»Faschistische Regierungen erlauben es revolutionären oder progressiven Gruppen nicht zu existieren, ungeachtet dessen, wie friedlich oder gewaltfrei sie sind. Es spielt dabei keine Rolle, ob sie verboten werden wie in Nazi-Deutschland oder ob sie im Rahmen einer Konter-Intelligenz-Kampagne zerstört werden wie in den USA.« (Assata Shakur)
Nicht erst vor dem Hintergrund der Einstufung der verstreuten „Antifa-Bewegung“ als „terroristischer Organisation“ durch die US-Administration scheint der Satz der vor Kurzem im kubanischen Exil verstorbenen schwarzen Revolutionärin Assata Shakur aktueller denn je. Dabei ist weniger relevant, dass Antifa-Gruppen auch in den USA schon lange an Militanz und klassenpolitischer Ausrichtung verloren haben. Sie sind bei Weitem nicht mit früheren militanten revolutionären Gruppen wie der Black Panther Party for Self-Defense oder der Black Liberation Army, dessen Mitglied Shakur war, zu vergleichen. Auch nimmt Shakur in dem Zitat keinen direkten Vergleich zwischen dem deutschen Nationalsozialismus und den USA der späten 1960er und 1970er Jahre vor. Vielmehr steht ihre Aussage für eine Analyse und Kritik des Faschismus, die nicht einfach über das analogische Verhältnis zum historischen Faschismus in Europa vermittelt ist, sondern Elemente faschistischer Herrschaft auch in anderen räumlichen und zeitlichen Kontexten verortet (wie bspw. in den USA unter Johnson und Nixon). Sie steht damit in einer Tradition der Faschismuskritik, wie sie von schwarzen radikalen und antikolonialen Theoretiker*innen vertreten wird (Toscano 2023; Burden-Stelly 2019; Kelley 2024; Rodney; Césaire 2000; Padmore 1972; Jones 1950). Diese betrachtet Faschismus vor allem im Verhältnis zum imperialistischen Expansionszwang und zu Dimensionen extraökonomischer Gewalt, die die Dynamik des Kapitalismus prägen. Wie sprechen Ansätze der schwarzen radikalen und antikolonialen Theorie und Faschismusanalyse zu heutigen Verhältnissen, in denen die Diskussion um einen möglichen neuen Faschismus erneut oftmals eurozentrisch geführt wird?
Die heterogenen Ansätze eröffnen eine andere Perspektive der Kritik gegenwärtiger Konjunkturen der Faschisierung. Sie tragen zu einem Verständnis von Faschisierung bei, das diese nicht als Gegensatz zu liberaler Demokratie, sondern als in liberal-demokratische Rationalitäten eingelassen betrachtet. Besonders der Fokus dieser heterogenen Tradition auf die sogenannten Peripherien des kapitalistischen Weltmarktes und ihre Dimensionen extraökonomischer Gewalt bleibt zentral für eine Analyse von gegenwärtigen Faschisierungsprozessen. Auch für eine heutige Erneuerung antifaschistischer Politik ist das von Bedeutung: Es geht eben nicht nur um die Bekämpfung der extremen Rechten, sondern auch um die gesellschaftlichen Bedingungen sowie die staatlichen Treiber der Faschisierung. Zudem wird damit eine internationalistische Perspektive verfolgt. Im Folgenden will ich einige dieser Linien und damit verbundene Strategien eines abolitionistischen Antifaschismus diskutieren.
Kritik des kolonialen Faschismus
Schwarze Marxist*innen und radikale antikoloniale Theoretiker*innen argumentierten bereits in den Zwischenkriegsjahren, dass der in Europa aufkommende Faschismus kein „neues“ Phänomen, sondern bereits in die Kolonialprojekte Europas, also die koloniale und imperiale Ausbeutung und Enteignung, eingelassen war. Koloniale Techniken wie die rassistische, durch rechtliche Normen abgesicherte Organisation von Enteignung und Ausbeutung „unfreier“ Arbeit und das Regieren durch Gewalt und Zwang nahmen den Faschismus gewissermaßen vorweg. Auch die genozidalen Kampagnen und Methoden des belgischen Kolonialismus im damaligen Kongo-Freistaat (1885–1908) und des deutschen Kolonialismus im damaligen Deutsch-Südwestafrika (1904–1908) (Samudzi 2021) sind aus dieser Perspektive nicht nur als kontextuelle Vorläufer des systematischen Massenmords, sondern als faschistische Projekte vor dem Faschismus („fascism before fascism“, Toscano 2025a) zu verstehen, die aus einer Intensivierung des imperialistischen Verhältnisses resultieren (Nehru 2018).
