Eine der am meisten verbreiteten Vorstellungen ist die Annahme, die Zentralbanken hätten «zu viel Geld gedruckt». Diese Vorstellung ist in verschiedener Hinsicht problematisch. Das Bargeld in Form gedruckter Banknoten macht nur einen kleinen Teil des Geldes aus; der größte Teil des Geldes existiert nur als Giralgeld, d.h. es wird heute, im Computerzeitalter, per Mausklick geschaffen und auf Konten verbucht. Das ist aber nicht der für die Frage der Inflation wesentliche Punkt. Im Kern steht hinter der genannten Vorstellung die Annahme, die Geldmenge bestimme das Preisniveau.

Wenn die Geldmenge steige, dann steige das Preisniveau und damit die Inflationsrate. Diese Vorstellung ist Teil der dominanten «neoklassischen» Wirtschaftstheorie und wird als «Quantitätstheorie des Geldes» bezeichnet. Demnach ist das Produkt aus Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit des Geldes gleich dem Produkt aus Preisniveau und der Menge der gehandelten Waren. Die Geldmenge gilt dabei als unabhängige Variable und das Preisniveau als abhängige Variable. Die Inflation entstünde dann einfach durch eine zu starke Aufblähung der Geldmenge. In unterschiedlichen Varianten wurde diese Theorie etwa von der «österreichischen Schule» der Nationalökonomie und von «Monetaristen» wie Milton Friedman vertreten. Der Zentralbank wird die Aufgabe zugeschrieben, durch die Steuerung der Geldmenge Inflation zu vermeiden. Die Quantitätstheorie ist jedoch weder in theoretischer Hinsicht haltbar noch empirisch triftig.

Zunächst ist die Annahme problematisch, dass die ganze existierende Geldmenge als Zirkulationsmittel, also als Mittel für den Kauf von Waren genutzt wird. Ein Teil des Geldes erhöht die Nachfrage nach Waren nicht, weil er innerhalb des Finanzsektors verbleibt, weil er der Zirkulation entzogen und gespart wird. Die Preise der Waren könnten also allenfalls von dem Teil der Geldmenge beeinflusst werden, der tatsächlich für deren Kauf verwendet wird. Aber auch hier stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Ursache und Wirkung: Bestimmt die Geldmenge das Preisniveau, oder bestimmt das Preisniveau die Geldmenge? Außer bei Auktionen und ähnlichen Preisverhandlungen steht der Preis der Waren ja in der Regel fest, bevor sie verkauft werden. Die Preise werden von den Verkäufern, den Unternehmen festgelegt.

Es ist eher plausibel, dass die als Zirkulationsmittel verwendete Geldmenge sich der Summe der Warenpreise anpasst, als dass umgekehrt die Geldmenge die Warenpreise bestimmt.

Auch in empirischer Hinsicht spricht wenig für die Quantitätstheorie und die auf ihr basierende Erklärung der Inflation. In dem ganzen Zyklus zwischen der globalen Finanzkrise von 2008-2009 und der Coronakrise ist die Geldmenge in den USA und in der Eurozone zum Beispiel sehr stark angewachsen, aber die Inflationsraten verharrten auf äußerst niedrigem Niveau. Der Europäischen Zentralbank (EZB) gelang es trotz lockerer Geldpolitik nicht, ihre Zielinflationsrate von zwei Prozent zu erreichen – die Inflationsrate lag in der Eurozone beständig darunter. Ein großer Teil der wachsenden Geldmenge floss nicht in die Produktion, sondern verblieb innerhalb des Finanzsektors beziehungsweise wurde für den Kauf existierender Wertpapiere und Immobilien verwendet und trieb deren Preise in die Höhe. Auch in den letzten beiden Jahren verhielten sich das Geldmengenwachstum und die Inflation eher gegenläufig. Das Geldmengenwachstum beschleunigte sich im Jahr 2020 während der ersten Phase der Pandemie. Die Staaten versuchten, mit antizyklischen Konjunkturprogrammen der Rezession entgegenzuwirken, und die Geldpolitik wurde erneut gelockert, während Unternehmen und Konsumenten aufgrund der Lockdowns ihre Ausgaben einschränken mussten und aus Vorsicht eher sparten, also finanzielle Puffer anlegten. In den Jahren 2021 und 2022 ging die Wachstumsrate der Geldmenge zurück, dennoch stieg die Inflationsrate gerade in diesen beiden Jahren an.

