Mehr als fünfzig Tage sind vergangen, seit der chilenische Aufstand sich Bahn gebrochen hat.[1]

Für jene, die ihn an der Basis miterleben, scheint er jedoch bereits länger anzudauern. Die Bewegung hat seitdem etliche Umbrüche durchlebt. Die Regierung Piñeras und ihre Sympathisant*innen haben – ohne Erfolg – eine Rückkehr zur Normalität verlangt. Unisono gaben die Menschen zur Antwort, eben diese ‘Normalität’ sei das Problem gewesen. In der Hauptstadt Santiago waren allerorten Graffiti zu lesen: „Mir ist das Chaos lieber.“ 

In einer Zeit, in der selbst die friedlichsten Märsche mit Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst werden, haben die Protestierenden gelernt, aufeinander zu achten, im Angesicht der Repression eine, wenn auch bisher nur vage umrissene, neue Gemeinschaft zu bilden. Die neuentdeckte Praxis der Solidarität hat viele Formen angenommen, von freiwilligen Brigaden zur medizinischen Versorgung über Stadtteilküchen bis hin zu gut koordinierten Aktionen zur Zerstörung von Privateigentum. Ein junger Protestant, der durch Chiles berüchtigtes Kinderschutzprogramm betreut worden war, gab an, er wünsche sich, die Demonstrationen würden niemals enden, denn „man fühlt sich von anderen begleitet, man spürt zum ersten Mal, dass andere Leute dieselbe Wut teilen, die ich jeden Tag empfinde.“ Doch dies ist nur ein Beispiel dafür, wie die Rebellion und die gewaltsame Antwort der Regierung Menschen in Chile zusammengebracht haben. An Arbeitsplätzen haben gewerkschaftlich nicht organisierte Arbeitende mit Frustration und mit kollektiven Aktionen auf Forderungen ihrer Chefetagen reagiert, zu normalen Arbeitszeiten zurückzukehren. Chat-Gruppen, die zuvor dem Austausch von Arbeitsneuigkeiten und -gerüchten dienten, werden mittlerweile für politische Debatten und in einigen Fällen zu Gesprächen über gewerkschaftliche Organisierung genutzt. Selbst einige von Santiagos Privatuniversitäten, bekannt für ihre Distanz gegenüber Chiles zahlreichen studentischen Mobilisierungen, haben mit Selbstorganisierung und Streik begonnen. In der Intimität der vielen nachbarschaftlichen Viertel der Hauptstadt haben die Leute, die zunächst ihre Häuser verließen, um sich den cacerolazos (Lärmdemonstrationen) anzuschließen, längst weitere Gründe gefunden, sich zu versammeln: zum Aufbau eigener popularer Versammlungen und Gemeindehäuser als erste Schritte zum Traum von einem neuen Chile, das für das Wohlergehen der Vielen und nicht für den Profit einiger weniger sorgt. Der chilenische Aufstand – noch immer und voller Stolz ohne Führung – hat jenen einen Weg zu sozialem Aktivismus eröffnet, die zuvor stets am Rande gestanden hatten.

