Wer ist für die Klimakrise verantwortlich? Wer kein Klimaleugner ist, wird schnell die Antwort parat haben: die Menschheit. Leben wir nicht im Anthropozän, dem Zeitalter der Erdgeschichte, in das sich der Mensch unwiderruflich eingeschrieben hat?


Ja und nein. Zwischen »Die Menschen sind verantwortlich!« und »Bestimmte Menschen sind verantwortlich!« besteht ein großer Unterschied. Angesichts der extrem ungleichen Verteilung von Wohlstand und Macht in unserem Weltsystem stellen immer mehr radikale Intellektuelle und Klimaaktivist*innen infrage, ob »die Menschheit« kollektive historische Verantwortung für den Klimawandel trägt. Sie sehen in der Rede vom anthropogenen Klimawandel eine besonders perfide Art, denjenigen die Schuld aufzubürden, die ohnehin unter Ausbeutung, Gewalt und Armut leiden.


Ich würde stattdessen sagen: Wir leben im Zeitalter der kapitalogenen Klimakrise, kapitalogen im Sinne von »vom Kapital gemacht«. Wie das verwandte Kapitalozän mag es zunächst etwas plump klingen. Das hat jedoch wenig mit dem Wort zu tun – das System bürgerlicher Herrschaft hat uns gelehrt, den Begriffen zu misstrauen, die das System der Unterdrückung beim Namen nennen. Doch genau das ist seit jeher die Praxis emanzipatorischer Bewegungen. Sie schöpfen ihre Kraft aus neuen Ideen und einer neuen Art des Sprechens über die Dinge. Das verleiht Macht und intellektuelle sowie strategische Orientierung. In dieser Hinsicht war der Mainstream-Ökologismus, der ab 1968 einsetzte – die »Umweltbewegung der Reichen« (Peter Dauvergne), ein Desaster. Der Fokus auf den »ökologischen Fußabdruck« lenkte die Aufmerksamkeit auf den individuellen Konsum. Der Begriff Anthropozän legt nahe, die planetarische Krise sei eine natürliche Folge der menschlichen Natur – als rührte sie daher, dass Menschen halt handeln wie Menschen, so wie Schlangen Schlangen sind und Zebras Zebras. Die Wahrheit ist offensichtlich nuancierter: Wir leben im Kapitalozän, im Zeitalter des Kapitals. Wir wissen ziemlich genau, wer für die heutigen und vergangenen Krisen verantwortlich ist. Die Verursacher*innen haben Namen und Adressen, angefangen bei den acht reichsten Männern der Welt, die mehr Vermögen besitzen als die ärmsten 3,6 Milliarden der Weltbevölkerung.

Was ist das Kapitalozän?


Das Kapitalozän ist kein geologischer Begriff und obwohl die Ökonomie entscheidend ist, geht es nicht einfach um ein Wirtschaftssystem, das die Krise verursacht. Es ist der Versuch, den Kapitalismus als ein zusammenhängendes geografisches sowie strukturiertes historisches System zu verstehen. Das Kapitalozän ist demnach eine Geopoetik, die den Kapitalismus als eine »Weltökologie der Macht« und der (Re-)Produktion im »Lebensnetz« begreift.
Bevor wir uns näher mit dem Kapitalozän befassen, müssen wir uns über das Anthropozän klar werden, von dem es zwei gibt. Das erste ist das geologische Anthropozän, mit dem sich die Geologie und die Erdsystemwissenschaften beschäftigen. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf golden spikes: Schlüsselmarkierungen in der stratigrafischen Schicht, die geologische Epochen kennzeichnen. Im Fall des Anthropozäns gelten Plastikreste, Hühnerknochen und Atommüll als solche spikes. (Das ist der Beitrag des Kapitalismus zur geologischen Geschichte!) Die Biogeografen Simon Lewis und Mark Maslin markieren das Jahr 1610 als Beginn des geologischen Anthropozäns. Der Zeitraum zwischen 1492 und 1610, der als »Orbis Spike« bezeichnet wird, war nicht nur das Zeitalter der Eroberungen von Kolumbus und seinesgleichen. Der Völkermord in den Amerikas führte zudem zur Wiederbewaldung und einer Absenkung der CO2-Emissionen bis 1550 und trug so zur Entstehung der Kleinen Eiszeit und einigen kälteren Jahrzehnten zwischen 1300 und 1850 bei. Das geologische Anthropozän ist also eine bewusste Abstraktion historischer Verhältnisse, um die biogeografischen Beziehungen zwischen der Gattung Mensch und der Biosphäre zu verdeutlichen. Das ist durchaus nachvollziehbar und vernünftig. Die These vom Kapitalozän bezieht sich aber nicht auf die geologische Geschichte.


