Soziale Polarisierung und zunehmende Prekarisierung, ökologische Destruktion und das Erstarken rechter Kräfte, um nur einige Stichworte zu nennen, bestimmen den Gegenwartskapitalismus. Der konzeptionelle Ansatz einer „Mosaik-Linken“ will sich mit dem herrschenden gesellschaftlichen Katastrophenzustand und „der durchaus realen Gefahr eines historischen Endes der Linken nicht abfinden“ (Urban 2019a: 21). Er will linke Debatten mit einem „kapitalismuskritische[n] Grundimpuls“ verbinden und sucht – in der begrifflichen Abstraktion als Idealtypus eines breiten Bündnisses – nach politischen Strategien, wie trotz vielfältiger Spaltungen aus den fragmentierten kritischen Kräften ein Kooperationsverbund entstehen kann, der sich aus und über die Anerkennung von Differenz zu einem politischen Projekt zusammenfügt (vgl. Urban 2019a). 

Mit der Metapher der „Mosaik-Linken“ hat Hans-Jürgen Urban einen für die sozialwissenschaftliche und gesellschaftspolitische Debatte bedeutsamen Begriff geprägt, der über einzelne punktuelle Allianzen und Bündnisse hinausweist und komplexe Fragen nach den Möglichkeiten einer breiteren gesellschaftlichen Gegenmacht ins Zentrum rückt. Ein Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Einsicht in die Schwäche und Defensive linker Politik: Die Krise des Fordismus in den ausgehenden 70er Jahren im Übergang zum globalisierten Finanzmarktkapitalismus hat die ‚traditionelle‘ Linke entscheidend geschwächt und die Handlungsbedingungen emanzipativer Politik grundlegend verändert. Als ein Lebenselixier des modernen Kapitalismus erweist sich die weitgehend erfolgreiche Absorption der systemkritischen Opposition, auch wenn es sich dabei um einen „Pyrrhussieg“ handeln könnte, wie Hans-Jürgen Urban in Anlehnung an Luc Boltanskis und Ève Chiapellos gesellschaftsanalytische Studie Der neue Geist des Kapitalismus darlegt (Urban 2019a: 20; vgl. auch Boltanski/Chiapello 2003: 75ff.). 

Der Neoliberalismus (in der Krise) hat „die Spaltung der Gesellschaft in kulturelle Milieus“ vorangetrieben und die Menschen in eine erhöhte Konkurrenz um Arbeitsplatz, Bildungs- und Lebenschancen zueinandergesetzt (Urban 2019a: 21). Eine auf kollektive Handlungsfähigkeit zielende mosaiklinke Strategiedebatte muss die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und die vielfältigen Widerspruchskonstellationen, in denen sich die Akteur*innen bewegen, reflektieren. Sie akzeptiert, dass „kapitalistische Gesellschaften Prozessen der sozialen Differenzierung unterliegen, aus denen eigensinnige Kontexte in Form sozialer Felder hervorgehen“ (Urban 2019a: 22) und versucht, die „Konstituierungsbedingungen und politischen Praxisstrategien progressiver, kapitalismuskritischer Bewegungen und Organisationen aus den Basisdynamiken des Gegenwartskapitalismus herzuleiten“, mit denen sie dialektisch verwoben und die sie zugleich ändern will (Urban 2019b: i. E.). Im Vorhandenen gilt es das Mögliche aufzuspüren. In Opposition zu den herrschenden Vergesellschaftungsstrukturen müssen sich die mosaiklinken Kräfte in ihren jeweiligen Kontexten, „ob in korrektiver oder transformativer Absicht formuliert“, in- und aneinanderfügen (Urban 2019a: 20), ohne ‚eigene‘ Narrationen preiszugeben, um so getrennt und vereint eine linke gegenhegemoniale Perspektive zu entwickeln. Dieses fragile viel- und mehrstimmige Gefüge linker Gegenmacht bewegt sich dabei in einem Spannungsverhältnis: Kritik in „korrektiver Absicht“ kann auf Forderungen nach Reformen in den bestehenden Hegemonialapparaten nicht verzichten, muss sich aber darüber hinaus ihres transformativen Potentials gewahr sein bzw. werden, „da innerhalb der Strukturen des gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus die Bewältigung der sozialen und ökologischen Existenzprobleme nicht erwartet werden kann“ (Urban 2019a: 20). Umgekehrt darf Kritik in „transformativer Absicht“ nicht verkennen, dass Widerstand im Sinne einer solidarischen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt heterogen und ambivalent ist. 