Die „größten Märsche der Geschichte“

Der 18. Oktober markierte für viele in Santiago den Beginn einer neuen Realität – einer Realität, die es erforderlich machte, sich der entstehenden Kultur der Rebellion anzupassen. Zunächst war die Stadt wie paralysiert infolge der substanziellen Schäden, die dem Metro-System zugefügt worden waren, und wegen der fast durchgehenden Mobilisierungen, die oft das Anzünden von Feuern und den Bau von Barrikaden einschlossen. An den Abenden sorgte die unter dem Ausnahmezustand verfügte Ausgangssperre dafür, dass nur Protestierende, die Polizei und die Armee in den Straßen anzutreffen waren. Etliche Schulen forderten Eltern auf, ihre Kinder zu Hause zu behalten, andere wurden von den Schülerinnen und Schülern selbst geschlossen; es begann eine massive Besetzungskampagne. Vielen Erwachsenen wurde zugestanden, die Arbeit vorzeitig zu verlassen oder von zu Hause zu arbeiten, um bei ihren Kinder zu sein oder gefährliche Pendelzeiten zu meiden. Eine wachsende Welle von Generalstreiks hielt weitere Arbeitende auf den Straßen und trug zu Unterbrechungen von Verkehrs- wie auch wirtschaftlichen Abläufen bei. Die Bevölkerung der geschäftigen Metropole wurde, mit allen Vor- und Nachteilen, in einen ungewohnten, langsameren Rhythmus gezwungen. Diese Verlangsamung bedeutete für viele Arbeitende eine weitere Verschärfung ihrer finanziell prekären Situation, doch sie befreite sie auch von der erdrückenden Routine, sich morgens in die verstopfte Metro zu drängen, um dann den ganzen Tag am Arbeitsplatz zu verbringen. Der Mangel an verlässlichen Verkehrsmitteln hatte zur Folge, dass viele genötigt waren, zu Fuß zu gehen, was die Wahrscheinlichkeit erhöhte, auf dem Weg Nachbar*innen und Bekannten zu begegnen. Die Verbreitung und Häufigkeit der Mobilisierungen schuf auch Raum für diese Zufallsbegegnungen. Der erste einer Serie dessen, was begeistert als „Größte Märsche der Geschichte“ bezeichnet wurde, ereignete sich am Freitag, dem 25. Oktober, und zog nicht nur die üblichen Aktivist*innen an, sondern auch Gruppen von Familienmitgliedern, Freund*innen, Nachbar*innen und Arbeitskolleg*innen. Auf diese Weise wurde die Zeit außerhalb der Arbeit in eine Zeit des Aufbaus und der Stärkung sozialer Zusammengehörigkeit verwandelt. Während die Piñera-Regierung weiter von Frieden und Versöhnung sprach, stieg die Polizeigewalt exponenziell an. Mit dem Ende des Ausnahmezustands am Samstag, den 26. Oktober hatte das Militär am Sonntag, den 27. Oktober, die Straßen verlassen, doch wurde nun Bereitschaftspolizei eingesetzt. Bis zu diesem Tag waren mehr als 3 000 in Krankenhäusern behandelte Personen und tausende Festnahmen das Ergebnis [der Polizeiaktionen]. Mehr als 350 Fälle von Augenverletzungen durch die Polizei, die der Menge in die Gesichter schoss, wurden registriert. Zu diesen schockierenden Zahlen kamen Hunderte von Anklagen wegen Folter, sexualisierter Folter oder anderen Menschenrechtsverletzungen. Anstatt die Menschen abzuschrecken, hat dieses Ausmaß an Repression die Öffentlichkeit zusätzlich erzürnt und ihre Sympathien für die Straßenkämpfe und Sachbeschädigungen deutlich gesteigert. Ein bezeichnendes Beispiel hierfür ist die Aufwertung der Primera Línea oder ‚ersten Linie‘, einer losen Verbindung von Studierenden, Anarchist*innen, Fußballhooligans und jungen Leuten, die sonst von der Gesellschaft vernachlässigt wurden. Diese ‚erste Linie‘ schützt nun die große Masse der Protestierenden mit improvisierten Schilden. Weil sie ihre Gesichter maskieren und sich auf aggressive Weise mit der Polizei anlegen, sind sie der perfekte Sündenbock für Politiker*innen, die alle Formen von störenden Protesten kriminalisieren wollen. Gleich zu Beginn der Rebellion brachte Piñera den Entwurf zum Ley de Seguridad (Sicherheitsgesetz) ein, welches schwere Strafen für Protestierende vorsah, die beim Bau von Barrikaden, beim ungenehmigten Streik, oder auch nur mit vermummten Gesichtern aufgegriffen wurden. Dieses Gesetz passierte jüngst, und mit den Stimmen vieler linker und radikallinker Abgeordneter, die erste Kammer des Kongresses – für die Mobilisierten in den Straßen eine machtvolle Erinnerung daran, dass die herrschende Klasse stets zuerst sich selbst schützen wird, unabhängig von Partei oder politischer Bindung.

