Im Zuge des Kampfes für eine vollständige Desegregation nahm der Anteil afroamerikanischer Major-League-Spieler stetig zu und erreichte 1975 mit etwa 25 Prozent seinen Höhepunkt. Seitdem fällt er wieder, vor ein paar Jahren betrug er acht und heute liegt er bei etwa zehn Prozent. Die Parallele zwischen dem Schicksal der schwarzen Baseball-Spieler und dem der schwarzen Arbeiterklasse ist eindrücklich. Letztere war immer wichtig für das Funktionieren des US-Kapitalismus. In den 1940er Jahren begann auch in der US-Wirtschaft und der Gewerkschaftsbewegung auf allen Ebenen ein Kampf um vollständige Desegregation. So stritt etwa das National Negro Labor Council (NNLC) während der 1950er Jahre vehement für Arbeitsplätze für Afroamerikaner, die während dieses »Goldenen Zeitalters« von depressions-ähnlicher Arbeitslosigkeit betroffen waren. Darüber hinaus kämpfte das NNLC für vollständige Gleichheit innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Spätere Organisationen setzten diesen doppelten Kampf um Beschäftigungsgleichheit und gleichberechtigte Repräsentation innerhalb der Arbeiterbewegung fort, etwa das Negro American Labor Council unter der Leitung von A. Philip Randolph und die noch heute aktive Coalition of Black Trade Unionists, aber auch militantere Gruppen wie die League of Revolutionary Black Workers. Die Situation veränderte sich dramatisch mit der Wirtschaftskrise von 1973/74. Zu dieser Zeit war der Anteil afroamerikanischer Arbeiter in der verarbeitenden Industrie auf einem Höhepunkt angelangt und der darauffolgende Abfall entsprach auf frappierende Weise der Entwicklung im Baseball. Beides steht in kausalem Zusammenhang mit der damals einsetzenden so genannten Globalisierung und dem aufkommenden Neoliberalismus. Im Baseball wurde 1975 mit der Abschaffung des so genannten reserve clause ein wichtiger Sieg errungen. Diese Regelung war eine Form von vertraglicher Sklaverei: Ein Spieler war solange an eine Mannschaft gebunden, bis der Clubbesitzer1 ihn verkaufte oder aus seinem Vertrag entließ. Curt Flood, ein afroamerikanischer Profi von den St. Louis Cardinals, klagte als einer der ersten dagegen (als er an die Philadelphia Phillies verkauft werden sollte). Obwohl er seinen Prozess verlor, führte daraufhin die Spielergewerkschaft Major League Baseball Players Association diesen Kampf weiter, bis schließlich der reserve clause durch die so genannte free agency ersetzt wurde. Durch die Verbreitung der free agency stiegen in jeder bedeutenden Sportart – nicht nur im Baseball – die Gehälter an, denn die Besitzer standen fortan im Wettbewerb um die »freien« Spieler. Daraufhin organisierten die Besitzer die Baseball-Industrie »globaler«. Zwar war Baseball schon immer global, wie auch der Kapitalismus schon immer global war. Schon in den 1930er und 1940er Jahren gab es Baseball-Mannschaften in Mexiko, der Dominikanischen Republik, Puerto Rico und Kuba, die mit den Negro Leagues im Austausch standen. Besonders seit den 1970er Jahren suchten die Besitzer jedoch zunehmend außerhalb der USA nach guten Spielern – anstatt auf die Entwicklung einheimischer Spieler zu setzen und den Nachwuchs über sandlot baseball, little leagues usw. zu fördern.2 Sie erwarben sensationelle Spieler aus der Dominikanischen Republik, Venezuela, Nicaragua usw., deren Training und Entwicklung die US-BaseballLigen keinen Cent gekostet hatte. Der Erwerb einheimischer Spieler, besonders afroamerikanischer, verlor zunehmend an Bedeutung. Dieser Prozess korrespondiert mit einer Transformation der US-amerikanischen Innenstädte. Als ich in den 1960er Jahren in New York aufwuchs, waren Baseballplätze und sandlot baseball (»Bolzplatz Baseball«) weit verbreitet und Little-league-Mannschaften schossen in der ganzen Stadt wie Pilze aus dem Boden. Als sich die Städte veränderten und die Immobilienindustrie immer wichtiger wurde, verschwanden mit den Brachflächen und Baulücken auch die Möglichkeiten für sandlot baseball. Für Kinder und Jugendliche in den Innenstädten gab es