Die eindrucksvoll entworfene „Mosaik-Metapher“ verweist auf die zentrale Problematik linker Hegemoniegewinnung und hat zu kontroversen Diskussionen geführt, die in diesem Beitrag weder nachgezeichnet werden können noch sollen.[1] Die folgenden Überlegungen fragen nach den Voraussetzungen und Vorbedingungen von (kollektiven) Lernprozessen, welche für die Konstituierung und Praxis mosaiklinker Strategien relevant sind, um in Anerkennung von Differenz zu einer vielstimmigen linken hegemonialen Kraft zu werden. Sich auf einen Weg voller Hindernisse und Rückschläge zu begeben, der zudem keine festgefügten Gewissheiten kennt, setzt Lern- und Selbstveränderungsprozesse voraus und beginnt, so meine These, in der Auseinandersetzung mit dem „Alltagsverstand“ (Gramsci), dessen Bedeutung für die Diskussion hier hervorgehoben werden soll. 

Die Argumentation gliedert sich wie folgt: Zunächst soll die Konzeption zur Mosaik-Linken skizziert (1) und im Rückgriff auf Antonio Gramscis Überlegungen zur (Gegen-)Hegemonie (2) bzw. zum „Alltagsverstand“ (3) reflektiert werden. Eine politische und persönliche Wertschätzung schließt die Argumentation ab (4).

1. Die Mosaik-Linke oder von der Anerkennung von Differenz zur politischen Bündelung

„Der Betriebsratsvorsitzende eines Industrieunternehmens, die Aktivistin aus der Menschenrechts- oder Umweltbewegung und der Polit-Profi aus dem Attac-Koordinierungskreis kommen aus unterschiedlichen kulturellen Welten und sind von unterschiedlichen Milieus geprägt. Wollen sie sich gleichwohl zu gemeinsamen politischen Projekten zusammenfinden, müsste eine neue Kultur der wechselseitigen Toleranz und der Akzeptanz der spezifischen Bewegungs- und Organisationskulturen die Schlüsselressource eines solchen Bündnisses darstellen“ (Urban 2009: 78). 

Das skizzierte Mosaik thematisiert nicht nur die Vielfalt der gesellschaftlichen und politischen Linken, sondern nimmt die daraus resultierenden Spannungslinien und Konfliktachsen ernst. Demnach „könnte die mosaiklinke Perspektive in einem Kooperationsverbund kritischer Kräfte liegen, in dem unterschiedliche Individuen, Organisationen und Bewegungen kooperieren und die Spezifika ihrer Handlungspotenziale zu einem politischen Projekt zusammenfügen, ohne eigene Identitäten preiszugeben“ (Urban 2019b: i. E.). Mosaiklinke Akteur*innen sind, so die weiteren Überlegungen, in „gesellschaftliche Felder mit spezifischen Funktionslogiken“ eingebunden, die ihre Wünsche, Interessen und Handlungspräferenzen prägen (Urban 2019b: i. E.). In Anlehnung an Pierre Bourdieu geht Hans-Jürgen Urban von Feldern mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Regeln aus: Ein jedes Feld sei „ein autonomer Mikrokosmos innerhalb des sozialen Makrokosmos“, „ein Universum, das seinen eigenen Gesetzen gehorcht, die sich von den Gesetzen der gewöhnlichen sozialen Welt unterscheiden“ (Bourdieu 2001: 41f., vgl. Urban 2019b: i. E.). Es sei gekennzeichnet von internen Machtverhältnissen und spezifischen Habitusformen bzw. „ein Kräftefeld und ein Kampffeld zur Veränderung der Kräfteverhältnisse“ (Bourdieu 2001: 49, vgl. Urban 2019b: i. E.). Aber auch wenn jeder Mikrokosmos einer spezifischen Logik folge, über je eigene Gesetzmäßigkeiten und Regeln verfüge bzw. eine relative Autonomie gegenüber anderen besäße, sei er ‚Teil‘ des Makrokosmos. Unter den Bedingungen des Gegenwartskapitalismus laste auf dem Makrokosmos ein „imperialer Ökonomisierungsdruck“, der jeden Mikrokosmos erfasse und seinen Ursprung in der „finanzkapitalistischen Akkumulationsdynamik“ finde (Urban 2019b: i. E.). Klaus Dörre bezeichne diese Dynamik als „kapitalistische Landnahme“. Demnach könne die Dynamik moderner kapitalistischer Gesellschaften als krisenhafte Abfolge von Landnahmen verstanden werden. Von ihr gehe ein fortwährender Expansionsdrang aus, der kontinuierlich alle gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsbereiche sowie Wissensbestände erschließe, die noch nicht oder noch nicht gänzlich dem kapitalistischen Warentausch unterworfen seien (vgl. Dörre 2009: 36; vgl. Urban 2019b: i. E.). „Die finanzkapitalistische Akkumulationsdynamik, die gleichsam als ‚letzte Instanz‘ in alle Sektoren der Gesellschaft hineinwirkt“, so Hans-Jürgen Urban weiter, bietet dabei „jenen Bezugspunkt, auf den sich die Mosaik-Linke als Gegenkraft beziehen kann und sollte“ (Urban 2019b: i. E.). So könne die „Mosaik-Linke“ – gerichtet wider die finanzkapitalistische Expansion – als „eine Assoziation von Feldakteuren“ begriffen werden, welche „die Arbeit an der progressiven Veränderung im eigenen Feld nicht geringer achtet als die Bemühungen, feldübergreifende Handlungsfähigkeit hervorzubringen“ (Urban 2019: i. E.). Sie konstituiere sich als „countervailing power“ (Galbraith 1952), die in der Lage sei, den zerstörerischen Folgen des Finanzmarktkapitalismus entgegenzuwirken und in der zugleich „kein Feldakteur a priori feldübergreifende Handlungskompetenz für sich reklamieren“ könne (Urban 2019: i. E.). 

