Ihr habt euch vor über 100 Tagen in den Tarifkampf für Entlastung und einen TVöD für alle begeben. Am Montag seid ihr in den Streik gegangen. Was ist in den letzten Wochen passiert? 

Wir haben uns in elf Krankenhäusern – über alle Professionen hinweg – organisiert. Denn eins ist klar: die Beschäftigten sind die Gewerkschaft. Die Gewerkschaft ist keine dritte Partei, die etwas für die Beschäftigten tut, sondern wir machen unsere Arbeitsbedingungen zum Thema und nehmen die Verbesserungen selbst in die Hand. 

An Charité und Vivantes arbeiten tausende Beschäftigte. Ist es nicht unglaublich schwer, all diese Menschen zu erreichen?  

Wir erreichen natürlich nicht alle. Aber Stand jetzt haben sich in der derzeitigen Bewegung 1.300 Kolleg*innen neu gewerkschaftlich organisiert. Das ist ein krasser Erfolg und spricht dafür, dass wir sehr viele Beschäftigte erreichen. Dennoch ist unser Ziel mit allen ins Gespräch zu kommen. Und um dieses Ziel zu erreichen, gehen wir sehr systematisch vor. Wir versuchen in jedem Bereich und auf jeder Station Kolleg*innen zu finden, die bereit sind, Verantwortung für ihre Station zu übernehmen. 

Was bedeutet es Verantwortung für eine Station zu übernehmen? 

Das bedeutet zunächst einfach, dass diese Kolleg*innen Informationen an ihre Station oder ihren Bereich weitergeben. Im zweiten Schritt geht es dann darum, die Kolleg*innen für die Mitarbeit in der Berliner Krankenhausbewegung zu gewinnen. Damit das klappt, ist es für uns ganz zentral, dass alle mitsprechen können, ihre Belange und Forderungen artikulieren. Wir haben deswegen in den letzten Wochen auf allen Stationen sogenannte Forderungsinterviews geführt, um herauszufinden, wie die Kolleg*innen gut arbeiten können. 

Was sind Forderungsinterviews? 

Gemeinsam haben wir einen Interviewbogen entworfen, um so mit den Kolleg*innen ins Gespräch über ihre Arbeitsbedingungen zu kommen. Sie haben erzählt, was auf ihrer Station schief läuft und was ihrer Meinung nach also verbessert werden muss. Manche der Interviews gingen eineinhalb Stunden. Wir haben alle sehr viel Redebedarf, so viel auf dem Herzen und sehr viele Ideen, wie es anders laufen könnte: Was ist eigentlich eine gute Besetzung für unsere Station? Was sind besondere Belastungspunkte bei uns? Kann ich mir vorstellen in diesem Beruf zu bleiben, wenn sich die Arbeitsbedingungen in den nächsten fünf Jahren nicht nachhaltig verändern? Was sollte sich ändern, damit wir unseren Beruf wieder gerne machen und für die Patient*innen eine bessere Pflege möglich ist? 

Und was habt ihr dann mit den ganzen Forderungen gemacht? 

In den Teams wurden Leute nominiert und gewählt, die das Team vertreten. Mittlerweile gibt es fast 500 solche Teamdelegierte in der Berliner Krankenhausbewegung. Wir haben dann einen Berlinweiten Krankenhausratschlag organisiert, wo jede Station oder jeder Bereich eigene Bedingungen und Forderungen formulieren konnte. Wir haben uns über zwei Tage versammelt, zunächst in Fachbereichen, dann alle zusammen. Es ging nicht darum, alle Forderungen auf eine zu reduzieren, die Teamforderungen blieben alle bestehen. Aber es ging sehr wohl darum, gemeinsam herauszufinden, was eine übergreifende Forderung für alle Normalstationen sein könnte. Bei mir in der Onkologie mussten wir gar nicht lange diskutieren, bis wir gemeinsame Forderungen hatten. Außerdem haben wir an diesen zwei Tagen unsere Forderung zum Belastungsausgleich gemeinsam formuliert und abgestimmt. Ein zentrales Anliegen unserer Bewegung ist ja, dass wir für Überstunden einen Ausgleich fordern, dass es also das Krankenhaus etwas kostet, wenn es uns immer wieder unterbesetzt arbeiten lässt. Wir fordern jetzt, dass sogenannte Belastungspunkte eingeführt werden. Für jede Unterbesetzung gibt es einen Belastungspunkt und bei drei Belastungspunkten, hätten wir das Recht auf einen Freizeitausgleich. 

Welche Rolle haben die Teamdelegierten jetzt während der Verhandlungen?   

