner Kerl“ –, unbelastet von den langen Biografien, die Typen wie Bill Clinton oder Paul Volcker mit sich herumschleppen.
So wie sich in den bevorzugten Geschäftsformen dieser neuen Elite die Mythologie des Urvaters widerspiegelt, so gilt dies auch für ihre häuslichen Verhältnisse, wenn auch auf andere Weise. Der relevante Bezugspunkt ist hier nicht die Kleinfamilie, sondern die Haushaltsökonomie, in der die Produktion untrennbar mit der Reproduktion verbunden ist und in der sich die Verwaltung des Unternehmensvermögens mit dem Erhalt des Familienbesitzes deckt.
Der immense Reichtum, der seit der globalen Finanzkrise von Einzelnen angehäuft wurde, hat Beschäftigungsverhältnisse wiederbelebt, die zumindest im angloamerikanischen Raum Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend rar geworden waren: dauerhaft angestellte Dienstboten und Haushaltskräfte, und das in großem Stil. Man denke nur an Palm Beach, wo einst Trump und Epstein regelmäßig miteinander verkehrten und wo heute viele US-Milliardäre (sowie die engsten Verbündeten des Präsidenten) leben. Im letzten Jahrzehnt zogen der Blackstone-Gründer und Großspender der Republikanischen Partei Steve Schwarzman sowie Ken Griffin von Citadel und der Hedgefonds-Manager Paul Tudor Jones dorthin. Andere wie David Kochs Witwe Julia und KKR-Mitbegründer Henry Kravis leben schon lange dort. Ihre Häuser sind nicht nur Wohn-, sondern auch wichtige Arbeitsorte mit Dutzenden von Festangestellten und Saisonarbeiter*innen, die aus den ärmeren Gegenden von Palm Beach County kommen, aber zum Teil auch aus so weit entfernten Orten und Ländern wie New York, Irland, Südafrika und Rumänien rekrutiert werden.
Diese häuslichen Dienstverhältnisse werden stillschweigend durch etwas geregelt, das der alten Herr-Knecht-Beziehung und seinen Strukturen sehr nahekommt. Dem Arbeitgeber wird bei dieser Beschäftigungsform wie in früheren Zeiten faktisch eine umfassende Herrschaft über seine Angestellten zugestanden, auch über deren Privatsphäre. Dazu gehörte in der Vergangenheit zum Beispiel das Recht, bei vermeintlichem Fehlverhalten Hausarrest oder Gefängnisstrafen zu verhängen sowie das Gesinde körperlich zu züchtigen. Angesichts der Ursprünge des Herr-Knecht-Rechts im mittelalterlichen England könnte man diese Entwicklung als Rückkehr zum Feudalismus werten – eine zunehmend populäre Interpretation der gegenwärtigen Lage, wie sie beispielsweise Yanis Varoufakis in seinen jüngsten Arbeiten vornimmt.
Dieses Argument ist maßgeblich von Marx geprägt, der annahm, dass Dienstverhältnisse in Privathaushalten mit dem Übergang von feudalen Verhältnissen zur freien Lohnarbeit nach und nach verschwinden würden. Doch man sollte nicht vergessen, dass entgegen Marx’ Vorhersagen im späten 19. Jahrhundert die Nachfrage nach Haus- und Dienstpersonal nicht trotz, sondern gerade wegen der zunehmenden Konzentration des Industrie- und Finanzkapitals expandierte. Darüber hinaus hielten sich die traditionellen Herr-Knecht-Beziehungen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und erlebten in den letzten Jahrzehnten ein Comeback, wenn auch nicht in formal-rechtlicher, so doch in faktischer Hinsicht.
Verschiebungen im Verhältnis von Öffentlich und Privat
Die einschlägigen Gesetze hielten sich hartnäckig. Sie abzuschaffen, erwies sich dort als besonders schwer, wo es um die Behandlung von weiblichen Hausangestellten, vorwiegend schwarzen Frauen, ging. Auf jeden Versuch der gewerkschaftlichen Organisierung reagierten ihre Dienstherren mit dem Argument, im Grunde seien sie Familienmitglieder, von daher verdienten sie, genauso behandelt zu werden wie nächste Angehörige, was Misshandlungen einschloss. Hier zeigt sich die offensichtliche „Verwirrung von Kategorien“, die in der Haushaltsökonomie vorherrscht. Während das Kleinfamilienideal vorgibt, es gäbe eine klare Trennung zwischen dem Privat- und Berufsleben, zwischen Familie und Markt, geht das traditionelle Herr-Knecht-Recht von einer vollständigen Verschmelzung dieser beiden Sphären aus.
Epstein besaß mehrere große Anwesen in Palm Beach, New York, Paris und New Mexico sowie eine Privatinsel namens Little Saint James. Auf seiner Gehaltsliste standen Dutzende, vermutlich sogar Hunderte von Angestellten: von Rechtsberatern und Leibwächtern über Chauffeure, Köche, Reinigungskräfte, Gärtner und Hausmeister bis hin zu Masseuren. Besucher*innen berichteten von einer auffälligen Dienstbotenhierarchie. Oftmals waren die Beziehungen, die Epstein zu anderen Menschen unterhielt, nicht klar zu durchschauen, so vermischte sich häufig Geschäftliches mit Privatem.