Auch die Annahme, die Zentralbank könne die Geldmenge steuern, ist problematisch. Natürlich kann die Zentralbank bei einer drohenden Deflation versuchen, durch Zinssenkungen oder durch den Ankauf von Staatsanleihen die Geldmenge zu erhöhen, um so Investitionen zu erleichtern. Umgekehrt kann sie bei steigenden Inflationsraten die Leitzinsen erhöhen oder Wertpapiere verkaufen und so versuchen, die Geldmenge zu reduzieren. Das Problem ist aber, dass die Zentralbank damit immer nur indirekt die Kreditschöpfung der Geschäftsbanken beeinflussen kann. Deren Kreditvergabe unterliegt dem Motiv der Profitmaximierung, ihre Kalküle werden auch noch von anderen Faktoren als der Zentralbankpolitik bestimmt. Der größte Teil des Geldes im Wirtschaftskreislauf ist nicht Zentralbankgeld, sondern von den privaten Geschäftsbanken geschaffenes Kreditgeld. Die Wirkungsweise der Zentralbankinterventionen ist asymmetrisch: Im Allgemeinen ist es leichter, durch Zinserhöhungen die Konjunktur abzuwürgen, als umgekehrt in einem durch niedrige Profitraten und deflationäre Tendenzen geprägten Umfeld durch Zinssenkungen die Banken zu einer stärkeren Kreditvergabe an die Unternehmen zu animieren und damit eine Ausweitung der Produktion anzustoßen. Die Erhöhung der Leitzinsen ist die Standardmethode der Zentralbanken, um hohen Inflationsraten entgegenzuwirken. Dabei werden allerdings unter Umständen eine Rezession und steigende Arbeitslosigkeit in Kauf genommen.

Ist die Inflation durch zu hohe Lohnsteigerungen verursacht?

Eine weitere verbreitete Inflationstheorie ist die Theorie der Lohn-Preis-Spirale, die auch von Keynesianern vertreten wird. Demnach soll ein übermäßiger Anstieg der Löhne Inflation verursachen. Steigende Löhne würden höhere Produktionskosten bedeuten, und diese würden von den Unternehmen auf die Preise übergewälzt. Daraus folgt wirtschaftspolitisch die Forderung, das Lohnwachstum einzudämmen, wenn es das Wachstum der Arbeitsproduktivität übersteigt. Es ist naheliegend, dass die Theorie der Lohn-Preis-Spirale den Kapitalinteressen entspricht. In theoretischer Hinsicht stellt sich allerdings die Frage, ob die Unternehmen wirklich in der Lage sind, unter den Bedingungen der Konkurrenz steigende Lohnkosten auf die Preise überzuwälzen oder ob nicht vielmehr sinkende Profitraten die Folge steigender Löhne sind. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob Unternehmen nicht dadurch auf steigende Löhne reagieren, dass sie Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzen und so wieder die von ihnen zu zahlende Lohnsumme reduzieren. Rationalisierungsinvestitionen könnten zu steigender Arbeitslosigkeit führen, die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften schwächen und so den Lohnanstieg begrenzen. Die Frage ist also, ob es überhaupt zu einer Lohn-Preis-Spirale kommt. In jedem Fall könnten nur Lohnsteigerungen, die über das Produktivitätswachstum hinausgehen, zu steigenden Inflationsraten führen. Ob sie eher zu sinkenden Profitraten oder zu steigender Inflation führen, dürfte von den Konkurrenzbedingungen abhängen. Außerdem stellt sich auch hier die Frage der Kausalität: Hohe nominale Lohnsteigerungen könnten eher eine Folge hoher Inflationsraten sein als deren Ursache. Im Übrigen ergeben sich Kostensteigerungen bei den Unternehmen nicht nur durch steigende Löhne, sondern auch durch steigende Kosten für Produktionsmittel. Dieser Gesichtspunkt dürfte auch der für die gegenwärtigen Preissteigerungen relevantere sein, wenn wir etwa an die steigenden Preise insbesondere von fossilen Energieträgern denken.

