Rund 25 Jahre nach Gründung ist Amazon nicht nur der größte Online-Händler der Welt, sondern auch Filmproduzent, Streaming-Dienst, Logistikunternehmen, Produzent von Sicherheitstechnologie und weltgrößter Anbieter von Cloud Computing. Ihr sprecht im Buch von einem "Amazon-Kapitalismus". Was ist damit gemeint? Was ist, abgesehen von der Größe, das Besondere an Amazon? 

Ellen Reese: Amazons kometenhafter Aufstieg ist unserer Meinung nach ein Schlüsselmoment im globalen Kapitalismus. Im Machtzuwachs des Unternehmens spiegelt sich der zunehmende Einfluss der neoliberalen Politik und überhaupt der Macht der Konzerne wider. Er steht für eine bedeutende Verschiebung in der globalen politischen Ökonomie, was wir als Amazon-Kapitalismus bezeichnen. Mit dieser Bezeichnung wollen wir auf zwei Phänomene aufmerksam machen: Zum einen auf die neue Dimension konzentrierter Unternehmensmacht, die sich in Größe und Einfluss auf die Weltwirtschaft manifestiert. Zum anderen auf die Kosten, die mit der Etablierung des Geschäftsmodells und dem vermeintlich kostenlosen Versand einhergehen. Diese werden nämlich von den Beschäftigten, den Kommunen und der Umwelt getragen. Nur wenn dieser Aufstieg benannt und verstanden wird, können Gegenstrategien entwickelt werden. 

Nun ist Amazon ja nicht das einzige Unternehmen, das Arbeiter*innen und Beschäftigte ausbeutet und die Umwelt verschmutzt... 

Jake Alimahomed-Wilson: Natürlich nicht. Aber durch die Größe und seine Dominanz verändert Amazon die komplette Weltwirtschaft. Das Unternehmen kontrolliert inzwischen unzählige Dinge, die unser aller Leben beeinflussen: Es hat nicht nur Pionierarbeit bei dem geleistet, was man die Verbreitung von "Ein-Klick-Sofortkonsum“ nennen kann, und hat damit die Art und Weise, wie wir einkaufen, geprägt. Es kontrolliert gleichzeitig die Hälfte der globalen Cloud-Infrastruktur und ist das weltweit größte Logistik-Imperium. 

Der Name des Konzerns steht für viele der zerstörerischen Kräfte, die dem Kapitalismus innewohnen, und treibt sie voran: Die Ausbeutung und Entmenschlichung von Arbeiter*innen, Steuervermeidung, die extreme Ungleichverteilung des Reichtums, obsessive Massenkonsumkultur, Überwachung, Aushöhlung der Privatsphäre oder den Angriff auf die ökologische Integrität des Planeten. 

Eine der zentralen Fragen, die ihr im Buch behandelt, ist, wie die Arbeiter*innenklasse ihre Interessen gegen Amazon durchsetzen kann. Bislang erweist sich das Unternehmen als weitgehend unverwundbar. Woran liegt das und was wären Angriffspunkte für Gewerkschaften und soziale Bewegungen? 

Ellen Reese: Prognosen zufolge wird Amazon bis 2023 Walmart als größten Arbeitgeber der Welt überholen. Weltweit arbeiten 1,3 Millionen Menschen direkt für den Konzern. Die überwiegende Mehrheit befindet sich in den USA. Allein 2020 kamen aufgrund der wachsenden Onlinebestellungen im Zuge der Corona-Pandemie etwa 500.000 dazu. 

