Der Beginn des neuen Zeitalters wird häufig auf die »industrielle Revolution«, also die weltweite Durchsetzung der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise, datiert.1 Die menschlichen Herrschaftsverhältnisse – mit der besonders »dynamisierenden« Rolle des Kapitalverhältnisses –, wirken breit und über vielfältige Mechanismen. Dieses neue Zeitalter konfrontiert alle menschlichen Gesellschaften mit neuen Anforderungen – und aus sozialistischer Perspektive schafft es eine neue Begründung für die Notwendigkeit, die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden: Die Herstellung eines verantwortlichen, sich der Begrenztheit menschlicher Kontrolle über die biosphärischen Prozesse bewussten und daher auch »fehlerfreundlichen« Umgangs mit biosphärischen und planetaren Ressourcen. Derlei verantwortlicher Umgang ist – wie die Geschichte der globalen Nachhaltigkeitspolitik seit Rio 1992 deutlich zeigt – auf der Grundlage der »planlosen Planung«, wie sie Wirtschaft und Politik unter der Herrschaft des Kapitals prägt, erfahrungsgemäß nicht möglich. Einen grün-sozialistischen Übergang durchzusetzen ist langfristig die einzig redliche Antwort auf die Herausforderungen des neuen erdgeschichtlichen Zeitalters. Diese Einsicht muss innerhalb der »Menge der Vielen« durchsetzungsfähige Trägerkonstellationen zunächst für eine Abwehr der dringendsten Gefahren und dann zunehmend für einen künftigen grün-sozialistischen Übergangsprozess auf dem gegenwärtigen Stand der Produktivkraft- bzw. der damit untrennbar verknüpften Destruktivkraftentwicklung der Menschheit finden, verdichten, vernetzen und mit aufbauen.

