Für den Kampf gegen den Klimakollaps und für die nachhaltige, gerechte Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft braucht es starke Bündnisse von unten. Zentral dabei ist, wie es gelingen kann, Arbeiter*innen- und Umweltbewegung zu verbinden. Der Begriff „Labour Environmentalism” wird verwendet, um diese Verbindung zu beschreiben.[1] Noch ist Labour Environmentalism in Europa keine stark etablierte Bewegung. In Deutschland scheint die Zukunft einer solchen Verbindung derzeit besonders ungewiss, angesichts der Rückschritte in der grünen Modernisierung, etwa durch den Abschied vom „Verbrenner-Aus”, der von der IG Metall unterstützt wird, oder einer Phase des Stillstands nach dem Auslaufen der Kampagne „Wir Fahren Zusammen” im letzten Jahr. Was können die nächsten Schritte für eine Bewegung für ökologische Klassenpolitik sein?
Wir wollen hier, Erfahrungen, Strategien und Lehren der britischen Labour-Environmentalism-Bewegung teilen. Denn wir glauben, dass der solidarische Austausch für die Entwicklung unserer Bewegungen ungemein hilfreich sein kann.
Transformation und Gewerkschaften in Deutschland und Großbritannien
Wenn man von anderen Bewegungen lernen will, ist es entscheidend, den nationalen Kontext zu kennen. In Bezug auf den grünen industriellen Wandel befinden sich Großbritannien und Deutschland an unterschiedlichen Punkten: Deutschland verfügt nach wie vor über eine bedeutende industrielle Produktionsbasis, die 20 Prozent des BIP ausmacht und deren Ansatz für den grünen Wandel sich als „staatlich gelenkte Öko-Modernisierung” zusammenfassen lässt (Schulz u.a. 2025). Diese Entwicklung ist allerdings bereits in eine „blockierte Transformation“ gemündet (Becker 2023).
Die industrielle Produktion im Vereinigten Königreich hingegen ist seit den 1990er Jahren von 17 auf 9 Prozent des BIP geschrumpft, was zu einer starken Deindustrialisierung im Land geführt hat. Unter der Labour-Regierung erfolgte das Greening in begrenztem Umfang durch Marktanreize und Subventionen bei Fortführung der Privatisierung wichtiger Industriezweige (Williams 2025).
Im Hinblick auf die Arbeiter*innenbewegung in Großbritannien gibt es Gemeinsamkeiten mit deutschen Gewerkschaften. In vielerlei Hinsicht sind britische Gewerkschaften immer noch von ihrer Niederlage in den 1980er Jahren unter der Regierung Thatcher geprägt. Teil dieser anhaltenden Offensive des Kapitals waren gesetzliche Beschränkungen, darunter ein Verbot von Solidaritätsstreiks und, was für den Kampf um den Übergang am relevantesten ist, die Beschränkung von Arbeitskampfmaßnahmen auf „Löhne und Arbeitsbedingungen” am Arbeitsplatz. Seitdem haben sich die meisten Gewerkschaften weitgehend auf eine begrenzte, defensive Rolle zurückgezogen, ihren militanten Aktionsradius eingeschränkt und verfolgen, wenn möglich, „partnerschaftliche Ansätze” mit den Unternehmen. Diese Situation ist jener in Deutschland mit „Sozialpartnerschaft” zwischen Gewerkschaften und Unternehmen sowie dem allgemeinen Verbot politischer Streiks vergleichbar. Obwohl Gewerkschaften sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland eine institutionalisierte Position haben, kann man nicht sagen, dass sie derzeit einen eigenständigen transformativen Weg in Bezug auf den ökologischen Wandel einschlagen, auch weil sie ähnlich gesetzlich eingeschränkt sind. Die IG Metall hat zwar viele Initiativen für einen „fair-Wandel“ auf den Weg gebracht und unterstützte bis zuletzt konsequent den Antriebswechsel hin zur E-Mobilität in der Autoproduktion – eine eigenständige Praxis für eine Konversion blieb jedoch aus.[2]