immer weniger Orte, an denen sie Baseball erleben und spielen lernen konnten. Währenddessen kurbelten die Besitzer in der Major League eine Migration der Spieler an, indem sie hohe Gehälter und andere Vorteile boten. Nicht zuletzt zogen die Migranten die große Medienaufmerksamkeit an und sie glaubten, in den USA Dinge zu erreichen, die sie in ihren Herkunftsländern nicht bekommen konnten. Folglich nahm nicht so sehr die Anzahl schwarzer, nur die afroamerikanischer BaseballSpieler ab. Das Problem sind dabei nicht die Latino-Spieler, sondern das System, das die afroamerikanischen Spieler benachteiligt. Dennoch herrscht unter afroamerikanischen Spielern oft Missgunst gegenüber Latino-Spielern, als ob diese an ihrer Verdrängung Schuld seien. Die Latino-Spieler kommen jedoch, weil die Besitzer entschieden haben, wie sie ihre Kosten senken, wie sie den globalen Spielermarkt manipulieren und dass sie den einheimischen Nachwuchs vernachlässigen. Ähnliches gilt für die gesamte schwarze Arbeiterklasse. In den USA sank der Anteil der Afroamerikaner in der verarbeitenden Industrie seit Mitte der 1970er Jahre; in vielen Zweigen wurden sie durch Migranten ersetzt. Zuweilen zog – was faktisch einer Ersetzung gleichkam – ein ganzer Industriezweig in andere Teile der USA oder der Welt, wo es schwächere oder keine Gewerkschaften gab. Das Problem sind auch hier nicht die Migranten, sondern die Tatsache, dass das Kapital – im Zuge industrieller Umstrukturierungen – ungeschütztere migrantische Arbeitskraft einsetzt und nicht für die Zerstörung ganzer Arbeiterschaften samt ihrer Gemeinschaften zur Verantwortung gezogen werden kann. Ein sehr gutes Beispiel bietet das Reinigungsgewerbe in Städten wie New York oder Los Angeles (auch wenn dies kein herstellender Wirtschaftszweig ist). Bis in die frühen 1980er Jahre waren hier in vielen großen Städten vorwiegend Afroamerikaner beschäftigt. Mit der Umstrukturierung dieses Wirtschaftszweigs fand eine regelrechte ethnische Säuberung statt – die keineswegs ein erklärtes Ziel gewesen war. Bis Anfang der 1980er Jahre waren die Beschäftigten im Reinigungsgewerbe direkt bei den Hauseigentümern angestellt. Viele waren Gewerkschaftsmitglieder und sie konnten in ihrem Beruf sogar Karriere machen. Doch dann entließen die Hauseigentümer die Reinigungskräfte und beauftragten Subunternehmen. Diese stellten nicht das bisherige Personal wieder ein, sondern ungeschützte Arbeitskräfte: Latino-Migranten, manche von ihnen ohne Papiere. Auch hier war das System das Problem. Trotzdem waren für die afroamerikanischen Arbeiter die Latinos daran schuld, dass sie aus der Branche gedrängt worden waren, und sie sahen sie als ihre Feinde an. Die heutige Lage der afroamerikanischen Arbeiter und das stetige Sinken des Lebensstandards aller US-Arbeiter hat also nicht einfach nur mit der Krise seit 2008 zu tun. Das Sinken des Lebensstandards setzte in einigen Industriezweigen schon Ende der 1950er Jahre mit der Einführung fortschrittlicherer Technologien ein, es weitete sich aus und beschleunigte sich durch die Wirtschaftskrise von 1973/4 und in deren Folge durch die Restrukturierung der Wirtschaft im Zuge der neoliberalen Globalisierung. Ohne dies durchschaut zu haben, kann keine progressive Strategie entwickelt werden. Weder sind Latino-Baseballspieler die Feinde der afroamerikanischen Spieler, noch sind Migranten aus Lateinamerika und Asien die Feinde der afroamerikanischen Arbeiter. Sondern das ganze Spiel wurde manipuliert und die Arbeitskräfte werden im Interesse des globalen Kapitals gegeneinander ausgespielt. Überarbeitete Fassung eines Vortrags auf dem Left Forum in New York im März 2010, aus dem Englischen von Oliver Walkenhorst  

Anmerkungen

1 Ein Besitzer ist eine Privatperson oder eine Firma, der eine Baseball-Mannschaft »gehört«. 2 Sandlot baseball ist eine Form von Baseball, die v.a. von Kindern und Jugendlichen auf innerstädtischen Brachen und Baulücken gespielt wird. Little leagues sind US-Baseball-Ligen für Kinder und Jugendliche