Geschichte des Ökosozialismus2

Als deutlich geworden war, dass weder die Krise des »westlichen« Fordismus noch die des »östlichen« Realsozialismus zu einer wirklich sozialistischen Alternative drängten, wurde fraglich, ob die Herausforderungen mit »sozialistischer Übergang« bzw. »sozialistische Transformation« noch hinreichend formuliert werden konnten. Umweltkrisen und die historische Sackgasse des »Atomzeitalters« drängten dazu, die Ökologie als das Fehlende in den unterschiedlichen Sozialismus-Konzeptionen zu sehen – wobei »Ökologie« auch so weit gefasst wurde, dass feministische, anti-rassistische, antiimperiale und radikal-demokratische Anliegen »mit gemeint« sein sollten. »Ökosozialismus« wurde auf diese Weise zum umkämpften Begriff einer ganzen Reihe von Ansätzen und Strömungen – zunächst im deutschen und französischen Sprachraum, dann auch auf der iberischen Halbinsel, in Italien und Griechenland und im angelsächsischen Sprachraum. Ein erstes »ökosozialistisches Manifest« hat dann Ende der 1980er Jahre von Frankreich, Deutschland und England aus diese erste Phase der Debatte zusammenzufassen versucht. Der zentrale Mangel dieser Debatte bestand darin, dass sie die eigenständige Materialität und Widersprüchlichkeit der unterschiedlichen mit der Kapitalherrschaft verbundenen Herrschaftsverhältnisse nicht ausreichend analysierte und in ihrem »Anti-Kapitalismus« weitgehend theoretisch schwach blieb und sich meist mit den in der kommunistischen Arbeiterbewegung entwickelten Vereinfachungen der Imperialismus- und Kapitalismus-Analyse zufrieden gab. Auch die mechanische Übertragung der maoistischen »Nebenwiderspruchsdebatte« (die auf das Verhältnis von bäuerlichen und proletarischen Kämpfen gezielt hatte) sowie der trotzkistischen Debatte über »Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit« (in der es um internationale Differenzen zwischen unterschiedlichen Gesellschaften gegangen war) auf das Verhältnis der unterschiedlichen Dimensionen von Herrschaftsverhältnissen waren wenig hilfreich. Das führte dazu, dass einerseits eine pragmatische Verflachung einsetzte – vor allem im Zuge der Integration von Trägern ökosozialistischer Positionen durch die deutschen, französischen und englischen Grünen–, während sich andererseits sektiererische Zuspitzungen durchgesetzt haben, deren Umsetzung in wirkliche Politik blockiert blieb. Auch dieser Versuch, aus der Krise des Fordismus heraus den Weg zu einem neu bestimmten sozialistischen Übergang zu finden und durchzusetzen, scheiterte letztlich daran, dass es den ihn tragenden Kräften weder gelungen ist, eine hinreichende Einheit der linken Kräfte auf erneuerter Grundlage zu schaffen, noch den gewalttätigen und zugleich »innovativen« Gegeninitiativen der Herrschenden wirksam entgegenzutreten. Mit dem Scheitern der Transformationsversuche aus der Krise des Fordismus heraus, der Durchsetzung und dem Aufstieg des neoliberalen Politikmodells und der abrupten Beendigung des Realsozialismus traten die ökosozialistischen Ansätze zunächst völlig in den Hintergrund. Vor allem in den USA und der anglophonen Weltöffentlichkeit entfaltete sich jedoch eine bedeutende ökosozialistische Debatte getragen etwa von Jim O’Connor und der von ihm begründeten Zeitschrift Capitalism, Nature, Socialism, auch von John Bellamy Foster und Paul Burkett. International bedeutend wurden vor allem die feministischen Versuche, sozialistische Radikalität mit feministischer Analyse zu verbinden, für die exemplarisch die Engländerin Mary Mellor und die Australierin Ariel Salleh stehen. Erst nachdem die Widersprüche neoliberaler Politik global erfahren wurden, entfaltete sich um Michael Löwy und Joel Kovel herum eine ernsthafte ökosozialistische Diskussion mit gesellschaftspolitisch eingreifender Intention.Mit globaler Unterstützung wurde ein ökosozialistisches Manifest vorgelegt; der beeindruckende gedankliche Reichtum konnte noch keine politischen Initiativen ergreifen oder mittragen. Woran hat es gelegen, dass diese Aktualität des Ökosozialismus bis heute bestenfalls virtuell geblieben ist? Erstens hat die Linke insgesamt immer noch ein unzureichendes Verständnis von der Dynamik und Gewalt der Kapitalherrschaft und unterschätzt daher die Schwierigkeit, ihr von unten eine wirksame »Einheit in den Kämpfen« entgegenzustellen und offensiv zu wenden. Das galt auch für die Vertreter ökosozialistischer Positionen. Zweitens hat sich die nach-fordistische Linke eine falsche Alternative aufreden lassen: entweder an der Marxschen Kritik der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise festzuhalten oder aber andere gesellschaftliche Bewegungen gegen Herrschaftsstrukturen als solche anzuerkennen und als notwendige Verbündete für eine Überwindung der Kapitalherrschaft in konkreten historischen Gesellschaftsformationen zu begreifen. Diese Alternative muss zurückgewiesen werden – beides ist dringend erforderlich, um eine emanzipativ transformatorische gesellschaftliche Kraft aufzubauen.

