Ende letzten Jahres habt ihr im Rahmen des »Berlin-Monitors« eine Studie mit dem Titel »Antisemitismus, Heterogenität, Allianzen« veröffentlicht. Worum geht’s? 

SELANA: Der »Berlin-Monitor« erhebt seit 2019 politische Einstellungen und Diskriminierungserfahrungen in der Berliner Bevölkerung. In qualitativen Befragungen loten wir außerdem aus, welche Hindernisse und Chancen es für progressive Allianzen innerhalb der heterogenen Stadtgesellschaft gibt. 2019 lag der Schwerpunkt auf Antisemitismus. Wir haben Interviews mit 30 mehrheitlich jüdischen, aber auch nicht-jüdischen Berliner*innen geführt, die zu dem Thema arbeiten oder politisch aktiv sind. 

Was war euer Interesse? 

KATRIN: Wir wollen zu einem kollektiven Lernprozess beitragen. In der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft müssen wir begreifen, dass Antisemitismus eine gegenwärtige und »gewaltvolle Praxis ist, die Menschen in ihrem Alltag trifft«, wie es eine Person im Interview ausgedrückt hat. Wie erleben Jüd*innen Antisemitismus und wie gehen sie mit ihm um? Bislang gibt es dazu kaum allgemein zugängliches Wissen. Für widerständiges und solidarisches Handeln ist das aber elementar. Die wenigen Studien machen deutlich, dass das Problem in der Mehrheitsgesellschaft unterschätzt wird. Manche denken, beim Alltagsantisemitismus ginge es um Lappalien. Aus jüdischer Perspektive handelt es sich aber um ein komplexes, belastendes und gefährliches Geschehen. 

Inwiefern? 

SELANA: Unsere Gesprächspartner*innen beschreiben antisemitismusbezogene Erlebnisse als Dauerbegleiter im Alltag. Das kann damit anfangen, als Kind in der Schule als »Ausnahmeerscheinung« behandelt und als Jugendliche mit vermeintlich witzigen Fragen nach dem »Judengold« konfrontiert zu werden, sich im Büro mal wieder rechtfertigen zu müssen, dass man nicht erreichbar sein wird, weil Pessach gefeiert wird, oder sich für die israelische Politik rechtfertigen zu sollen. Es geht weiter damit, beim Lesen eines hebräischsprachigen Buchs in der U-Bahn schräge Blicke zu ernten, in der Synagoge Angst vor Angriffen zu haben, am Briefkasten antisemitische Schmierereien zu entdecken oder auf dem Alex aus heiterem Himmel verbal attackiert zu werden. Ein*e Gesprächspartner*in eurer Studie sagt: »Es kann im Prinzip jeder sein.« 
KATRIN: Ja, es geht um Erfahrungen in der Schule und am Arbeitsplatz, im analogen und digitalen öffentlichen Raum, im häuslichen und politischen Umfeld. Die Urheber*innen können also nahestehende Personen oder völlig Unbekannte sein. Da Antisemitismus in allen sozialen Gruppen und politischen Strömungen Berlins auftaucht, lassen sie sich auch nicht an einem bestimmten Profil erkennen oder präventiv meiden. All das schränkt einen selbstbestimmten jüdischen Alltag stark ein, verletzt das Recht auf körperliche Unversehrtheit und ist potenziell lebensbedrohlich. 

Wie hängen diese Alltagserfahrungen mit Antisemitismus als Ideologie oder ideologischer Praxis zusammen? 

KATRIN: Ein wichtiges Moment ist, was in postkolonialen Theorien als »Othering« bezeichnet wird. Wir nennen es mit Blick auf die spezifische Geschichte der Judenfeindschaft »Besonderung«, also die dominanzkulturelle Konstruktion von Jüd*innen als »Andere«. In vielen verbalen und manchen physischen Aggressionen kommen außerdem Topoi des Antijudaismus und Antisemitismus zum Ausdruck – das reicht von der Vorstellung, dass Juden als Gruppe eine besondere Macht zukommt, »1942 das beste Jahr der deutschen Geschichte« war bis hin zum aktuell zirkulierenden Mythos, George Soros sei verantwortlich für den »großen Austausch« – oder eben die Bedrohung durch terroristische Gewalt.