Dialektisch gesprochen hat jede Stärke auch eine Schwäche und umgekehrt. Wie Kim Moody zu Recht anmerkt, beruht Amazons System stark auf der Just-in-Time-Logistik. Im E-Commerce ist Zeit das A und O für Erfolg. Deshalb setzt Amazon die Arbeiter*innen an jedem Teil der Lieferkette immer stärker unter Druck. Werden die globalen Lieferketten beschleunigt, hat das also negative Folgen für die Arbeitsbedingungen der dort Beschäftigten. Dies alles macht die Unternehmenslogistik aber auch sehr anfällig. Schafft man es, neuralgische Punkte in Amazons Lieferkette zu identifizieren und diese durch Streiks oder Aktionen zu stören, kann erheblicher Druck auf das Unternehmen ausgeübt werden. Natürlich weiß Amazon das und hat eine sehr komplexe Logistikinfrastruktur aufgebaut. Etwa die Möglichkeit Bestellvolumen von einem Warenhaus ins nächste zu verschieben. Das zielt darauf ab, mögliche Arbeiter*innenaktionen und Arbeitsniederlegungen zu entschärfen. 

Jake Alimahomed-Wilson: Ein Schlüsselelement für die wachsende Dominanz von Amazon ist jedoch die Abhängigkeit des Unternehmens von der Zeit. Ich habe etwa einige der Probleme untersucht, mit denen Amazons Lieferant*innen auf der letzten Meile, also die Strecke zwischen den Verteilzentren und den Kund*innen, konfrontiert sind. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist es essenziell, dass nicht nur die Lagerarbeiter*innen, sondern auch diejenigen organisiert werden, die die Pakete ausliefern. 

So wie sich Amazon an die Veränderungen im Lieferkettenmanagement im Zusammenhang mit dem Wachstum des E-Commerce angepasst haben, müssen sich auch die Widerstandsstrategien der Arbeiter*innen anpassen. Unserer Meinung nach ist in Amazons Lieferkette die letzte Meile die verwundbarste Stelle. Daher haben die Fahrer*innen von Amazon Delivery Service Partner (DSP) und Amazon-Flex, die die Pakete in Amazons Verteilzentren abholen, ein enormes Machtpotenzial. 

Bis vor zwei, drei Jahren hat es Amazon geschafft, seine Logistikzentren in den USA nahezu komplett gewerkschaftsfrei zu halten – praktisch über fast zwei Jahrzehnte. Wieso ist ihnen das über einen so langen Zeitraum gelungen? 

Ellen Reese: In den USA ist das Wirtschaftssystem stärker auf die Interessen großer Konzerne wie Amazon ausgerichtet als etwa in vielen europäischen Ländern. Auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad war in den USA historisch gesehen immer viel niedriger. Wollen Beschäftigte eines Betriebes von der Gewerkschaft vertreten werden, muss eine Mehrheit der Belegschaft dafür stimmen. Zudem ist die Nutzung antigewerkschaftlicher Propaganda durch Unternehmen eher die Regel als die Ausnahme. Ein Beispiel dafür ist die von Amazon betriebene Homepage www.doitwithoutdues.com, die Amazon nutzt, um den laufenden Organisierungsprozess von Arbeiter*innen eines Logistikzentrums in Bessemer, Alabama, zu verhindern. 

In dem Maße wie die Macht der Unternehmen zugenommen hat, haben die Gewerkschaften und die Arbeiter*innen an institutioneller Macht verloren. Union Busting wird von unseren Gerichten kaum verfolgt und ist praktisch legal. Diese riesigen Konzerne nutzen rechtliche Schlupflöcher, um ihren Marktanteil auszubauen und die gewerkschaftliche Organisierung zu erschweren. 

Wie etwa mit Hilfe der Plattform Amazon-Flex... 