Strategische Konstellationen

In der aktuellen Krise muss – global – eine Strategie entwickelt und umgesetzt werden, mit der die sozialistische Überwindung der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise mit der feministischen Überwindung modernisierter patriarchalischer Herrschaftsstrukturen, mit der antirassistischen und antiimperialen Überwindung internationaler Abhängigkeitsverhältnisse und mit der radikalökologischen Durchsetzung eines verantwortlichen und pro-ökologischen Umgangs mit der Rolle der Menschheit im Anthropozän verbunden wird. Diese Aufgabe reicht bis in die Basisstrukturen der Gesellschaften, muss also von wirklichen sozialen Bewegungen in Angriff genommen werden, bevor sie intellektuell artikuliert, zivilgesellschaftlich organisiert, parteipolitisch zugespitzt und durch Staatsgewalt in ihrer breiten Umsetzung ermöglicht werden kann. Zentrale Kriterien für derartige Vorstöße und Eingriffe sind zum einen ihr möglicher Beitrag zur Überwindung der tiefer liegenden Krisen – der Kapitalakkumulation, des Metabolismus der Menschheit als erdgeschichtlicher Kraft, der herrschaftlichen Prägungen von Geschlechter- und Generationenverhältnissen und der imperialen Prägungen der globalen Konstellation von Staaten und Staatenverbündeten; zum anderen ihre mögliche Rolle in der Entfaltung der demokratischen Handlungsfähigkeit der unterschiedlichen »Mengen der Vielen« (multitudo). In der gegenwärtigen »großen Krise« ist ein grün-sozialistisches Projekt durch die umkämpften Versuche eines weitreichenden »Umbaus von oben« herausgefordert, durch den die herrschenden Eliten »alles zu verändern« suchen, damit »alles so bleiben« kann. Dagegen sind sozialökologische Umbauprojekte zu propagieren und zu verankern – in deren Erkämpfung schrittweise die Konstellation von Akteuren aufgebaut werden kann, die einen ökosozialistischen Übergangsprozess einleiten können.6 Das geht weit über Koalitionsdebatten hinaus. Auch ein bewegungsoffenes »Cross-over« unterschiedlicher linker Parteien wird nicht ausreichen, um die notwendige Kräftekonstellation aufzubauen. Wir brauchen eine Debatte über die Strategien eines grün-sozialistischen Transformationsprojekts als Ergebnis von vielfältigen Kämpfen gewerkschaftlicher, zivilgesellschaftlicher und parteipolitischer Kräfte. Ein Projekt, das dem »passiven« Transformationsprojekt der Herrschenden den Durchbruch zu einer radikal demokratischen Transformation von unten abringen kann, das den Akkumulationszwang des Kapitals – und die wachsende Belastung der planetaren Ökosysteme – wird brechen müssen, um eine ganz neue gemeinsame gesellschaftliche Perspektive auf ein gutes Leben entfalten zu können.  

Anmerkungen

1 Simon Dalby (Anthropocene Geopolitics: Globalisation, Empire, Environment and Critique, in: Geography Compass 1/1 [2007]: 103–18, 111–4: »6 Anthropocene geographies«) hat die von Paul Crutzen in Gang gebrachte Debatte kritisch kontextualisiert, aber die hier vertretene Grundthese verstärkt. 2 Meine eigenen Stationen im Zusammenhang von Ökologie und Sozialismus in Stichworten: Die Kasseler »Sozialistische Konferenz« 1980, die Gründung der »Modernen Zeiten« 1981, Trampert und Ebermanns »Zukunft der Grünen« 1983, das erwähnte »ökosozialistische Manifest« der Gruppe um Pierre Juquin. Vgl. Frieder Otto Wolf, 1994: »Ökosozialismus als politische Perspektive«, in: Richard Faber (Hg.), Sozialismus in Geschichte und Gegenwart, Würzburg. 3 In Deutschland veröffentlicht als »Eine grüne Alternative für Europa«, Hamburg 1990. Parallele Veröffentlichungen auf Portugiesisch, Baskisch, Kastilisch, Katalanisch, sowie 1995 auf Englisch. Zuerst auf Französisch verfasst (veröffentlicht Paris 1989) von dem aus der PCF ausgetretenen »Erneuerer« Pierre Juquin. 4 Vgl. Frieder Otto Wolf, Socialist Register 2006, dt. 2007: »Lehren aus dem grünen Parteibildungsprojekt«, in: Sozialistische Hefte 14, 16–27. 5 Vgl. Frieder Otto Wolf in ak – analyse & kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 536 v. 20.2.2009. 6 Vgl. Frieder Otto Wolf, Judith Dellheim, Lutz Brangsch und Joachim Spangenberg, 2012: Den Krisen entkommen. Sozialökologische Transformation, Berlin.