In Ihrer Forschung vergleichen Sie Diskriminierungserfahrungen von Ostdeutschen und Muslim*innen. Wie kam es dazu? 

Meine Kolleg*innen und ich haben beobachtet, dass bestimmte Stereotype, die seit Jahrzehnten gegenüber Ostdeutschen etabliert sind, auch über Muslim*innen geäußert werden, etwa der Vorwurf einer »Opferhaltung«. Uns fiel außerdem auf, dass viele Ostdeutsche von Erfahrungen berichten, die denen von Migrant*innen ähneln: das Gefühl des Heimatverlusts und der Fremdheit, das Erinnern an vergangene Sehnsuchtsorte, das fehlende Angekommensein und vor allem die Abwertung. Diese Analogien lohnt es genauer anzuschauen. Darum haben wir in einer repräsentativen Studie am DeZIM-Institut Stereotype und Abwertungserfahrungen erhoben und 2019 unter dem Titel »Ost-Migrantische Analogien« veröffentlicht. 

Worin besteht das politische Potenzial dieses Ansatzes? 

Wir haben uns gefragt, was es bedeutet, wenn gegenüber zwei völlig unterschiedlichen Gruppen ähnliche Stereotype greifen. Sagt das womöglich weniger über diese Gruppen aus als über die gesellschaftlichen Machtverhältnisse? Ist das ein Hinweis darauf, dass die Abwertung dieser ›Anderen‹ eine Funktion hat, nämlich die Hegemonie derjenigen abzusichern, die gesellschaftlich oben stehen? Die ›Anderen‹ wären dann letztlich austauschbar und müssten sich gar nicht ähneln. Heute sind es Muslim*innen, morgen Sinti und Roma oder nonbinäre Menschen, Ostdeutsche oder Asiat*innen – alle diese Gruppen werden außerhalb der Norm platziert. Damit wird ihnen selbst gleichsam die ›Schuld‹ für die Ungleichheit zugeschoben. 

Was ist das wichtigste Ergebnis der Studie? 

Es wurde deutlich, dass Ostdeutsche tatsächlich mit ähnlichen Abwertungen konfrontiert sind wie Muslim*innen. Westdeutsche werfen beiden Gruppen vor, sich zum Opfer zu stilisieren, sich nicht vom Extremismus zu distanzieren und »noch nicht im heutigen Deutschland angekommen« zu sein. Das heutige Deutschland wird wohl immer noch als die alte BRD imaginiert. Beide Gruppen werden stereotypisiert und migrantisiert. Interessant ist, dass Ostdeutsche die prekäre Lage der Muslim*innen durchaus anerkennen: Etwa 35 Prozent stimmten der Aussage zu, diese würden »wie Bürger zweiter Klasse« behandelt. Sie sehen sich selbst aber als genauso benachteiligt und mit den gleichen Aufstiegshürden konfrontiert. Westdeutsche wiederum erkennen zwar die prekäre Lage der Muslim*innen an, nicht aber die Ungleichheiten, mit denen Ostdeutsche konfrontiert sind. Damit ignorieren sie die Wunden der Wiedervereinigung. Es wird also durchaus anerkannt, dass Muslim*innen von Ungleichheit betroffen sind. Ja. Aber sowohl West- wie Ostdeutsche fühlen sich durch einen möglichen sozialen Aufstieg von Muslim*innen in ihrem Status bedroht. Sie fürchten Bildungskonkurrenz und Teilhabekonflikte. Gegenüber einem Aufstieg von Ostdeutschen gibt es solche Vorbehalte im Westen nicht. Sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland herrschen muslimfeindliche Einstellungen vor, in Ostdeutschland sind sie allerdings stärker ausgeprägt. Diese Angst vor der Mobilität der ›Anderen‹ ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt problematisch. Sie impliziert, dass selbst eine gelungene Integration von Muslim*innen als negativ empfunden werden kann. 

Könnten ähnliche Erfahrungen der Ausgrenzung nicht auch zur Solidarisierung führen?