Betrachten wir einmal die tatsächliche Lohnentwicklung in Deutschland[1]. Hier stieg die nominale Lohnsumme zwischen 2013 und 2019 im Durchschnitt jährlich um 4,25 Prozent. Der «harmonisierte Verbraucherpreisindex», das gängigste Maß für die Inflationsrate, stieg in diesem Zeitraum im Durchschnitt nur um 1,15 Prozent pro Jahr. Die Reallöhne, die sich aus der Differenz zwischen Nominallöhnen und Inflationsrate ergeben, stiegen demnach also in dieser Periode um mehr als drei Prozent pro Jahr. Die Inflation blieb trotz des deutlichen nominalen Lohnanstiegs niedrig. In der Coronakrise 2020 verminderte sich die nominale Lohnsumme um 0,24 Prozent. Der Verbraucherpreisindex stieg um 0,4 Prozent. Die Lohnabhängigen erlitten also einen Reallohnverlust von 0,64 Prozent. Im Jahr 2021 stieg die nominale Lohnsumme gegenüber der geschrumpften Ausgangsbasis des Vorjahres um 3,5 Prozent; die nominale Lohnsteigerung lag damit noch deutlich unter den Lohnsteigerungen der Jahr 2013-2019. Ihr stand nun allerdings ein Anstieg des Verbraucherpreisindexes um 3,2 Prozent gegenüber. Real gewannen die Lohnabhängigen also nur 0,3 Prozent an Kaufkraft. Im Jahr 2022 wuchsen die Nominallöhne um 5,5 Prozent, der Verbraucherpreisindex stieg jedoch um 8,7 Prozent. Die Lohnabhängigen erlitten im Durchschnitt also einen Reallohnverlust von 3,2 Prozent. Das Beispiel zeigt, dass es keine klare Korrelation von Lohnsteigerungen und Inflation, keine «Lohn-Preis-Spirale» gibt. Vielmehr sind in bestimmten Phasen der kapitalistischen Entwicklung Reallohnsteigerungen möglich, während die Inflation gering bleibt. In der gegenwärtigen Phase beschleunigter Inflation dagegen konnten die nominalen Lohnsteigerungen den Preisanstieg nicht kompensieren – die Lohnabhängigen verloren erheblich an Kaufkraft.

Notwendig wären aus der Perspektive der Lohnabhängigen nicht geringere, sondern höhere Lohnsteigerungen, um die Umverteilung zugunsten des Kapitals, die durch die jüngsten Preissteigerungen bewirkt wurde, zu korrigieren.

Eine andere Erklärung der Inflation stellt zwar auch die Löhne als vermeintliche Inflationstreiber in den Mittelpunkt, geht aber nicht von dem Kostendruck auf der Angebotsseite, sondern von dem durch steigende Löhne ausgelösten Nachfragesog aus. Steigende Löhne würden zu steigender Nachfrage führen und diese würde die Preise nach oben treiben. Dabei wird ausgeblendet, dass auch steigende Profite eine Quelle der Nachfrage sind. Wenn der Anteil der Löhne am Wertprodukt steigt, dann sinkt der Anteil der Profite – und umgekehrt: Wenn der Anteil der Profite steigt, dann sinkt der Anteil der Löhne. Die Preise können nur dann nach oben getrieben werden, wenn die kombinierte Kaufkraft von Löhnen und Profiten steigt – und wenn die Produktion mit diesem Anstieg der Kaufkraft nicht Schritt halten kann. Letzteres scheint für die Erklärung der jüngsten Teuerungswelle der springende Punkt zu sein.

Inwieweit ist die Inflation ein Resultat des Wirtschaftskriegs zwischen Russland und dem Westen?