Für schwarze und Dritte-Welt-Marxisten wie George Padmore, C.L.R. James, M.N. Roy oder den antikolonialen Politiker Jawaharlal Nehru war der Faschismus als Herrschaftsform ein Symptom sowohl von imperialistischer Expansion und Konkurrenz als auch von Krisentendenzen im Kapitalismus. Faschismus wird hier als Reaktion auf die kapitalistische Krise als auch als deren Ausdruck in der Phase des westlichen Imperialismus verstanden. Demzufolge ist der „demokratische“ Imperialismus freilich auch nicht in der Lage, den Faschismus als eines seiner Symptome zu bekämpfen. Vielmehr ließ der Kampf des „demokratischen“ (britischen oder französischen) Imperialismus gegen den europäischen Faschismus nicht nur die Kolonialherrschaft, sondern auch die Entstehungsbedingungen des Faschismus intakt. Der karibische Marxist George Padmore, der Anfang der 1930er Jahre im Auftrag der Komintern in Hamburg Hafenarbeiter und Matrosen organisierte, betonte in seinem 1937 erschienenen Buch „Africa and World Peace“, dass „demokratischer“ Imperialismus und „faschistischer“ Imperialismus austauschbare Ideologien seien, die aus den wirtschaftlichen und politischen Bedingungen des Kapitalismus hervorgehen. Vor diesem Hintergrund kritisierte er auch die Zusammenarbeit der Komintern mit den „demokratischen“ imperialistischen Mächten Frankreich, USA und Großbritannien unter der Prämisse der Volksfrontstrategie im Kampf gegen den Faschismus. Der Fokus auf die europäischen Volksfronten und die Kooperationen mit imperialistischen Mächten schwächte den internationalen Antikolonialismus und Antiimperialismus, der in der Mobilisierung gegen die Invasion Äthiopiens durch das faschistische Italien 1935 einen weltweiten Aufschwung erlebte.
Padmore ging es dabei nicht darum, die Kooperation verschiedener Kräfte gegen den Faschismus per se zurückzuweisen, sondern um die politische Ausrichtung dieser Kooperation. Für ihn war klar, dass antifaschistische Bündnisse nicht wirksam sind, wenn sie nicht die Ursachen des Faschismus angreifen und damit auch seine koloniale Dimension. Bereits ein Jahr zuvor hatte er in „How Britain Rules Africa“ argumentiert, dass der Rassismus der Siedlerkolonie „der Nährboden für die faschistische Mentalität ist, die heute in Europa um sich greift” und dass Südafrika „den klassischen faschistischen Staat der Welt” darstellt, der auf der „Einheit der Rasse gegen die Klasse” basiert (zit. nach Toscano 2023, 28).
