all das erinnert an die Selbstfindung, die André Gorz in seinem Buch Der Verräter aufgezeichnet hat, mit einem Vorwort von Sartre. Es ist auch sehr begrüßenswert, dass vermittelt über den Essay Eribons ein deutsch-französischer Austausch stattfindet, auch dass Themen wie die Lage der Arbeiterklasse, ihre Politisierung und ihre in Teilen rechte Mobilisierung angesprochen werden. Es handelt sich hier um ein Uranliegen der Frankfurter Sozialforschung und der kritischen Theorie seit 1923, was auch bei Eribon einmal anklingt, in seiner kurzen, positiven Bezugnahme auf Reichs Massenpsychologie des Faschismus. Auch beabsichtigt der französische Autor, die kritische Soziologie Bourdieus praktisch anzuwenden, auf das proletarische Milieu dem er selber entstammt, und auf sein Coming out als Schwuler, zwei Dimensionen die üblicherweise scharf abgetrennt werden. All dies macht den Essay lesenswert. Dennoch hat er viel Kritik verdient, denn es handelt sich hier geradezu um ein identitäres Gegenprojekt zu Gorz’ Verräter. André Gorz will in seiner Wiener Jugend Nazi sein, so schreibt er es, weil er seinen Vater hasst. Über eine Psychoanalyse, durch die literarische Begegnung mit Marx und Sartre, findet er nach und nach einen Ausweg aus seiner Identitätsmalaise und wendet sich der Kritik der Arbeit zu, die stets gewerkschaftlich engagiert blieb. Er begeht so den Verrat an seiner bourgeoisen Herkunft. Didier Eribon schlägt den entgegengesetzten Weg ein. Er entstammt einer kommunistischen Arbeiterfamilie, meistert seinen akademischen Einstieg weil er die marxistischen Autoren beherrscht, findet den Anschluss durch Marx, Sartre und landet bei dessen Tageszeitung Liberation. Er sagt sich dort von seinem Milieu los, um als Schwuler frei leben zu können, er wird so zum antimarxistischen Professor, gesteht am Ende den Hass auf seinen Vater ein, verwirft aber die Psychoanalyse und beerdigt auch die Frankfurter Schule, die er als Freudomarxismus bezeichnet. Alle kritischen Ansätze bezichtigt er am Ende gleichermaßen der Homophobie, während er das Proletariat en bloc als passive und negative Gruppe zeichnet, die sich vorrangig mit der radikalen Rechten identifiziere. Zunächst werfe ich einen Blick auf die soziologischen Betrachtungen Eribons. Er ist stolz auf seine von Bourdieu abgeschaute Soziologie. Der hat in seinem Buch Die feinen Unterschiede sehr deutlich erklärt, dass Arbeiter nicht von sich aus handeln können, da sie unfähig sind die Sprache zu ergreifen und eigene Vorstellungen zu äußern; die ArbeiterInnen sind unfähig eine "politische Sprache" zu sprechen (S.538 in der Originalfassung). Für Eribon, der seine eigene Arbeiterfamilie analysiert, ist es also kein Wunder, dass die positive und passive Identifizierung mit der kommunistischen Partei seit den 80er Jahren bei den ArbeiterInnen abgelöst wurde von einer nun negativen und stets passiven Identifizierung mit dem Front national (FN). Da ist etwas dran, denn ein Teil der Industriearbeiterschaft wählt tatsächlich FN, heutzutage deutlich mehr als vor dreißig Jahren, wobei die Gruppe insgesamt schrumpft und sich die meisten enthalten. Es sieht allerdings bei Eribon ganz so aus, als wären die Arbeiter kohortenweise vom Parteikommunismus zum FN übergelaufen. Das ist empirisch nicht nachvollziehbar und Eribon kann es auch nicht belegen. Das hieße im Grunde, dass dieselben Wähler, die 1978 für die KPF gestimmt haben (die damals landesweit ein Drittel der Arbeiterstimmen holte), heute den FN wählen, 30 Jahre später, obwohl die meisten der damaligen Arbeiter bereits frühverrentet sind. Ganz so wie Eribons Eltern, nämlich im Alter von 55 Jahren. Andere haben Jobs im Dienstleistungsbereich gefunden, wo sie nicht als Arbeiter erfasst werden, oder sind dauerhaft arbeitslos gemeldet. Nur die damals 20-jährigen kommen also überhaupt noch in Frage für die heutigen Stimmenanteile des FN. In Wahrheit sind die meisten KP-Wähler unter den Arbeitern zunächst zu den Sozialisten übergewechselt, in den 80ern, und haben