Ihr geht es um die Erdgeschichte – die biogeologischen Veränderungen, die grundlegend für die Entwicklung menschlicher Produktions- und Machtverhältnisse sind. Hier steht das Kapitalozän einem zweiten Anthropozän gegenüber: dem populären Anthropozän. Letzteres ist Teil einer viel breiteren Diskussion in den Geistes- und Sozialwissenschaften über die historische Entwicklung und Gegenwart der planetarischen Krise. Es gibt dabei keine saubere Trennung, und viele Erdsystemwissenschaftler*innen wechseln gern zwischen dem geologischen und dem populären Anthropozän hin und her.


Für das populäre Anthropozän ist das Hauptproblem das Verhältnis zwischen »Mensch« und »Natur« – ein Problem, das einen deutlichen Gender-Bias hat, wie Kate Raworths Begriff des »Manthropozän« deutlich macht. Dieses Anthropozän präsentiert ein Modell der planetarischen Krise, das alles andere als neu ist. Es ist die Neuauflage einer Kosmologie von »Mensch« und »Natur«, die sowohl auf das Jahr 1492 zurückgeht als auch auf Thomas Malthus im 18. und 19. Jahrhundert: die Erzählung von einer Menschheit, die der Natur schreckliche Dinge antut. Die treibende Kraft ist das Schreckgespenst der Überbevölkerung – ein ideologisches Argument, das immer wieder zum Einsatz kommt, um die gewaltsame Unterdrückung von Frauen und People of Color zu rechtfertigen.
Die Worte Mensch und Natur sind nicht bloße Begriffe, sondern Abstraktionen. Sie werden und wurden von Imperien und sich modernisierenden Staaten und Kapitalisten als reale dargestellt, mit dem Zweck, menschliche und außermenschliche Natur jeglicher Art abzuwerten. Einem Großteil der Bevölkerung hat man in der Vergangenheit die volle Zugehörigkeit zur Menschheit abgesprochen. Für diejenigen, die nicht weiß und männlich waren und die nicht dem Bürgertum angehörten, gab es wenig Platz im Anthropos. Seit 1492 beraubten die Superreichen und ihre imperialen Verbündeten People of Color, indigene Bevölkerungsgruppen und praktisch alle Frauen ihrer Menschlichkeit und ordneten sie der Sphäre der Natur zu. Damit war es einfacher, aus ihnen und ihrer Arbeitskraft Profit zu schlagen. Folglich ist die Kosmologie von »Mensch« und »Natur« im populären Anthropozän nicht nur Ergebnis fehlerhafter Analyse, sondern ganz praktisch in die Geschichte der Herrschaft verstrickt. Wenn Vertreter*innen des populären Anthropozäns sich weigern, den kapitalogenen Klimawandel beim Namen zu nennen, dann verkennen sie, dass nicht der »Mensch« und sein Verhältnis zur »Natur« das Problem sind, sondern bestimmte Menschen, die sich der profitablen Beherrschung und Zerstörung der Menschheit und der übrigen Natur verschrieben haben.

Weltökologie der Macht


Die Unterstellung, alle Menschen seien gleichermaßen schuld am Klimawandel, ist eindeutig falsch. Der Anteil der USA und Westeuropas an den CO2-Emissionen zwischen 1850 und 2012 ist dreimal größer als der Anteil Chinas. Und selbst diese nationale Bilanzierung kommt einer Individualisierung der Verantwortung gleich, denn sie berücksichtigt nicht die zentrale Rolle des US-amerikanischen und westeuropäischen Kapitals an der globalen Industrialisierung nach 1945. Seit den 1990er Jahren dienen Chinas Emissionen vornehmlich europäischen und US-amerikanischen Exportmärkten, finanziert durch jahrzehntelange ausländische Investitionen. Ein globales System der Mächtigen und Kapitalisten giert nach immer mehr billigen Naturressourcen und hat seit den 1970er Jahren zum enormen Zuwachs an Klassenungleichheit geführt. So wäre es verblendet, den großen Anteil der USA an der Karbonisierung der Atmosphäre allen US-Amerikaner*innen gleichermaßen zuzurechnen. Die USA waren von Anfang an eine apartheidähnliche Republik, beruhend auf Völkermord, Enteignung und Sklaverei. Nur bestimmte US-Amerikaner*innen sind für die hohen Emissionen ihres Landes verantwortlich, darunter Großkapitalist*innen, Banker*innen, Fabrik-, Großgrund- und Plantagenbesitzer*innen und Sklavenhalter (oder die heutigen Betreiber*innen von Privatgefängnissen).