Das Gefühl mangelnder Anerkennung trägt eher dazu bei, den Aufstieg der ›Anderen‹ abzuwehren. Laut unserer Studie hätte fast jede zweite Person in Ostdeutschland ein schlechtes Gefühl, wenn mehr Muslim*innen in wirtschaftliche Führungspositionen kämen. 53 Prozent befürchten, Muslim*innen würden umso mehr Forderungen stellen, je besser es ihnen geht. Es scheint, als würden sich Ostdeutsche auch über die Degradierung von Migrant*innen in der Hierarchie hochrangeln. Als suchten sie einen Andockpunkt an die westdeutsche Dominanzgesellschaft, nach dem Motto »Immerhin sind wir alle Deutsche«. Wir haben das als »Kampf um den zweiten Platz« beschrieben. Dabei geht es nicht nur um ökonomische Ressourcen, sondern auch um die Verteilung sozialer Güter, um politische Partizipation und Repräsentation. Zudem spielt die Anerkennung von Lebensstilen eine Rolle. Schlussendlich geht es auch um emotionale Ressourcenverteilung: Wer gehört zum neuen Deutschlandbild dazu – die Migrant*innen oder die ›Ossis‹? 

Sie sprechen immer wieder von der »Dominanzgesellschaft«. Warum? 

Das Wort ist konkreter als »Mehrheitsgesellschaft«. Es geht nicht um die numerische Mehrheit. Sondern um die Macht, die Gesellschaft in normal oder fremd, in mehr oder weniger wert einzuteilen. Der Begriff geht auf Birgit Rommelspacher zurück und beschreibt eine gesellschaftliche Ordnung, die auf Hierarchien und Differenzlinien basiert, etwa zwischen arm und reich, Frau und Mann, Ost und West, Schwarz und weiß. Sie rechtfertigen den unterschiedlichen Zugang zu Macht und Ressourcen. Die dominante Gruppe hat in ihren Verflechtungen jeweils eine strukturelle, aber auch psychische und soziale, kulturelle und diskursive Macht, diese Einteilung durchzusetzen. So war etwa die westdeutsche Vorstellung, dass Frauen ihr Kind in den ersten drei Jahren zu Hause betreuen sollen, lange dominant. Ostdeutsche Mütter, die ihr Kind mit einem Jahr in die Kita brachten, galten als Rabenmütter. Die Dominanzgesellschaft definiert die Norm, die Normalität – und somit auch die Devianz, die Abweichung. 

Welche politischen Forderungen würden denn die Interessen von marginalisierten Gruppen bündeln und stärken? 

Ein Befund unserer Studie war sehr überraschend: Es gibt in der Bevölkerung eine erstaunlich hohe Zustimmung zu Quoten, um Ungleichheiten strukturell zu beheben. In Ost- und Westdeutschland waren über 50 Prozent für eine Frauenquote und ein Drittel für eine Migrantenquote. Das hat die LINKE in Berlin mit der Senatorin Elke Breitenbach ja auch versucht, als sie zu Beginn des Jahres 2021 eine Gleichstellungsquote für den öffentlichen Dienst forderte. Sie ist damit an der SPD gescheitert – ein fatales Signal an die Berliner Wähler*innen mit Migrationshintergrund. 

Gab es auch Befürchtungen, dass Ihre Studie das Spezifische am Rassismus relativiert? 

Vor allem von migrantischer Seite gab es die Kritik, dass die Studie Rassismus verharmlose und die Erfahrungen von Ostdeutschen und Migrant*innen gleichsetze. Ich kann das zwar nachvollziehen, möchte aber klarstellen, dass wir selbstverständlich nicht von gleichen Erfahrungen sprechen. Eine Analogie ist keine Gleichsetzung. Bei den Strukturdaten von Armut und Arbeitslosigkeit, Bildung und Gesundheit sind Muslim*innen in Deutschland eindeutig und objektiv schlechter gestellt. Muslim*innen und Menschen, die als Muslim*innen gelesen werden, erleben seit Jahrzehnten massive Abwertung, werden angegriffen und auch getötet, wie zuletzt in Hanau. Beinahe täglich werden antimuslimische Taten in Deutschland registriert. Ostdeutsche müssen keine gewalttätigen Bedrohungen fürchten. Sie gehören in weiten Teilen des Landes selbst zur Dominanzgesellschaft. Gleichzeitig sagten viele Ostdeutsche in qualitativen Befragungen, die mein Kollege Daniel Kubiak durchgeführt hat, wie sehr es sie treffe, dass ganz Ostdeutschland pauschal als rechtsextrem dargestellt wird. Ihr Bemühen um eine offene Gesellschaft, ihre antirassistische Arbeit werde dadurch unsichtbar. 

Sollen wir also nicht über die rechte Bedrohung im Osten reden, um das Stereotyp des »braunen Ostens« zu vermeiden?