sich später in die Stimmenthaltung geflüchtet. Viele konservative Arbeiter, vormals Gaullisten, haben sich währenddessen radikalisiert und den FN gewählt. Der direkte Übergang vom Kommunismus zum Faschismus betrifft eher Einzelfälle. Joel Gombin oder Hervé Le Bras haben dies dokumentiert. Ich habe dazu den Stimmbezirk und die Teilregion, in der die Kommune von Eribons Arbeiterfamilie liegt, nämlich Muizon, gesondert betrachtet. Bei den letzten Kommunalwahlen in Muizon ist der FN nicht angetreten, ein gemäßigter Konservativer wurde 2014 als Bürgermeister im Amt bestätigt mit 693 von 1137 Stimmen (laut Innenministerium). Im kleinen Departement Marne, in dem Muizon liegt, ist die Entwicklung faktisch folgendermaßen verlaufen : Die kommunistische Partei holte dort anlässlich der Präsidentschaftswahlen von 1981 15% der Stimmen, 2012 holte der Kandidat der KPF 10%. Der FN trat damals nicht an, liegt nun bei 10%. Die bürgerliche Rechte fiel hingegen von damals 48% auf nun 39%. Die Verringerung um 5% der KPF kann die 10% des FN nicht erklären, wobei der Fall der traditionellen Rechten um 9% auf eine Stimmenwanderung hindeutet. In jedem Fall ist der Erklärungsansatz Eribons hinsichtlich des Verhaltens der kommunistischen Wählerschaft eindeutig falsch. Die soziologische Analyse der politischen Transformation des Proletariats ist tatsächlich nicht Eribons Spezialgebiet, der sich als Philosoph und Theoretiker auf dem Feld der Gay Studies auszeichnet. Wilhelm Reich wird von ihm kurz angerissen, aber die Studien zum autoritären Charakter von Adorno et al. oder die Untersuchungen von Adorno, Fromm und Marcuse zu Autorität und Familie erwähnt er nicht, obwohl ihn dieses Thema sichtlich beschäftigt. In der Soziologie Bourdieus, die Eribon strikt befolgt, ist es im Grunde nicht nachvollziehbar, warum ausgerechnet der Arbeitersohn Eribon zum international anerkannten Professor aufsteigen konnte, er kann es selber auch nur als Ausnahme erläutern. Genauso wenig kann dieser Ansatz erklären, wie der fast spontane Generalstreik im Mai 68 möglich war, den 9 Millionen Arbeiter und Angestellte ohne jeden Gewerkschaftsaufruf geführt haben, darunter auch der Vater Eribons. Auch kann der Essay kaum erklären, wie die massenhafte Streikbewegung im Frühjahr 2016 gegen die sozialdemokratische Regierung möglich war, an der sich wichtige Sektoren des Industrieproletariats beteiligt haben, gegen die Ansichten des FN, nämlich Hafenarbeiter, Raffineriearbeiter, Automobilarbeiter, sowie die Chemie, die Eisenbahner, etc. So wie Bourdieu den Mai 68 nie einordnen konnte, entgeht Eribon das emanzipatorische Potenzial der heutigen Bewegungen der LohnarbeiterInnen. Wo soll es auch herrühren, da doch angeblich diese Leute alle FN wählen und sich negativ-passiv verhalten? Völlig unausgesprochen bleibt das emanzipatorische Erbe der kommunistischen Bewegung, welches es Eribon ermöglicht hat, ein kritischer Forscher und Intellektueller zu werden, was er nicht zugestehen möchte, es aber selber detailliert beschreibt. Seine Eltern sind aktive Kommunisten, er selber liest bereits als Schüler Marx, identifiziert sich mit dem linken Flügel der kommunistischen Bewegung, insbesondere mit Sartre, tritt früh in den kommunistischen Bund ein (Ligue communiste) wo er sich mit der intellektuellen Kultur der französischen Linken vertraut macht und aus genau diesem Grunde seine Universitätsexamen erfolgreich bestreitet, wie er es selber in seinem Buch schildert. Später landet er bei der Literaturrubrik der vom Marxisten und Ex-KP Mitglied Sartre gegründeten Tageszeitung Liberation, die sein Sprungbrett zur höheren Universitätskarriere ist. Soziale Aufstiegsgeschichten über die kommunistische Bewegung wie die von Eribon sind in der Zeit nach 68 nicht selten, wie die Soziologin Julie Pagis dies beschrieben hat. Der absolute Bruch Eribons mit dem Proletariat und dem kritischen Marxismus ist also ein Stück weit undankbar. Er ist angekommen in der Pariser Bourgeoisie und sagt sich von seinen Anfängen