Ihr macht in eurer Freizeit Workshops für angehende Lehrer*innen. Worum geht es da?

NARGES: Wir erzählen Lehramtsstudierenden, was sie wissen müssen, um gute Lehrer*innen für uns zu sein. Und wir berichten davon, wie es sich anfühlt, Schüler*in an einer sogenannten Brennpunktschule[1] zu sein und ständig mit Vorurteilen konfrontiert zu werden. Wir wünschen uns mehr Verständnis für unsere Lebensrealität.

Wie kam es dazu?

MONA: Einige unserer Lehrer*innen haben den Anstoß gegeben. Sie haben öfter Vorträge über ihre Arbeit an Brennpunktschulen gehalten. Irgendwann wurde klar, dass dort zwar über uns geredet wird, aber unsere Stimme fehlt. Wir sind dann ins Gespräch gekommen und haben angefangen, unter dem Hashtag #jetztredenwir für uns selbst zu sprechen.

NARGES: Daraus ist ein gemeinsames Projekt entstanden. Wir sind fünf Lehrer*innen und fünfzehn Schüler*innen aus Berlin-Neukölln und -Kreuzberg. Wir diskutieren über Diskriminierungen, über unsere Erfahrungen mit Rassismus. Wir wollen Vorurteile infrage stellen.

Wie genau geht ihr das an?

NARGES: Wir halten Vorträge und gehen zu Uni-Seminaren, um uns mit Lehramtsstudierenden auszutauschen. Und wir haben angefangen, in unserem Podcast und auf Instagram mit Videos und Texten unsere Geschichten zu erzählen (@relatedcrew).


MONA: Aber am wichtigsten ist es, einfach miteinander Zeit zu verbringen. Wir erzählen uns unsere Erfahrungen und haben enge Beziehungen aufgebaut. Wir haben gemerkt, wir können »relaten«, wir haben ähnliche Diskriminierung erlebt oder können einfach mitfühlen. Darum der Name: Related Crew.

Was heißt es denn für euch, auf einer sogenannten Brennpunktschule zu sein?

NARGES: Die Frage ist, was »Brennpunktschule« eigentlich bedeutet. Wir haben Unterricht wie überall sonst, aber die Schule hat trotzdem diesen Ruf. 2006 wurde sie zum Symbol für Verwahrlosung und Gewalt. Das hat aber nichts mit unserer Realität heute zu tun. Wir sind aktiv in unzähligen Projekten, engagieren uns für Klimaschutz. Unsere Schule ist viel mehr als nur Unterricht. Sie ist unser zweites Zuhause.

Aber ihr werdet trotzdem mit diesem Bild konfrontiert?

MONA: Wenn ich sage, ich bin auf dem Campus Rütli, höre ich immer wieder: »Das ist eine schlechte Schule, da sind nur Bekloppte«. Und auch wenn die Leute nichts sagen, merkt man es an ihren Blicken. Man wird schnell als dumm oder asozial abgestempelt.


NARGES: Als ich meinen Freund*innen erzählte, dass ich zum Campus Rütli gehe, schauten sie mich überrascht an. Ihr Bild war auch von den Vorfällen 2006 geprägt. Ich habe dann selbst recherchiert, was damals passiert ist. Seitdem versuche ich, dieses Bild zu korrigieren. Ich erzähle gern von den vielen Dingen, die wir hier tun, und den Lehrer*innen, die immer für uns da sind.

Aber das heißt, ihr müsst immer aktiv gegen dieses Bild anarbeiten?

NARGES: Naja, du musst immer etwas machen, um dich zu beweisen. Das kostet unheimlich viel Kraft und man fühlt sich permanent unter Druck. Ich wünsche mir, dass man mich einfach als normale Schülerin sieht, so wie ich bin, ohne Vorurteile.

Hat das auch mit Rassismus zu tun?

