Im Jahr des Falls der Mauer schloss ich mein Studium ab. Im Jahr davor saß ich im Oberseminar des Literatursoziologen Jürgen Scharfschwerdt an der Ludwig­Maximilians­Universität München. Scharfschwerdts Schwerpunkt war DDR-Literatur. Ich erinnere mich, dass die dissidenten, in der BRD publizierten Texte für einige von uns – sicher jedenfalls für mich – die mit Abstand relevantesten in deutscher Sprache geschriebenen Texte jener Zeit gewesen sind. In der BRD hatte bereits in den Achtzigern – das wird oft vergessen – eine Kommerzialisierung und Neoliberalisierung des Kulturbetriebs eingesetzt. Gefeiert wurden Romane wie »Die letzte Welt« von Christoph Ransmayr, »Das Parfüm« von Patrick Süskind, »Die Entdeckung der Langsamkeit« von Sten Nadolny. Meine Lesesozialisation ab den späten Siebzigern hatte ganz andere Weichen gestellt und Erwartungen gesetzt. Damals erschienen die Bücher Rolf Dieter Brinkmanns oder Nicolas Borns, »Die Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss und so weiter. Im Westen brach diese Linie in den frühen Achtzigern ab – nicht aber im Osten. Über den Umweg Heiner Müller machte sich dort auch eine politisch und ästhetisch anders konnotierte Lesart französischer Poststrukturalisten wie Michel Foucault und Gilles Deleuze geltend, nicht zuletzt in der Prenzlauer­Berg­Szene. Statt Spiel und »Anything Goes« wie im Westen »Mikrophysik der Macht«.

Wenn mich nicht alles täuscht, besaß ich damals keine idealisierende Vorstellung von der DDR. Ich wusste: Das ist eine Diktatur. Ich hatte selbst Verwandte dort, mein Großvater väterlicherseits stammte aus der Nähe von Schwerin. Ich erinnere mich an den Besuch meiner Großtante in Landau an der Isar, als ich ungefähr 16 war. Ich löcherte sie mit Fragen über die wahren Verhältnisse drüben, aber die alte Dame sagte nichts, lächelte und nickte nur. Ich besaß auch keine idealisierende Vorstellung von der BRD. Was ich früh zu beobachten begann, war eine wachsende Marktförmigkeit in allen gesellschaftlichen Teilbereichen. Kunst/Kultur, genauer gesagt kritische, möglichst radikal kritische Kunst/Kultur schien mir das einzige Gegenmittel zu sein. 

Wichtige Funksignale in meine bayerische Provinz hinein: Rainer Werner Fassbinder, Herbert Achternbusch, Marieluise Fleißer, Thomas Bernhard und so weiter. Aber die waren dann in den Achtzigern auch fast schon Geschichte oder wurden es. DDR-Literatur lesen war ein Ausweg. Dort wurden die relevanten gesellschaftskritischen Fragen nicht ausgeblendet. Und: In der etwas abweichenden, andererseits durchaus ähnlichen DDR-Realität zeigten sich die ästhetischen Widerstandsreflexe gegen die Zumutungen eines Ausverkaufs von inhaltlichen Positionen wie durch den Filter eines Verfremdungseffekts. Die Formatierung des Bewusstseins in den unterschiedlichen Systemen von Wunschproduktion wies eine gemeinsame Schnittmenge auf, jenseits der Ideologien. 

Müllers »Hamletmaschine« wurde im Westen zum Kulttext, weil längst alle mit der Brandung Blabla redeten. Massenmediale Überformung, konsumistische Ruhigstellung der Einzelnen – kurz: Die Probleme, mit denen ich, mit denen wir uns im Westen als junge Menschen herumschlugen, hatten mit West­Ost ­Unterschieden kaum mehr etwas zu tun. Sie umfassten BEIDE Systemblöcke der mauer- und vorhanggeteilten Welt. 

Es muss im Sommer 1988 gewesen sein, als zwei frisch von der BRD freigekaufte, jetzt also Ex-DDR-Bürger*innen in Scharfschwerdts Oberseminar eingeladen waren, um uns von der wahren Lebenswirklichkeit drüben zu berichten. Ich erinnere mich vor allem an den heftigen Streit. Einige Oberseminarist*innen und auch ich gerieten mit den beiden Gästen aneinander, nachdem die in anklagend verzweifeltem Ton ständig wiederholt hatten, dass es in DDR-Läden oft nicht einmal Schokolade zu kaufen gegeben habe. 

