Marlene: Schönen Abend zusammen!
Volker: Herzlich willkommen bei „Geld ist Klasse“.
Marlene: Ich bin Marlene Engelhorn. Ich bin Studentin für Germanistik.
Volker: Ich bin Volker Lösch. Ich bin Regisseur.
Marlene: Ich habe ein Buch geschrieben, das heißt: „Geld“.
Volker: Ich habe schon viele Inszenierung zum Thema „Geld“ gemacht Und lebe in Berlin. In einer schönen, großen Altbauwohnung zur Miete. Und die frisst mein Einkommen auf. Vermögen habe ich keins.
Marlene: Ich wohne in einer kleinen Altbauwohnung in Wien. Mein Vermögen zahlt die Miete bequem. Genauer gesagt: mein zweistelliges Millionenvermögen. Das habe ich geerbt.
Volker: Ich hab kein Erbe, ich muss arbeiten. Eine Pause konnte ich mir nie leisten.
Marlene: Ich arbeite nur, weil ich will. Und weils mich freut. Arbeit ist für mich eine Entscheidung.
Volker: Ich musste immer arbeiten.
Marlene: Ich bin in einem reichen Wiener Bezirk in einer Villa mit großem Garten aufgewachsen, die von Villen mit großen Gärten umgeben war.
Volker: Ich bin teilweise in Montevideo, in Uruguay aufgewachsen. Ich habe extreme Armut erlebt. Extreme Kontraste. Konnte das als Kind schon kaum ertragen. Und in Worms, wo wir später lebten, war mein bester Freund arm.
Marlene: Die meisten meiner Freund*innen waren reich. Aber ich habe das gar nicht bemerkt.
Volker: Ich habe oft gefragt: Warum ist das so? Warum sind die so arm, und die so reich? Und die Antwort war immer:
Marlene: „Weil die Reichen dafür gearbeitet haben, Volker!“
Volker: „Und wer viel arbeitet, hat natürlich auch viel Geld.“
Marlene: So etwas Grundfalsches hätten meine Eltern nie gesagt. Meine Familie ist reich, aber nicht blöd. Auf so eine naive Idee, dass Arbeit reich macht, wären sie niemals gekommen.
Volker: Ich war auch nie zufrieden damit. Ich bin immer noch nicht zufrieden! Seit 30 Jahren befasse ich mich in meinen Theaterarbeiten mit Ungleichheit, mit Armut, mit Gewalt, mit dieser Vollkatastrophe namens Kapitalismus. In Hamburg habe ich am Schauspielhaus mit HartzIV -Bezieher*innen „Marat“ von Peter Weiss gemacht. Am Ende haben sie in einem Revolutionstext die Liste der reichsten Leute der Stadt vorgetragen. Mit Vermögensangaben. Aus dem Manager Magazin Spezial. Alles öffentlich, nichts Neues. Es gab trotzdem einen Riesenskandal. Die Senatorin rief beim Intendanten an. Verlangte, dass das so nicht rauskommt. Es gab Unterlassungsklagen. Da wurde mir klar, dass man über Armut zwar reden ̶ sie aber nicht ins Verhältnis zu Reichtum setzen darf.
Marlene: 2019 waberten in meiner Familie Gerüchte herum, dass es einen Erbfall, eine Übertragung geben wird. Für alle Enkel. Da war ich 27 Jahre alt. Kurz darauf bekam ich eine Terminanfrage vom Finanzberater meiner Großmutter. Ich wusste, dass es um ein zweistelliges Millionenvermögen geht. Ich war trotzdem überrascht. Ich hätte das ja ahnen, wissen können, dass da dieses Geld ist. Aber erst in diesem Moment wurde mir klar: es ist nicht mehr das Geld der Familie, jetzt wird es mein Geld.
Volker: Seit Hamburg will ich mehr über Reichtum erfahren.
Marlene: Seitdem beschäftigt mich das.
Volker: Mit richtig Reichen auf der Bühne über Reichtum reden!
Marlene: Ich fing ich an, das Buch zu schreiben.
Volker: Ich fing an, an Reiche zu schreiben.
Marlene: Aber das reichte nicht.