Öffentliche Versammlungen, alt und neu

Chile verfügt über eine lange Geschichte nachbarschaftlich organisierten Widerstands. Über die Kämpfe der Indigenen des Landes für ihre Territorien, Selbstbestimmung und den Umgang mit Naturressourcen hinaus gibt es eine starke Tradition von Landbesetzungen, die sich seit Mitte der 1950er Jahre erhalten hat. Bereits vor den ersten, unter den Regierungen Alessandri und Frei (1958–70) umgesetzten Agrarreformen, und verstärkt unter Allendes Regierung der Volkseinheit (1970–73) haben die städtischen Armen begonnen, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen. Ende des Jahres 1957 packte eine Gruppe von Menschen aus dem von Armut gebeutelten zentralen Santiago ihre wenigen Habseligkeiten und begann eine massive Übernahme staatseigener Gebiete im südlichen Teil der Stadt. Weit entfernt davon, nur ein spontaner Akt zu sein, erforderte diese Weise der Aneignung  sowohl gute Planung als auch einen hohen Grad an Selbstorganisierung der Beteiligten, die ihre Ressourcen zusammenlegten und kollektive Entscheidungsprozesse zur Gründung ihrer neuen Gemeinschaft nutzten. Diese frühe Siedlung wurde unter dem Namen La Victoria bekannt und war die erste – doch keineswegs die letzte – urbane Landbesetzung, aus der eine einzigartige, politisierte Gemeinschaft und Nachbarschaft entstand. Während der Diktatur und bis heute haben Wohnortgemeinschaften, die aus Landbesetzungen hervorgingen, ihre Traditionen der Selbstbestimmung und des Widerstands bewahrt und markieren die Grenzen ihres Territoriums in Zeiten des Konflikts häufig durch brennende Barrikaden, um Kräfte der Regierung abzuschrecken. Von den Medien zumeist als gesetzlos und von Kriminalität geprägt dargestellt, beherbergen diese Gemeinschaften unzählige in Selbstorganisation geführte Projekte in den Bereichen Kultur, Gesundheit, Bildung und lokale Umverteilung, die die Beziehungen zwischen den Bewohner*innen  stärken und eine Kultur des Aktivismus der Arbeitenden befördern. All diese Initiativen werden durch „Gebietsversammlungen“ koordiniert, einer Form egalitärer sozialer Organisation, in der alle Nachbar*innen Rederecht haben. In vielen der Versammlungen hat die jeweilige Orientierung der Gruppen, die einmal zu ihrer Gründung beigetragen haben, ihren Einfluss behalten – wie z.B.  die Kommunistische Partei oder die Revolutionäre Linke Bewegung – doch die Teilnehmenden brauchen sich keiner politischen Richtung außer den kollektiv getroffenen Entscheidungen anzuschließen; betont wird direkte Demokratie statt Führung von oben. Da das Ziel darin besteht, eine gemeinsame Stimme für die Nachbarschaft zu schaffen, beschränken sich die Gebietsversammlungen nicht auf einzelne Themen oder Forderungen. Vielmehr richten sich ihre Inhalte nach den Bedürfnissen und Prioritäten ihrer Teilnehmenden, der Basis. Und sie sind in der Lage, sowohl auf kleinräumige lokale Problemlagen einzugehen als auch nationale Kampagnen zu Wohnbedingungen, Stadtentwicklung und Lebensqualität durchzuführen. Wie die vielen anderen sozialen und Arbeiterorganisationen konnten auch die bereits bestehenden Gebietsversammlungen die Basis mobilisieren, als die Rebellion ausbrach. Sie boten einen idealen Raum für Nachbar*innen, um Unterstützung zu suchen und Widerstand zu organisieren. Niemanden in Santiago überraschte