Im Mittelpunkt des Strategieentwurfs The Bioeconomy to 2030. Designing a Policy Agenda (OECD 2006) steht ein Zukunftsszenario der umfassenden Nutzung von Biotechnologien in so gut wie allen Produktionsbereichen, angefangen vom Gesundheitsbereich und der Lebensmittel- bis hin zur industriellen Produktion von Rohstoffen. Angestrebt wird ein neuer Industrialisierungsschub, in dem das fossile Energieregime durch ein Regime nachwachsender biologischer Rohstoffe ersetzt werden soll. Dieses Szenario einer Bioökonomie der Zukunft wird nicht zuletzt als »Lösung für die Probleme des Klimawandels« (Schaper-Rinkel 2012, 156) propagiert und aktualisiert technokratische Illusionen über ungeheures Wachstum, das der Menschheit insgesamt Wohlstand, Gesundheit und nachhaltige Entwicklung bringen soll. Zweifelsohne handelt es sich um ein Projekt kapitalistischer Modernisierung, dessen Spezifik in einer neuartigen technologischen und ökonomischen Durchdringung der Natur – sowohl der nichtmenschlichen Natur als auch der menschlichen Körper – liegt. Die Inwertsetzung und die Kommodifizierung von Natur- und Körperstoffen gehören offensichtlich ganz zentral zur »Bioökonomie«. Genetische Ressourcen und Körpersubstanzen wie Gewebe, Sperma, Eizellen oder ganze Organe scheinen dabei Paradebeispiele für »fiktive Waren« zu sein, also jene Dinge, die Karl Polanyi (1977) zufolge zwar wie Waren behandelt, aber in Wirklichkeit nicht der Marktlogik unterworfen werden können, ohne gleichzeitig das Gemeinwesen zu zerstören. Um die spezifische Brisanz bioökonomischer Prozesse der Herstellung der Warenförmigkeit von Körperstoffen zu verstehen, ist es wichtig, einige zentrale Einsichten feministischer Theorie und Kritik aufzunehmen, die bioökonomische Entwicklungen seit den 1980er Jahren analysieren und kritisieren. Die Inwertsetzung der genetischen Informationen von Tieren und Pflanzen etwa wurde und wird mit Blick auf die Zerstörung von Lebensgrundlagen, die Veränderung von Lebensweisen und Geschlechterverhältnissen thematisiert. Dass die Auseinandersetzung mit jenen bioökonomischen Prozessen, die sich in erster Linie auf die Ausbeutung von Pflanzen und Tieren richten, in der feministischen Theorie dennoch relativ schwach ist, hängt dabei – zumindest zum Teil – mit Machtverhältnissen innerhalb des Feminismus zusammen. Biopiraterie ist ein Thema der Bewegungen der indigenen Frauen geblieben; von der großen Mehrheit der Frauen wird es nicht als lebenswichtig angesehen (Tauli-Corpuz 2007, 335) Feministische Kritiken an Bioökonomie zielen auf Körperpolitiken und auf die Herstellung und Zirkulation von Körpersubstanzen. Vor allem jene Körpersubstanzen, die Frauenkörpern eigen sind bzw. von Frauenkörpern hervorgebracht werden können, wie Eizellen, Nabelschnurblut und Embryonen, stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit. In der Kritik stehen die technischen Verfahren, die bei der Produktion bzw. Extraktion dieser Stoffe zum Einsatz kommen und in der Regel körperlich und emotional stark eingreifen. Damit gehen teils erhebliche Gesundheitsrisiken einher, Körper werden »vernutzt«. Zudem sind bioökonomische Ausbeutungsverhältnisse in globale ökonomische Strukturen eingelassen und daher auch Teil der gegenwärtigen ökonomischen Krise. Das zeigt sich u.a. am Beispiel Indien, wo infolge des Einbruchs des internationalen Diamantenhandels die Männerarbeitslosigkeit in Gujarat explodierte. Laut Auskunft von Krankenhäusern »stieg in dieser Gegend die Anzahl von Frauen aus verarmten Familien, die mittels operativer Eingriffe versuchen, ein Einkommen zu erzielen. […] Sogar