Volker: Aber das funktionierte nicht. Kam keine Antwort.
Marlene: Ich wusste eigentlich:
Volker: Ich komm an die nicht ran!
Marlene: Es ist ungerecht. Es ist gemein, es ist falsch, dass ich dieses Vermögen habe! Und wenn es falsch ist, muss ich etwas machen!
Volker: Dann sah ich Marlene im Fernsehen. Eine Wiener Multimillionärin, die fragte:
Marlene: Woher kommt das Geld denn?
Volker: Aus der Gesellschaft, sagte sie.
Marlene: Also muss ich es zurückgeben.
Volker: Nicht verschenken, nicht Almosen geben.
Marlene: Steuern zahlen.
Volker: Auf Vermögen Steuern zahlen. Vermögenssteuern. Gibts ja hier nicht mehr.
Marlene: Und auf Erbschaften Steuern zahlen. Gibt's in Österreich nicht mehr. Dann schrieb mir irgendein Theatertyp, den ich nicht kannte.
Volker: Und sie hat mir - reichlich spät - zurückgeschrieben. Und sie meinte:
Marlene: Gut. Ich mache mit.
Volker: Sie sei nicht nur bereit, sie sei sogar verpflichtet, öffentlich über Vermögen, über Geld zu reden.
Marlene: Wir sollten alle viel mehr über Geld reden!
Volker: Wir sollten alle über Reichtum reden!
Marlene: Über Reichtum, über Vermögen und Macht reden!
Volker: Reichtum, Vermögen, Macht, Kapitalismus und Superreichtum.
Marlene: Genauer gesagt: Überreichtum.
Volker: Das heißt: über den Punkt, wo Reichtum so groß wird, dass er in wirtschaftliche und politische Macht umschlägt.
Marlene: Über illegitime Macht der Überreichen.
Volker: Über das oberste Prozent.
Marlene: Und über das, was Überreichtum mit der Demokratie macht.
Volker: Achtung, Spoiler:
Marlene: Er macht sie kaputt. Und darum stehe ich jetzt hier, mit diesem, sagen wir mal großzügig, mittelalten weißen Theaterkünstler, dem es nicht so schlecht zu gehen scheint, der aber im Vergleich zu mir ein armer Schlucker ist. Und der aus der Sicht von meinesgleichen normalerweise für die harmlose Unterhaltung zuständig ist - und um Missverständnissen vorzubeugen: Kultur darf für uns Überreiche natürlich, selbstverständlich, um Gottes Willen auch kritisch sein, wir lieben kritische Künstler*innen, weil wir als Überreiche ja ganz genau wissen, wie folgenlos, wie harmlos, wie ungefährlich das für uns ist, wenn die sich so lustige Dinge ausdenken wie:
Volker: Liebe Leute! ! Sehr verehrtes Publikum! Begrüßen Sie jetzt mit mir die einzigartige, die superreiche,die millionenschwere - jetzt im Ernst, das ist real, das ist authentisch, die Frau ist echt! Extra aus Wien hierher gekommen! Nicht im Privatjet, obwohl sie das Geld dafür hätte, sondern in einem stinknormalen, wahrscheinlich verspäteten Zug, wo ganz normale Leute neben ihr sitzen! Begrüßen Sie mit mir diese außergewöhnliche Frau, der ich so dankbar bin, dass sie diesen unglaublichen Mut hat, öffentlich über Geld und Reichtum zu sprechen,dass sie uns hier ihre Zeit schenkt! Und darum einen ganz herzlichen Applaus, oder meinetwegen auch Buhrufe, scheißegal, make some motherfucking noise! Für diese sympathische, diese bescheidene, diese blitzgescheite, selbstkritische, witzige, gebildete, kompromisslose, radikale, einzigartige, superreiche, millionenschwere Millionenerbin Marlene Engelhorn!

1 — ÜBER GELD REDEN
Unsere Fortsetzungsreihe von »Geld ist Klasse«, ein Theaterstück über Ungleichheit und Überreichtum
mit Marlene Engelhorn, Volker Lösch und Marlene Reiter
Text: © Lothar Kittstein und Ensemble