Das Kapitalozän-Argument lehnt eine anthropozentrische Verflachung nach dem Motto »Wir haben den Feind getroffen, und er ist wir« (so Walt Kellys ikonisches Plakat zum Tag der Erde 1970) ebenso ab wie einen ökonomischen Reduktionismus. Zweifelsohne ist der Kapitalismus ein System der endlosen Kapitalakkumulation. Doch er ist auch eine »Weltökologie der Macht«, der Produktion und der Reproduktion, die für die Krise des Planeten verantwortlich ist. Die »sozialen« Momente der modernen Klassenherrschaft, der weißen Vorherrschaft und des Patriarchats sind daher eng mit Projekten des »Umweltmachens« verbunden, die auf endlose Kapitalakkumulation abzielen. Im Wesentlichen bestand die große Innovation des Kapitalismus seit seinen Anfängen, also nach 1492, vor allem darin, immer wieder praktische Wege zu finden, wie man sich die Natur billig aneignen kann. Die Natur war mehr als eine Idee, sie war eine territoriale und kulturelle Realität, die Frauen, ­kolonisierte Völker und außermenschliche »Lebensnetze« umfasste und kontrollierte. Da sich diese »Lebensnetze« der Standardisierung, Beschleunigung und Homogenisierung, die die Logik der kapitalistischen Profitmaximierung mit sich bringt, tendenziell widersetzen, war der Kapitalismus nie nur ein Wirtschaftssystem. Kulturelle Dominanz und politische Gewalt waren zu allen Zeiten Grundvoraussetzungen für die kapitalogene Zerstörung der ­menschlichen und außermenschlichen Natur.


Warum 1492 und nicht 1850 oder 1945? Zu diesen Zeiten lassen sich empirisch zweifellos wichtige Wendepunkte im Grad der Karbonisierung ablesen. Sie zeigen jedoch eher die Folgen und nicht die Ursachen der Krise. Der Kapitalozän-These zufolge müssen wir die Folgen mit der längeren Geschichte von Klassenherrschaft, Rassismus und Sexismus verknüpfen, deren moderne Formen sich seit 1492 herausgebildet haben.

Zivilisation versus Natur

Im 16. Jahrhundert vollzog sich ein Bruch in der Art und Weise, wie Wissenschaftler, Kapitalisten und imperiale Strategen die planetarische Realität verstanden. Man griff auf hierarchische Vorstellungen zurück, um den Menschen und den Rest der Natur zu erfassen. Es gab jedoch keine strikte Trennung zwischen den Beziehungen der Menschen untereinander und ihren Beziehungen zur übrigen Natur. Wörter wie Natur, Zivilisation, Wildheit und Gesellschaft erlangten in der englischen Sprache erst zwischen 1550 und 1650 ihre moderne Bedeutung, in der Zeit der kapitalistischen Agrarrevolution in England und der fossilen industriellen Revolution. In anderen westeuropäischen Sprachen kam es zu ähnlichen Verschiebungen. Auf diesen radikalen Bruch mit alten, eher ganzheitlichen (wenn auch hierarchischen) Sichtweisen folgte ein dualistisches Denken, das der Zivilisation »die wilde Natur« gegenüberstellte.


Egal, wo und wann europäische Kolonialisten an Land gingen, stießen sie auf sogenannte Wilde. Es war die Aufgabe der zivilisierten Eroberer, die sogenannte Wildnis zu christianisieren und die »Wilden« zu besseren Menschen zu machen. Die Charakterisierung der Wildnis als »Ödland« rechtfertigte ihre Unterwerfung und Verwüstung sowie die Ausbeutung der Bewohner*innen. Der binäre Code Zivilisation versus Wildheit ist ein zentrales Moment des Betriebssystems der Moderne, das auf der Enteignung der Menschen von ihrer Menschlichkeit beruht. Dieses Schicksal erlitten neben praktisch allen Frauen überall auf der Welt insbesondere indigene Bevölkerungsgruppen, die versklavten Bewohner*innen Afrikas, andere unterdrückte Völker in den Kolonien, aber auch die Bevölkerung Irlands. Diese kapitalistische Geokultur sorgt für die unerlässliche Extremverbilligung des Lebens und der Arbeit, die für jeden großen Wirtschaftsboom unerlässlich und zugleich äußerst gewalttätig und (selbst-)zerstörerisch ist.