In der Studie sprecht ihr vom »Israel-Blick« der Mehrheitsgesellschaft – was ist damit gemeint? 

KATRIN: Dass Jüd*innen quasi automatisch mit Israel identifiziert werden, ganz unabhängig davon, ob sie etwas oder was sie mit dem Land zu tun haben. Allein dadurch werden sie zu »Anderen« gemacht, woran sich Aggressionen und Bedrohungen knüpfen können. Ihr betont die Heterogenität jüdischen Lebens in Deutschland. 

Warum ist das so wichtig? 

SELANA: Eine Gesprächspartnerin schilderte uns, dass sich Jüd*innen im deutschen Gedächtnistheater als »Repräsentanz des wieder gut gewordenen Deutschlands« oft »von einer Opferrolle in die nächste« gedrückt fühlen. Ein anderer, dass Medien nach wie vor stereotype Bilder von Jüd*innen verbreiten. Als wirkliche Personen tauchen sie kaum auf. Dabei sind jüdische Berliner*innen so heterogen wie die Stadtgesellschaft insgesamt: Sie haben Migrationsgeschichten, ost- oder westdeutsche Biografien, sind homo oder hetero, religiös oder säkular, links oder konservativ. Das klingt banal, ist aber gerade mit Blick auf die Frage nach Solidarität und nach Allianzen sehr wichtig. 

Warum? 

KATRIN: Dass Jüd*innen queer oder von Sexismus betroffen sein können, dass sie als Migrant*innen Diskriminierung erleben und als Menschen, die mit wenig Geld über die Runden kommen müssen, marginalisiert sind – all das zeigt ja, dass Herrschaftsverhältnisse verflochten sind. Das kann ein Ansatzpunkt für gemeinsame Gegenwehr sein und es ist wichtig für die Frage, wie eine Gesellschaft der Vielen aussehen kann, in der Jüd*innen und jüdische Communities selbstverständlich präsent sind. Jüd*innen werden teils als invisible minority beschrieben, denen die Möglichkeit des passing offenstehe, also die Möglichkeit, als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft ›durchzugehen‹. 
KATRIN: Zum notgedrungen defensiven Umgang mit Alltagsantisemitismus gehört es für Jüd*innen beispielsweise, sich genau zu überlegen, wem man überhaupt mitteilt, jüdisch zu sein, den Magen David in der Öffentlichkeit nicht sichtbar zu tragen oder keine Mesusa an der Wohnungstür anzubringen. All das ist Ausdruck antisemitischer Gewaltverhältnisse und fehlender Solidarität. Und weil die Normalität fehlt, wird die eigentlich selbstverständliche Information, jüdisch zu sein, dann eher zu einem ›Bekenntnis‹. Deshalb und um philo- oder antisemitische Übergriffigkeiten zu vermeiden, bleiben manche lieber ›im Schrank‹. 

Was meinst du mit philosemitischen Übergriffigkeiten? 

SELANA: Eine Gesprächspartnerin schilderte beispielsweise, wie auch Bekannte sie ungefragt als jüdisch vorstellten und eben auf diese ›positive‹ Weise eine Differenz markierten. Das hinterlässt Spuren – die betroffene Person wollte am liebsten im Boden versinken. 

Du hast gesagt, diese Abwägung, sich zu ›bekennen‹ oder zu ›passen‹, also dieser defensive Umgang mit dem Jüdischsein, sei auch Ausdruck fehlender Solidarität. Was könnte da helfen? 

SELANA: Als wichtig wurden informelle Netzwerke benannt, in denen man sich austauschen und gegenseitig stärken kann. In den letzten Jahren sind zudem einige professionelle Beratungs- und Monitoringstrukturen entstanden, die zum Empowerment in jüdischen Communities beitragen. Sie systematisieren das Wissen über Alltagsantisemitismus, kommunizieren es öffentlich und klären über Umgangsweisen auf. Dadurch werden die Spielräume für widerständiges und auch für solidarisches Handeln größer. Die neue ›Aware­ness‹ für diese komplexe Wirklichkeit von Alltagsantisemitismus gilt es nun, in der – auch linken – Mehrheitsgesellschaft auszuweiten. 