Ein paar Jahre zuvor war ich mit meiner New-Wave-Band am WAA-Zaun in Wackersdorf aufgetreten. Ich hatte öffentliche Reden von Franz Josef Strauß miterlebt, die mir – damals! – an rechter Hetze und Häme zu überbieten unmöglich schienen. Ich konnte nicht fassen, dass diese jungen Leute – sie waren ungefähr so alt wie wir, also Mitte bis Ende zwanzig – die BRDals ihr Traumland ansahen, dass sie uns allen Ernstes erzählten, hier zu sein, bedeute für sie die Erfüllung all ihrer Wünsche. Wir konnten nicht begreifen, dass sie völlig blind waren für die Herrschafts­, Unterdrückungs­ und Ausbeutungsstrukturen, die in den westlichen Demokratien damals gerade etabliert und erweitert wurden – es war die Zeit von Maggie Thatcher, Ronald Reagan, Helmut Kohl! Und dass sie bei der Verteidigung ihres schwärmerischen Standpunkts ständig auf diesem »Schokoladen-Argument« herumritten. 

Dass eine Sensibilität, die Möglichkeit einer Sensibilisierung für postmoderne Herrschaftsmechanismen auch in der DDR möglich war, bewies doch gerade deren dissidente Literatur. Wir dachten, bei den kritikaffinen Jungen muss doch auch was von Müller, Brasch, Reimann, Braun, Erb, Hilbig und so weiter hängengeblieben sein – so wie in unseren Köpfen Fassbinder, Jelinek, Brinkmann und so weiter Spuren hinterlassen, unsere Wahrnehmungs­ und Reflexionsfähigkeit geschärft hatten.

Blauäugig, blauäugig – solche Spuren waren damals auch im Westen schon beinahe restlos verwischt. Als mir das Fernsehen den Mauerfall präsentierte, blieb ich jedenfalls ziemlich gleichgültig (anders als bei den gesendeten Bildern und Ereignissen in Rumänien, der Exekution des Ehepaars Ceauşescu). Willy Brandts Satz »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört« fand keinerlei Resonanz in mir. Den Ausspruch »Marx ist tot, Jesus lebt« von Norbert Blüm, dem damaligen Arbeitsminister, fand ich einfach unanständig. 

Die Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung und ihren Konsequenzen begann für mich erst später – zuletzt im schriftlichen Dialog mit Ingo Schulze (vor allem in dem langen »Gespräch über das Romaneschreiben«, Akzente 4/2008). Seine »Simple Storys« und mein Roman »Wie man’s nimmt« wurden 1998 als Beschreibungen zeitgenössischer Lebenswirklichkeit Ost bzw. West gehandelt. Wenn ich auf meine Gedanken von damals zurückblicke, muss ich zugeben, einige Folgen unterschätzt zu haben: etwa, in welchem Ausmaß die soziale Frage aus dem politischen Diskurs und dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschwinden würde; dass der Neoliberalismus die Sozialdemokratie so komplett würde aushöhlen können, wie es dann unter Clinton, Blair, Schröder tatsächlich geschehen ist; wie schnell und umfassend der Umbau der kulturellen Öffentlichkeit zum Entertainment­ und Eventspektakel vonstattengehen würde; mit welcher Wucht, Geschwindigkeit und Durchschlagskraft der rechtsreaktionäre Populismus zurückkehren würde. 

Andererseits schrieb ich 1999, also vor zwanzig Jahren, für die Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter zum zehnten Jahrestag schon einmal einen Text zum Fall der Mauer, eine Art Kopftheaterstück: »Ten years after – 10 Versionen umkreisen 1 Faktum. Ein Jubiläum von weit aus dem Westen betrachtet.« Die Szene: ein Tisch mit einer Anzahl Menschen drumherum; das Ambiente beliebig; es kann ein Konferenzraum, eine Podiumsdiskussion, eine Talkshow-Runde sein, genauso gut ein Stammtisch. Die Menschen sitzen, scharren mit den Füßen, trinken, rauchen, aber sprechen nicht. Der Text kommt aus dem Off. Gebaut ist der Text nach dem Muster von Marguerite Duras‘ Filmbuch »Hiroshima mon amour«: Passagen, überschrieben mit »Nichts hat sich geändert« / »Alles hat sich geändert«, im dialektischen Wechsel. Ich habe den Text wiedergelesen und war überrascht über seine Weitsicht. Er endet so: