»Am Anfang habe ich noch versucht, meinen Tag zu organisieren ...«
Maximilian

Ich bin Maximilian, 17 Jahre alt. Dass ihr meinen Vornamen hier lest, ist in Ordnung, meinen Nachnamen will ich lieber für mich behalten. Ich wohne in Berlin-Marzahn. Viele Leute wollen nicht hier wohnen, ich bin hier als Kind groß geworden. Seit Kurzem lebe ich in meiner ersten eigenen Wohnung, unterstützt von der Maßnahme Betreutes Einzelwohnen. Meine Miete bezahlt momentan das Jugendamt, so lange, bis ich sie mir alleine leisten kann.

Was ich gerade mache? Ich gehe zur Schule. Schule und Beruf Berlin e. V. heißt das Schulprojekt, in dem ich seit Anfang dieses Jahres meine schulische Ausbildung erhalte. Dort haben wir die ganz normalen Fächer, die man für den Abschluss braucht: Mathe, Deutsch, Englisch, Physik. Klingt vielleicht komisch, aber am liebsten mag ich Mathe. Ich liebe Rechnen. In Englisch bekomme ich Nachhilfe, weil ich Angst vor dem Sprechen habe. Auch sowas wie Französisch könnte man dort machen, eine Zeit lang hatten wir auch Psychologie, das fand ich sehr spannend. Voraussetzung für die Aufnahme in dieser Schulform ist, vorher schon mindestens zehn Jahre zur Schule gegangen zu sein. Bisher habe ich noch keinen Abschluss. Auf einer normalen Schule habe ich das nicht hinbekommen. Mit 15 bin ich aus der Oberstufe der Integrierten Sekundarschule ausgeschieden. Zu den Problemen mit meinen Mitschüler*innen, die mich als Heimkind mobbten, kamen schließlich auch Konflikte mit den Lehrer*innen, was schließlich zu meinem Schulabbruch führte. Voraussichtlich mache ich dann nächstes Jahr meinen Mittleren Schulabschluss, vorher muss ich aber noch die Berufsbildungsreife erlangen. Danach würde ich gerne im Hotel arbeiten, eine Ausbildung als Hotelfachmann machen. Ein Freund von mir macht das auch. Da trifft man so viele Leute aus verschiedenen Ländern. Ich bin auch ein nachtaktiver Mensch, da wäre die Spätschicht auch kein Problem.

Unsere Klasse ist wegen der Corona-Pandemie in Gruppen aufgeteilt. Wir sind insgesamt 24 Schüler*innen, haben aber nicht genug Räume, damit alle Gruppen zur gleichen Zeit unterrichtet werden können. Wir müssen ja die Sicherheitsabstände einhalten.

Mein Alltag sieht so aus wie heute, das kann ich jetzt mal beschreiben. Ich bin heute früh um acht Uhr aufgestanden, habe sofort mein Handy angeschmissen und war digital im Prüfungscoaching, danach hatte ich Englisch. Im Prüfungscoaching hatten wir heute das Fach Geschichte. Da wurde uns erzählt, was Geschichte eigentlich ist. Wann begann Geschichte, beim Urknall oder erst in der Steinzeit, wo zum ersten Mal etwas dokumentiert wurde? Unser Digitalunterricht sieht dann so aus: Unser Lehrer erklärt was, wir sollen das aufschreiben, verinnerlichen. Wenn wir dann vor Ort in der Schule sind, bekommen wir die Übungen dazu. Und dann bin ich heute um 13 Uhr los, weil ich um 14 Uhr Unterricht hatte. Ich hab’ dann halt in der Schule die Übungen gemacht. Da sind dann auch die Lehrer*innen vor Ort. Wenn wir Hilfe brauchen, sind die sofort da. Bei uns wird man nicht zurückgedrängt.

Das ist schon alles gewöhnungsbedürftig. Manchmal ist es anstrengend, wenn man erst nachmittags die Übungsaufgaben bekommt. Dann denkt man schon, man hat jetzt frei, aber weiß, ich bin später noch verpflichtet, da hinzufahren. Das nervt ein bisschen. Aber so ist es halt. Meine Klassenkameraden sind alle ungefähr in meinem Alter, die Ältesten sind 21. Meine Tante macht das auch. Also nicht wundern, sie ist nur zwei Jahre älter als ich. Die holt auch gerade auf dem zweiten Bildungsweg ihren Schulabschluss nach. Sie geht auf eine Abendschule. Da ist das ein bisschen anders. Weil sie an einer staatlichen Schule ist, die abhängig von der Corona-Situation öffnet und dann mal wieder nicht. Für meine Tante ist das sehr schwer. Unsere Schule ist von diesem ständigen Wechsel der Regularien nicht betroffen, ich kann dort immer hinfahren, wenn ich Hilfe brauche. Das kann meine Tante nicht. Sie hat zum Beispiel ein Problem in Mathe, da bekommt sie in der Abendschule keine Unterstützung. Dann springe ich ein.