Die Bereitschaft, sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen, scheint in der Breite der Linken nicht besonders groß. 

KATRIN: Naja, es ist nicht nur in der Linken so, dass Hinweise auf Antisemitismus teils als unberechtigte Vorwürfe abgetan werden. Kaum jemand möchte nach dem Holocaust von sich sagen müssen, antisemitisch zu agieren. Gleichzeitig ist es ja eine weitgehende Selbstverständlichkeit linker Praxis, die Perspektive von ›Betroffenen‹ starkzumachen. Insofern sollte auch gehört werden, was Jüd*innen über Alltagsantisemitismus zu sagen haben. 

Kontroversen entspinnen sich immer wieder zwischen eher antiimperialistischen und antideutschen Fraktionen. Ist eure Studie vor allem für die große Mehrheit dazwischen interessant?

KATRIN: Absolut. Diesen Kontroversen liegt teils die Annahme zugrunde, man müsse eine Position zum Nahostkonflikt beziehen, um sich gegen israelbezogenen Antisemitismus zu stellen. Das stimmt aber nicht. Vielmehr geht es darum, inwieweit hierzulande antisemitische Stereotype auf Israel projiziert werden und sich über diesen ›Umweg‹ gegen Jüd*innen richten. 
SELANA: In unserer Studie zeigt sich, dass jüdische Berliner*innen unabhängig von ihrer politischen Haltung oder Staatsangehörigkeit für diesen Konflikt verantwortlich gemacht und aggressiv adressiert werden. Das ist eine aufreibende Erfahrung und geht – leider auch in linken Gruppen und Bündnissen – häufig mit Ausschlüssen von Jüd*innen einher. Das behindert die Bildung von Allianzen, gerade auch gegen die autoritäre Rechte. 

Worauf können solche Allianzen aufbauen? 

KATRIN: Ein Gesprächspartner, der eingewandert ist, sprach davon, eine »doppelte Zielscheibe« zu sein, als Jude und Migrant. Die Rechte ist für viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen bedrohlich und das sollte Anlass sein, sich zusammenzutun. Aber solche Allianzen entstehen nicht automatisch, sondern müssen praktisch hergestellt werden. 
In der Prozessbegleitung zum Anschlag in Halle wurde das Gemeinsame der Kämpfe gegen Antisemitismus und Rassismus sehr starkgemacht. 
SELANA: Ja, vorher hatte das NSU-Tribunal sichtbar gemacht, dass und wie Antisemitismus in der Praxis dieser Nazis wirksam war – nachdem jüdische Akteur*innen darauf hingewiesen hatten. Es geht also auch um solidarische Aushandlungen als Teil einer gemeinsamen Praxis. Solche differenzsensiblen Bündnisse gegen Rechts aufzubauen, erfordert Lernprozesse in Bezug auf Antisemitismus vor allem in der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft. 

In Bezug auf solche Allianzen spielt das Konzept der Intersektionalität eine wichtige Rolle. Scheint euch das hilfreich? 

KATRIN: Jein. Der Begriff sensibilisiert für das ältere Problem, dass in politischer Organisierung Blindstellen entstehen und bestimmte Gruppen marginalisiert werden können. Das gerade erwähnte Beispiel des NSU-Tribunals zeigt, dass diese Frage aus jüdischer Perspektive gestellt wird. Insofern ist das produktiv. Gleichzeitig steht im Zentrum intersektionaler Ansätze traditionell die Trias race – class – gender. Unsere Gesprächspartner*innen haben darauf hingewiesen, dass Antisemitismus hier nicht nur häufig rausfällt, sondern dass der Mythos ›jüdischer Macht‹ manchmal sogar dazu führt, Jüd*innen als privilegiert wahrzunehmen und deshalb nicht als diskriminiert in diesem Sinne. Das erschwert die Entwicklung von Bündnissen. 

Ihr sprecht deshalb von »Verknüpfungen« zwischen Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung. Wie sehen die aus? 