Es geht nicht darum, den antimuslimischen Rassismus zu relativieren, der im Osten tatsächlich präsenter ist. Nur: Er ist auch in Westdeutschland bei mehr als einem Drittel der Bevölkerung anzutreffen. Und darüber wird zu wenig gesprochen. Indem der Rassismus in den Osten abgeschoben wird, entledigt sich Westdeutschland der eigenen Verantwortung. Denn Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen – das haben nicht zuletzt die Morde in Hanau gezeigt, die von einem westdeutschen Täter begangen wurden. 

In Ihrem Buch »Die postmigrantische Gesellschaft« schreiben Sie: »Die Migrationsfrage stellt sich als soziale Frage.« Was meinen Sie damit?

Entlang der Migrationsfrage werden zentrale gesellschaftliche Themen verhandelt: Verteilungsgerechtigkeit, Ungleichheit, Repräsentation und Diskriminierung. Der Zugang zu Bildung, zum Arbeits- und Wohnungsmarkt wird immer wieder anhand der migrantischen Figur diskutiert, dem migrantischen Kind, der migrantischen Frau oder Familie. »Der Migrant« ist nicht nur eine demografische Realität, sondern auch eine diskursive Kunstfigur, an der sich das Gleichheitsversprechen unserer Demokratie überprüfen lässt. Die Migrationsfrage überdeckt dabei einerseits persistente soziale Fragen. Sie kann auf der anderen Seite aber auch wie ein Prisma wirken, das die Aufmerksamkeit für soziale Probleme bündelt und dann wieder bricht. Es lenkt den Blick auf gesellschaftliche Konflikte und uneingelöste Versprechen. Diese dialektische Funktion von Migration zu erkennen, bezeichne ich als postmigrantische Perspektive. Dennoch werden antirassistische Kämpfe oft als »Identitätspolitik« kritisiert und von den Klassenfragen getrennt. Diese Debatte ist zum Teil von Unkenntnis und vielen Plattitüden getragen. Die größte lautet, dass identitätspolitisches Handeln nur den Bedürfnissen und Befindlichkeiten einzelner Gruppen diene. Das blendet aus, dass es ein legitimes Recht gibt, sich gegen teils jahrhundertelange Ungleichheit zu organisieren. Und es verkennt, dass Identitätspolitik nicht nur den Scheinwerfer auf das eigene Leid lenkt, sondern eine Aufforderung an die gesamte Gesellschaft formuliert: Gleichheit und Emanzipation als politisches Ziel ernst zu nehmen. Ich finde Kritik an Identitätspolitik nachvollziehbar, wenn sie sich gegen eine radikale und vernichtende Debattenkultur richtet. Mir geht es aber nicht um tone policing [1]– bei so existenziellen Fragen wie Rassismus ist es nicht angebracht, mokant auf eine bürgerliche Diskursattitüde zu verweisen. Gelassenheit ist das Privileg derer, die Benachteiligung nicht am eigenen Leib spüren müssen. Diese Wut muss die Gesellschaft aushalten, und auch die Infragestellung etablierter Privilegien. 

Aber in welchem Verhältnis stehen denn sogenannte Identitäts- und Klassenfragen? 

Grundsätzlich ist die Migrationsfrage nicht von der Klassenfrage zu trennen. Migrant*innen in Deutschland sind überproportional Arbeiter*innen. Ebenso wenig ist die Geschlechterfrage von der Klassenfrage zu trennen. Der Mikrozensus lehrt uns, dass die Armutsgefährdungsquote bei alleinerziehenden Frauen mit am höchsten liegt. ›Die da unten‹ sind schon lange auch ›die Frauen‹ und ›die Migrant*innen‹. Für sie entspringt Antidiskriminierung oder Genderpolitik nicht einer kosmopolitischen Gesinnungsethik. Es ist handfeste Interessenvertretung und Politik gegen Ungleichheit. Die Klassenfrage ist also auch migrantisch und auch feministisch – sie ist auch identitätspolitisch. Die Frage ist deshalb: Wie kriegt man die drei Ungleichheitslinien zusammengedacht und nicht gegeneinander ausgespielt? 

In Ihrem Buch »Die Gesellschaft der Anderen«, das Sie 2020 gemeinsam mit Jana Hensel veröffentlicht haben, schlagen Sie »strategische Allianzen« marginalisierter Gruppen vor.

 Das Hauptproblem des linken und migrationsfreundlichen Spektrums ist, dass es zersplittert ist. Es bildet einen viel größeren Teil der Gesellschaft, ist aber in sich gespalten. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir lernen, über Meinungsdifferenzen hinwegzusehen und den kleinsten gemeinsamen Nenner der Akteure zu finden. Wir werden Ungleichheit nicht überwinden, wenn alle nur für sich kämpfen. Schon gar nicht, wenn es nur diejenigen sind, die davon betroffen sind. Es geht um eine Allianz von sozialen Gruppen, die nicht gleichermaßen an den zentralen Gütern der Gesellschaft beteiligt werden. Eine postmigrantische Allianz – nicht nur von Migrant*innen, sondern auch von Frauen*, Menschen mit Behinderung und vielen mehr – würde nicht ›nur‹ für sich, sondern für die gleichen Rechte aller kämpfen. 