Jake Alimahomed-Wilson:  Ja. Um bei der Zustellung auf der letzten Meile die Konkurrenz vom Markt zu drängen, setzt Amazon auf Subunternehmer*innen und Solo-Selbstständige. Dafür wurden die Dienste Amazon Delivery Service Partner (DSP) und Amazon-Flex gegründet. Mit Hilfe von DSD lagert Amazon die Lieferungen an Subunternehmen aus, die wiederum ihre eigenen Fahrer*innen beschäftigen und die Lieferwagen bei Amazon leasen. Oder sie nutzen Amazon-Flex. Das ist eine Plattform, auf der sich Soloselbstständige als Paketboten registrieren lassen können – mit ihrem Privatauto, ähnlich wie bei Uber. Amazon Flex-Fahrer*innen und DSP lieferten 2019 die Hälfte aller Amazon Prime-Pakete in den USA aus. Obwohl diese Arbeiter*innen Amazon-Uniformen tragen, teilweise in Amazon-Lieferwagen fahren und Amazon-Liefersoftware verwenden, haben sie keine rechtliche Beziehung zum Mutterunternehmen. Damit setzt Amazon gewerkschaftlich organisierte Unternehmen wie UPS und die dortigen Arbeitsbedingungen unter Druck. 

Wie sieht es mit den Beschäftigten der großen Lagerhäuser aus? Warum fällt es US-Gewerkschaften offenbar so viel schwerer als den deutschen oder italienischen, die Beschäftigten in den großen Lagerhäusern zu organisieren? 

Ellen Reese: Hierfür gibt es viele komplexe Gründe. Einer, der nicht oft genug diskutiert wird, ist der starke Rassismus der US-Wirtschaft. Farbige Arbeiter*innen arbeiten überproportional häufig in den am stärksten belastenden und prekärsten Jobs in den Vereinigten Staaten. Die großen Logistikzentren sind so ein Bereich. Sie sind oft in farbigen Communities mit hoher Erwerbslosigkeit angesiedelt. In den Warenhäusern gibt es eine hohe Fluktuation, was mit der Unzufriedenheit, aber auch mit den Disziplinarmaßnahmen und häufigen Entlassungen zu tun hat. Elektronische und Videoüberwachung der Arbeiter*innen, der Druck, schnell zu arbeiten und nicht zu viel "Freizeit" zu haben, machen es den Arbeiter*innen extrem schwer, sich am Arbeitsplatz zu organisieren. 

In den letzten zwei, drei Jahren nehmen die Arbeitskonflikte bei Amazon in den USA zu. Seit Anfang Februar stimmen 5 800 Beschäftigte des von euch bereits erwähnten Amazon-Warenhauses in Alabama zum ersten Mal über eine gewerkschaftliche Vertretung ab. In eurem Buch beschreibt ihr eine Vielzahl von jüngeren Konflikten, Protestaktionen und sogar Streiks. Einige werden von Gewerkschaften unterstützt, andere werden von selbstorganisierten Arbeiter*innen getragen. Wie erklärt ihr diese Zunahme? Ist das der Beginn einer Bewegung oder eher ein Zusammentreffen einzelner Konflikte? 

Jake Alimahomed-Wilson: Was wir jetzt mit dem Anstieg der Unruhen erleben, ist unserer Meinung nach eine kollektive Mobilisierung, die sich weiter ausbreiten wird. Als sehr hoffnungsvoll sehen wir etwa die internationalistische Ausrichtung der Kämpfe an, die weiter wächst. Beispiele sind etwa die Amazon Workers International und Amazonians United. Ebenso hoffnungsvoll stimmt uns die zunehmende Solidarität zwischen Arbeiter*innen und kommunalen Aktivist*innen, die für soziale Gerechtigkeit kämpfen. 

Welche Rolle spielt die Covid-Pandemie bei den Arbeitskämpfen? 

Ellen Reese: Der Aufschwung der Proteste begann schon vorher. Aber die Pandemie befeuert diese sicherlich. Denn sie hat auf einzigartige Weise deutlich gemacht, dass es die normalen Arbeiter*innen sind, die am meisten leiden, während große Konzerne wie Amazon massiv wachsen – auf Kosten der Gesundheit und des Wohlergehens der Beschäftigten. Die Pandemie verstärkte auch die Unzufriedenheit vieler Amazon-Arbeiter*innen in Bezug auf ihre Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, die aufgrund ihrer relativ hohen Rate an Arbeitsunfällen und Verletzungen ohnehin schon sehr groß war. 