SELANA: Ein wichtiges Beispiel ist die Verbindung von Antisemitismus und deutschen Migrationsregimen, weil sehr viele jüdische Berliner*innen damit Erfahrungen gemacht haben. Die letzte DDR-Regierung schuf 1990 eine Möglichkeit zur Einreise sowjetischer Jüd*innen. Nach der Wende wurde daraus die bis 2005 geltende »Kontingentflüchtlingsregel«. Dadurch sind viele (post-)sowjetische Jüd*innen durch deutsche Aufnahmelager gegangen und haben ähnliche Erfahrungen wie Geflüchtete und andere Migrant*innen gemacht: das Leben in Sammelunterkünften, rassistische Anfeindungen, Hürden bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, die Nichtanerkennung von Bildungstiteln, das Leben von Hartz IV, institutionelle Diskriminierung in der Schule, Altersarmut. Eine Gesprächspartnerin wies darauf hin, dass sie im Vergleich zu anderen nicht »durch ’nen Krieg« gegangen sei und ihr Aufenthalt relativ sicher war. Zugleich hängt dieser Aspekt des Migrationsregimes mit Antisemitismus zusammen: Die »Kontingentflüchtlingsregel« sollte eine großzügige Geste der Wiedergutmachung darstellen. Diese Kombination aus rituellem Selbstlob der Politik, Instrumentalisierung der Migrant*innen als »Vorzeigejuden« und Ignoranz gegenüber ihren realen Alltagsproblemen wird von Gesprächspartner*innen stark kritisiert. 

Und welche Bedeutung hat der Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Migrationsregimen und Migrationserfahrungen für die politische Organisierung? 

KATRIN: Das Beispiel zeigt exemplarisch, wie Migrationsregime spaltend wirken, sich aber trotzdem gemeinsame Interessen ausarbeiten lassen, ohne die Differenzen zu ignorieren. Als Kontingentflüchtlinge wurden Jüd*innen zwischen Asylsuchenden und Spätaussiedler*innen positioniert: Sie hatten sichere Aufenthaltstitel, erhielten aber nicht gleich die Staatsbürgerschaft und konnten auch ihre Erwerbsarbeitsjahre in der UdSSR nicht für die Rente geltend machen. Solche Unterschiede und die sich daraus ergebenden Teilhabemöglichkeiten müssen benannt werden, ohne sie zu verabsolutieren. So können in Anerkennung der Differenzen gemeinsame Interessen formuliert werden – etwa die Kritik an einem hierarchisierenden Migrationsregime und die Forderung nach unteilbaren sozialen Rechten. 

In vielen sozialen Kämpfen wird eine Politik der »ersten Person« gefordert. Was bedeutet das für Jüd*innen und die Gegenwehr gegen Antisemitismus? 

KATRIN: Mein Eindruck ist, dass es zumindest in Berlin ein Gelegenheitsfenster dafür gibt, dieses Prinzip ernst zu nehmen und mit Leben zu füllen, weil die jüdischen Communities hier vergleichsweise stark und auch in diversen Politikfeldern aktiv sind. Die Frage ist vermutlich eher, inwieweit sich die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft dafür noch mehr öffnet. Derzeit können sich Jüd*innen nicht immer unproblematisch dort organisieren, wo sie es wollen, weil sie entweder als »jüdisches Feigenblatt« instrumentalisiert werden oder sich zuerst »von Israel distanzieren« sollen. 
SELANA: Wir waren traurig überrascht, dass das eine Erfahrung ist, die sich bei vielen bewegungspolitischen Akteur*innen mindestens seit den 1990er Jahren ähnelt. Antisemitismus in der Linken ist nicht das einzige und sicher nicht das größte antisemitismusbezogene Problem in Berlin. Aber es ist unser Problem, wenn jüdische Antifaschist*innen, Feminist*innen und LGBTIQ sich gerade dort nicht wohlfühlen, wo sie gemeinsam mit anderen gegen Faschismus, Sexismus, Trans- und Homophobie aktiv sein wollen. Aber auch hier sehe ich in den gegenwärtigen Debatten um eine Gesellschaft der Vielen eigentlich gute Chancen für solidarische Allianzen.
Das Gespräch führte Barbara Fried.