Dem kommt entgegen, dass Interessenvertretungen in MV noch seltener sind als im Rest der Bundesrepublik. 2024 verfügten nach einem stetigen Rückgang nur noch 6 Prozent der Betriebe über einen Betriebsrat. Hinzu kommt, dass diese Gremien aufgrund der Betriebsgrößen relativ klein sind und somit eine wichtige Basis für das gewerkschaftliche Ehrenamt in nur geringem Maße vorhanden ist. Aktive Vertrauenskörper gibt es kaum. Damit fehlt in den meisten Betrieben die Instanz, die es den Kolleg*innen ermöglicht, gegen oftmals autoritär geführte Unternehmen aufzubegehren, die ihr Schutzschild gegen menschenverachtende Positionen sein sollte oder ihnen gar den Raum für Selbstermächtigung öffnen könnte. Und dort, wo Betriebsräte existieren, sind dies auch keinesfalls Garanten dieser Möglichkeiten. Zwar ist die Anzahl der Betriebsräte, die aktiv in der AfD sind, in MV bislang sehr überschaubar. Angesichts der Umfragewerte dieser Partei kann aber von Sympathisant*innen in den Gremien ausgegangen werden. Dort, wo es der Fall ist, entmutigt es Kolleg*innen, die gegen eine zumindest gefühlte radikal rechte Dominanz in Betrieben aufbegehren wollen. In gewisser Hinsicht ist es noch schlimmer, als gäbe es keinen Betriebsrat. Denn das Bestehen dieses Gremiums ist auch ein Versprechen demokratischer Teilhabe an das Kollegium. Wo dieses nicht eingelöst wird oder Kolleg*innen den Eindruck haben, dass einzelne Interessenvertreter*innen ihren im weitesten Sinne progressiven Vorstellungen entgegenstehen, bleibt oft nur Resignation und Zynismus.
Aber an wen wenden, wenn man in den Betrieben keine menschenverachtenden Positionen, keine Wahlwerbung für die AfD dulden möchte und Interessenvertretungen nur in seltenen Fällen vorhanden und diesbezüglich zuverlässig sind? Wenige Kolleg*innen sind so entschlossen, dass sie trotz all der Probleme auf ihre Geschäftsführungen zugehen und von dieser eine Positionierung einfordern. Aber manchmal gelingt dies. Manchmal sind auch Geschäftsführungen von sich aus gewillt, rechte Umtriebe oder zumindest menschenverachtende Kommentare zu unterbinden. Aus eigener Kraft schaffen diese jedoch nur ein rudimentäres Diversity-Management, welches die Probleme nicht löst, sondern Schlagworte in den Betrieb wirft. Hier treffen sich mangelnde Ideen und das Bedürfnis, das „Engagement“ kostenfrei zu absolvieren. Bei den Kolleg*innen wirkt dies unterschiedlich. Manche freuen sich über das Statement und hoffen, dass diesem etwas folgt, und sind ernüchtert, wenn nicht. Manche sind irritiert, was dies in ihrem Betrieb zu suchen habe, weil es entweder sowieso klar sein sollte oder es „auf Arbeit“ nicht um Politik gehen dürfe (solange sie einem nicht zusagt). Wieder andere – eine Minderheit – reagieren ablehnend bis aggressiv darauf.
Aufgrund des genannten Fehlens von Interessenvertretungen in der Fläche, agieren meine Kolleg*innen und ich oft in Betrieben mit dieser Gemengelage. Dabei ist es wichtig, den letztgenannten Typ von Kolleg*in auszumachen und in der Bearbeitung der Thematik weitgehend zu isolieren, da weder ein gänzlicher Ausschluss möglich ist, noch eine produktive Zusammenarbeit erwartet werden kann – ganz im Gegenteil. Der betriebliche Kontext und die Sorge vor Arbeitsplatzverlust machen dies möglich, ohne auf ernsthaften Widerstand zu stoßen. Genau hier besteht aber der Kniff in der Arbeit mit den übrigen Kolleg*innen und zeigt auch die Grenzen einer in der LuXemburg diskutierten „Volksfrontpolitik“ auf (Candeias 2025). Die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit den Geschäftsführungen und die zeitweiligen betrieblichen defacto-Bündnisse gegen menschenverachtende Positionen werden konterkariert von den Interessenkonflikten zwischen den Klassen und Klassenfraktionen. Wenn wir darauf setzen mit den Kolleg*innen zu erarbeiten, wie demokratische Positionen im Betrieb gestärkt werden könnten, was das für sie bedeutet und wie dies konkret aussehen könnte, kollidiert dies mit den Grenzen gelebter Demokratie im Betrieb. Wenn das Auftreten gegen radikal rechte Positionen im Betrieb mit Urban (2024) als Vorwärtsverteidigung der Demokratie begriffen wird, fürchten Führungskräfte – an deren demokratischer Gesinnung keine Zweifel bestehen – um die Machtverhältnisse im Betrieb. Das erschwert es, eine für den Betrieb passende Strategie zu finden, aber es ist möglich.