Wie viele andere Beschäftigte an vorderster Front haben sich die Amazon-Lagerarbeiter*innen an verschiedenen kollektiven Aktionen beteiligt, die vor allem auf bessere Gesundheits- und Sicherheitsstandards abzielten. Sie haben Unterschriftsammlungen organisiert, Klagen gegen das Unternehmen vor Gericht eingereicht sowie zu Protesten und zu Streiks aufgerufen. Viele der Amazon-Lagerarbeiter*innen sind schwarz. Deshalb ist die wachsende Black-Lives-Matter-Bewegung nicht nur eine wichtige Inspirationsquelle für sie. Viele Arbeiter*innen sehen ihren Kampf auch als Teil des Kampfes von Black-Lives-Matter. 

Ihr habt auf die unterschiedlichen Organisationsformen der Kämpfe bei Amazon hingewiesen: Traditionelle US-Gewerkschaften wie SEIU und die Teamsters sind beteiligt, kleinere Gewerkschaften wie die RWDSU, Graswurzelinitiativen wie die Amazonians United, und es gibt auch Community-Organizing-Strategien. Was sind eurer Meinung nach die Gründe für diese Heterogenität der kollektiven Aktionen? Und was verbindet diese Kämpfe? 

Jake Wilson: Die US-amerikanische Arbeiter*Innenbewegung besteht traditionell aus vielen Gewerkschaften. Manchmal konkurrieren sie bei der Organisierung von Arbeiter*innen miteinander, manchmal kooperieren sie auch. Und manchmal sind sie sich uneinig, was die Prioritäten und Strategien angeht. Wenn man es positiv ausdrückt, könnte man sagen, dass die Bemühungen der unterschiedlichen Akteure durch ein gemeinsames Anliegen verbunden sind: der steigenden wirtschaftlichen und politischen Dominanz von Amazon entgegenzuwirken und die Arbeiter*innen und deren Communitys zu stärken. 

In den sozialwissenschaftlichen Diskussionen der letzten Jahre wurden die Beschäftigten im Dienstleistungssektor vor allem als zersplittert wahrgenommen, kaum in der Lage, kollektiv zu handeln und alles andere als ein Protagonist des sozialen Wandels. Wie seht ihr das vor dem Hintergrund eurer Erfahrungen mit Amazon ­– einem der größten privaten Arbeitgeber in den USA? 

Ellen Reese: Wir denken, dass diese Sicht auf Dienstleistungsarbeiter*innen als besiegte und nicht relevante Akteure des sozialen Wandels einige wichtige Erfolge der letzten Jahre ignoriert. Dazu gehört die jüngste „Fight for $15“-Kampagne, also die gewerkschaftliche Forderung nach einem landesweiten Mindestlohn in Höhe von 15 US-Dollar pro Stunde. In vielen Städten und einigen Bundesstaaten konnte ein solcher durchgesetzt werden. Solche Siege zeigen, dass unterbezahlte Arbeiter*innen, die unverhältnismäßig oft Farbige sind, sich zusammenschließen können und sehr wohl sozialen Wandel bewirken können. Sie ignoriert auch den jüngsten Anstieg kollektiver Aktionen von Arbeiter*innen im Dienstleistungssektoren wie dem Gesundheitswesen, die während der Pandemie immer militanter in ihren Forderungen nach Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz werden und neue Gewerkschaften gründen. Natürlich sollten die Herausforderungen durch Vergeltungsmaßnahmen der Arbeitgeber und die Zersplitterung der Arbeiter*innen und ihrer Organisationen ernst genommen und nicht geleugnet werden. Aber wir sehen auch Anzeichen für eine zunehmende Aktionsbereitschaft und Solidarität der Beschäftigten im Dienstleistungssektor und sind hoffnungsvoll, dass diese weiter wächst. 

