Wir durchleben eine gefährliche Zeit, eine Zeit der Faschisierung. Neoliberale bereiten den Boden für die neuen Faschist*innen. Vor unseren Augen bildet sich ein neues autoritäres gesellschaftliches Bündnis. Es wird tastend zwischen sich radikalisierenden Konservativen und autoritären Neoliberalen auf der einen Seite, der AfD und ihrer Basis auf der anderen Seite geschmiedet. 

Die Demokratie wird von mehreren Seiten bedroht und zerstört: Vom neoliberalen Zentrum, das sie zu verteidigen vorgibt, und der faschistischen AfD und ihren Verbündeten. Gegen beide muss Die Linke mit einer Drei-in-Eins-Strategie im Namen echter sozialer und politischer Freiheit für eine soziale Demokratie kämpfen. Es geht darum in der Defensive bewusst zu kämpfen, um eine neue linke Offensive möglich zu machen – nicht um die Anpassung an den Liberalismus, sondern um Schritte einer politischen Linksverschiebung (Candeias 2025).

»Mit der Demokratiefrage lässt sich ein politischer Spalt zwischen unten und oben, zwischen gewöhnlichem Volk einerseits, Millionärs- und Milliardärsklasse sowie Faschist*innen andererseits setzen.« 

In diesem Sinne sollte die „Demokratiefrage“ in den Mittelpunkt linker Parteistrategie gerückt werden (Dahme/Ritter 2025). So lässt sich ein politischer Spalt zwischen unten und oben, zwischen gewöhnlichem Volk einerseits, Millionärs- und Milliardärsklasse sowie Faschist*innen andererseits setzen. Das Etappenziel ist zunächst zum ausstrahlenden Gegenpol zur AfD zu werden, um sie dann schließlich zu besiegen. Das zumindest ist die strategische Grundüberlegung, die ich im Weiteren begründen will. 

Faschisierung und Demokratiezerstörung

Wie hängen Neoliberalismus, Faschisierung und Demokratiezerstörung zusammen? Unter Faschisierung verstehe ich in Anlehnung an Ugo Palheta einen gesellschaftlichen Vorgang, durch den Bedingungen entstehen, die einen Machtübergang an Faschist*innen möglich oder sogar wahrscheinlich machen (Palheta 2025a, 18-30; ders. 2025b). Wichtige Elemente der Faschisierung sind m.E. die Ausbreitung von Ideologien der Menschenfeindlichkeit, der Landgewinn organisierter und bewusster faschistischer Kader, die Normalisierung faschistischer Argumentationen, der massenhafte Vertrauensverlust in die herkömmlichen demokratischen Verfahren, die Ausbreitung von faschistischen Einstellungen (siehe hierzu Amlinger/Nachtwey 2025, 151f.), Wahlsiege faschistischer Parteien, die Öffnung etablierter Rechtsparteien nach rechts und eine fehlende sozialistische oder wenigstens progressive Alternative, die überzeugend verspricht, die großen Probleme, die die Massen bewegen, zu lösen. Wie Lia Becker gezeigt hat, spielt für die Faschisierung die bisherige Politik der herrschenden Klasse und ihre zukünftigen strategischen Entscheidungen eine ganz zentrale Rolle (Becker 2025). 

Der Neoliberalismus trägt mehrfach zu dieser Faschisierung bei. Neoliberalismus ist erstens die Ausweitung der Macht der Konzerne bzw. des Kapitals über die arbeitenden Klassen und das ökologische Netz des Lebens – z. B. durch Prekarisierung, durch die rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen in globalen Wertschöpfungsketten, durch den Ausbau von Lobbymacht, eine sich schnell drehende Tür zwischen Ministerien, Parlamenten und Unternehmen oder durch Kürzungspolitik. Die Neoliberalen zerstören so zweitens die liberale Demokratie selbst. Die Unterwerfung politischer Entscheidungen unter Konzerninteressen zerstört den Glauben an Demokratie, weil „die Demokratie“ nicht liefert, was viele Menschen sich für ein gutes Leben wünschen. Und drittens bereiten die autoritären Neoliberalen den neuen Faschist*innen den Boden: Durch Hetze z.B. gegen Migrant*innen und gegen angeblich faule Erwerbslose nähren sie in den Köpfen den Gedanken, es gebe eine Ungleichwertigkeit der Menschen. Dabei beruht Demokratie auch auf der Annahme, alle seien politisch gleich und gleichwertig. 