»Der binäre Code Zivilisation versus Wildheit ist ein zentrales Moment des Betriebssystems der Moderne, das auf der Enteignung der Menschen von ihrer Menschlichkeit beruht.«

Die Vorstellung von Gesellschaft versus Natur steht auch für eine Praxis der Entfremdung, die für die Hegemonie des Kapitalismus ebenso grundlegend ist wie die Entfremdung in den modernen Arbeitsbeziehungen. Die Rede von Gesellschaft versus Natur fetischisiert die entfremdeten Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus. Marx hat den Warenfetischismus beschrieben, durch den die Arbeiter*innen die Früchte ihrer Arbeit als eine über ihnen schwebende fremde Macht wahrnehmen. Damit geht eine andere Form der Entfremdung einher, der zivilisatorische Fetischismus. Sie findet nicht zwischen »Mensch« und »Natur« statt, sie ist das Projekt bestimmter, das heißt weißer, männlicher und dem Bürgertum angehöriger Menschen während des Aufstiegs des Kapitalismus, das dem Zweck dient(e), sich andere Menschen und Lebensformen zu unterwerfen. Wenn der Warenfetischismus ein grundlegender Antagonismus zwischen Kapital und Proletariat ist, so ist der zivilisatorische Fetischismus der welthistorische Antagonismus zwischen Kapital und »Biotariat« (Stephen Collis), also denjenigen Lebensformen, tot oder lebendig, die mit ihrer unbezahlten Arbeit und Energie den Kapitalismus ermöglichen. Der zivilisatorische Fetischismus lehrt uns, die Beziehung zwischen Kapitalismus und »Lebensnetz« als Verhältnis zwischen Objekten zu denken und nicht als eine internalisierende und externalisierende Beziehung des »Umweltmachens«. Sämtliche Aussagen von Marx zum Warenfetischismus sind sowohl logisch als auch historisch durch eine Reihe von zivilisatorischen Fetischen vorweggenommen worden, wobei die Gegenüberstellung von Zivilisation und Wildheit/Natur der geokulturelle Dreh- und Angelpunkt ist. Im Zentrum des Aufstiegs des Kapitalismus stand nicht die Erfindung der Lohnarbeit, sondern die Herausbildung eines modernen Proletariats, zusammen mit dem noch kühneren Projekt, Natur jeglicher Art kostenlos oder zu geringen Kosten für sich arbeiten zu lassen: dem »Biotariat«. Wie der Warenfetischismus war und ist auch der Zivilisationsfetischismus nicht nur eine Idee, sondern eine Praxis der Weltherrschaft und deren Rechtfertigung. Seit 1492 hat dieser Dualismus das moderne Leben, die politischen Machtverhältnisse, Produktion und Reproduktion geprägt. Er erfuhr in jeder Ära des Kapitalismus eine Neuausrichtung und wird aktuell wieder besonders wirkmächtig: indem autoritäre Populist*innen die Grenzen militarisieren und gegen die »Heimsuchung« von Migrant*innen und Geflüchteten absichern, die durch die Dreifaltigkeit des Spätkapitalozäns – anhaltende Kriege, rassistische Enteignungen und Klimakrisen – angetrieben wird.