Anschaulich und nachvollziehbar, in je nach Kontext und Bezug variierenden Begrifflichkeiten widmet sich Hans-Jürgen Urban Fragen linker Hegemoniefähigkeit (vgl. Urban 2009, 2010, 2018, 2019a/b/c). Sein analytischer Blick richtet sich nicht ‚nur‘ auf die äußere Ausstrahlungskraft des Mosaiks im „Kampf um Deutungshoheiten und Diskursverschiebungen in Gesellschaft und Staat“ (Urban 2019b: i. E.). Aufmerksamkeit schenkt er insbesondere auch den inneren Konstituierungs- und Verständigungsprozessen, für die „diskursethisch reflektierte und deliberative Verfahren“ von zentraler Bedeutung seien, wenngleich ein mosaiklinker Diskursraum nicht „frei von Verzerrungen durch Machtasymmetrien und Führungsambitionen“ gedacht werden könne (Urban 2019b: i. E.). In Folge müssten „die internen Regeln der Meinungs- und Entscheidungsfindung“ immer wieder neu ausgehandelt und reflektiert werden, um Ausschließungs- und Verdrängungsmechanismen (vorbeugend) entgegenzusteuern (Urban 2019b: i. E.). Umgekehrt schließe eine „herrschaftskritisch reflektierte Kultur“ einen sachlich begründeten „temporären Federführungsanspruch“ nicht aus (Urban 2019: i. E.). Entscheidend bleibe, ob es den mosaiklinken Akteur*innen in Anerkennung von Differenz und angesichts der vielfältigen Spannungslinien gelänge, sich zu einem gemeinsam handelnden Subjekt zusammenzufügen, um wirkmächtig korrektiv und transformativ intervenieren zu können (vgl. Urban 2009, 2010, 2018, 2019a/b/c).