los. Mit dem Vokabular Bourdieus meint Eribon, er habe über keinerlei symbolisches Kapital verfügt, als er an die Universität kam. Das ist nicht richtig, sein symbolisches Kapital sind damals die Denker und Schriften der Arbeiterbewegung, die er heute vergessen möchte. An seine Diplomarbeit über dialektischen Materialismus kann er sich kaum erinnern, schreibt er, eine Abschrift habe er nicht aufbewahrt. Noch harscher als Eribons etwas nostalgische Kritik am französischen Marxismus fällt die Abrechnung mit der Psychoanalyse aus, wobei gleichermaßen Freud, Lacan und die gesamte Frankfurter Schule als schwulenfeindliche Konstellation verworfen werden.  Lacans Theorie sei eine "homophobe Konstruktion", die auf einer "psychoanalytischen Ideologie" fuße. Eribon gibt zu erkennen, dass ein psychoanalytischer Versuch mit einem Schüler Lacans unglücklich geendet ist, der ihm seine Homosexualität austreiben wollte. Den tieferen Grund seiner allgemeinen Verurteilung der Psychoanalyse benennt Eribon sehr genau: es ist der Ödipuskomplex ("le règne d'Oedipe" im Originaltext). Ödipus hat mit seiner Mutter geschlafen und seinen Vater ermordet, oder symbolisch gesehen sich in die Mutter verliebt und den Vater abgelehnt. Wenn dieser Komplex im Laufe des Erwachsenwerdens nicht überwunden wird, kann dies zu verschiedenen Auswirkungen führen, darunter die Entwicklung eines homosexuellen Lebensstils. Es ist wohl wahr, dass es in der Psychoanalyse Strömungen und Stimmen gibt, die Homosexualität als "krankhafte" Entwicklung einschätzen, aber Eribon reduziert die komplette Psychoanalyse auf diese Interpretation, um den Ödipuskomplex vorschnell zu entsorgen. "Die Vorherrschaft des Ödipus führt zu einer nichtgesellschaftlichen und depolitisierten Blickweise auf Subjektivierungsprozesse : ein Familientheater ersetzt dann was in Wirklichkeit ins Fach der Geschichte und Stadtgeografie gehört, also zum Sozialleben der Klassen." (Übers. aus dem Original, S.96). Nun, genau diese Analyse gelingt Eribon eben nicht, so gesehen am Beispiel der Heimatkommune Muizon, wo er die reale politische Entwicklung nicht nachvollzieht und falsch einschätzt.  Was erzählt uns Eribon hingegen selber und sehr detailliert in seinem Essay? Er habe seine Mutter "sehr geliebt" und den Vater verachtet, zu dessen Begräbnis er nicht erscheint, sondern stattdessen die Mutter besucht. Das ist seine Rückkehr nach Reims. An einer Stelle des Buches schildert er die Liebesbegegnung seiner Mutter mit dem Vater mit den genauen Worten, seine Mutter habe sich in einen "andern Jungen" verliebt ("un autre garçon"). Warum in einen Jungen, warum in einen anderen Jungen? Sie hat sich in einen einzigen Mann verliebt, in ihren Mann. Der Andere, der Junge, ist offenbar der Autor Didier Eribon, ihr Sohn, der sich an dieser Stelle in der Form eines freudschen Versprechers zu Wort meldet. Hat der Ödipuskomplex wirklich nichts zur Interpretation dieses Verhältnisses beizutragen? Es ist Eribons Sache, diese Frage zu beantworten und eine Erklärung für sein unmögliches Verhältnis zu seinem Vater zu finden. Seine unglückliche Begegnung mit einer französischen Spielart der Psychoanalyse sollte aber keinen Leser davon abhalten, diesen Fragen vorurteilslos nachzugehen. Es dürfte Eribon nicht entgangen sein, dass die undifferenzierte Abrechnung mit der Psychoanalyse und dem Marxismus in Paris von neokonservativen Zirkeln getragen wird, die entsprechende Schwarzbücher und Todsagungen produzieren, welche doch gerade Eribon an anderen Stellen als "konservative Revolution" bezeichnet. Es fällt auf, wie aufgeregt und gefühlsgeladen in den letzten Kapiteln die Aburteilung der Frankfurter Schule ausfällt, es fehlen Argumente und genaue Hinweise, obwohl Eribon in diesem Zusammenhang doch eingesteht, dass es Autoren aus der Schwulenbewegung gibt, die hier wichtige emanzipatorische Impulse schöpfen. Am Ende wird sogar der Mentor Bourdieu, in den ersten Kapiteln noch als intellektuelles Modell gewürdigt, der latenten