Das Jahr 1492 markierte nicht nur einen geokulturellen, sondern auch einen beispiellosen biogeografischen Wendepunkt. Mit den Eroberungen Kolumbus’ begann eine geohistorische Wiedervereinigung von Pangäa, dem Superkontinent, der 175 Millionen Jahre zuvor auseinandergedriftet war. Dieses moderne Pangäa sollte als unbegrenztes Reservoir für billige Arbeitskraft, Nahrungsmittel, Energie und Rohstoffe dienen. Hier, in der atlantischen Zone des modernen Pangäa, haben der Kapitalismus und die heutige planetarische Krise ihren Ursprung. In den folgenden drei Jahrhunderten ermöglichte die kapitalistische Dreifachhelix aus Imperium, Kapital und Wissenschaft die größte und schnellste Transformation von Land und Arbeit in der Geschichte der Menschheit. Nur die Herausbildung einer sesshaften Kultur des Ackerbaus zu Beginn des Holozäns vor etwa 12 000 Jahren ist mit ihr vergleichbar. Überall – von Brasilien über die Anden bis zum Baltikum – kam es zur Abholzung von Wäldern, wurden Afrikaner*innen, indigene Völker und Slaw*innen der Zwangsarbeit unterworfen und massenhaft Vorräte an billigen Lebensmitteln, Holz und Silber in die Zentren der Macht verschifft. Derweil zwang man Frauen in ganz Europa – ganz zu schweigen von den Menschen in den Kolonien! – in ein striktes Regime der Arbeitsteilung. Sie wurden aus der Zivilisation ausgestoßen und streng kontrolliert; »Frauenarbeit« wurde als »Nicht-Arbeit« (Silvia Federici) in die Sphäre der Natur verwiesen.


Die Geschichte der planetarischen Krise wird in der Regel durch die Linse der industriellen Revolution betrachtet und es steht außer Frage, dass hier wichtige Wendepunkte der Ressourcennutzung und Verschmutzung liegen. Allerdings begann die Industrialisierung lange vor dem 19. Jahrhundert. Die Ursprünge der Krise mit technologischen Veränderungen zu erklären, ist jedoch arg reduktionistisch. Die industrielle Revolution in Großbritannien wäre ohne die billige Baumwolle und die unbezahlte Arbeit von Generationen indigener Bevölkerungsgruppen, ohne die Völkermorde und Enteignungen von Ureinwohner*innen in den USA und ohne die versklavten Afrikaner*innen auf den Baumwollfeldern nicht denkbar gewesen. Und auch ohne die repressive »Gender-Fertilitäts-Revolution« des vorigen Jahrhunderts, die die Pflege- und Reproduktionskapazitäten von Frauen den demografischen Erfordernissen des Kapitals unterwarf, wäre die Industrialisierung Großbritanniens unmöglich gewesen.

Das Ende der billigen Natur


Diese Beispiele aus der Geschichte des Kapitalismus zeigen, dass dieses System schon immer von der Verfügbarkeit und den Grenzen billiger Natur abhängig war – unkommodifizierte Natur, deren Arbeit man sich mit Gewalt, mittels kultureller Dominanz sowie über Märkte kostenlos oder billig aneignen konnte. Solche Grenzen sind entscheidend, weil der Kapitalismus das denkbar verschwenderischste System ist. Dies erklärt seine außergewöhnliche Extrovertiertheit. Um zu überleben, musste er den Planeten als Quelle billiger Natur erschließen und gleichzeitig als riesige Mülldeponie nutzen. Beide Optionen, die eine radikale Kostensenkung und damit extreme Gewinnmaximierung ermöglichten, erwiesen sich allerdings als zeitlich begrenzt. Einerseits ist Billigkeit endlich: Arbeiter*innen und Bäuer*innen revoltieren und leisten Widerstand, Minen sind irgendwann erschöpft, Böden erodieren und werden unfruchtbar. Zudem hat die Vereinnahmung des Planeten als Müllhalde eine kritische Schwelle überschritten. Der epochale Klimawandel zeigt dramatisch, wie Vergiftung und Vermüllung die epochalen Errungenschaften des Kapitalismus zu untergraben und das ganze System zu destabilisieren drohen, zuallererst das Regime der billigen Lebensmittel. Diese beiden Strategien – billige Natur und billige Vernutzung – erschöpfen sich zunehmend, da die Geografie des Lebens und des Profitmachens in eine morbide Phase eintritt. Wie Naomi Klein hervorhebt, ändert die Klimakrise alles. Die »Weltökologie« des Kapitalismus erfährt eine epochale Umkehrung oder besser Implosion, da die Natur nicht länger billig zu haben ist, sondern sich immer effektiver wehrt. Überall fordern die »Lebensnetze« die gängigen Strategien zur Kostensenkung heraus und werden zu einer kostenmaximierenden Realität für das Kapital. Der Klimawandel (aber nicht nur der) macht für das Kapital alles teurer – und gefährlicher für den Rest von uns.