C.L.R. James vertrat eine ähnliche Position: „Diese imperialistischen Banditen haben die Arbeiter im letzten Krieg mit denselben Parolen über Demokratie, Freiheit und Zivilisation ermutigt zu kämpfen. Aber nach dem Sieg über Deutschland haben Großbritannien, Frankreich und Belgien einfach die deutschen Kolonien übernommen und die N[…] weiterhin wie zuvor behandelt. Jetzt führen sie einen weiteren Krieg. Wenn die Faschisten gewinnen, werden sie die Kolonien zurückerobern. Wenn die ,Demokratien‘ gewinnen, werden sie sie behalten. Aber egal, ob die ,Demokratien‘ oder die Faschisten gewinnen, die Afrikaner bleiben Sklaven in ihrem eigenen Land.“ (James 1939)
Padmore und James antizipierten damit auch den bekannteren „Diskurs über den Kolonialismus“ von Aimé Césaire aus dem Jahre 1950, in dem er den Faschismus als einen choc en retour beschreibt, einen „Rückschlag“ der europäischen Kolonialgewalt, der von den Kolonien zurück auf die europäischen Metropolen hallte (etwas verfälschend oft auch als „Boomerang“ übersetzt). Er weist darauf hin, dass die Europäer*innen den Nationalsozialismus tolerierten, bevor er ihnen selbst „auferlegt wurde, und dass sie ihn entschuldigten, ihre Augen davor verschlossen und ihn legitimierten, weil er bis dahin nur auf nicht-europäische Völker angewendet worden war.“ (Césaire 2000, 36)
Während Padmore, James und Césaire den Faschismus von den sogenannten Peripherien her analysierten, äußerten sich schwarze Radikale in den USA ähnlich, nahmen aber die sogenannten westlichen Zentren in den Blick. So macht der Soziologe, Panafrikanist und Marxist W.E.B. Du Bois in seinem Klassiker „Black Reconstruction“ aus dem Jahre 1935 deutlich, dass faschistische Tendenzen tief in der Struktur liberaler Demokratien verwurzelt sind. Mit seiner These der „Konterrevolution des Eigentums“ durch die plantagenkapitalistische Klasse nach der Phase der US-Reconstruction (Wiederaufbau und Wiedereingliederung des Südens nach 1865) betont Du Bois (wie bspw. auch Amiri Baraka) vor allem die sich wandelnden Strategien der Gegenrevolution, die den Wandel von Hegemonieprojekten begleiten (Toscano 2025a). So reagierten die herrschenden Klassen im Süden der Vereinigten Staaten auf ihre Niederlage mit dem massiven Einsatz rassistischen Terrors gegen schwarze und nicht-weiße Arbeiter*innen und der weiteren Integration weißer Arbeiter*innen in politisch-ideologische Projekte rassistischer Suprematie. Sie führten neue Formen der Zwangsarbeit (wie das Convict-leasing-System und die Black Codes[1]) ein, um die schwarze Arbeitskraft zu kontrollieren, indem sie die Entstehung einer relativ „freien“ schwarzen Bauernschaft bekämpften. Es entstand ein regelrechtes Terrorregime mit einem ausgeklügelten Rechtsapparat, der die Rassentrennung manifestierte und jegliche soziale, wirtschaftliche und politische Teilhabe entlang rassifizierender Linien verunmöglichte. Dazu kam die Verselbstständigung der Exekutivgewalt, die eng verbunden mit dem Ku-Klux-Klan die schwarze Bevölkerung im Süden terrorisierte. Der alltägliche rassistische Terror des Lynchregimes, die Zwangsarbeit auf den alten Plantagen, die Regeln der systematischen Entmenschlichung und rassistischen Segregation in allen Lebensbereichen, die Verweigerung von Bürgerrechten und die Normalisierung eines Apartheidregimes – all dies sind Du Bois zufolge Merkmale faschistischer Formationen in Gesellschaften, die durch die Aufrechterhaltung von Rechtsordnungen für die einen und ein Herrschaftssystem uneingeschränkter Willkür für die anderen gekennzeichnet sind.
Damit antizipierte Du Bois auch die von dem jüdischen Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel entwickelte Analyse des Nationalsozialismus als „Doppelherrschaft“, die bis heute als Schlüsselwerk der Faschismusforschung gilt. Alberto Toscano (2023, 29) spricht in seinem Buch „Late Fascism“ von „racial fascism“ und argumentiert, einige der Beiträge schwarzer radikaler Theorien zusammenfassend, dass dieser unbemerkt bleiben konnte, „weil er auf der anderen Seite der color line operierte, so wie der Kolonialfaschismus als räumliche und epistemische Entfernung von der imperialen Metropole stattfand.“ Struktureller Rassismus, verstanden als gesellschaftliches Verhältnis, das koloniale Ausbeutung und Enteignung sowie systematische Entmenschlichung verdinglicht, prägt so, was als Faschismus überhaupt wahrgenommen werden kann und welche Gewaltverhältnisse als „normaler“ Teil staatlicher Herrschaft gelten.
