Zweitens weil die Geschichte sich nicht in christliche Dezimalklassifikationen fügt: Wie das 20. Jahrhundert verschiedene Epochen umfasst (1917–1921, 1933–1945, 1968–1977), so zerfällt auch das 21.  Jahrhundert bereits jetzt in mindestens zwei Phasen. Die erste beginnt 1990 mit dem Ende des Kalten Krieges und ist geprägt durch die Antiglobalisierungsbewegung, 9/11 und den War on Terror. Die sozialistische Bewegung zieht sich auf einige Regionen der Welt zurück, Lateinamerika vor allem. Die zweite Phase wird durch die Weltwirtschaftskrise 2008 eingeläutet: Mit den Occupy-Bewegungen, die dem Arabischen Frühling folgen, kehrt der Sozialismus in die imperialen Zentren zurück, die von der Wirtschaftskrise am stärksten betroffen waren. Heute findet der Begriff in den USA mehr Zuspruch als jemals in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Und auch in anderen Teilen der Welt feiert er ein Comeback. Aber in welcher Form? Eine dominante Strömung orientiert sich an der europäischen Sozialdemokratie mit ihrem Traum von materiellem Wohlstand, staatlicher Umverteilung und nationaler Souveränität. Diesmal allerdings ergänzt um antirassistische und antisexistische Erkenntnisse der Neuen Linken und kombiniert mit einem ökologischen Imperativ. Dagegen träumt eine marginalere Strömung von der Wiederbelebung des Staatssozialismus, dessen organisatorische Einheit unter neoliberalen Bedingungen attraktiv erscheint und dessen klassenkämpferische Rethorik zumindest als Bürgerschreck wirkt. Eine dritte Strömung fordert jedoch zurecht, über beide historische Modelle hinaus zu gehen. Die scharfen Kritiken, die durch die Geschichte hindurch von linken Bewegungen gegenüber Sozialdemokratie und Staatssozialismus vorgebracht wurden, haben nichts an Geltungskraft eingebüßt: Staatsfetischismus, Autoritarismus, Maskulinismus – und viele mehr. Die Bedingungen der Gegenwart haben noch neue Gründe hinzugefügt, die gegen eine Wiederaufführung der dominanten Sozialismen des letzten Jahrhunderts sprechen. Zwei ihrer zentralen Pfeiler lassen sich nicht wieder errichten. Erstens die Wachstumsorientierung: Während der Staatssozialismus eine stetige Steigerung der Produktivkräfte als historische Notwendigkeit erachtete, die die Geschichte in den Kommunismus führen müsse, fand die westliche Sozialdemokratie im Wirtschaftswachstum die Grundlage für einen Klassenkompromiss, der die materiellen Lebensbedingungen der Arbeiter*innen verbessern konnte – ohne die Herrschaftsverhältnisse anzutasten. Der Kapitalismus hat bereits oft mit seiner Anpassungsfähigkeit überrascht, doch die ökologischen Grenzen des Wachstums scheinen beiden Strategien ein Ende zu setzen. Zweitens der Nationalstaat: Sozialismus in einem Land ist heute noch weniger möglich als im letzten Jahrhundert. Die ökologische Katastrophe berührt – in ihren Ursachen wie Wirkungen – nicht alle Teile der globalen Menschheit gleichermaßen. Im Gegenteil, diejenigen, die am wenigsten zur Katastrophe beitragen, sind am stärksten von ihr betroffen. Dennoch lässt sie sich nur global ausbremsen. Zum einen, weil sich Wasser, Wind, Wolken nicht um die Grenzen scheren, die Menschen im Sand ziehen, egal ob mit Draht oder Beton. Zum anderen, weil die ökologische Transformation der Ökonomie nicht gelingen kann, solange es Konkurrenz der Nationen oder der Blöcke gibt. Die Rechtsnationalisten sprechen diesbezüglich nur offen aus, was die verhohlene Grundlage der Politik aller nationalen Regierungen ist: nationaler Wachstumsschutz vor globalem Umweltschutz. Solange die Beziehungen der Individuen, der Betriebe, der Regionen Beziehungen der Konkurrenz sind, wird sich die Klimakatastrophe kaum aufhalten lassen. Kein Kapitalismus ohne Wachstumszwang: Die einzige signifikante CO2-Senkung der letzten Jahrzehnte folgte keinem Klimagipfel, sondern der Finanzkrise. Ökologisch geht nur sozialistisch, ökokommunistisch. Doch das Erbe des Staatssozialismus wiegt schwer. Dieser betrieb die Zerstörung seiner ökologischen Grundlagen nicht nur aufgrund äußerer Konkurrenz mit dem Kapitalismus. Seine dominante Ideologie verstand historischen Fortschritt als Fortschritt in Naturbeherrschung – als effizientere wie extensivere Ausbeutung der nichtmenschlichen Welt. Diese anthropozentrische Ideologie, die nicht zuletzt von der feministischen Linken hart kritisiert worden ist, befindet sich heute in einer doppelten Krise. Zum einen wird sie durch die Entwicklung der künstlichen Intelligenz beschädigt: Nun gibt es nicht nur Maschinen, die stärker und schneller sind als Menschen, sondern auch solche, die besser Musik komponieren, Krebs diagnostizieren oder andere Maschinen konzipieren können. Zum anderen rufen die sich stetig mehrenden Zeichen der ökologischen Katastrophe mit aller Macht die verdrängte Abhängigkeit der menschlichen von der nichtmenschlichen Natur in Erinnerung. Der Mensch nimmt keinen Platz außer- und oberhalb der restlichen Welt ein. Die Erkenntnis hat Folgen: Sozialistische oder kommunistische Freiheit kann heute nur noch in Anerkennung globaler Abhängigkeit realisiert werden – ohne Nation, ohne Produktivkraftfetisch, ohne Naturbeherrschung.