Das Gespräch führten Jörn Boewe und Johannes Schulten  

Rund 25 Jahre nach Gründung ist Amazon nicht nur der größte Online-Händler der Welt, sondern auch Filmproduzent, Streaming-Dienst, Logistikunternehmen, Produzent von Sicherheitstechnologie und weltgrößter Anbieter von Cloud Computing. Ihr sprecht im Buch von einem "Amazon-Kapitalismus". Was ist damit gemeint? Was ist, abgesehen von der Größe, das Besondere an Amazon? 

ELLEN REESE: Amazons kometenhafter Aufstieg ist unserer Meinung nach ein Schlüsselmoment im globalen Kapitalismus. Im Machtzuwachs des Unternehmens spiegelt sich der zunehmende Einfluss der neoliberalen Politik und überhaupt der Macht der Konzerne wider. Er steht für eine bedeutende Verschiebung in der globalen politischen Ökonomie, was wir als Amazon-Kapitalismus bezeichnen. Mit dieser Bezeichnung wollen wir auf zwei Phänomene aufmerksam machen: Zum einen auf die neue Dimension konzentrierter Unternehmensmacht, die sich in Größe und Einfluss auf die Weltwirtschaft manifestiert. Zum anderen auf die Kosten, die mit der Etablierung des Geschäftsmodells und dem vermeintlich kostenlosen Versand einhergehen. Diese werden nämlich von den Beschäftigten, den Kommunen und der Umwelt getragen. Nur wenn dieser Aufstieg benannt und verstanden wird, können Gegenstrategien entwickelt werden. 

Nun ist Amazon ja nicht das einzige Unternehmen, das Arbeiter*innen und Beschäftigte ausbeutet und die Umwelt verschmutzt... 

JAKE ALIMAHOMED-WILSON: Natürlich nicht. Aber durch die Größe und seine Dominanz verändert Amazon die komplette Weltwirtschaft. Das Unternehmen kontrolliert inzwischen unzählige Dinge, die unser aller Leben beeinflussen: Es hat nicht nur Pionierarbeit bei dem geleistet, was man die Verbreitung von "Ein-Klick-Sofortkonsum“ nennen kann, und hat damit die Art und Weise, wie wir einkaufen, geprägt. Es kontrolliert gleichzeitig die Hälfte der globalen Cloud-Infrastruktur und ist das weltweit größte Logistik-Imperium. 

Der Name des Konzerns steht für viele der zerstörerischen Kräfte, die dem Kapitalismus innewohnen, und treibt sie voran: Die Ausbeutung und Entmenschlichung von Arbeiter*innen, Steuervermeidung, die extreme Ungleichverteilung des Reichtums, obsessive Massenkonsumkultur, Überwachung, Aushöhlung der Privatsphäre oder den Angriff auf die ökologische Integrität des Planeten. 

Eine der zentralen Fragen, die ihr im Buch behandelt, ist, wie die Arbeiter*innenklasse ihre Interessen gegen Amazon durchsetzen kann. Bislang erweist sich das Unternehmen als weitgehend unverwundbar. Woran liegt das und was wären Angriffspunkte für Gewerkschaften und soziale Bewegungen? 

ELLEN REESE: Prognosen zufolge wird Amazon bis 2023 Walmart als größten Arbeitgeber der Welt überholen. Weltweit arbeiten 1,3 Millionen Menschen direkt für den Konzern. Die überwiegende Mehrheit befindet sich in den USA. Allein 2020 kamen aufgrund der wachsenden Onlinebestellungen im Zuge der Corona-Pandemie etwa 500.000 dazu. 