Die neuen Faschist*innen greifen diese Demokratiezerstörung auf. An Verzweiflung und Unsicherheit, dem sich ausbreitenden Gefühl, von den demokratischen Verfahren und Parteien habe man nichts zu erwarten, stoßen sie sich gesund.

Sollten Regierungen zwischen AfD und Union entstehen, droht etwas anderes als eine etwas schlimmere CDU-Politik. Der Blick in die USA (Davidson/Fletcher 2025) zeigt: Möglich ist eine Art antidemokratisches Übergangsregime, das die Türen in einen neuen Faschismus aufstoßen könnte. Ob es zu diesen Bündnissen kommt, hängt auch davon ab, ob Teile der deutschen Millionärs- und Milliardärsklasse zur Einsicht kommen, ihre Interessen nur noch autoritär durchsetzen zu können. Ob AfD und Union diese Bündnisse dann schließen können und – falls wir es nicht verhindern können – wie weit eine Übergangsregierung auf dem Weg zum Faschismus vorankommen würde, hängt von unserer Politik und unserem Widerstand ab.

Brücken nach links bauen

Die Zerstörung und Bedrohung der Demokratie schlägt sich auch in den politischen Einstellungen in der Bevölkerung nieder (ausführlich Goes 2024, 99f.). 

Im eher links orientierten Drittel der Bevölkerung ist der Eindruck, demokratische Rechte und Regeln seien in Gefahr, am stärksten verbreitet – genauso wie die Vorstellung, durch Demokratie ließen sich soziale und ökologische Ziele und Anliegen am ehesten umsetzen. In den politisch schwankenden Teilen hingegen wenden sich viele von demokratischen Politiker*innen ab, weil sie glauben, von den Parteien vergessen und verlassen worden zu sein. Sie trauen ihnen einfach nicht mehr zu, wirklich für gute Gesundheitsversorgung, Arbeit oder intakte Schulgebäude in der eigenen Region zu sorgen. Ein Teil wird zu frustrierten Mitte-Links-Wähler*innen, die trotzdem wählen. Ein größerer Teil wählt gar nicht mehr. Ein kleinerer Teil gehört zum Rand der AfD-Wähler*innen, der tatsächlich aus Protest faschistisch stimmt. 

Sie alle muss und kann Die Linke für eine wirksame antifaschistische Politik gewinnen – frustrierte Mitte-Links-Anhänger*innen, verzweifelte Nichtwähler*innen und wütende Protestwähler*innen. Dazu muss sie diese Gefühle ansprechen und Brücken nach links bauen. Sie muss deshalb die Angst vor den neuen Faschist*innen politisch bearbeiten und zugleich das „Unbehagen an der liberalen Demokratie“ sowie an der „Macht des großen Geldes“ aufgreifen, befeuern und nach links entwickeln helfen – zentral in der Parlamentsarbeit, in der Öffentlichkeitsarbeit und in der außerparlamentarischen Alltagsarbeit. Tut sie das nicht, werden SPD und Grüne sie im links orientierten Drittel verdrängen, und die AfD wird Schwankende und Protestwähler*innen weiter ansprechen.

Strategisch ist es für Die Linke entscheidend, das Feld der Demokratie so zu besetzen, dass sie einen tiefen politischen Spalt zwischen oben und unten, zwischen Ausgebeuteten und Ausbeuter*innen setzt und vertieft (Hall 2014, 102-103). Wenn es ihr gelingt, kann sie als Repräsentantin und aktiver Teil des demokratischen Volkes wirken, verstanden als Ensemble der gewöhnlichen arbeitenden und erwerbslosen Menschen, das der Millionärs- und Milliardärsklasse einerseits, den neuen Faschist*innen andererseits gegenübertritt. Auf diese Weise kann sie zunächst zur stärksten Partei links der Union und so zum ausstrahlenden Gegenpol zu AfD und Union werden – und schließlich auf diesem Weg auch die reinen Protestwähler*innen gewinnen, die im Augenblick faschistisch wählen.