Wie geht man mit den unterschiedlichen Positionierungen um, wenn man breite Allianzen will? 

Es kommt auf eine strategische Kombination an: Wir müssen die Communities selbst stärken – also diejenigen, die über gemeinsame strukturelle, kulturelle, soziale oder emotionale Identifikationen verbunden sind. Und wir müssen die Allianzen nach außen stärken, zwischen den Communities, aber auch mit Akteuren der Dominanzgesellschaft. Die eigene Herkunft und Erfahrung kann man identitär einsetzen, um zu mobilisieren, zu bonden, sich zu positionieren. Aber kämpfen muss man mit Verbündeten auf der Basis einer gemeinsamen Haltung zur Welt. Und dafür braucht es auch diejenigen, die die Macht haben, wirklich etwas zu verändern. Feminismus ohne Männer geht zum Beispiel nicht. Wie schlagkräftige Allianzen über die eigene Community hinweg aussehen können, ist bei dem Bündnis #unteilbar zu sehen oder in den breiten Anti-Pegida-Demonstrationen. 

Es geht also um einen strategischen Zugang zu Identitätspolitik? 

Bei Identitätspolitik geht es immer um eine strategische Essenzialisierung. Es werden Gruppen aufgerufen, die in Wahrheit zutiefst heterogen sind. Gayatri Spivak hat dafür den Begriff des strategischen Essenzialismus geprägt. Sie fragte sich, wie man, Unterdrückungsverhältnisse kritisieren kann, ohne den Unterdrücker und die Unterdrückten zu benennen. Aber ihr war klar, dass solche Kategorien immer essenzialisierend sind. Sie kochen heterogene Lebensrealitäten und Identifikationen, die aus sich überschneidenden Machtverhältnissen mit je eigenen Erfahrungen entstehen, in einfache, stereotype Happen ein. Das produziert immer Irritationen. 

Die Linke will die »soziale Frage« in den Vordergrund stellen. Viele Marginalisierte und Migrant*innen fühlen sich davon aber nicht angesprochen. Warum? Was müsste sich ändern? 

Die gesellschaftliche Linke und die Partei DIE LINKE müssen anerkennen, dass Race- und Gender-Fragen nicht von der Klassenfrage ablenken. Sie sind im Gegenteil immer schon eng mit den zentralen ökonomischen Konflikten verbunden. Wir können von Geschlechtergerechtigkeit, Rassismuskritik und Antidiskriminierung nicht abrücken in der Angst, dass sich ›die da unten‹ davon provoziert fühlen. Denn die Figur des ›kleinen Mannes‹ fängt die Lebensrealitäten der Menschen längst nicht mehr ein. Diversität spielt sich nicht nur im kosmopolitischen Milieu ab, sie ist auf der Straße, in der Kneipe und im Dorf lange schon Alltag. Dafür hat die Linke aus meiner Sicht noch keine Fragestellung entwickelt. Ihre Idee besteht im Universalismus, darin, dass die Herkunft nicht zählen sollte. Das ist ein wichtiger Gedanke. Aber wenn wir gleichzeitig wissen, dass laut PISA und Timms und Statistischem Bundesamt die Herkunft deutlich über Ungleichheitsverhältnisse bestimmt ist, dann ist damit eben nicht nur die Klassenherkunft gemeint. Wenn ein Kind Ali oder Ayşe heißt, kann sein Vater Atomphysiker sein und im Prenzlauer Berg wohnen – die Lehrkräfte bewerten seine Leistungen trotzdem schlechter und trauen ihm weniger zu. Das wiederum kann sich auf den gesamten Lebensweg auswirken. Diese Erfahrung müssen Linke noch deutlicher aufgreifen. Sie müssen die Trias von Race, Class und Gender noch stärker in ihrer Verschränkung verstehen, um wirklich all diejenigen anzusprechen, die von Marginalisierung betroffen sind. 

Das Gespräch führte Hannah Schurian.  

[1] Als tone policing wird eine Kritik bezeichnet, die sich auf einen vermeintlich zu emotionalen Tonfall bezieht, mit dem eine Aussage vorgetragen wird.

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