Schulisch gesehen belastet mich an der Corona-Situation vor allem, dass wir in der Schule konstant eine Maske tragen müssen. Das ist jetzt gerade im Sommer sehr schlimm. Heute habe ich zwischendurch mal keine Luft bekommen, dann musste ich kurz raus. Tief Luft holen für zehn Minuten, und dann musste ich wieder rein in den Unterricht. Es ist sehr stickig im Klassenraum.

Als die erste Corona-Welle kam, lag ich erstmal komplett flach. Ich glaube, da hatte ich auch schon Corona, aber damals hat man noch nicht so viele Tests durchgeführt. Zu der Zeit habe ich auch noch in einer Wohngruppe gelebt. Das war dann halt immer schwierig, wenn sich die anderen nicht an die Distanzregeln gehalten und weiterhin Leute getroffen haben. Ich kann das ja auch voll verstehen. Aber in meiner Familie sind einige Risikopatient*innen mit Lungenproblemen, zum Beispiel meine Oma. Da wäre eine Corona-Infektion echt schlecht. Deshalb regte mich das auf.

Ich hätte mir gewünscht, man hätte von Anfang an gesagt, wir machen alles dicht. Egal, wie schön das Wetter ist, und egal, wie niedrig die Inzidenzzahlen gerade sind. Nächste Woche wird es wieder kälter, dann kommt die nächste Welle. Jetzt sprechen sie von der Delta-Variante. Man kann ja auch viel digital machen. Aber das Problem ist, dass viele Schulen die Ressourcen nicht haben, zum Beispiel nicht ausreichend Laptops zur Verfügung stellen können. Manche kommen aus einem armen Haushalt, haben keinen Laptop, keinen Drucker, um die Arbeitsblätter auszudrucken. Ich hatte das Glück, ich konnte bei meiner Oma drucken, und sie hat mir ihren Laptop gegeben. Dieses Glück hatten andere nicht. Da müsste mehr in Bildung investiert werden. Bildung ist eigentlich so wichtig, nicht jeder kann es sich leisten, lange zur Schule zu gehen oder zu studieren. Ich habe auch eine Zeit lang nach einem Nebenjob als Reinigungskraft oder im Supermarkt gesucht, weil ich mir von dem Geld dann einen eigenen Laptop kaufen wollte. Es ist aber momentan sehr schwierig, etwas zu finden, es ist alles belegt. Ich hatte mich in Schönefeld beworben, die haben mich leider nicht genommen, ich hätte sogar den langen Fahrtweg auf mich genommen. Viele Leute haben ja auch ihre Jobs verloren. Ein Freund von mir hat jetzt während der Pandemie seine Ausbildung in der Küche abgebrochen, jetzt arbeitet er erstmal als Fahrer bei einem Lieferservice.

Mit der Pandemie begannen auch meine Panikattacken. Wenn ich mich alleine fühle, dann kommen die. Ich merke dann eine innere Anspannung, spüre meinen Herzschlag sehr stark und denke, ich bekomme einen Herzinfarkt. Zwischendurch konnte man ja auch nichts mehr machen. Ich liebe zum Beispiel Schwimmen, das ging dann nicht mehr. Ich konnte nicht mehr einfach mal ins Kino gehen. Ins Kino gehen, den Kopf ausschalten. Stattdessen durfte ich nur zu Hause abhängen und Computerspiele spielen. Und dann wusste man nicht, wann geht alles wieder weiter. Vier oder fünf Mal musste ich auch in Quarantäne, einmal sogar doppelt. Ich kam aus der einen Quarantäne raus und musste zwei Tage später direkt in die nächste. Da hat man dann schon mal keinen Bock mehr. Wir hatten mit der Wohngruppe eine riesige Terrasse, da durfte ich nicht mehr hin und musste in meinem Zimmer sitzen. Am Anfang habe ich noch versucht, meinen Tag zu organisieren, irgendwann wird man dann faul. Die Panikattacken hatte ich im Winter über drei Monate lang jeden Tag. Im Winter war ich in einer Tagesklinik in Lichtenberg und jetzt bin ich auch noch bei einer Psychologin in Behandlung. Die Therapie finde ich sehr schön, ich lerne mich selbst besser kennen. Ich habe jetzt auch wieder eine Struktur in meinem Alltag gefunden. Vielleicht hat mir die Pandemie am Ende sogar geholfen, weil ich mich mehr mit mir selber auseinandersetzen musste. Ich bin über mich hinausgeschossen. Hätte man mir letztes oder vorletztes Jahr gesagt, ich bin 2021 in meiner eigenen Butze, das hätte ich mir nicht vorstellen können.