»Der popular-demokratische Kampf wäre immer an zwei Fronten zugleich zu führen: Gegen die neuen Faschist*innen und gegen die autoritären Neoliberalen und die Millionärs- und Milliardärsklasse.«

Das ist voraussetzungsvoll und setzt einen sozialistischen Freiheits- und Demokratiebegriff voraus. Freiheit ist die Fähigkeit, Entscheidungen treffen zu können, die das eigene Leben betreffen (Wright 2017, 61) – und ein soziales Verhältnis, das Wahlmöglichkeiten und Entwicklungschancen bietet. Es ginge darum, erstens die Ängste vor der Zerstörung von bereits erreichten politischen Freiheitsrechten genauso aufzugreifen, wie zweitens den Unmut über die politische Oligarchie, die aus der Millionärs- und Milliardärsklasse und der mit ihr verbundenen politischen Klasse besteht. Der popular-demokratische Kampf wäre immer an zwei Fronten zugleich zu führen: Gegen die neuen Faschist*innen und gegen die autoritären Neoliberalen und die Millionärs- und Milliardärsklasse. 

Es ginge in einer revolutionär-demokratischen Perspektive darum, Freiheit durch Gleichheit zu verteidigen und zu erkämpfen (Laclau/Mouffe 1985, 188-197): Für soziale Lebens- und Arbeitsbedingungen, die eine freie Wahl über das und im eigenen Leben überhaupt möglich machen; für demokratische Macht, um mit anderen gleichberechtigt über das entscheiden zu können, was das eigene Leben betrifft und uns alle angeht; um ein Miteinander, das Zugehörigkeit und Teilhabe möglich macht. 

Prekäre Arbeit, Armutslöhne, fehlende Gesundheitsversorgung, Lobbymacht, gekaufte Politiker*innen, politische Erpressung mit Unternehmensverlagerungen, menschenfeindlicher Rassismus und Antisemitismus, das weitere Anfeuern der Erderhitzung und die Zerstörung unserer natürlichen Überlebensgrundlagen, Gewalt gegen LGBTQs – das alles lässt sich von einem revolutionär-demokratischen Standpunkt als Angriffe auf die Freiheit ermöglichende Gleichheit und auf ein demokratisches Volk begreifen und in der Öffentlichkeit skandalisieren, das im Kampf gegen diese Angriffe sich überhaupt erst konstituieren kann (Sotiris 2017). 

Um eine starke gesellschaftliche Allianz gegen das sich herausbildende Bündnis aus autoritären Neoliberalen und sich radikalisierenden Konservativen einerseits, den neuen Faschist*innen andererseits aufzubauen, sollte dieser demokratische Kampf für Gleichheit und Freiheit im Zentrum linker Strategie stehen.

Das revolutionär-demokratische Erbe der Arbeiter*innenbewegung

Die Linke könnte bei der Entwicklung einer radikalen Demokratiepolitik, die das leistet, aus dem revolutionär-demokratischen Erbe der Arbeiter*innenbewegung schöpfen. Es ginge nicht um die bloße Verteidigung des Bestehenden, sondern um eine demokratische Revolution. 

»Es geht um radikale Demokratie, nicht um ein Bekenntnis zur liberalen Ordnung, wie wir sie kennen und die zurecht an Vertrauen verloren hat.«

Der umstürzlerische Glutkern der Demokratie ist der Anspruch, dass das Volk, verstanden als die arbeitenden und einfachen Teile der Bevölkerung, über sein Schicksal selbst entscheidet: Jede Stimme zählt gleich viel und das Volk (Demos) hat die Macht (Kratos). Die besitzenden Klassen wollten diese Art Demokratie nie. Demokratie soll für sie höchstens ein Auswahlverfahren und eine Betriebsanleitung für Stellvertreter*innen sein. In der liberalen Demokratie wurden die demokratische Staatsbürgerschaft im Laufe der Zeit zwar auf einen immer größeren Personenkreis ausgeweitet (genauer gesagt wurde das erkämpft), aber sie wurden in ihrer Macht sehr beschränkt (Meiksins Wood 2010, 210). Wirkliche Volksmacht entsteht erst durch den Zusatz von Formen der direkten Basisdemokratie und durch die Ausweitung von Demokratie auf Arbeit und Wirtschaft (dies., 230; 237-239). Es geht um radikale Demokratie, nicht um ein Bekenntnis zur liberalen Ordnung, wie wir sie kennen und die zurecht an Vertrauen verloren hat.