Dialektisch gesprochen hat jede Stärke auch eine Schwäche und umgekehrt. Wie Kim Moody zu Recht anmerkt, beruht Amazons System stark auf der Just-in-Time-Logistik. Im E-Commerce ist Zeit das A und O für Erfolg. Deshalb setzt Amazon die Arbeiter*innen an jedem Teil der Lieferkette immer stärker unter Druck. Werden die globalen Lieferketten beschleunigt, hat das also negative Folgen für die Arbeitsbedingungen der dort Beschäftigten. Dies alles macht die Unternehmenslogistik aber auch sehr anfällig. Schafft man es, neuralgische Punkte in Amazons Lieferkette zu identifizieren und diese durch Streiks oder Aktionen zu stören, kann erheblicher Druck auf das Unternehmen ausgeübt werden. Natürlich weiß Amazon das und hat eine sehr komplexe Logistikinfrastruktur aufgebaut. Etwa die Möglichkeit Bestellvolumen von einem Warenhaus ins nächste zu verschieben. Das zielt darauf ab, mögliche Arbeiter*innenaktionen und Arbeitsniederlegungen zu entschärfen. 

JAKE ALIMAHOMED-WILSON: Ein Schlüsselelement für die wachsende Dominanz von Amazon ist jedoch die Abhängigkeit des Unternehmens von der Zeit. Ich habe etwa einige der Probleme untersucht, mit denen Amazons Lieferant*innen auf der letzten Meile, also die Strecke zwischen den Verteilzentren und den Kund*innen, konfrontiert sind. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist es essenziell, dass nicht nur die Lagerarbeiter*innen, sondern auch diejenigen organisiert werden, die die Pakete ausliefern. 

So wie sich Amazon an die Veränderungen im Lieferkettenmanagement im Zusammenhang mit dem Wachstum des E-Commerce angepasst haben, müssen sich auch die Widerstandsstrategien der Arbeiter*innen anpassen. Unserer Meinung nach ist in Amazons Lieferkette die letzte Meile die verwundbarste Stelle. Daher haben die Fahrer*innen von Amazon Delivery Service Partner (DSP) und Amazon-Flex, die die Pakete in Amazons Verteilzentren abholen, ein enormes Machtpotenzial. 

Bis vor zwei, drei Jahren hat es Amazon geschafft, seine Logistikzentren in den USA nahezu komplett gewerkschaftsfrei zu halten – praktisch über fast zwei Jahrzehnte. Wieso ist ihnen das über einen so langen Zeitraum gelungen? 

ELLEN REESE: In den USA ist das Wirtschaftssystem stärker auf die Interessen großer Konzerne wie Amazon ausgerichtet als etwa in vielen europäischen Ländern. Auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad war in den USA historisch gesehen immer viel niedriger. Wollen Beschäftigte eines Betriebes von der Gewerkschaft vertreten werden, muss eine Mehrheit der Belegschaft dafür stimmen. Zudem ist die Nutzung antigewerkschaftlicher Propaganda durch Unternehmen eher die Regel als die Ausnahme. Ein Beispiel dafür ist die von Amazon betriebene Homepage www.doitwithoutdues.com, die Amazon nutzt, um den laufenden Organisierungsprozess von Arbeiter*innen eines Logistikzentrums in Bessemer, Alabama, zu verhindern. 

In dem Maße wie die Macht der Unternehmen zugenommen hat, haben die Gewerkschaften und die Arbeiter*innen an institutioneller Macht verloren. Union Busting wird von unseren Gerichten kaum verfolgt und ist praktisch legal. Diese riesigen Konzerne nutzen rechtliche Schlupflöcher, um ihren Marktanteil auszubauen und die gewerkschaftliche Organisierung zu erschweren. 

Wie etwa mit Hilfe der Plattform Amazon-Flex... 