Protokoll: Ania Spatzier

»Ich hätte mehr Bewegung gebraucht, so wie in der Schule.«
Ramziyah

Ich heiße Ramziyah und bin zehn Jahre alt. Bisher war ich auf der Grüneberg-Schule in Köln-Kalk, aber nach den Sommerferien gehe ich auf eine neue Schule. Dann komme ich auf eine Realschule in Köln-Mülheim, in die 5. Klasse. Auf die neue Schule freue ich mich schon, aber ich bin irgendwie traurig, dass ich von der Grundschule weggehe. Wir hatten am Mittwoch vor den Ferien sozusagen eine Abschiedsfeier. Da wurden auch Fotos gemacht. Ich habe ein paar Geschenke für Frau Pütz und Herrn Dombach gemacht. Die haben sich richtig gefreut! Frau Pütz ist meine Klassenlehrerin und Herr Dombach ist der Förderlehrer, der macht Kunst und Sport.

Wir haben auch unsere Zeugnisse bekommen. Ich war sehr zufrieden. Die Lehrer schreiben mir einen Text, den hab‘ ich mir direkt in der Schule durchgelesen. Mir hat‘s super gefallen! Da ich Förderkind bin, bekomme ich ja keine Noten. Die Lehrer haben zum Beispiel geschrieben, dass ich so weitermachen soll, dass ich stolz auf mich sein soll und dass ich das die letzten vier Jahre gut gemacht habe. Da bin ich auch stolz drauf. An der Grundschule hat mir vieles Spaß gemacht: mit meinen Freunden zu spielen, zu lernen, eigentlich alles. Meine Lieblingsfächer sind Kunst und Sport. Deutsch auch ein bisschen, Mathe geht so, das mag ich eher nicht so sehr. Auf der neuen Schule wird es schwieriger. Dann machen wir auch Politik und solche Fächer. Meine Lehrer haben gesagt, dass die Lehrer uns in der weiterführenden Schule zwar auch helfen, aber das meiste müssen wir dann alleine machen. Vor allem bei Mathe mache ich mir Sorgen, da gehen wir in die höheren Zahlen. Aber zum Glück gibt es auch viele Pausen!

Die Zeit, in der ich wegen Corona nicht in die Schule konnte, war blöd. Ich hab‘ mich zu Hause auf meinem Stuhl immer ganz viel bewegt und die Lehrer haben mir die ganze Zeit gesagt: »Hör auf, dich so viel zu bewegen!« Aber ich brauchte auch ein bisschen Bewegung, so wie in der Schule. Wenn man alleine zu Hause auf dem Stuhl sitzt, ist das irgendwie nicht so cool. Meine Freunde aus der Schule habe ich in der Corona-Zeit schon vermisst. Aber manche konnte ich über mein Handy weiter sehen und da konnte ich auch mit ihnen sprechen.

Wir haben Tablets bekommen, damit wir zu Hause lernen können. Das Tablet muss ich jetzt in den Sommerferien wieder abgeben, aber bisher haben meine Lehrer mich noch nicht deswegen angerufen. Wir haben morgens einen Link bekommen, wo ich gucken konnte, welche Hausaufgaben ich habe und was ich heute alles machen muss. Danach habe ich dann Stunde nach Stunde gemacht, zum Beispiel als Erstes Mathe, und da gab es Arbeitsblätter, die ich natürlich ausdrucken musste. Die Schrift ist auf dem Tablet sonst zu klein. Das habe ich dann gemacht und die Blätter bearbeitet, und dann hab‘ ich zum Beispiel die Blätter für Deutsch ausgedruckt. Immer so weiter. Manchmal hatte ich auch Kunst, da musste ich nichts ausdrucken, sondern konnte die Aufgabe einfach vom Tablet ablesen, weil die Schrift groß genug war. Manchmal war es schwer, die Aufgaben zu verstehen, aber meistens war es okay. Wenn man Fragen hatte, konnte man sich auch einfach so melden. Erst haben wir Jitsi benutzt, aber das hat nicht so geklappt, deshalb haben wir dann Zoom benutzt. Natürlich hatten wir nicht alle Hefte zu Hause, deshalb mussten wir auch manchmal etwas in der Schule abholen und das Heft dann zu Hause bearbeiten. Früher kam immer eine Frau, die mir mit der Schule hilft, die heißt Monika. Aber wegen Corona konnte sie erstmal nicht mehr zu mir kommen.