In der liberalen Demokratie bleibt die soziale Herrschaft der Kapitalist*innen über die Arbeiter*innen und die Natur im Kern unangetastet. Viele erkämpfte soziale und politische Rechte der Lohnabhängigen binden den Mächtigen zwar die Hände, aber sie beenden ihre Herrschaft nicht (dies., 204). Dennoch entstehen aufgrund von Klassenkämpfen und sozialen Bewegungen Gegenmacht, Zentren des Widerstandes und „Fugen des Sozialismus“ – innerhalb des Staates, der Betriebe und der Wirtschaft: „In der bürgerlichen Demokratie herrscht die Kapitalistenklasse, aber sie herrscht unter dem ständigen Druck der Arbeiterklasse.“ (Bauer 1936, 126) Sie herrscht unter dem Druck der sich organisierenden Arbeiter*innen und, so muss man heute hinzufügen, der sozialen Bewegungen.

»In der liberalen Demokratie bleibt die soziale Herrschaft der Kapitalist*innen über die Arbeiter*innen und die Natur im Kern unangetastet.«

Die alte Linke – ob Sozialdemokratie oder stalinistischer Kommunismus – hat enormes Vertrauen auf den Staat gesetzt. Gesellschaftliche Probleme sollten durch die Ausweitung der Staatsbürokratie gelöst werden. Die Kehrseite dessen war das Misstrauen in Basisbewegungen, gleich ob gewerkschaftliche oder soziale Bewegungen (Poulantzas 2002, 278f.). Als demokratische Sozialist*innen sollten wir in Zeiten der Faschisierung einen völlig anderen Kurs einschlagen. Auf dem demokratischen Weg zum Sozialismus verhindern wir die Zerstörung liberaler demokratischer Rechte – das ist der defensive Kampf, den wir momentan führen müssen. Wir versuchen aber gleichzeitig die erwähnten Formen Gegenmacht weiter zu entfalten, die Widerstandszentren – z.B. innerhalb des Staates und der Unternehmen – auszuweiten und gleichzeitig Formen der Basisdemokratie, z.B. der Selbstverwaltung von Betrieben, zu erkämpfen und zu fördern. Es geht immer darum, den Einfluss und die politischen Beteiligungsmöglichkeiten der Arbeiter*innen und der Angehörigen der Mittelklassen zu vergrößern, die Macht des Kapitals zu brechen – und den kapitalistischen Staat umzubauen (ders., 286f.), zu „demokratisieren.“ 

Ohne eine Basisstrategie, die auf die Selbsttätigkeit und die demokratische Machtausübung durch die unteren Volksklassen setzt (das sind alle Klassen, die nicht zum Bürgertum gehören, also Arbeiter*innenklasse, lohnabhängige Mittelklasse und traditionelles Kleinbürgertum), kann es heute keinen Einstieg in den Sozialismus geben (Claudin 1978, 119). Diesen strategischen Kompass sollten wir nutzen, auch wenn die politischen Kräfteverhältnisse heute nicht rosig sind.

Die Linke und die demokratische Revolution

Was also müsste Die Linke tun? Sie sollte sich zur Kraft einer demokratischen Revolution machen, zu der eine Drei-in-Eins-Strategie gehört.


Der erste Baustein ist die Verteidigung demokratischer Errungenschaften gegen Neoliberale und Faschist*innen, ohne beide gleichzusetzen. Dafür brauchen wir eine Einheitsfrontpolitik des 21. Jahrhunderts, die auch Anhänger*innen von SPD und Grünen gemeinsame Aktionen für soziale und ökologische Reformen vorschlägt – selbst wenn ihre Partei in der Regierung ist.

Einige Autor*innen, etwa Lia Becker und Mario Candeias, sprechen von der Notwendigkeit, eine gesellschaftliche Volksfront aufzubauen. Ich denke in eine sehr ähnliche Richtung. Allerdings haben die Einheits- und Volksfrontstrategie eine Geschichte, wurden in den 1920er bzw. 1930er Jahren entwickelt. Dabei handelt es sich um zwei verschiedene Herangehensweisen an antifaschistische Bündnispolitik. Beide können offensiver oder defensiver ausgelegt sein, der Hauptunterschied bestand darin, welche Klassen bzw. welche politischen Kräfte als Bündnispartner*innen gesucht wurden (zum Verhältnis beider Ansätze siehe Gross 1962). Die Einheitsfrontstrategie setzte auf den gemeinsamen Kampf von Parteien und Organisationen der Arbeiter*innenklasse, deren logische Folge die sogenannte Arbeiterregierung (Thüringen und Sachsen 1923) war (Moneta 1999). Die Volksfront hingegen sollte, so ihre „Erfinder*innen“ in der kommunistischen Bewegung (Dimitroff 1991, 31f.), auf der Einheitsfront basieren, aber auch das Kleinbürgertum und – in der Realität der Volksfrontpolitik – auch Teile des Bürgertums umfassen (Claudin 1977, 186f.). Letzteres hielte ich unter heutigen Bedingungen für falsch, hieße es doch parteipolitisch Bündnisse auch mit FDP und CDU anzustreben. Ob es diesbezüglich tatsächlich eine Meinungsverschiedenheit mit denen gibt, die für eine gesellschaftliche Volksfront werben, wäre überhaupt erst zu klären, indem die Bündnisfrage konkreter diskutiert wird. 