2. Die Mosaik-Linke oder von der Frage nach den gegenhegemonialen Kräften

In seinem Ansatz zur Mosaik-Linken nimmt Hans-Jürgen Urban viele zentrale Aspekte der hegemonietheoretischen Überlegungen des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci auf, die das widersprüchliche Feld von politischer Macht und gesellschaftlicher Emanzipation beschreiben und die sich aufgrund ihrer Spannweite, ihrer Viel- und Mehrdeutigkeit einer eindeutigen Definition entziehen. „Mit Recht ist Hegemonie ein zentraler Begriff materialistischer Theoriebildung geworden, weil er sowohl ökonomische und politische als auch kulturelle Perspektiven zu integrieren vermag“ (Martin/Wissel 2015: 220).[2]  Erkenntnistheoretisch geht Gramscis Hegemonietheorie von einem aktiven Verhältnis wechselseitiger Beziehung aus, von einem pädagogischen Verhältnis, der dialektischen Einheit von Führenden und Geführten, Lehrenden und Lernenden, welches als ein strukturelles Moment von Herrschaft gefasst wird (vgl. Gramsci 1991ff: 101ff, vgl. auch Merkens 2004). Herrschaft beruhe auf der dynamischen Fähigkeit dominanter Kräfte, ihre Werte und Normen als führend durchzusetzen und schreibe sich in die Körper ein (vgl. Gramsci 1991ff: 101ff). Zwangsläufig ist die Hegemoniefrage so immer auch mit der Frage nach der eigenen Verstrickung in die herrschende Ordnung verknüpft (ebd., vgl. auch Barfuss/ Jehle 2014: 28). Gramscis Überlegungen folgen damit den Marxschen Thesen über Feuerbach: „Das Ändern der Umstände“ fällt mit der „Selbstveränderung“ zusammen und situiert sich im Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse (MEW 3: 6, vgl. Gramsci 1991ff: 1384). Dementsprechend kann sich der Kampf gegen die Hegemonie der herrschenden Kräfte nicht ‚nur‘ auf ökonomische und soziale Felder beschränken, sondern es ist zugleich ein ideologischer Kampf, der den gegenhegemonialen Kräften ein fortwährendes „Gespür für ‚Unterscheidung’ und ‚Loslösung’“ abverlangt (Gramsci 1991ff: 1384). Dabei wirke im Prozess des Herauslösens und Untergrabens alter Hegemonie bereits Gegenhegemonie (vgl. Gramsci 1991ff: 1384; vgl. auch Barfuss/ Jehle 2014: 28). Die bestehende Hegemonie werde in dem Maße brüchig, in dem es gegenhegemonialen gesellschaftlichen Kräften gelänge, einen neuen „Alltagsverstand“ zu etablieren, der nicht „von der Vergangenheit ererbt und ohne Kritik übernommen“ worden sei (Gramsci 1991ff: 1384). Laut Gramsci kommt hier den „organischen Intellektuellen“ (der Arbeiterklasse) eine besondere Aufgabe zu. Diese „Intellektuellen eines neuen Typs, […] die direkt aus der Masse hervorgehen und gleichwohl mit ihr in Kontakt bleiben, um zu ‚Korsettstangen’ derselben zu werden“, müssten dem Gewebe der Alternativen, des Experimentierens, des Reflektierens und des Strebens nach kritischer Kohärenz Stabilität verleihen (Gramsci 1991ff: 1390). Auch wenn es dabei zunächst nur um ein bewussteres Leben in den Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft gehen könne, müsse aber an den Möglichkeiten ihrer Überwindung festgehalten werden. Diese „neuen Intellektuellen“ agieren laut Gramsci aus den gewachsenen, sozio-ökonomischen Strukturen und mischen sich aktiv „ins praktische Leben“ ein, „als Konstrukteur, Organisator, ‚dauerhaft Überzeugender’“ (Gramsci 1991ff: 1532). 

Auch ein „mosaiklinker Formierungsprozess“, so Hans-Jürgen Urban, benötigt „organische Intellektuelle“ (Urban 2019b: i. E.). Allerdings könnten die Aufgaben, die sich den europäischen Links-Intellektuellen im Rahmen des skizzierten Mosaiks stellen würden, nicht mit jener Herausforderung verglichen werden, welche „Gramsci dem organischen Intellektuellen des Proletariats bei der Bildung eines gegenhegemonialen historischen Blocks zugedacht“ habe (Urban 2019b: i. E.). Gleichwohl müsse auch ihre Konstituierung „mit der Herausbildung von Gegenhegemonie einhergehen“ (Urban 2019b: i. E.). Im Unterschied zu Gramscis Betrachtungsweise jedoch, die sich aus einer historisch spezifischen Konstellation ergibt, konstituiert sich die Mosaik-Linke als eine heterogene Kollektivakteur*in, die „sich nicht auf eine gesellschaftliche Gruppe oder soziale Klasse“ bezieht (Urban 2019: i. E.; Hervorhebung im Original). In Anlehnung an Elmar Altvater spricht Hans-Jürgen Urban hier von der „Verschiedenheit“ als Stärke und der „politische[n] Fragmentierung“ als „Schwäche“ (Urban 2019 i. E., vgl. auch Altvater 2010: 229). Eine unhintergehbare Voraussetzung sei „die wechselseitige Anerkennung der jeweiligen Bewegungs- und Organisationskulturen“, die erst eine „kollektive[] Politikfähigkeit“ ermögliche (Urban 2019: i. E.). 