Kurz vor den Sommerferien war ich wieder in der Schule, da haben wir auch richtig schöne Sachen gemacht. Wir sind zum Beispiel Eis essen gegangen, hinter den Kalk-Arcaden. Frau Pütz hat uns zum Abschied auch so ein Buch gegeben, das haben wir vorher alles bearbeitet. Ich musste eintragen, was ich alles mag, wie ich heiße, was mich an die Grundschule erinnert und so. Die Lehrer haben das in ein Buch gepackt und uns zum Abschied gegeben. Ich musste auch einen Brief an mich selbst schreiben und sollte dafür überlegen, wie ich in 20 Jahren bin. Das stelle ich mir dann so vor: Ich hab‘ einen Freund, ich hab‘ eine Arbeit, zwei Kinder, ein Auto, ein Haus, eine Familie. Vielleicht werde ich Ärztin oder was anderes, aber das weiß ich noch nicht.

In der neuen Schule machen wir in der ersten Woche erst mal eine Kennenlernrunde, bekommen den Stundenplan und bereiten uns vor. Meine neue Klassenlehrerin kenne ich auch schon. Ich freue mich schon auf die neue Schule, aber ich freue mich auch auf die Ferien. Ich weiß noch nicht so genau, was ich in den Sommerferien mache, aber auf jeden Fall gehe ich manchmal ins Schwimmbad. Oder draußen planschen, weil meine Freundin, die auch hier wohnt, ein Planschbecken hat. Oder wir machen eine Wasserschlacht.

Meine beste Freundin geht auch auf die Realschule in Mülheim, so wie ich. Bei den anderen weiß ich es gar nicht so genau. Eigentlich wollte ich lieber in Köln-Vingst auf die Gesamtschule, das wäre auch näher. Aber da wurde ich nicht angenommen, ich weiß nicht, warum. Jetzt muss ich bald mit dem Bus fahren. Den Weg habe ich mir auch schon gemerkt: Aussteigen, dann über den Zebrastreifen, erst rechts, danach geradeaus, dann links, nochmal links und dann bin ich schon da.

Ich hab' vier Brüder. Wenn wir auf dieselbe Schule gehen würden, dann könnte ich manchmal zu ihnen gehen, fragen, was die so machen, oder wenn ich eine Arbeit schreibe. Aber meine Brüder gehen alle auf andere Schulen. Das ist irgendwie blöd. Wegen Corona mache ich mir eigentlich keine Sorgen mehr. Die Zahlen sind ja niedriger und in der Schule machen wir auch keine Corona-Tests mehr. Die Tests waren okay, aber es war viel besser, wenn wir die alleine machen durften. Sonst musste ich immer niesen!

Wenn ich mir etwas für die neue Schule wünschen könnte, dann würde ich gern mehr Möglichkeiten haben, mich zu bewegen. Man könnte zum Beispiel ein Klettergerüst oder einen Basketballkorb aufstellen. Das wäre cool. Ob ich mir sonst noch etwas für meine neue Schule wünsche? Ja, schon. Dass die Kinder nett zu mir sind. In meiner alten Klasse hatte ich ab und zu Probleme. Mein Name zum Beispiel, den sprechen die die ganze Zeit falsch aus. Da würde ich mir wirklich wünschen, dass das in der neuen Schule nicht so ist. Die Lehrer haben das zwar mit mir besprochen, aber das hat nur so ein bisschen geholfen. Wenn die meinen Namen falsch sagen, dann macht mich das irgendwie traurig. Manchmal, wenn ich etwas falsch mache oder nicht verstehe, dann werden manche Jungs oder manche Mädels auch sauer auf mich. Das finde ich irgendwie nicht so schön. Da fühle ich mich manchmal auch unter Druck gesetzt. Mit den Lehrern ist es ganz okay. Wenn ich etwas falsch mache, dann sagen die mir das meistens einfach. Und wenn ich von anderen Kindern geschlagen werde, dann darf ich nicht einfach zurückschlagen. Das habe ich in der Grundschule gelernt.

Protokoll: Laura Emmerling

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