Schwulenfeindlichkeit überführt, weil er ein klassischer, heterosexueller Soziologe ist. Bourdieus Autobiographie trage einen "homophoben Zug". Das alles darf diskutiert werden, zumal die Frankfurter Schule doch gezeigt hat, dass sich rassistische oder sexistische Verhaltensmuster durch alle Bereiche und Milieus der bürgerlichen Gesellschaft hindurch ziehen und in jedem Individuum mehr oder weniger präsent sind. Ein gewisser Purismus Eribons, der jeden Anschein latent homophober Ansätze angeht, z.B. die Vorliebe Bourdieus für die Soziologie (also die heterosexuelle Norm) oder für Rugbysport (maskulinistische Einstellung) führt zu einer im Grunde unpolitischen Kritik, der am Ende nur Foucault entgeht. Sind heterosexuell orientierte Gesellschaftskritiker in diesem Sinne überhaupt in der Lage, eine nicht-schwulenfeindliche Kritik zu formulieren?  Dürfen bürgerliche Linksintellektuelle wie Jacques Rancière das Proletariat verteidigen? Eribon meint, das gehe nicht und verspottet in seinem Essay ausdrücklich den Autor der Nacht der Proletarier, der meint, dass Arbeiter träumen können. Eribon gelingt es offenbar nicht, sich aus der Falle der Identitätspolitik zu befreien, welche spezifische und geschlossene Identitäten (Sexualität, eindeutige Klassenzuordnung, Hautfarbe, etc.) bevorzugt betrachtet, auf Kosten einer emanzipatorischen Gesamtbewegung, die sowohl kulturelle als auch soziale Herrschaftsverhältnisse in Frage stellt. Dieser Bewegung erteilt Eribon eine schallende Absage. Unisono mit der neoliberalen, antimarxistischen Intelligenzija des Nouvel Observateur, eine Zeitung die Eribon verlassen hat weil sie sich an einer "konservativen Revolution" im Gewand der blairistischen Sozialdemokratie beteiligt hat, wie er es in seinem Essay schildert. Wo aber liegt der gravierende Unterschied der Identitätspolitik von Eribon zu der von Hillary Clinton beispielsweise, welche versucht hat die Graswurzelbewegung von Bernie Sanders als "sexistisch" oder antisemitisch zu brandmarken und dabei völlig vergessen hat, die ehemals proletarische Basis der Demokratischen Partei einzubinden (darunter prekäre Uni-Abgänger, schlecht bezahlte Frauen, Latinos und Schwarze). Theoretisch betrachtet bietet Nancy Fraser einen alternativen, ganzheitlichen und sozialistischen Ansatz an, während Sanders in Our Revolution eine entsprechende politische Perspektive eröffnet. Der linke, homosexuelle Journalist Mike Figueredo verteidigt beispielsweise diesen übergreifenden Ansatz. Eribon hat dazu nichts zu sagen, das bewegte Proletariat ist scheinbar nicht "in" und Marx ist nicht sexy. Antimarxismus, Todsagung der Psychoanalyse und Verschmähung der Frankfurter Schule waren bislang Hype im akademischen Milieu. Das wird sich ändern.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von Artikeln, mit der wir an dieser Stelle die Debatte zu Eribons »Rückkehr nach Reims« weiterführen. 

Literatur

Adorno, W., Theodor (1995),  Studien zum autoritären Charakter, stw, Frankfurt/M. Horkheimer, M.; Fromm, E.; Marcuse, H. (1936) Studien über Autorität und Familie, Paris (Klampen-Lüneburg 2005) Bourdieu, Pierre (1979), La Distinction, Minuit, Paris (dt. Die feinen Unterschiede, stw). Reich, Wilhelm (2003), Massenpsychologie des Faschismus, Kiepenheuer&Witsch, Köln. Eribon, Didier (2010), Retour à Reims, Flammarion, Paris. Eribon, Didier (2005), Echapper de la psychanalyse, Leo Scheer, Paris. Gombin, Joel (2015), Les trois visages du Front national, Le Monde diplomatique, Paris. Gorz, André (1980) Der Verräter, Suhrkamp, Frankfurt/M. Fraser, Nancy (2001) Die halbierte Gerechtigkeit, edition Suhrkamp. Le Bras, Hervé (2015), Le pari du FN, Ed. Autrement, Paris. Neumann, Alexander (2016) Kritische Arbeitssoziologie, Schmetterling, Stuttgart. Pagis, Julie (2014), Mai 68, Presses de sciences po, Paris. Rancière, Jacques (2003) Die Nacht der Proletarier. Archiv des Arbeitertraums, Turia + Kant, Wien-Berlin. Sanders, Bernie (2016) Our Revolution : a future to believe in, Dunne Books, New York.