Schwarze radikale, marxistische und antikoloniale Ansätze machen daher deutlich, dass Faschismus als extreme Spielart des imperialistischen Kapitalismus sowie als Vertiefung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse bereits vor dem „historischen“ Faschismus in Europa existierte. Dabei wird die Frage, ob der Faschismus, der die dem Kapitalismus innewohnende imperialistische Tendenz zur Herrschaft verstärkt (Rodney 1972), vor allem in den Kolonien wütete oder auch einen Doppelstaat in den sogenannten Zentren darstellte, unterschiedlich beantwortet. Sie alle teilen jedoch die Auffassung, dass die kolonialen Geografien des Faschismus nicht nur „Laboratorien“ für die Entstehung des europäischen Faschismus waren, sondern dass es sich dabei bereits um eigenständige Formen von Faschismus handelte (Kelley 2025), die durch die Abwesenheit bürgerlicher Freiheiten für einen großen Teil der Bevölkerung, die Normalisierung des Ausnahmezustands, den Aufbau eines autoritären Staats auf Grundlage rassistischer Ideologie, territoriale Expansion, die brutale Unterdrückung von Arbeiter*innen und die Zerschlagung ihrer Infrastrukturen charakterisiert waren.
Schwarze radikale, marxistische und antikoloniale Ansätze zeigen auch, dass Faschismus nicht statisch als Wechsel von liberalen zu faschistischen Regimen zu verstehen ist, sondern als ideologischer und politischer Prozess, der sich „auf differenzierte Weise gegen rassifizierte und subalterne Bevölkerungsgruppen richtet“ (Toscano 2025b). Demnach, und das scheint mir für die Diskussion in Deutschland besonders relevant, zeigen sie, dass Faschismus kein einheitliches Phänomen im Sinne eines Idealtyps oder „Abziehbilds“ ist (wie bspw. des deutschen oder italienischen Faschismus). Mit dem kolonialen/rassifizierenden Kapitalismus und Imperialismus gehen stets faschistische Potenziale und ideologische Elemente sowie praktische Prämissen des Faschismus einher, die sich auch vor dem Faschismus in Europa in unterschiedlichen kolonialen Kontexten entwickelten und vor allem in der Form rassistisch-kapitalistischer Gewalt zeigten.
Faschisierung beschreibt dabei den Prozess des Übergangs, Faschismus wiederum die Reorganisation von Herrschaft in einem Regime, das über den normalisierten, bürgerlich geführten Ausnahmezustand hinausgeht und die Gewaltenteilung (die für marginalisierte und kolonisierte Gruppen meist schon zuvor aufgehoben wurde) außer Kraft setzt. Damit sind auch das Terrorregime der Black Codes und der Jim-Crow-Gesetze[2], die Herrschaft Leopolds im sogenannten Kongo-Freistaat oder das koloniale Südafrika als Formen des Faschismus vor dem Faschismus (fascism before fascism) zu verstehen. Wie George Padmore (1937, 252) betont, unterscheiden sich „demokratischer“ und faschistischer Imperialismus vor allem bezüglich der politökonomischen Entwicklung des Kapitalismus und seiner Krisen innerhalb eines spezifischen Kontexts auf der einen sowie des Ausmaßes von Klassenkompromissen und -kämpfen auf der anderen Seite.