In der öffentlichen Diskussion in Deutschland wird teilweise die Auffassung vertreten, die hohen Inflationsraten seien im Wesentlichen eine Folge des Krieges in der Ukraine und der damit verbundenen Sanktionen des «Westens» gegenüber Russland sowie der Gegensanktionen Russlands gegenüber dem «Westen». Dies ist allerdings nur teilweise richtig. Die Preise für fossile Energieträger wurden sicherlich durch den mengenmäßigen Rückgang der Exporte Russlands in die Höhe getrieben, ebenso wie die Getreidepreise durch den Einbruch der Lieferungen aus der Ukraine und Russland. Ein Blick in die Statistiken zeigt allerdings, dass die Inflationsraten bereits im Jahr 2021, also vor der Eskalation des Kriegs in der Ukraine zu steigen begannen. Der Anstieg der Inflationsraten begann in den USA etwas früher als in der EU. In den USA lag der Anstieg des «harmonisierten Verbraucherpreisindexes» gegenüber dem jeweiligen Vorjahresmonat im März 2021 bei 2,8 Prozent, im April bei 4,8, im Mai bei 5,9, im Juni bei 6,3 und im Dezember bei acht Prozent[2]. In der EU lag der Anstieg des «harmonisierten Verbraucherpreisindexes» erstmals im Mai 2021 mit durchschnittlich 2,2 Prozent über der Zielinflationsrate der EZB. Er kletterte dann im Dezember 2021 auf 5,3 Prozent. Dass die Entwicklung der Inflation in der EU derjenigen in den USA mit einiger Verzögerung folgte, verweist einmal mehr darauf, dass die USA immer noch das dominierende Zentrum der kapitalistischen Weltwirtschaft und insbesondere der Schrittmacher im atlantischen Raum sind.

Die Eskalation des Ukrainekriegs löste den Anstieg der Inflationsraten nicht aus, aber sie verstärkte ihn erheblich.

Im März 2022 stieg der Verbraucherpreisindex in den USA um 9,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, in der EU um 7,8 Prozent. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte die Inflationswelle in den USA bereits im Juni 2022 mit einem Anstieg des Verbraucherpreisindexes um 10,1 Prozent, in der EU erst im Oktober 2022 mit einem Anstieg um durchschnittlich 11,5 Prozent. Der Einfluss des Krieges auf die Inflationsrate machte sich offenbar in der EU stärker bemerkbar als in den USA. Dort war der auch durch die Konjunkturpakete der US-Regierung geförderte starke Anstieg der Nachfrage nach der Rezession von 2020 von größerer Bedeutung, der nicht durch eine entsprechende Ausweitung der Produktion gedeckt werden konnte. In der EU spielte sicherlich in erster Linie die Energiekrise eine zentrale Rolle und hier insbesondere der Anstieg der Gaspreise. Dabei ist es wichtig, festzuhalten, dass die Gaspreise in Europa schon im Sommer 2021 enorm stiegen. Russland wird beschuldigt, bereits 2021 die Gaslieferungen in die EU verknappt zu haben, um den Druck für die Genehmigung der Nord Stream 2-Pipeline zu erhöhen[3]. Die Gaspreise an den zentralen Hubs in der EU bzw. an den Spotmärkten kletterten dann nach der Eskalation des Krieges auf astronomische Höhen. Die Gaspreise stiegen zwar auch in den USA an, aber bei weitem nicht auf solche Höhen. Der Gaspreis lag in den USA auf dem Höhepunkt des Preisanstiegs im Sommer 2022 immer noch unter dem Niveau, das er dort bei früheren Höhepunkten im Jahr 2005 oder im Sommer 2008 hatte. Ähnliches gilt im Übrigen für den Rohölpreis, der auch in der EU nicht ganz so stark wie der Gaspreis gestiegen ist. Festzuhalten ist außerdem, dass der bloße Anstieg der Preise für fossile Energien allein die steigenden Inflationsraten nicht erklären kann, auch wenn fossile Brennstoffe für viele nachgelagerte Industriebereiche ein wesentlicher Input sind.