Denn an einem Streiten für den Betrieb als demokratischen Raum kommen wir nicht vorbei, wenn wir rechter Agitation den Boden entziehen wollen (Maschke 2025), da die Kolleg*innen die Möglichkeit haben müssen, Demokratie zu erlernen und zu praktizieren. Nur so kann das Bewusstsein ausgebildet werden, Ansprüche an die eigenen Arbeitsbedingungen haben zu können. Dies war in dem lange von Rückständigkeit, dann von erzwungener Modernisierung und anschließend von Krisen geprägtem Bundesland noch weniger möglich als andernorts in der Bundesrepublik. Die Agitation der radikalen Rechten betreibt lediglich die Mobilisierung des zurecht vorhandenen Unbehagens mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, ohne ein Angebot machen zu können, diese progressiv zu entwickeln. Demgegenüber bieten betriebspolitische Interventionen und Initiativen die Möglichkeit, gemeinsame Veränderung in dem Bereich zu erlernen und zu praktizieren, der den Alltag vorstrukturiert.
Die in Teilen des Landes geringe gewerkschaftliche Organisierung sowie die klaren Grenzen eines klassenübergreifenden betrieblichen Antifaschismus schmälern aber den Rahmen, in dem der nahezu sämtliche Betriebe durchziehende politische Konflikt ausgetragen und progressiv entwickelt werden kann. Diese Umstände ermöglichen es der AfD, Beschäftigte in ländlichen Räumen Ostdeutschlands zu ihrer Basis zu zählen und sich damit selbst zu überhöhen. Dieser Zahn muss und kann ihr gezogen werden.
Hürden einer „Kleinen Volksfront“
Neben der betrieblichen Arena (aber durchaus mit Überschneidungen zu dieser) organisiert sich die im weitesten Sinne progressive Zivilgesellschaft in einem landesweiten Bündnis, um ein solidarisches Miteinander zu organisieren. Da in MV mittlerweile seit zwanzig Jahren radikal rechte Parteien im Landtag sitzen, haben diese Bündnisse mittlerweile eine gewisse Tradition und kämpfen immer wieder mit den gleichen Problemen des Bundeslandes: So verfügt es mit den Universitätsstädten Rostock und Greifswald zwar über zwei Zentren zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, aber darüber hinaus über nur wenige andere Städte mit politisch progressiven Angeboten. Hinzu kommen einzelne Initiativen in ländlichen Räumen. Durch die Größe des Bundeslands, den nur eingeschränkt vorhandenen ÖPNV und die hohe räumliche Konzentration politischer Aktivitäten waren diese Bündnisse in der Vergangenheit nicht besonders stabil oder blieben in ihrer Aktionsfähigkeit beschränkt. Aus diesem strukturellen Problem hat das aktuelle Bündnis „Zusammen Bewegen“ gelernt und von Beginn an auf einen dezentralen Ansatz gesetzt, bei dem jenseits der landesweiten Treffen regionale Gliederungen des Bündnisses ihre jeweils eigene Arbeitsweise entwickeln können. Dabei bieten diese auch Anknüpfungspunkte über die Landesgrenzen hinaus. So ist man zumindest im Westen des Bundeslandes offen und dankbar für Unterstützung aus angrenzen Bundesländern.
Auch das Aktionsrepertoire wurde erweitert. Über die früher obligatorischen Demonstrationen und Flyer hinaus, werden heute Nachbarschaftstreffen und Haustürgespräche organisiert – offenbar ist man inspiriert von den Erfolgen von „Deutsche Wohnen enteignen“, dem Bundestagswahlkampf der Linkspartei sowie der Mamdani-Kampagne. In der Zusammensetzung kommt das Bündnis wahrscheinlich der Idee einer „kleinen Volksfront“ (Candeias 2025) nahe, wobei auch hier die Perspektive unklar ist. Wenn man sich von diesem erhofft, einen progressiven Ausweg aus der gegenwärtigen Hegemoniekrise zu erhalten, wird man enttäuscht werden – eine Verstetigung der Arbeit wäre bereits ein großer Erfolg. Die Breite des Bündnisses schließt jede Interessenkohärenz über die Verteidigung von Demokratie und Menschenrecht hinaus aus. Auch fehlt der organisierte Impuls für eine solche Entwicklung. Während Candeias sich diesen von der Linkspartei erhofft, muss diese in MV als bisherige Regierungspartei ihr Verhältnis sowohl zur Zivilgesellschaft als auch ihr Selbstverständnis als „neue Partei“ klären.
Letztlich muss nachhaltige antifaschistische Politik mit der Bewältigung des Alltags verknüpft werden. Insofern ist der geplante Vorstoß in die Nachbarschaften ein mutiger und wichtiger Schritt, wobei die Gefahr eines Abdriftens in den Kommunitarismus mitgedacht werden sollte. Wer am Alltag ansetzen möchte, kommt aber an der Arbeitswelt nicht vorbei. Dort entscheidet sich mit, zu welchen Konditionen man Sorgetätigkeiten ausführen kann, wo man wohnt, wie viel Zeit und Kraft für politisches Engagement vorhanden ist. Deshalb braucht es eine Strategie, um den Kampf gegen die radikale Rechte und für ein selbstbestimmtes und solidarisches Miteinander in den Betrieben austragen zu können. In Teilen der AfD und vor allem in ihrem Vorfeld hat man die Bedeutung dieser Arena verstanden. Das zeigen erste Angriffe auf den DGB und dessen Mitgliedsgewerkschaften. Werden sie hier geschlagen und dem Boden für rechte Agitation die Nährstoffe entzogen, brauchen wir uns künftig weniger Sorgen über Wahlergebnisse zu machen.