es, dass sich die politisiertesten Nachbarschaften der Stadt in einer Zeit des Konflikts erhoben. Zur Zeit der Diktatur hatten sie dies unter viel gefahrvolleren Bedingungen getan. Die Überraschung kam erst, als neue Versammlungen zu entstehen begannen – in Wohngegenden, wo es keine solche Geschichte gab, oder in Nachbarschaften, wo solche Versuche bisher gescheitert waren. Bis Ende Oktober waren Dutzende solcher Formationen entstanden, und sie expandierten und vermehrten sich mit jedem Tag. Während Politiker*innen und Expert*innen bemängelten, es fehle der Bewegung an Führung, hatten die Menschen bereits mit dem Aufbau ihrer eigenen demokratischen Strukturen begonnen. Ein wichtiger Faktor in der Verbreitung der Versammlungen war, dass viele Leute durch die Intensität sowohl der Proteste als auch des Ausmaßes der Gewalt und Repression seitens der Regierung verängstigt waren. Ständige Berichterstattung über Brandstiftungen, Plünderungen und Polizeibrutalität verschärfte lediglich den Druck, ebenso wie die Präsenz des Militärs in den Straßen – ein traumatischer Anblick für all jene, die dasselbe bereits unter der Diktatur erlebt hatten. Die cacerolazos schufen das erste ‚Gegengift‘ gegen die verbreitete Angst und Isolation. Sie holten die Nachbar*innen aus ihren Häusern und auf die Straße, um dort der Ausgangssperre zu trotzen und ihrer Frustration Luft zu machen, indem so viel Lärm gemacht wurde wie möglich. Unter dem Ausnahmezustand brachte jeder Abend einen neuen Anlass für cacerolear, und es dauerte nicht lange, bis die Beteiligten begannen, weitere Aktivitäten wie gemeinsame Mahlzeiten und Gruppendiskussionen mitaufzunehmen. Schließlich erkannten einander zuvor völlig Fremde sich als zugehörig zur gleichen Gemeinschaft – einer Gemeinschaft, in der ähnliche Hoffnungen und Ängste um die zukunft des Landes gehegt werden. Derweil hatten Befürchtungen hinsichtlich möglicher Plünderungen oder Brandstiftungen zur Folge, dass fast alle großen Lebensmittelketten ihre Filialen schlossen oder nur zu sehr begrenzten Zeiten öffneten. Viele kleinere Läden und ferías (Straßenmärkte) blieben jedoch trotz gelegentlicher Plünderungen geöffnet, was ihnen zu Anerkennung verhalf. Von sozialen Beziehungen in der nahen Umgebung weitergehend entfremdete Stadtbewohner*innen wurden ein weiteres Mal an die Bedeutung dieser lokalen Institutionen und die persönlichen Beziehungen, die durch die dort Beschäftigten geknüpft werden, erinnert. Als bestimmte Güter schwerer zu erreichen wurden, ergriffen Nachbar*innen die Initiative und organisierten lokale Einrichtungen zur Aufteilung der Ressourcen. So gewährleisteten sie, dass es niemandem an Lebensmitteln oder Medikamenten fehlte. Es wird sogar von Plündernden berichtet, die selbst entwendete Waren an bedürftige Familien verteilten. Auf tausenderlei Weise und unter zahlreichen Schwierigkeiten erhielten durch den neoliberalen Individualismus fragmentierte Gemeinschaften wieder Zusammenhalt. Die Gebietsversammlungen wurden auf diese Weise zum natürlichen Ausdruck des Bedürfnisses nach materieller Unterstützung sowie auch des Wunsches nach einem Raum, in dem in einem kollektiven Prozess eine neue Realität geschaffen und Forderungen formuliert werden können. Überall im Land wurde die Forderung laut: Die Verfassung muss neu geschrieben werden.

