Der Zug fuhr bei Nacht durch die DDR und stand stundenlang rum oder schlich langsam an orange beleuchteten Industrieschloten vorbei. Man konnte gut schlafen in den Reichsbahnwagen, es gab Sitzbänke ohne Unterteilung. Im Auto meiner Eltern war’s weniger bequem. Meine Mutter meinte, warum die Klos an den Raststätten so dreckig sein müssten, die könnten doch Devisen bringen. Das hab ich damals überhaupt nicht kapiert. Die DDR hat mich nicht interessiert. Mein Vater war von da, auf irgendeine Weise, aber er war noch klein gewesen, der Krieg und alles, was dazugehörte, war ewig lang her und die Mauer gab’s auch schon ewig. Die stand in Kreuzberg. Nach Kreuzberg würde ich ziehen, wenn ich groß war, wohin sonst. Ich würde ’rüberwinken von der Holzplattform aus. Ich würde die DDR im Rücken haben und sie würde mich und mein Westberliner Leben beschützen vor denen, denen es zu mühsam war, die DDR zu durchqueren. Die DDR war das Meer und Westberlin eine Insel. Nicht meine Metapher, aber für mich galt sie. Ich war gut in Geschichte und kannte Willy Brandt und die friedliche Koexistenz. Ich war für friedliche Koexistenz, immer schon, seit dem Kindergarten, wo ich gelernt hatte, dass man sich besser aus dem Weg geht, anstatt sich zu kloppen, wonach am Ende beide heulen und doch niemand wirklich ein Einsehen hat. Der Flüchtlingsteil meiner Familie sprach nie von verlorener Heimat. Mein Vater konnte alle möglichen Dialekte nachmachen und fand so ziemlich jede Landschaft schön. Es gab keine nennenswerte Verwandtschaft. Es gab keinen nennenswerten Besitz. Es gab Zeitläufte, meine Mutter liebte dieses Wort. Ich fand’s albern, was für ZEIT-Leser, genau wie das Siebeck’sche Weihnachtsmenü. Jetzt denke ich, dass sich in ihrer Zuneigung zu dem Begriff Dankbarkeit ausgedrückt hat; inzwischen bin ich auch dankbar für jeden sprachlich-musikalischen Trost. Die Zeit war reif, lautete jedenfalls der Kommentar zur Maueröffnung. Das System war am Ende, das konnte nicht mehr gutgehen so. Man kann Menschen nicht einsperren, die Menschen wollen raus und alles haben, was die anderen auch haben. Diese Lesart der Ereignisse war die einfachste, und die Fernsehbilder gaben ihr Recht. Es war komisch, dort zu sein, wo die Menschen hinwollten, und das zu haben, was die Menschen haben wollten, denn wir wussten ja, dass sie sich täuschten. Es war scheiße im Westen. Meine Schwester mochte schon, seit sie vier war, keine Bananen mehr, und was die DDR-Bürger sich heute alles kauften, würde morgen schon nicht mehr das Wünschenswerte sein. Es brauchte so viel mehr als hundert Mark Willkommensgeld. War’n die doof oder was? Ja, das war’n sie. Sie wählten Kohl. Egal, sagt T., der als Einziger von uns linksalternativen Abiturient*innen Marx gelesen hatte. Übergang, alles nur Übergang, so wie der real existierende Sozialismus auch. Eine kurze Konsumausgleichsbewegung, die man akzeptieren musste, eine kurze Fahnenschwenkphase, die sich schon weniger leicht aushalten ließ. Aber gut, wer waren wir, dass wir wussten, was für andere wichtig und richtig war. Und wenn die wegwollten, um das zu kriegen, was wir hatten, konnten wir hingehen und das nehmen, was sie nicht mehr wollten. Wohnungen mit Ofenheizung. Vierseithöfe in der Uckermark. Eine Bank im Rosental. Friedliche Koexistenz, geschmeidiges Ausweichen, komplettes Nichtverstehen. Hält bis heute an. Hat vielleicht sogar noch zugenommen. Mich als Siegerin sehen kann ich immer noch nicht. Die Grenzen gehen ja nicht kreuz, sondern quer, das hat gar nix mit Ost und West zu tun, schreibt Sarah Kirsch im April 1990 an Christa Wolf. Und: Die Mauer wird uns noch fehlen. Westdeutsche Mauerfallgeschichten sind keine, sagt mein Kommilitone V. im November 1999 in einer Leipziger Küche, und weil er sowieso schon kurz vor’m Heulen ist, halt ich den Mund und geb ihm damit Recht. Moment mal, sagt B., die in Westberlin aufgewachsen ist, ich hab auch was verloren. Ich überlege, was ich verloren habe. Nichts, also muss ich mich wohl doch als Siegerin fühlen. Aber so ist es eben nicht. Wenn ich Christa Wolf sehe, heute in einem Fernsehgespräch mit Günter Gaus von 1993, kommen mir die Tränen angesichts der Genauigkeit und Ernsthaftigkeit, mit der sie beschreibt, wie Erschütterung, Fremdwerdung, Desillusionierung, biografischer Umbruch – ob gesellschaftlich oder persönlich bedingt – ihr Schreiben erfordern und befördern zugleich. Es gibt so Etappen, erklärt sie, ganz klar gegliederte Etappen, von denen ich sagen kann davor und danach, und jedes Mal war ich danach ein Stückchen mehr bei mir und habe das ein Stück weiter auch in der Literatur zeigen können. Damit kann ich offenbar was anfangen. Das Ende der DDR war für mich als südwestdeutsch sozialisierte Achtzehnjährige kein derartiger Einschnitt, doch das macht nichts. Schließlich gibt es die Literatur. Wenn sie trägt, verträgt sie Übertragung auf die jeweils eigenen Einschnitte. Es kommt nicht darauf an, exakt dasselbe erlebt zu haben. Im Gegenteil, Literatur spricht vom Erleben anderer und wird im Lesen dann zu meinem eigenen.