Um es kurz zu sagen: die Tarifkommission wird keine Entscheidung ohne die Teamdelegierten treffen. Das bedeutet, der Verhandlungsstand wird immer im Teamdelegierten-Plenum diskutiert und in die jeweiligen Teams und Stationen kommuniziert. Die Teamdelegierten entscheiden über den Fortgang der Verhandlungen. Außerdem sind sie die Expert*innen ihrer Arbeitsbedingungen. Sie haben die Wissensmacht und das gibt ihnen Stärke gegenüber den Verhandlungspartnern. Denn die Arbeitgeber wissen eben nicht, was auf den Stationen im Arbeitsalltag los ist, was gebraucht wird und wie die Prozesse ablaufen. 

Wie sieht das konkret aus? 

Beim ersten Verhandlungstag mit der Charité sah das beispielsweise so aus, dass die Tarifkommission nach einigen Verhandlungsrunden rausgegangen ist und den Teamdelegierten vom Stand der Verhandlungen erzählt hat. Daraufhin haben diese ein Votum abgegeben, dass wir zu diesem Zeitpunkt die Verhandlungen nicht weiterführen sollen. Das Angebot der Arbeitgeber war sehr weit von unseren Forderungen entfernt. Die Tarifkommission hat dann einstimmig das Votum der Teamdelegierten angenommen. 

Was bedeutet diese Struktur für dich in der Tarifkommission? 

Uns wird der Rücken gestärkt. Unsere Verhandlungen bekommen durch dieses Prinzip viel mehr Nachdruck. Die Arbeitgeber wissen, dass sie uns nicht um den Finger wickeln können, schließlich müssen wir alles mit den Delegierten rücksprechen. 

In wenigen Worten: was braucht es für einen gelungenen Stärkeaufbau einer Streikbewegung? 

Es braucht demokratische Strukturen und Transparenz. Für mich ist klar, nur die Beschäftigten selbst können die Arbeitsbedingungen für sich verbessern und das nur, wenn sie vollends miteinbezogen werden. Wir werden diese Berliner Krankenhausbewegung nur dann zu einem Erfolg machen, wenn wir alle, die sich bis jetzt eingebracht haben, mitnehmen. 

Ihr seid nicht die ersten, die auf diese Art und Weise für einen Tarifvertrag Entlastung kämpfen. 

Ja, und das ist unglaublich wichtig. Die Auseinandersetzungen und Erfolge in Augsburg, Saarland, Essen/Düsseldorf, Jena, zuletzt in Schleswig-Holstein und in Mainz sind für uns extrem wichtig: wir lernen aus ihren Erfahrungen. Als Tarifkommission haben wir uns ihre Arbeit genau angeschaut, wie ihre Forderungen konkret aussahen, wie sie ihre Bewegung aufgebaut haben, wie sie in der Tarifkommission gearbeitet haben. 

Ich habe gesehen, dass sich nun Kliniken aus anderen Städten mit euch solidarisch zeigen. 

Stimmt. Wir bekommen viel Solidarität. Sei es der Betriebsrat eines anderen Krankenhauses in Berlin oder Kolleg*innen der GDL, die bei unseren Kundgebungen vorbeischauen. Aber auch Kolleg*innen aus anderen Städten schicken Grußworte nach Berlin. Ich habe den Eindruck, dass die Auseinandersetzung in den Krankenhäusern endlich eine größere gesellschaftliche Resonanz bekommt. Der Kampf im Gesundheitswesen ist ja ein breites gesellschaftliches Thema. Ich bin gespannt, was bundesweit passieren wird, wenn wir zu einem erfolgreichen Abschluss kommen. Wir haben von den anderen gelernt und wollen unser Wissen dann auch weitergeben. 

In den vergangenen Tagen stand euer Warnstreik kurz auf Kippe, weil Vivantes eine einstweilige Verfügung erlassen hatte. Sie argumentieren, der Streik würde das Patientenwohl gefährden. 

Das war ein ganz schöner Krimi. Aber nun ist es amtlich: unser Streik gefährdet kein Patient*innenwohl! Unsere Notdienstvereinbarungen sind rechtens. Das hatten ja schon viele andere Kolleg*innen in anderen Städten vor uns gezeigt. Wir verlassen ja nicht einfach eine Station und lassen hilfsbedürftige Menschen einfach liegen. Wir planen im Vorfeld und geben dem Arbeitgeber Bescheid, wo wie viele Betten bestreikt werden und wo gegebenenfalls Stationen geschlossen werden müssen. Dadurch wird niemand in Gefahr gebracht und gleichzeitig wird uns als Pflegekräften das Grundrecht auf Streik ermöglicht. Diese Art zu streiken ist der große Gewinn unserer Pflegebewegung, sie ermöglicht uns mit Nachdruck für für eine bessere Versorgung in den Krankenhäusern einzustehen und diese durchzusetzen. 

Das Gespräch führte Fanni Stolz.

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