Der Antifaschismus der hier diskutierten Tradition zeichnet sich vor allem durch einen kommunistisch geprägten, schwarzen und antikolonialen Arbeiter*innen-Internationalismus aus. So waren Padmore und The International Trade Union Committee of Negro Workers (ITUCNW) in den 1930er Jahren maßgeblich an der Organisation internationaler Kampagnen gegen die globale Artikulation des Zwischenkriegskapitalismus beteiligt. Die „Hands-Off-China“-Kampagne zur Unterstützung chinesischer Arbeiter*innen und gegen die japanische Invasion der Mandschurei 1931 stellt ein wesentliches Beispiel dar, das auch die Grundlagen für die „Hands-Off-Ethiopia“-Graswurzelkampagne (gegen die italienische Besatzung 1935) legte. Beide Kampagnen fokussierten sich auf Hafenarbeiter und Seeleute, und damit auf den maritimen Sektor als Schlüsselbereich des imperialistischen Kapitalismus. Schwarzer radikaler Antifaschismus mobilisierte damit nicht nur gegen rechte Parteien und Bewegungen, sondern konzentrierte sich vor allem auf internationale Arbeiter*innen-Solidarität an der Schnittstelle von Antikolonialismus und Antiimperialismus sowie auf den Kampf gegen karzerale, also durch Gefängnisse, Polizei und Sicherheitsagenturen vermittelte Repression innerhalb der imperialistischen Zentren. Auch die schwarzen Selbstverteidigungskomitees im Süden der USA richteten sich nicht nur gegen die Angriffe des Klans, sondern auch gegen die staatliche Produktion von Apartheid sowie die Verselbstständigung der exekutiven Gewalt. Im Rahmen antifaschistischer Praxis wurden so schwarze Arbeiter*innen und antirassistische Solidarität unter den Ausgebeuteten und Entrechteten mobilisiert.
Schwarzer radikaler Antifaschismus in der Nachkriegszeit
In der oben beschriebenen Tradition sind auch schwarze radikale Analysen des Faschismus in der Nachkriegszeit zu verorten. So betonen beispielsweise die schwarze karibische Kommunistin Claudia Jones und später der Gefangene und Black-Panther-Mitglied George Jackson sowie die schwarze feministische Philosophin Angela Davis die Rolle von Faschisierungsprozessen als eine Rekombination und Intensivierung von Herrschaftsverhältnissen, die eine potenzielle Revolution von Ausgebeuteten und Entrechteten in Zeiten der Krise blockieren sollen. Claudia Jones, die im Jahre 1955 im Zuge der McCarthy-Repression nach England deportiert wurde, warnte bereits in den 1950er Jahren vor der Neuformation des US-amerikanischen racial fascism. Dieser drückte sich vor allem in einer Kombination aus rassistischem Terror, Antikommunismus, „Wall-Street-Imperialismus“, Angriffen auf die Arbeiter*innen innerhalb der USA sowie imperialem Militarismus und Kriegen außerhalb der USA aus, war jedoch durch den rassistisch-imperialistischen fordistischen Klassenkompromiss noch relativ eingehegt. Jones analysierte insbesondere den McCarthyismus[3] als Faschisierungsprozess, der massive Repression gegen Linke, Arbeiter*innen und antikoloniale Organisationen nach sich zog. Damit stellt Jones eine direkte Verbindung zur antikolonialen Kritik des Faschismus her und legt den vermeintlichen Widerspruch zwischen liberaler Demokratie und Prozessen der Faschisierung offen. In ihrer antifaschistischen Analyse verhandelte sie außerdem die Rolle von „Rasse“ und Geschlecht. In ihrem bekannten Text „An End to the Neglect of the Problems of the Negro Woman“ aus dem Jahre 1949 betont sie die Rolle von schwarzen und rassifizierter Arbeiter*innen, besonders Hausangestellten, und diskutiert ihre spezifischen Ausbeutungsformen sowie die Notwendigkeit der Mobilisierung dieses Teils der Klasse: „Um die schwarze Frau für die uneingeschränkte Teilnahme an der antifaschistischen, antiimperialistischen Koalition zu gewinnen, um ihre Militanz und Beteiligung in den aktuellen und zukünftigen Kämpfen gegen den Imperialismus der Wall Street zu steigern, müssen Progressive ein politisches Bewusstsein für ihren besonderen Status als Unterdrückte entwickeln.” (Jones 1949, 40-41) Auch für Jones war Antifaschismus in keiner Weise von internationalistischer Arbeiter*innen-Organisation und Antiimperialismus zu trennen. In ihrem weniger bekannten, jedoch für die Frage des antifaschistischen Aktivismus zentralen Text „International Women’s Day and the Struggle for Peace“ (1950) argumentierte sie für eine feministische Front gegen imperialistische Kriegslogiken sowie das „Fascist Triple K“ (Kinder, Küche, Kirche) und wandte sich damit auch der geschlechtlichen Dimension von Faschisierung zu.