Stand des Labour Environmentalism in Deutschland
Während die Forschung und Vernetzung zwischen verschiedenen Teilen der Linken zu Fragen der sozial-ökologischen Transformation und des gewerkschaftlichen Umweltschutzes in Deutschland in den letzten Jahren zugenommen hat, gab es bisher wenig Experimente im Bereich des Labour Environmentalism. Die einflussreichste Kampagne in Deutschland bleibt „Wir Fahren Zusammen“ (WFZ) – eine gemeinsame Kampagne der Gewerkschaft ver.di und Fridays for Future (inspiriert von Jane McAleveys Organising-Ansatz), die bessere Arbeitsbedingungen und mehr Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr forderte (vgl. Autor*innenkollektiv CLIMATE.LABOUR.TURN 2023). WFZ war von 2020 bis 2024 erfolgreich darin, unzählige Klimaaktivist*innen in die Arbeiter*innenbewegung einzuführen und sie sowie die Beschäftigten im öffentlichen Nahverkehr für linke Politik zu aktivieren. Doch selbst wenn Klimaaktivist*innen ein Verständnis für die Bedeutung der Arbeiter*innenbewegung entwickeln, fällt es schwer Positionen zu finden, die beide Interessenlagen verbinden.
Dies gilt auch für den britischen Kontext und stellt eine Herausforderung dar, der sich Organisationen wie das Worker Climate Project (WCP) annehmen. WCP wurde in erster Linie gegründet, um bestehende Transformations-Initiativen in der Arbeiter*innenbewegung zu finden und ihnen zu helfen, sich miteinander zu vernetzen, z.B. durch eine groß angelegte Umfrage in der Gewerkschaftsbewegung, durch deren Datensammlung dann Kontake zwischen gleichgesinnten Gewerkschafter*innen hergestellt werden konnten. Andere Ansätze des WCP waren eine Interviewreihe mit bereits aktiven Gewerkschafter*innen und die Organisation von überregionalen Roundtables. Diese Arbeit hat eine beträchtliche Anzahl von Klimaaktivist*innen für WCP gewonnen, die nach einer Möglichkeit gesucht haben, sich für die nachhaltige Transformation in der Gewerkschaftsbewegung zu engagieren.
Großbritannien: Praktische Experimente in Labour Environmentalism
Möglicherweise trug die starke Deindustrialisierung in Großbritannien zur – zwar ungleichmäßigen, aber im Vergleich zu Deutschland weiter gehenden – Entwicklung des Labour Environmentalism bei. Es gibt eine Vielzahl experimenteller Formen eines sozialistischen und von Arbeiter*innen getragenen Verständnisses der Klimakrise. Ein wichtiger erster Meilenstein war die Veröffentlichung der einflussreichen Broschüre „One Million Climate Jobs” (Eine Million Klimajobs) durch die Gewerkschaftsgruppe „Campaign Against Climate Change” im Jahr 2009, die eine detaillierte sektorale Vision entwarf und damit der Darstellung widersprach, dass Klimaschutz und der Schutz von Arbeitsplätzen unvereinbar seien (vgl. Campaign against Climate Change 2011, Neale u.a. 2014). Im Jahr 2010 wurde dann die Greener Jobs Alliance gegründet, die seit einem Jahrzehnt einen monatlichen Newsletter herausgibt, in dem detailliert beschrieben wird, wie Transformationsbemühungen in der Gewerkschaftsbewegung voranschreiten und wie die Klimabewegung sie unterstützen kann. Mit der Verbreitung des Bewusstseins für die Rolle von Arbeiter*innen in der Klimakrise entstanden in den Gewerkschaften verschiedene Netzwerke von „green reps” – eine Rolle, die zwar nicht die gleiche rechtliche Anerkennung genießt wie andere Beschäftigtenvertretungen (z.B. im Bereich Gesundheit und Sicherheit), aber zunehmend von den Gewerkschaftsorganisationen unterstützt wird (Perry 2023).