MONA: Ich glaube schon. An unserer Schule sind nicht viele »Deutsche« und viele denken, dass die Schule dadurch automatisch schlecht sein muss. Einmal war ich bei einem Informationstag für Eltern. Da wollte eine Frau wissen, wie hoch der Anteil mit Migrationshintergrund sei. Als sie die Antwort gehört hat, 90 Prozent, war sie richtig angewidert.

Beeinflusst euch das in eurem Schulalltag?

MONA: Ich glaube schon, und zwar Schüler*innen und Lehrer*innen. Und auch später hat es vielleicht negativen Einfluss, wenn wir uns bewerben. Es gibt auch dieses Vorurteil, dass die Bewertung hier zu lasch ist, dass man das Abi geschenkt bekommt. Diese Abwertung tut weh.

Ihr habt ja mit angehenden Lehrer*innen gesprochen. Was wünscht ihr euch von ihnen?

MONA: Begegnung auf Augenhöhe. Dass sie uns als Menschen respektieren und uns gleiche Chancen geben. Dass sie uns nicht abwerten, wenn wir weniger wissen, und auch von uns Dinge lernen, die sie aus eigener Erfahrung nicht kennen. Aber am wichtigsten ist für uns, dass es eine Beziehung gibt, einen persönlichen Kontakt.


NARGES: Ich brauche eine Vertrauensbasis, um von meinen Problemen zu erzählen. Wenn man nach dem Unterricht einfach auseinandergeht, funktioniert das nicht. Wir reden in den Pausen oft mit den Lehrer*innen, sie interessieren sich für uns. In der Mittelstufe war meine Klasse für mich wie eine zweite Familie, die Lehrer*innen wie zweite Eltern. Meine Freundin kommt von einem Gymnasium und war völlig überrascht über diesen engen Kontakt. Auf ihrer Schule fühlte sie sich alleingelassen.

Wie divers ist denn eure Lehrerschaft?

MONA: Wir haben einzelne Lehrer*innen mit Migrationshintergrund, aber viele sind es nicht.

Habt ihr das Gefühl, es fällt ihnen manchmal schwer, eure Lebensrealitäten mitzudenken?

NARGES: In der 9. Klasse hat mich meine Klassenlehrerin zu Hause besucht, damals haben wir in der Flüchtlingsunterkunft gewohnt. Wir haben gegessen, geredet, Karten gespielt. Danach war ihr klar, in welcher Lebenssituation ich bin und sie hat mehr Rücksicht genommen. Ich wünsche mir, dass alle Lehrer*innen Interesse daran haben, wie ihre Schüler*innen leben und was sie durchgemacht haben, anstatt nur Leistung zu erwarten.

Ihr beschreibt die Schule als tollen sozialen Raum. Aber wie groß ist der 
Leistungsdruck? Es gibt ja immer noch Noten und Prüfungen.

NARGES: Wir stehen alle unter Riesendruck. Das wurde gerade in der Pandemie deutlich. Viele Mitschüler*innen teilen sich ihr Zimmer mit Geschwistern und haben nicht die nötigen digitalen Geräte. Bei einigen können die Eltern nicht genug Deutsch, um beim Homeschooling zu helfen. In diesem Chaos ins Lernen zu finden, ist richtig schwer. Und am Ende wird man genauso benotet wie andere mit viel besseren Bedingungen. Das ist wie in dem Bild, wo alle Tiere – Elefant, Fisch, Hund – aufgefordert werden: »Kletter auf den Baum«. Man erwartet das Gleiche, dabei haben alle unterschiedliche Voraussetzungen.


MONA: Besonders frustrierend ist, wenn unsere Leistung abgewertet wird. Meine Schwester hat auch hier Abitur gemacht. Im Studium hört sie immer wieder: Dein Abitur aus Berlin, von der Rütli-Schule, das ist doch nichts wert.