Konjunkturen des Spätfaschismus
Mitglieder der Black Panther Party wie George Jackson definierten die faschistische Konjunktur in den 1970er Jahren vor allem vor dem Hintergrund der Zerschlagung revolutionärer Bewegungen und der einsetzenden neoliberalen Gegenoffensive. George Jackson, der 1971 bei einem Fluchtversuch aus dem berühmten San-Quentin-State-Gefängnis erschossen wurde, beschreibt in seinen ein Jahr zuvor veröffentlichten Gefängnisbriefen die Haftanstalten als einen zentralen Ort für die Organisierung der marginalisierten Teile der Arbeiter*innenklasse (vgl. hierzu Rodney 1971). Er legt dabei besonderes Augenmerk auf das Verhältnis zwischen Gefängnis und Faschisierung. Die Funktion sowie die Ausweitung des Gefängnisses sind ihm zufolge Ausdruck des Übergangs von der Plantagengesellschaft zur Integration von schwarzen Arbeiter*innen in das Lohnarbeitsverhältnis, wobei sie auf dem Arbeitsmarkt strukturell schlechter gestellt sind als weiße US-Arbeiter*innen. Jackson versteht das Gefängnis samt seiner politökonomischen Funktion gerade nicht als Kontinuität der Sklaverei, in der es hauptsächlich um die Produktion von Baumwolle, Zucker und Kaffee auf der Grundlage von „unfreier“ Arbeit ging. Er begreift das Gefängnis vielmehr als staatliche Methode zur Zerschlagung revolutionären Widerstands und Verwahrung des oft rassifizierten Subproletariats, um angesichts zunehmender Krisen Klassenmacht mithilfe des Ausbaus des repressiven Staates gewaltsam durchzusetzen.
Jackson antizipierte damit auch die Kritik an der Masseninhaftierung als „Antwort“ auf multiple Krisen, wie sie später vor allem abolitionistische marxistische Theoretiker*innen wie Ruth Wilson Gilmore (2007) weiterentwickeln sollten. Letztere beschreibt diese Entwicklung als Wandel vom militärischen Keynesianismus hin zu einem „post-keynesianischen Militarismus“. Gefängnisse, Polizei und auch Grenzen, die (wie sich im Augenblick nicht nur in den USA beobachten lässt) in der aktuellen Konjunktur eine zentrale Rolle spielen, sind als Methoden des neoliberalen Krisenmanagements auch in liberal-demokratischen Staaten in den letzten Jahrzehnten massiv ausgebaut und gestärkt worden. Stuart Hall (1979) hat dies als das „Polizieren der Krise“ bezeichnet, als ihre polizeilich-autoritäre Bearbeitung, die vor allem die marginalisierten, überwiegend migrantischen Teilen der Arbeiter*innenklasse trifft. Dieses Polizieren war wesentlicher Teil der autoritär-neoliberalen Politik des Thatcherismus, die von Hall als Bedingung für die Formation neuer rechter Politik und Ideologie begriffen wurde.