JAKE ALIMAHOMED-WILSON:  Ja. Um bei der Zustellung auf der letzten Meile die Konkurrenz vom Markt zu drängen, setzt Amazon auf Subunternehmer*innen und Solo-Selbstständige. Dafür wurden die Dienste Amazon Delivery Service Partner (DSP) und Amazon-Flex gegründet. Mit Hilfe von DSD lagert Amazon die Lieferungen an Subunternehmen aus, die wiederum ihre eigenen Fahrer*innen beschäftigen und die Lieferwagen bei Amazon leasen. Oder sie nutzen Amazon-Flex. Das ist eine Plattform, auf der sich Soloselbstständige als Paketboten registrieren lassen können – mit ihrem Privatauto, ähnlich wie bei Uber. Amazon Flex-Fahrer*innen und DSP lieferten 2019 die Hälfte aller Amazon Prime-Pakete in den USA aus. Obwohl diese Arbeiter*innen Amazon-Uniformen tragen, teilweise in Amazon-Lieferwagen fahren und Amazon-Liefersoftware verwenden, haben sie keine rechtliche Beziehung zum Mutterunternehmen. Damit setzt Amazon gewerkschaftlich organisierte Unternehmen wie UPS und die dortigen Arbeitsbedingungen unter Druck. 

Wie sieht es mit den Beschäftigten der großen Lagerhäuser aus? Warum fällt es US-Gewerkschaften offenbar so viel schwerer als den deutschen oder italienischen, die Beschäftigten in den großen Lagerhäusern zu organisieren? 

ELLEN REESE: Hierfür gibt es viele komplexe Gründe. Einer, der nicht oft genug diskutiert wird, ist der starke Rassismus der US-Wirtschaft. Farbige Arbeiter*innen arbeiten überproportional häufig in den am stärksten belastenden und prekärsten Jobs in den Vereinigten Staaten. Die großen Logistikzentren sind so ein Bereich. Sie sind oft in farbigen Communities mit hoher Erwerbslosigkeit angesiedelt. In den Warenhäusern gibt es eine hohe Fluktuation, was mit der Unzufriedenheit, aber auch mit den Disziplinarmaßnahmen und häufigen Entlassungen zu tun hat. Elektronische und Videoüberwachung der Arbeiter*innen, der Druck, schnell zu arbeiten und nicht zu viel "Freizeit" zu haben, machen es den Arbeiter*innen extrem schwer, sich am Arbeitsplatz zu organisieren. 

In den letzten zwei, drei Jahren nehmen die Arbeitskonflikte bei Amazon in den USA zu. Seit Anfang Februar stimmen 5 800 Beschäftigte des von euch bereits erwähnten Amazon-Warenhauses in Alabama zum ersten Mal über eine gewerkschaftliche Vertretung ab. In eurem Buch beschreibt ihr eine Vielzahl von jüngeren Konflikten, Protestaktionen und sogar Streiks. Einige werden von Gewerkschaften unterstützt, andere werden von selbstorganisierten Arbeiter*innen getragen. Wie erklärt ihr diese Zunahme? Ist das der Beginn einer Bewegung oder eher ein Zusammentreffen einzelner Konflikte? 

JAKE ALIMAHOMED-WILSON: Was wir jetzt mit dem Anstieg der Unruhen erleben, ist unserer Meinung nach eine kollektive Mobilisierung, die sich weiter ausbreiten wird. Als sehr hoffnungsvoll sehen wir etwa die internationalistische Ausrichtung der Kämpfe an, die weiter wächst. Beispiele sind etwa die Amazon Workers International und Amazonians United. Ebenso hoffnungsvoll stimmt uns die zunehmende Solidarität zwischen Arbeiter*innen und kommunalen Aktivist*innen, die für soziale Gerechtigkeit kämpfen. 

Welche Rolle spielt die Covid-Pandemie bei den Arbeitskämpfen? 

ELLEN REESE: Der Aufschwung der Proteste begann schon vorher. Aber die Pandemie befeuert diese sicherlich. Denn sie hat auf einzigartige Weise deutlich gemacht, dass es die normalen Arbeiter*innen sind, die am meisten leiden, während große Konzerne wie Amazon massiv wachsen – auf Kosten der Gesundheit und des Wohlergehens der Beschäftigten. Die Pandemie verstärkte auch die Unzufriedenheit vieler Amazon-Arbeiter*innen in Bezug auf ihre Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, die aufgrund ihrer relativ hohen Rate an Arbeitsunfällen und Verletzungen ohnehin schon sehr groß war. 