Trotz der vielfältigen systematischen Reflexionen auf die Bedingungen der Konstituierung einer Mosaik-Linken bleibt letztlich die Frage offen, wie die Mosaiksteinchen ihre Zersplitterung und Fragmentierung überwinden können. Was kann ihre interne Fähigkeit zum „Disput und Konflikt“ stärken, um „etwas qualitativ Neues“ zu schaffen, „das mehr ist als die Summe aller Einzelteile“ (Dörre 2019: 38)? Wie können die parzellierten Alltagspraxen und Lebensweisen zu einem vielfältigen, solidarischen linken Mosaik mit entsprechender Handlungsfähigkeit werden und welche Bedeutung erlangt beispielsweise – wie Brigitte Aulenbacher aus einer intersektionalistischen Perspektive anmerkt – „das vielstimmige Feld des Feminismus“ (Aulenbacher 2019: 65ff.)? M. E. erweist sich hier Antonio Gramscis Kategorie des „Alltagsverstandes“ als hilfreich.

3. Der Alltagsverstand als Ausgangspunkt kritisch (kollektiver) Lernprozesse

Ausgehend von den Erfahrungen, die Gramsci in der Turiner Rätebewegung in den Jahren 1919/1920 gewonnen hat, erklärt er die kritische Analyse des Alltagsverstandes zum wichtigsten Ausgangspunkt einer „Philosophie der Praxis“ (vgl. Gramsci 1991ff: 1395). Diese methodische Forderung erkennt die im Alltagsverstand enthaltenen Erfahrungen und Einsichten an und basiert auf einem Verständnis kritisch-kollektiver Bildungsprozesse, welches die Blockierungen und Widersprüche ausfindig zu machen sucht, welche die alltäglichen Praxen und Selbstverständlichkeiten der Menschen bestimmen. Gramsci geht dabei davon aus, dass es „nicht einen einzigen Alltagsverstand“ gibt, vielmehr ist er „eine Kollektivbezeichnung wie ‚Religion’“, „ein historisches Produkt und ein geschichtliches Werden“, dessen massenhaft wirksamen Elemente es in kritisch-kollektiven Bildungsprozessen für jede Zeit neu zu bestimmen gilt (Gramsci 1991ff: 1377). 

Der Alltagsverstand ist als „Philosophie der Nicht-Philosophen“ (Gramsci 1991ff: 1393) „spontan die Philosophie der Volksmenge“ (Gramsci 1991ff.: 1395), „das heißt die unkritisch von den verschiedenen gesellschaftlichen und kulturellen Milieus aufgenommene Weltauffassung“ (Gramsci 1991ff: 1393), die nicht nur das im Bewusstsein verankerte Selbst- und Weltverständnis umfasst, sondern auch alltägliche Handlungen und Praxen sowie unbewusste Dispositionen einschließt (vgl. Opratko 2014: 44). Ein entscheidendes Charakteristikum des Alltagsverstandes in der bürgerlichen Gesellschaft ist seine Widersprüchlichkeit, seine Inkohärenz. In der Regel ist die Weltauffassung des Alltagsverstandes „zufällig und zusammenhanglos“, der einzelne gehört „gleichzeitig zu einer Vielzahl von Masse-Menschen, die eigene Persönlichkeit ist auf bizarre Weise zusammengesetzt: Es finden sich in ihr Elemente des Höhlenmenschen und Prinzipien der modernsten und fortgeschrittensten Wissenschaft, Vorurteile aller vorangegangenen, lokal bornierten geschichtlichen Phasen und Intuitionen einer künftigen Philosophie, wie sie einem weltweit vereinigten Menschengeschlecht zueigen sein wird“ (Gramsci 1991ff: 1376). 