Vor und nach der großen Rezession von 2008 bis 2009 gab es bereits ähnliche starke Anstiege der Preise für fossile Energieträger, ohne dass diese mit einem derart starken Anstieg der Inflationsraten verbunden gewesen wären. Zwischen 1991 und 2020 lag die Inflationsrate in den USA stets unter vier Prozent. Das gleiche gilt seit Mitte der 1990er Jahre und mit Ausnahme des Jahres 2008 für die EU. Während der Einfluss der Gaskrise auf die Inflation in der EU plausibel ist, ist der Einfluss des Anstiegs der Energiepreise auf die Inflation in den USA weniger deutlich. Zwar sind auch dort die Energiepreise nach einem tiefen Einbruch im Zuge der Pandemie und der damit einhergehenden Rezession stärker gestiegen als die Preise anderer Warengruppen, nämlich um mehr als 50 Prozent zwischen dem 4. Quartal 2020 und dem 4. Quartal 2021 und nochmals um fast 30 Prozent zwischen dem 4. Quartal 2021 und dem 2. Quartal 2022. Gleichwohl lag der Anstieg des Verbraucherpreisindexes, wenn man den Anstieg der Energiepreise und der Lebensmittelpreise ausklammert (das heißt die «Kerninflationsrate»), zwischen dem 4. Quartal 2020 und dem 4. Quartal 2021 sowie zwischen dem 4. Quartal 2021 und dem 4. Quartal 2022 jeweils noch bei 4,7 Prozent. In der EU-27 lag der Anstieg des Verbraucherpreisindexes, wenn man die Energie- und Lebensmittelpreise ausklammert, im Jahr 2021 nur bei 1,8 Prozent und im Jahr 2022 bei 4,7 Prozent. Der Verbraucherpreisindex einschließlich der Lebensmittel- und Energiepreise stieg dagegen 2021 um 5,3 Prozent in den USA und um 2,9 Prozent in der EU, 2022 um 8,7 Prozent in den USA und um 9,2 Prozent in der EU.

Ein Grund für die schon vor der jüngsten Eskalation des Ukrainekriegs steigenden Energiepreise könnten die in den letzten Jahren abnehmenden Investitionen in die Produktion fossiler Energieträger sein.

Möglicherweise haben die öffentlichen Diskurse in Bezug auf die Klimapolitik auch zu einer gewissen Umorientierung der Finanzinvestoren geführt. Wie nachhaltig diese ist, bleibt abzuwarten. Fakt ist jedenfalls, dass die weltweiten Investitionen in die Produktion fossiler Brennstoffe laut den Daten der Internationalen Energieagentur von 905 Milliarden US-Dollar im Jahr 2018 auf 873 Milliarden im Jahr 2019 und auf 671 Milliarden im Pandemiejahr 2020 gesunken sind. Danach stiegen sie zwar wieder an, lagen jedoch mit 852 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 noch immer unter dem Niveau der Jahre 2015 bis 2019. Der zeitliche Zusammenhang von Inflation und dem – aus ökologischer Perspektive ja notwendigen – Rückgang der Investitionen in die Produktion fossiler Energieträger verweist auf die enormen Herausforderungen und Risiken bei der angestrebten «Dekarbonisierung» der Wirtschaft[4]. Wenn die Produktion erneuerbarer Energien nicht ausreicht, um Engpässe in der Energieversorgung zu vermeiden oder wenn beispielsweise die für den «grünen» Kapitalismus notwendige Produktion von Metallen nicht ausreichend gesteigert werden kann, ist auch zukünftig ein Anstieg der Inflationsraten zu erwarten.

Neben dem Ukrainekrieg wird vor allem die Störung der ‹Lieferketten› im Zuge der Covid-19-Pandemie für die Preissteigerungen verantwortlich gemacht.