Wie viele andere Beschäftigte an vorderster Front haben sich die Amazon-Lagerarbeiter*innen an verschiedenen kollektiven Aktionen beteiligt, die vor allem auf bessere Gesundheits- und Sicherheitsstandards abzielten. Sie haben Unterschriftsammlungen organisiert, Klagen gegen das Unternehmen vor Gericht eingereicht sowie zu Protesten und zu Streiks aufgerufen. Viele der Amazon-Lagerarbeiter*innen sind schwarz. Deshalb ist die wachsende Black-Lives-Matter-Bewegung nicht nur eine wichtige Inspirationsquelle für sie. Viele Arbeiter*innen sehen ihren Kampf auch als Teil des Kampfes von Black-Lives-Matter. 

Ihr habt auf die unterschiedlichen Organisationsformen der Kämpfe bei Amazon hingewiesen: Traditionelle US-Gewerkschaften wie SEIU und die Teamsters sind beteiligt, kleinere Gewerkschaften wie die RWDSU, Graswurzelinitiativen wie die Amazonians United, und es gibt auch Community-Organizing-Strategien. Was sind eurer Meinung nach die Gründe für diese Heterogenität der kollektiven Aktionen? Und was verbindet diese Kämpfe? 

JAKE ALIMAHOMED-WILSON: Die US-amerikanische Arbeiter*Innenbewegung besteht traditionell aus vielen Gewerkschaften. Manchmal konkurrieren sie bei der Organisierung von Arbeiter*innen miteinander, manchmal kooperieren sie auch. Und manchmal sind sie sich uneinig, was die Prioritäten und Strategien angeht. Wenn man es positiv ausdrückt, könnte man sagen, dass die Bemühungen der unterschiedlichen Akteure durch ein gemeinsames Anliegen verbunden sind: der steigenden wirtschaftlichen und politischen Dominanz von Amazon entgegenzuwirken und die Arbeiter*innen und deren Communitys zu stärken. 

In den sozialwissenschaftlichen Diskussionen der letzten Jahre wurden die Beschäftigten im Dienstleistungssektor vor allem als zersplittert wahrgenommen, kaum in der Lage, kollektiv zu handeln und alles andere als ein Protagonist des sozialen Wandels. Wie seht ihr das vor dem Hintergrund eurer Erfahrungen mit Amazon ­– einem der größten privaten Arbeitgeber in den USA? 

ELLEN REESE: Wir denken, dass diese Sicht auf Dienstleistungsarbeiter*innen als besiegte und nicht relevante Akteure des sozialen Wandels einige wichtige Erfolge der letzten Jahre ignoriert. Dazu gehört die jüngste „Fight for $15“-Kampagne, also die gewerkschaftliche Forderung nach einem landesweiten Mindestlohn in Höhe von 15 US-Dollar pro Stunde. In vielen Städten und einigen Bundesstaaten konnte ein solcher durchgesetzt werden. Solche Siege zeigen, dass unterbezahlte Arbeiter*innen, die unverhältnismäßig oft Farbige sind, sich zusammenschließen können und sehr wohl sozialen Wandel bewirken können. Sie ignoriert auch den jüngsten Anstieg kollektiver Aktionen von Arbeiter*innen im Dienstleistungssektoren wie dem Gesundheitswesen, die während der Pandemie immer militanter in ihren Forderungen nach Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz werden und neue Gewerkschaften gründen. Natürlich sollten die Herausforderungen durch Vergeltungsmaßnahmen der Arbeitgeber und die Zersplitterung der Arbeiter*innen und ihrer Organisationen ernst genommen und nicht geleugnet werden. Aber wir sehen auch Anzeichen für eine zunehmende Aktionsbereitschaft und Solidarität der Beschäftigten im Dienstleistungssektor und sind hoffnungsvoll, dass diese weiter wächst. 

Das Gespräch führten Jörn Boewe und Johannes Schulten  

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