NARGES: Solche Kommentare kommen oft von Leuten aus akademischen Familien. ­Viele von uns sind die ersten in der Familie, die studieren, und wenn ich sowas höre, denke ich: Dein Abi ist vielleicht mehr wert, aber im Vergleich habe ich viel mehr geschafft.

Was heißt gerechte Bildung für euch?

MONA: Es muss gleiche Voraussetzungen geben, um zu lernen. Die Unterstützung im Hintergrund macht einen riesigen Unterschied und den muss man aktiv ausgleichen. Dieses System legt den gleichen Maßstab an alle an, obwohl wir so verschieden sind und andere Stärken und Schwächen haben.

Gibt es Lerninhalte, die euch fehlen?

NARGES: Was mir an der deutschen Schule auffällt, ist der lokal beschränkte Blick. Es fehlen Perspektiven aus anderen Teilen der Welt auf globale Probleme. In Geschichte lernen wir, wie wichtig die amerikanische Revolution für unsere Demokratie war, aber es fehlen die Geschichten der Sklaven, Indigenen oder Frauen. Manche Lücken sind persönlich schmerzhaft. Aktuell beschäftigt mich die Situation in Afghanistan. Das ist so belastend, dass ich mich kaum auf die Schule konzentrieren kann. Da wünsche ich mir im Unterricht mehr Verständnis und Freiraum für aktuelle Themen, die Einzelne beschäftigten.


MONA: In Englisch ist der Lehrplan freier, dort haben wir über Rassismus diskutiert und auch darüber, wie wir ihn heute ­erkennen können. Da konnte ich Situationen aus ­meinem eigenen Leben plötzlich anders verstehen. Aber in Deutsch lesen wir zum Beispiel gerade wieder Goethe. Nichts gegen Goethe, aber es gibt so viele aktuelle Texte, die uns mehr ansprechen. Wenn wir unsere Themen nicht in der Schule besprechen, wo sonst?

Habt ihr gegenüber Lehrer*innen angesprochen, dass euch Inhalte fehlen?

NARGES: Ja. Aber dann heißt es oft: Das steht nicht im Lehrplan, wir haben keine Zeit. Die Lehrer*innen stehen ja unter Druck, uns für den Abschluss vorzubereiten.


MONA: In der Mittelstufe hatten wir noch mehr Raum für das, was uns als Klasse beschäftigt. In der Oberstufe ist das weggefallen. Jetzt sind wir nur noch Lernmaschinen.

Könnt ihr euch vorstellen, selbst Lehrerinnen zu werden?

NARGES: Ja, ich würde gern eine Lehrerin sein, die einen Unterschied macht. Durch die Schule kann man die zukünftige Gesellschaft verändern. Ich wünsche mir im Schulalltag, dass Lehrer*innen Sexismus und Rassismus noch klarer benennen und thematisieren.


MONA: Ich kann mir auch vorstellen, Lehrerin oder Sozialarbeiterin zu werden. Ich würde Kindern von meinen eigenen Erfahrungen erzählen und sie ermutigen. Es gibt immer noch zu wenige Lehrer*innen, die Ungerechtigkeiten aus erster Hand kennen. Klar ist es gut, wenn wir unser Wissen an andere weitergeben. Aber noch besser ist es, wir nehmen das selbst in die Hand.

Das Gespräch führte Hannah Schurian.

[1] Die Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli in Neukölln entstand 2008 aus der Fusion einer Haupt- und Realschule. Die damalige Rütli-Hauptschule war 2006 in die Schlagzeilen geraten, nachdem Lehrkräfte in einem Brandbrief chaotische Zustände und Gewalt beklagt hatten. Auf dem neu gebauten Campus kooperieren Grundschule, Kita, ein Stadtteilzentrum und kulturelle Einrichtungen. Über das Bonusprogramm für »Brennpunktschulen« erhielt der Campus Rütli eine jährliche Sonderförderung und Unterstützung durch eine Sozialarbeiterin.

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