Unterwegs zu einer neuen Verfassung?

1980 durch eine handverlesene Kommission der Pinochet-Unterstützer*innen aufgesetzt, konzentriert die chilenische Verfassung die Macht in einer starken Exekutive; sie schafft den gesetzlichen Rahmen für die Implementierung neoliberaler Politiken von extremem Ausmaß. Spätere Regierungen erarbeiteten Änderungen des Dokuments, darunter sehr bedeutende in den Jahren 1989 und 2005. Diese Änderungen tasteten jedoch niemals den wirtschaftspolitischen Kern an, der eine Privatisierung so gut wie aller Aspekte der grundlegenden Bedürfnisse zugunsten der herrschenden Klasse ermöglichte. Im Ergebnis kam immer wieder die Forderung nach einer gänzlich neuen Verfassung auf, der aber erst die jetzige Bewegung in eine herausragende Position gebracht wurde. Der Vorschlag ist nach wie vor sehr populär und zieht Anhänger*innen von allen Seiten außer dem rechten Rand an. Die eigentliche Kontroverse liegt dabei in der Frage, aus welchem Verfahren eine neue Verfassung hervorgehen soll. Anfang November [2019] ließ Piñera verlauten, er sei willens, einen Prozess zu unterstützen, in dem Mitglieder des Kongresses unter Berücksichtigung von Eingaben der Bürgerinnen und Bürger eine neue Verfassung entwickeln würden. In internationalen Medien wurde hierüber als ein großes Zugeständnis berichtet, doch die meisten Chilen*innen blieben äußerst skeptisch gegenüber den hiermit verfolgten Absichten der Regierung. Das von ihr vorgeschlagene Verfahren ist in der geltenden Verfassung selbst vorgesehen und ermöglicht sowohl Änderungen einzelner Artikel als auch von Gesetzen, die sich auf das Dokument beziehen. Doch die Schwelle für die Umsetzung dieser Veränderungen – eine Zweidrittelmehrheit im Kongress für einzelne Artikel, und drei Fünftel für Gesetze – liegt so hoch, dass diese beinahe unmöglich ist. Überdies waren die Protestierenden begierig nach Demokratie und nicht in der Stimmung, sich einem Prozess zu unterwerfen, in dem sie auf die Rolle als „Beratende“ reduziert würden. Im Versuch, dem Unfrieden im Land ein Ende zu machen, verabschiedeten Kongressabgeordnete nahezu aller Parteien – von der äußeren Rechten bis zur äußeren Linken – am 15. November ein Schriftstück, in dem ihr Plan zur Erarbeitung einer neuen Verfassung beschrieben wurde. Dieses sogenannte ‚Abkommen für sozialen Frieden und eine neue Verfassung‘ bot erweiterte Möglichkeiten der Bürger*innenbeteiligung und die Zustimmung aller Unterzeichnenden zu konkreten Vorschlägen, die aus dem beschriebenen Prozess hervorgehen würden – so dass die Vorgaben einer Zweidrittel- und Dreifünftelmehrheit umgangen würden. Ferner sah diese Erklärung den April des Jahres 2020 für ein Plebiszit vor, in dem die Bürger*innen nach ihrer Zustimmung oder Ablehnung der neuen Verfassung gefragt werden würden sowie danach, ob sie ein Abstimmungsgremium aus von allen Wahlberechtigten gewählten Vertreter*innen oder aber ein gemischtes Gremium aus 50 Prozent der gewählten Repräsentant*innen und 50 Prozent der amtierenden Mitglieder des Kongresses bevorzugten. Diese Abstimmung sollte schließlich genutzt werden, um den Charakter des für die Erarbeitung des finalen Dokuments verantwortlichen Gremiums festzulegen. Über dieses sollte der Erklärung gemäß im Rahmen eines zweiten Referendums im Oktober abzustimmen sein. Zu fast jedem vorherigen Zeitpunkt wäre solch ein Abkommen als großer Schritt nach vorn willkommen geheißen worden, doch der 18. Oktober hatte die politische Landschaft verändert. Die Menschen hatten die Forderung nach einer neuen Verfassung selbst auf die Tagesordnung gesetzt, doch fehlte ihre Stimme im vorgeschlagenen Verfahren gänzlich. Stattdessen „hintergingen“ die politischen Eliten sie, wie die allgemeine Wahrnehmung lautete, zugunsten einer raschen und regierungsfreundlichen Lösung. Der Schritt, ohne jegliche Repräsentation der sozialen Bewegung Verhandlungen zu beginnen, und das, während die Menschenrechtsverletzungen weiter anhielten, wurde als großangelegter Betrug interpretiert. Die Koalition linker Parteien, Frente Amplio (Breite Front), zahlte hierfür den höchsten politischen Preis – etliche ihrer konstituierenden Parteien traten aus, und es gab Verluste allenthalben. Am darauffolgenden Freitag kehrten die Demonstrierenden mit einer massiven Mobilisierung auf die Straße zurück – diesmal in expliziter Ablehnung des publizierten Abkommens.