Das Ende der billigen Natur ist ein großes Problem für den Kapitalismus, der auf billiger Aneignung beruht, sowohl in Bezug auf den Preis wie auf seine kulturelle Dominanz. Bei dem einen geht es um eine Form der politischen Ökonomie, bei dem anderen um kulturelle Unterwerfung, imperiale Hegemonie und die Ausnutzung von Rassismus und Sexismus. Im Kampf für mehr planetarische Gerechtigkeit benötigen wir eine Strategie, die beides berücksichtigt. Dabei gilt es zu bedenken, dass die schlimmsten und tödlichsten biophysikalischen Folgen von Toxifizierung und wirtschaftlicher Stagnation erneut vor allem diejenigen Bevölkerungsgruppen treffen, die seit 1492 der Sphäre der Natur zugeordnet werden: Frauen, People of Color und andere Opfer des Neokolonialismus.


Es ist eine deprimierende Situation für alle, die heute auf dem Planeten Erde leben. Aber es gibt auch Anlass zur Hoffnung. Eine Lehre aus der Klimageschichte der letzten 2 000 Jahre ist, dass die herrschenden Klassen gravierende Klimaveränderungen selten überleben. Der Zusammenbruch des westlichen Römischen Reichs fiel mit einer Kälteperiode zusammen. Der Feudalismus geriet etwa ein Jahrhundert nach Beginn der Kleinen Eiszeit in die Krise. Die politischen Krisen des Frühkapitalismus fanden in den schlimmsten Jahrzehnten der Kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert statt. Das Klima selbst entscheidet nichts, aber Klimaveränderungen sind in das Gefüge von Produktion, Reproduktion, Politik, Kultur etc. – kurz: in alles eingewoben. Der heutige Klimawandel wird mit Sicherheit alles übertreffen, was wir in den letzten 12 000 Jahren erlebt haben. »Business as usual« kann daher nicht weiterhelfen. Das System der Klassenherrschaft und der kapitalistischen Produktion sowie der ganze Rest werden die große Klimaveränderung vermutlich nicht überleben. Das Ende des Holozäns und der Anbruch des geologischen Anthropozäns können ein Moment epochaler politischer Umbrüche und neuer Möglichkeiten sein, ein Ende des Kapitalozäns.


Der Kapitalismus wird wohl Bestand haben, aber er ist perspektivisch dem Tod geweiht. Was wir brauchen, ist ein radikaler Wandel, der Dekarbonisierung mit Demokratisierung und Dekommodifizierung verbindet. Dabei muss die Logik des Green New Deal auf den Kopf gestellt werden. Seine Verknüpfung von wirtschaftlicher Gerechtigkeit, sozialer Absicherung und ökologischer Nachhaltigkeit müsste weitergetrieben werden in Richtung einer Dekommodifizierung von Wohnen, Transport, Pflege und Bildung. Ernährungs- und Klimagerechtigkeit gelingen nur, wenn die Landwirtschaft von der Tyrannei kapitalistischer Monokulturen befreit wird.


Dieser radikale Impuls steht im Mittelpunkt der globalen Diskussion einer »Weltökologie« – einer offenen Diskussion, die gängige Vorstellungen von Gesellschaft und Natur überdenken will und den Kapitalismus als eine Ökologie der Macht im »Lebensnetz« begreift. Das bedeutet: keine arbeitspolitischen Forderungen ohne Berücksichtigung der Natur, keine ökologischen Forderungen ohne Berücksichtigung der Arbeiter*innen, keine Klimagerechtigkeit ohne Reproduktionsgerechtigkeit – gegen Klima-Apartheid und für Abolitionismus.


Kapitalozän ist also kein neuer Begriff, der das Anthropozän ablösen soll. Es ist eine Einladung, dem Gegeneinander von Mensch und Natur zu entkommen und der Tyrannei analytisch wie praktisch Grenzen zu setzen. Um dem planetarischen Inferno einen Sinn zu verleihen und deutlich zu machen, dass mit der Klimakrise eine geohistorische Verschiebung einhergeht, die nicht auf Treibhausgasmoleküle reduzierbar ist, sondern mit der Klassenfrage, mit Patriarchat und Rassismus verknüpft ist. Klimagerechtigkeit im 21. Jahrhundert wird es nur geben, wenn wir Antagonismen und gegenseitige Abhängigkeiten erkennen. Dann können wir politische Koalitionen bilden, die diese planetarischen Widersprüche überwinden können.

 


Der Text erschien zuerst im Maize Magazine. 
Aus dem Englischen von Britta Grell.

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