Angesichts des Zustandes von Linke, SPD und Grünen ginge es bei einer zeitgemäßen Einheitsfrontpolitik nicht um ein Parteienbündnis, sondern um eine Form, in der Bürger*innen gemeinsam aktiv werden und kämpfen könnten (Candeias 2025b). Sozialer Antifaschismus, also die Verknüpfung von Forderungen nach dringend erforderlichen sozialen und ökologischen Reformen mit dem Kampf gegen den Faschismus, sollte dabei im Mittelpunkt stehen (Goes 2024b). Die bereits anlaufenden Angriffe der Regierung auf die sozialen Rechte der abhängig Beschäftigten bieten dafür einen guten Anlass. Möglich ist eine derartige Einheitsfrontpolitik nur auf der Basis einer scharfen Oppositionspolitik gegen die Regierung. Für eine solche Politik wäre eine Form zu finden, die Klarheit und Sichtbarkeit einer sozial-antifaschistischen Plattform mit ausstrahlenden Persönlichkeiten und der Selbstorganisierung der engagierten Bürger*innen kombiniert. Wichtige soziale Themen, um verschiedene Teile der arbeitenden Klassen ansprechen zu können, könnten Renten, Mieten und Pflege sein, ökologisch etwa der Ausbau und die Verbesserung des Nahverkehrs, alles verbunden mit zwei bis drei konkreten Forderungen gegen die AfD. Es würde darum gehen, Hunderttausende einzuladen, die sich nicht (mehr) in Parteien engagieren, sich in einer antifaschistischen Sammlungsbewegung zusammenzufinden. Sie könnte Menschen in Stadtteilen und Dörfern ansprechen und einbinden, um gemeinsam für die sozial-antifaschistische Plattform Druck zu machen. Die Linke als Partei, die durch ihr Mitgliederwachstum bereits sehr viele junge antifaschistische Menschen gewonnen hat, müsste die Initiierung unterstützen, dürfte sie aber nicht „besetzen“. 


Der zweite Baustein einer Drei-in-Eins-Strategie wäre die Ausformulierung einer greifbaren, an das Alltagsbewusstsein anschlussfähigen Vision sozialistischer Demokratie, die an Beispielen zeigt, wie durch mehr Macht für die Arbeiter*innen und sozialen Bewegungen soziale und ökologische Verbesserungen für das eigene Leben möglich werden. Dafür gibt es zwei wichtige Arenen, die Kommunalpolitik und die Betriebe. Die Demokratisierung der Kommune führt zum Kampf gegen die finanzielle Austrocknung der Städte und Gemeinden, die vielerorts zur reinen Mängelverwaltung führt (Warnke 2025). Gleichzeitig würden es Bürgerhaushalte – mit denen auch in Deutschland schon länger experimentiert wird – erlauben, die Menschen selbst entscheiden zu lassen, was ihnen in ihrem Leben wichtig ist. Die Linke könnte hier anknüpfen. Zum einen, indem sie immer wieder herausstellt, dass Demokratie vor Ort nur funktioniert, wenn die finanzielle Austrocknung der Kommunen beendet wird. Zum anderen könnte sie an internationale Erfahrungen anknüpfen, etwa aus Porto Alegre oder Barcelona, und für echte Mitsprache kämpfen, statt für Pseudobeteiligung. Beides könnte sie, etwa im Rahmen der neuen Mietenkampagne, mit organisierender Arbeit in Stadtteilen verbinden. Demokratisierung bedeutet deshalb auch: Kampf um soziale und ökologische Haushalte. Und es heißt, sachlich gut begründete Konflikte mit den kommunalen Aufsichtsbehörden und den Innenministerien der Länder führen, indem die Bevölkerung einbezogen wird – etwa über Stadtversammlungen und die gemeinsame Diskussion über die Projekte vor Ort, für die die Menschen zu streiten bereit sind. 