Lektionen aus dem Verlauf

Wenn die Losung „den sozialen Frieden wiederherstellen“ auch grundsätzlich den gegenteiligen Effekt erreicht hatte, war [die Debatte um] den Prozess der Neuverabschiedung einer Verfassung in Gang gesetzt und konnte nicht mehr von der Tagesordnung verdrängt werden. Das erste Referendum hierzu stand in weniger als sechs Monaten bevor, und den anwachsenden Netzwerken der selbstorganisierten Versammlungen im Land oblag es nun, ihre eigene Vision des Prozesses so schnell als möglich zu entwickeln und umzusetzen. Glücklicherweise war mit dieser Arbeit bereits seit den frühesten Tagen des Aufstands begonnen und einige Schlüsse gezogen worden: Es bestand Einigkeit darüber, dass eine verfassungsgebende Versammlung notwendig und sogar wünschenswert sei. Doch die Vorschläge mussten aus der Menge der Leute in all ihrer Diversität hervorgehen. Hierfür riefen nun Interessengruppen wie Studierende, Feminist*innen, Migrant*innen und Indigene zu gesonderten Versammlungen auf, in denen sie kollektiv ihre politischen Prioritäten und Erwartungen an eine Repräsentation abstimmen konnten. In Stadtgebieten mit einer Tradition politischer Aktivität konnten Hunderte von Menschen zu Treffen und öffentlichen Versammlungen mobilisiert werden. Diesen Zusammenkünften gelang die Einrichtung von Kommissionen, über die eine tiefergehende politische Reflektion initiiert wurde, noch bevor die Brände erloschen waren. Viele Gebietsversammlungen waren jedoch aus relativer Unübersichlichkeit und Vereinzelung hervorgegangen, hier formierten sich die Netzwerke wesentlich langsamer.  Vertreter*innen nahmen sich Zeit, benachbarte Versammlungen – oft nur bestehend aus 10 bis 15 Leuten – zu besuchen und sich dort vorzustellen. Diese Prozesse wurden oft von motivierten linken Aktivist*innen beschleunigt, die sich für eine bestimmte politische Linie einsetzten, um den Einfluss ihrer jeweiligen Partei auszubauen. Das vielleicht einflussreichste Netzwerk dieser Art war das Projekt der Unidad Social (Soziale Einheit, US), eine neugegründete Koalition der mächtigsten Gewerkschaften und Bewegungsorganisationen des Landes. Sie nutzten ihre breite Mitgliederbasis, um einen Rahmen für Bürgerbeteiligung in der verfassungsgebenden Versammlung zu schaffen. Viele Nachbarschaftsversammlungen schlossen sich hier an. Wenn auch eine allgemein einheitliche Zustimmung zur US ausblieb, hatte diese durch die Diversität ihrer Mitgliederorganisationen und ihr Vermögen, die Regierung mit Generalsstreiks unter Druck zu setzen, an Zugkraft als mögliche koordinierende Kraft der Rebellion gewonnen. Sie besaß signifikanten Einfluss unter den schon zuvor bestehenden Gebietsversammlungen und war sogar in der Lage, einige zu Partnern zu machen. An diesem Punkt rief US zu einer Reihe von öffentlichen Versammlungen auf, wobei sie als Diskussionsmethode anwandte, eine Liste von Anliegen und Vorschlägen aufzustellen, um diese in den Entwurf einer künftigen Verfassung einzubringen. Nachbarschaftliche Organisationen waren die geeignetsten Gremien, um solche Treffen zu organisieren und bekannt zu machen. Während einige unabhängige Versammlungen kritisch gegenüber US und ihrer reaktionären altlinken Führung blieben, erkannte Chiles größte Gewerkschaftskonföderation den Großteil der vorgeschlagenen Diskussionsfragen als sinnvoll an und fügte sie der eigenen Methodik hinzu. Die Fragen selbst rangieren von „Was ist der Ursprung des derzeitigen Konflikts?“ bis zu „Ist eine verfassungsgebende Versammlung notwendig, um Chile zu verändern?“ Der aktuelle politische Moment in Chile ist durch diese parallelen und sich mitunter überschneidenden Wege zu einer verfassungsgebenden Versammlung geprägt, die sich beide im Kontext anhaltender Mobilisierungen und Regierungsrepression ereignen. Während die Phase der selbstorganisierten Versammlungen sich dem Ende nähert, hat Soziale Einheit Bereitschaft signalisiert, mit der Regierung im Austausch für bestimmte Garantien die eigene Demobilisierung zu verhandeln. Wiewohl noch nichts klar ist, hat allein diese Option interne Spaltungslinien vertieft und Angst vor einem weiteren Betrug ausgelöst. In etlichen Bereichen spüren die Menschen diese Spannungen zusätzlich zu der erschöpfenden Anstrengung, über so lange Zeit mobilisiert zu bleiben. In solchen Zeiten ist leicht vorstellbar, wie der einst lebhafte Widerstand der Rebellion im Oktober unter dem Gewicht seiner eigenen Erwartungen kollabieren könnte und seine Träume durch einen undemokratischen, von einer Regierung, an deren Händen das Blut der eigenen Bevölkerung klebt, ins Werk gesetzten Prozess gefesselt bleiben. Dennoch – weit entfernt von den Elitevierteln,  in denen die herrschende Klasse ihr abgeschottetes Leben lebt, treffen sich Nachbar*innen weiterhin ein paar Mal in der Woche zum Tee, teilen ein paar Kekspackungen und diskutieren die Zukunft des Landes. Was immer kommen mag, in dieser Rebellion haben die Menschen einander entdeckt und gemeinsam gelernt – gutes und schlechtes –, und dies wird nicht einfach in Vergessenheit geraten. Denn eines wissen die Chilen*innen: dass eine Bevölkerung ohne Erinnerung eine ohne Zukunft ist. 

Aus dem Englischen von Corinna Trogisch

[1] Dieser Beitrag erschien zuerst am 11. Dezember 2019 im Roar Magazine.

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