Die diversen «Lockdowns» und auch Ereignisse wie die sechstägige Blockierung des Suezkanals durch das auf Grund gelaufene Containerschiff Ever Given im März 2021 haben deutlich gemacht, wie verletzlich die globalen Produktionsketten sind. Bekannt geworden sind sektorale Produktionsengpässe etwa in der Chipindustrie. Die Veränderung der Arbeitsverhältnisse (wachsende Bedeutung des Home Office) und Konsummuster im Zuge der Pandemie hat zu einer wachsenden Nachfrage nach Computern und Unterhaltungselektronik und damit nach Mikrochips geführt, während die Nachfrage nach Automobilen während der jüngsten Rezession kurzfristig einbrach. Die Chiphersteller haben sich entsprechend umorientiert und die Nachfrage aus der Computer- und Unterhaltungselektronikbranche vorrangig bedient. Als dann die Nachfrage nach Autos wieder anzog, waren die Kapazitäten der Chiphersteller bereits ausgelastet und die Nachfrage nach Chips in der Autoindustrie konnte nicht gedeckt werden.

Fazit

Die auf der Quantitätstheorie des Geldes beruhende monetaristische Inflationstheorie und die auch von Keynesianern vertretene Lohndrucktheorie können den jüngsten Anstieg der Inflationsraten nicht erklären. Die Inflation lässt sich weder auf eine zu starke Ausweitung der Geldmenge noch auf einen zu starken Anstieg der Löhne zurückführen. Plausibler ist, dass die Störungen der internationalen Lieferketten im Zuge der Pandemie zu der Inflation beigetragen haben und dass die im Jahr 2020 durch die Pandemie stark eingeschränkte Produktion nicht mit dem Aufschwung der Nachfrage im Jahr 2021 mithalten konnte. Zu dem Anstieg der Preise fossiler Energieträger haben vermutlich auch der Rückgang der Investitionen in diesem Sektor und die Einschränkung der Gaslieferungen durch Russland im Sommer 2021 im Zuge des Konflikts um die Pipeline Nord Stream 2 beigetragen. Insbesondere die Preise für Energie und Nahrungsmittel wurden dann durch die Eskalation des Krieges in der Ukraine sowie die Sanktionen des Westens und die Gegensanktionen Russlands weiter in die Höhe getrieben.

Die Inflationstheorien des Mainstreams der Wirtschaftswissenschaften sind offensichtlich unplausibel. Die kritische Diskussion über die neue Inflationswelle steht im Grunde noch ziemlich am Anfang. Strittig ist in der marxistischen Debatte zum Beispiel die Frage, welche Bedeutung Monopole oder Oligopole für die Inflationsdynamik haben. Auch die Bedeutung der spekulativen Preisbildung an den Warenterminbörsen müsste näher erörtert werden.Wie die Analyse der gegenwärtigen Inflation mit der marxschen Theorie der kapitalistischen Produktionsweise und mit einer allgemeinen Inflationstheorie zu vermitteln ist, wird weiter zu diskutieren sein[5].

[1] Die folgenden Zahlen basieren auf den Daten des Statistischen Bundesamtes zum «Arbeitnehmerentgelt» und zum «harmonisierten Verbraucherpreisindex».

[2] Die folgenden Zahlen beruhen auf den Daten der National Income and Product Accounts (NIPA) des Bureau of Economic Analysis (BEA), auf den Daten von Eurostat sowie auf eigenen Berechnungen.

[3] Vgl. Frank Umbach: Erdgas als Waffe. Der Kreml, Europa und die Energiefrage. Berlin 2022, 46ff.

[4] Vgl. Cédric Durand: Energy Dilemma. Sidecar, 5.11.2021, online: newleftreview.org/sidecar/posts/energy-dilemma.

[5] Vgl. hierzu etwa: Anwar Shaikh: Capitalism, Oxford 2016, 44ff, 677ff; Michael Roberts, Guglielmo Carchedi: Capitalism in the twenty-first century, London 2023, 75ff.

Weitere Beiträge

Eine Debatte um grünes Schrumpfen, Eigentumsfragen und Verzichtsdebatten

Gespräch mit Ulrike Herrmann , Sabine Nuss und Raul Zelik