Jackson, Gilmore, Hall und weitere marxistische, schwarze radikale und abolitionistische Theoretiker*innen zeigen auf, dass diese Systeme und Technologien damit selbst auch Treiber der Entwicklung des Spätfaschismus sind (Zelik 2025; Toscano 2023). William I. Robinson (2020) bezeichnet diese Entwicklungen als „globalen Polizeistaat“ und bezieht sich damit vor allem auf zwei Dimensionen: Erstens thematisiert er den massiven Ausbau von sozialer Kontrolle, Unterdrückung und Kriegsführung, unter anderem auch gegen die anwachsende relative „Überschussbevölkerung“ durch Grenzen, Sperranlagen, Abschieberegime und Formen der Apartheid, die zunehmend auch durch neuere Technologien ermöglicht werden. Denn die immensen strukturellen Ungleichheiten der globalen politischen Ökonomie lassen sich nicht mehr weiter einfach durch konsensuelle Mechanismen eindämmen. Zweitens verweist er auf die ökonomischen, profitgenerierenden Funktionen dieser Systeme der Kriegsführung und Repression vor dem Hintergrund der kapitalistischen Vielfachkrisen und der Vertiefung von sich zuspitzender Ressourcenkonkurrenz. Robinson bezeichnet dies als „Akkumulation durch Repression“. Derzeit würden der stockende liberal-autoritäre „Reformismus von oben“ auf der einen und rechtsautoritäre Projekte auf der anderen Seite einen neuen ideologisch inkohärenten Block bilden, der jedoch beim Ausbau von Gefängnisindustrie und Repressionstechnologie politisch effektiv zusammenwirke und die Entwicklung des „Faschismus des 21. Jahrhunderts“ wesentlich vorantreibe (Robinson 2014).
Deshalb müssen sich antifaschistische Kämpfe auch gegen die staatlichen Motoren der Faschisierung richten, statt sich nur auf die Rolle von rechten oder rechtsextremen Parteien und Bewegungen zu konzentrieren. Auch die Wiederherstellung wohlfahrtsstaatlicher Kompromisse auf nationaler Ebene (die zwischen „würdigen“ und „unwürdigen“ Armen entlang nationaler Kategorien unterscheiden) ist kein Ausweg aus der Faschisierung. Insbesondere an der massiven staatlichen Repression gegen die Proteste in Solidarität mit Palästinenser*innen, dem steten milliardenschweren Ausbau von Grenzregimen und der Externalisierung von Grenzen als Form des Neo-Imperialismus (Walia 2013) sowie an der stratifizierten Ausbeutung und rassistischen Kontrolle der „Überschuss“-Bevölkerungen zeigt sich, dass Faschisierung keine Faschisten an der Macht braucht. Es sind diese Gruppen, die verschiedene Formen faschistischer Gewalt längst erfahren: sei es an den Außengrenzen der Europäischen Union, in den Knästen oder in den verarmten und polizierten Stadtteilen, wie jüngst in Rio de Janeiro.
Abolitionistische Feminist*innen, ob nun in Brasilien, den USA oder Europa, verweisen seit Jahren darauf, dass das Polizieren der Krise, die zunehmende polizeiliche Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemlagen und die Kriminalisierung von Migration und Armut, zentrale Kristallisationspunkte antifaschistischer Kämpfe sind. (Dies zeigt sich aktuell besonders sichtbar in den USA mit den ICE-Angriffen auf migrantische Arbeiter*innen.) Sie verbinden daher Kämpfe gegen karzerale Gewalt mit Kämpfen gegen Privatisierung und die weitere Inwertsetzung von Land. Auch Ansätze zur Vergesellschaftung von Sorgearbeit beziehen die Perspektive einer „Entkerkerung“ sowie der Entmilitarisierung der Gesellschaft mit ein (Bhattacharya 2023; Bhattacharya 2024). Damit werden auch neue Formen des antiimperialistischen Internationalismus ermöglicht. Zudem weiten abolitionistische Feminist*innen das Terrain antifaschistischer Kämpfe nicht nur dadurch aus, dass sie die gesellschaftlichen Verhältnisse und Krisen, die die politischen und ideologischen Bedingungen von Faschisierung erst hervorbringen, in den Blick nehmen. Vielmehr ermöglichen sie eine materialistische antifaschistische Politik, die den Fokus auf die Arbeiter*innen (in Produktion, Logistik und Zirkulation sowie sozialer Reproduktion) und die sogenannten „Überflüssigen“ und ihre Kämpfe legt und damit die Grenzen des historischen europäischen Antifaschismus sowie der konventionellen Arbeitskämpfe sprengt. Nur so kann dem sich abzeichnenden Spätfaschismus eine echte Alternative entgegensetzt werden: durch die Abolition, also die Aufhebung von rassistisch-vergeschlechtlichten-kapitalistischen Produktions- und Gewaltverhältnissen und Institutionen zugunsten einer abolitionistischen Demokratie.