Der Alltagsverstand ist also „ein zweideutiger, widersprüchlicher, vielgestaltiger Begriff“ (Gramsci 1991ff: 1397), „Ort einer spezifischen Widersprüchlichkeit“ (Merkens 2004: 33). Er ist „auf bornierte Weise neuerungsfeindlich und konservativ“ (Gramsci 1991ff: 1397), zugleich können sich im Alltagsverstand Elemente von Marginalisierung, Ausbeutung und Unterdrückung verdichten, die zum „Ausgangspunkt des ‚Bruches’ und der emanzipatorischen Umgestaltung von Gesellschaft“ werden (Merkens 2004: 33). „Aber die Existenz der objektiven Bedingungen oder Möglichkeiten oder Freiheiten reicht noch nicht aus: Es gilt, sie zu ‚erkennen’ und sich ihrer bedienen zu können. Sich ihrer bedienen zu wollen“ (Gramsci 1991ff: 1341). Im Alltagsverstand haben sich sowohl rationale Denk- und Handlungsweisen als auch „unterschiedliche historische Epochen wie Gesteinsschichten“ und Überzeugungen sedimentiert (Rehmann 2008: 88), welche „von der Vergangenheit ererbt und ohne Kritik übernommen“ wurden (Gramsci 1991 ff.: 1384). Neoliberale Projekte erlangen ihre Stabilität über den Alltagsverstand, in dem sich Selbstverständlichkeiten und gewohnte Praxen festschreiben, denn auf Dauer lässt sich kein Macht- und Herrschaftsverhältnis ausschließlich über Repression aufrechterhalten. Herrschaft beruht auf der dynamischen Fähigkeit hegemonialer Kräfte, ihre Werte und Normen als führend durchzusetzen, die nicht in einer binären Struktur, einem einfachen Befehls- und Gehorsamsschema, aufgehen. Hegemonie setzt eine hinlängliche Berücksichtigung gegnerischer und subalterner Interessen voraus. „Das hegemoniale Gegenüber von Herrschenden und Beherrschten, von Regierenden und Regierten, ist ein Verhältnis, das stets auf Kompromissen basiert, das durch Aushandlungskämpfe sowie das widersprüchliche Ringen der Subalternen um Partizipation und Teilhabe geprägt ist“ (Merkens 2010: 195). Dabei kann ein „gewisses Gleichgewicht des Kompromisses [...], dass also die führende Gruppe Opfer kooperativ-ökonomischer Art bringt […], nicht das Wesentliche betreffen“ (Gramsci 1991 ff.: 1567). Hegemonie „kann […] nicht umhin ihre materielle Grundlage in der entscheidenden Funktion zu haben, welche die führende Gruppe im entscheidenden Kernbereich der ökonomischen Aktivität ausübt“ (Gramsci 1991ff.: 1567). 

Sowie gesellschaftliche Gruppen des herrschenden Machtblocks danach trachten, ihrer Weltauffassung entsprechend, „einen bestimmten Alltagsverstand zu überwinden, um daraus einen anderen, zur Weltauffassung der führenden Gruppe besser passenden zu schaffen“ (Gramsci 1991ff.: 1395f.), so müssen auch die auf Emanzipation zielenden gesellschaftlichen Kräfte fortwährend darum ringen, andere Weltauffassungen im Denken und Handeln des (eigenen) Alltagsverstandes zu etablieren. Emanzipatorische Lernprozesse werden nicht als aufklärerische Praxis verstanden, sondern sie finden ihre Basis im Alltagsverstand selbst, dessen Inkohärenzen Ausgangspunkt emanzipatorischer Lernprozesse sind. Eine notwendige Bedingung ist die Analyse der in lebensweltlichen Sozialisationsprozessen erworbenen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsstrukturen, welche zu einem praktischen Element des gesellschaftlichen Lebens und seiner Veränderung werden: „Der Anfang der kritischen Ausarbeitung ist das Bewusstsein dessen, was wirklich ist, das heißt ein ‚Erkenne dich selbst’ als Produkt des bislang abgelaufenen Geschichtsprozesses, der in einem selbst eine Unendlichkeit von Spuren hinterlassen hat, übernommen ohne Inventarvorbehalt. Ein solches Inventar gilt es zu Anfang zu erstellen“ (Gramsci 1991 ff.: 1376).

 4. Politische und persönliche Wertschätzung

Sich aus Fremdbestimmung zu befreien und eingreifend die Welt zu verändern, erfordert die kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, viel soziale Phantasie und die Einsicht in die eigenen vielfältigen Verstrickungen. Für dieses Unterfangen stehen nicht nur Hans-Jürgen Urbans Überlegungen zu einer Mosaik-Linken, sondern Hans als ganzer Mensch! Sein hohes Maß an politischer (Selbst-)Reflexivität, seine Bereitschaft, anderen Menschen wirklich zuzuhören und seine Fähigkeit im praktischen „Handgemenge“ nicht die Orientierung zu verlieren, machen ihn zu einem außergewöhnlichen Menschen. Jegliche Form von Opportunismus ist ihm fremd. Hans‘ Denken und Handeln ist gelebtes linkes Mosaik, das Experimente ermöglicht, Differenz anerkennt und keine fertigen Rezepte liefert. 

Dieser Text ist dem Sammelband Mosaiklinke Zukunftspfade - Gewerkschaft, Politik, Wissenschaft entnommen, der 2021, anlässlich des 60. Geburtstags des IG-Metall-Vorstands Hans-Jürgen Urban, beim Verlag Wesfälisches Dampfboot erschienen ist.