Aber auch die kommunale Gesundheits- oder Kitaversorgung könnte ein wichtiges Kampffeld sein. Nicht nur, weil sie sichergestellt werden muss, um ein gutes und sicheres Leben und so echte soziale Freiheit der Menschen zu ermöglichen. Im Sinne eines Infrastruktursozialismus ginge es auch um demokratische Beteiligung der Beschäftigten in den Betrieben, die ich oben angesprochen habe. Beispiel KiTas: An vielen Orten fehlen immer noch Krippenplätze, bei Kindergartenplätzen ist es ähnlich. Gleichzeitig gibt es aufgrund mangelnder Finanzierung und mangelhafter Anerkennung bei gleichzeitig hohen Anforderungen, großer Verantwortung und Belastung zunehmend Fachkräfteengpässe. Bundesweit arbeiten in über 20 Prozent der KiTas nur 60 Prozent (oder weniger) der Beschäftigten, die eigentlich für gute Erziehung notwendig wären. In Ostdeutschland ist das in rund 65 Prozent aller Einrichtungen so (Bertelsmann Stiftung 2026, 11). Die Aufwertung dieses Sorgeberufes geht auch kommunal. Es gibt gewinnorientierte, freigemeinnützige (z.B. AWO-Kitas) und öffentliche Einrichtungen. Die Kommunen können durch den Ausbau öffentlicher Angebote nicht nur selbst Versorgungssicherheit schaffen und möglichst gute Löhne zahlen. In den öffentlichen Einrichtungen können Kommunen auch weitreichende Mitbestimmungs- und Mitsprachemöglichkeiten einführen – sowohl auf kommunaler Ebene über zu gründende Sorgeräte, in denen Gemeinde- oder Stadtratsmitglieder mit Beschäftigten- und Elternvertreter*innen über die Sorgepolitik der Kommune beraten müssen, als auch in den KiTas selbst.


Der dritte Strategiebaustein ist, diese gangbaren Schritte, die bereits im Hier und Jetzt umgesetzt werden können, mit Übergangsforderungen zu verbinden, die in einigen Bereichen zur demokratischen Kontrolle über „die Wirtschaft“ führen. Ein Beispiel, aus dem wir lernen können, wie und wie sehr politische Gegner*innen und besitzende Klasse, das bekämpfen (werden), ist die Kampagne und der Volksentscheid Deutsche Wohnen Enteignen. Übergangsforderungen müssen Menschen begeistern, damit sie sich für sie engagieren und Druck für sie machen. Sie sind nicht einfach am Schreibtisch zu erfinden. „Kleinere“ Beispiele sind drohende Schließungen von Industriebetrieben oder deren Umbau zu Rüstungsbetrieben, wie es etwa im vergangenen Jahr bei VW Osnabrück (Krull/Candeias 2025) diskutiert wurde. Zumindest denkbar ist in solchen Fällen ein Mix aus staatlichen Eingriffen und Belegschaftsmobilisierungen, um vor Ort eine andere Zukunft zu ermöglichen: Warum im Rahmen ökologischer Industriepolitik (Goes 2023, 6f.) nicht für die Vergesellschaftung derartiger Betriebe kämpfen, also für die Überführung in öffentliches Eigentum bei gleichzeitiger Einführung von direkten Formen der Arbeiter*innendemokratie in den Betrieben? So können sowohl Jobs gesichert als auch Produktionskapazitäten für ein nachhaltiges Verkehrssystem aufgebaut werden. Und zuletzt nur schlaglichtartig ein „größeres“ Beispiel: Vier Energiekonzerne beherrschen den Strommarkt der Republik: RWE, E.ON, Vattenfall und (in etwas geringerem Maße) EnBW. Um sowohl staatliche Energiesouveränität zu sichern, wichtige Schritte auf dem Weg zum Aufbau eines dezentralen und ökologisch nachhaltigen Energiesystems zu gehen (Zeller 2022, 87f.) als auch für bezahlbare Energie zu sorgen, wäre die Überführung in Staatseigentum mehr als sinnvoll (Die Linke 2022).

Nicht durch bloße Verteidigung der liberalen Demokratie, sondern durch den Kampf für soziale Reformen und mehr Demokratie, nicht durch Zusammenarbeit aller Demokrat*innen, sondern durch entschlossenen demokratischen Kampf gegen autoritäre Neoliberale und Faschist*innen kann Die Linke ausreichend Menschen begeistern, um die Faschisierung zu stoppen.

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