gut ausgebildete Frauen der indischen gehobenen Mittelklasse fanden als Eizellspenderinnen eine neue Beschäftigung, um das im jüngsten finanziellen Krisenzyklus zusammengeschmolzene Familieneinkommen aufzubessern« (Gupta 2012: 31). Guptas Analyse zeigt, dass bioökonomische Prozesse zugleich Teil der globalen kapitalistischen Ökonomie und Teil hierarchischer Geschlechtersysteme sind. Familiäre Sorgearbeit, Sexarbeit und monetarisierte Fortpflanzungsarbeit sind eng miteinander verflochten, bilden ein Kontinuum. Feministische Kritik richtet sich allerdings nicht allein auf die Prozesse des Kaufs und Verkaufs von Körperteilen und -stoffen, sondern auch auf deren sogenannte ›freiwillige‹ Abgabe, die zumeist mit dem Ausdruck ›Spende‹ belegt wird. Die Praxis der vermeintlich altruistischen, selbstlosen Spende ist auch dort, wo es um Organe und Stoffe geht, die nicht an Geschlechtskörper gebunden sind, durch ungleiche Geschlechterverhältnisse geprägt. Statistisch gesehen erfolgt ein Transfer von Organen überwiegend von Frauen zu Männern. Prozesse der Kommodifizierung sind darüber hinaus eng mit Prozessen der nicht-warenförmigen Zirkulation von Körper stoffen verflochten und werden als »verdeckte Strategien der Kommerzialisierung« (Schultz/ Braun 2010) analysiert. Gemeint sind Strategien, die auf der Praxis der »Aufwandsentschä- digung« oder dem sogenannten egg sharing basieren, bei dem »überzählige« Eizellen, die im Prozess der künstlichen Befruchtung produziert werden, gegen einen kostenlosen Behandlungszyklus getauscht werden (ebd.). Solche Strategien finden sich auch dort, wo es um die Verfügung über andere Körperstoffe wie z.B. Blut, Organe oder den Einsatz des gesamten Körpers für pharmakologische Tests geht, auch wenn sich diese bioökonomischen Praxen in vielerlei Hinsicht voneinander unterscheiden. Für ein feministisches Verständnis der Bioökonomie, das auf die Analyse des Zusammenwirkens unterschiedlicher ökonomischer Logiken zielt, ist es auch in theoretischer Hinsicht elementar, die »verdeckten Strategien der Kommerzialisierung« in den Blick zu nehmen. Vertreterinnen der Sozialanthropologie versuchen, Prozesse, in denen Körpersubstanzen zirkulieren, ohne jedoch die Form von Waren anzunehmen, unter Bezug auf Marcel Mauss’ Theorie des Gabentauschs zu begreifen. Eine Stärke dieses Ansatzes liegt darin, aufzuzeigen, dass eine »Gabe« gerade kein rein altruistischer Akt ist. Die Ökonomie der Gabe beruht vielmehr auf Obligationsverhältnissen, also Verhältnissen von Abhängigkeit, Verpflichtung, Schuld und Zwang und reproduziert diese. Hier liegt ein wichtiger Ansatzpunkt für eine feministische Kritik der Bioökonomie der Geschlechterverhältnisse, die durch kapitalistische und nicht-kapitalistische ökonomische Beziehungen zugleich strukturiert ist. Das Zusammenwirken verschiedener ökonomischer Logiken gilt es nicht nur im Hinblick auf die Hausarbeits- und Familienökonomie zu analysieren. Zentral ist dies auch für das Feld der Bioökonomie, das nicht auf Prozesse der Warenproduktion und des Warentauschs reduziert werden kann. Kommodifizierung ist also nur ein Teilprozess der Bioökonomie. Die Analyse darauf zu reduzieren, bedeutet, relevante Dimensionen bioökonomischer Prozesse auszublenden – ein Problem, das auch in Polanyis Kritik der »Vermarktlichung« von eigentlich nicht-marktfähigen Dingen angelegt ist. Denn Polanyi fasst alle Ökonomie als kapitalistische Ökonomie. Zudem ist seine Analyse einseitig auf die Zirkulationssphäre – also den Markt und das Geld – ausgerichtet und vernachlässigt Prozesse der Produktion und der Konsumtion. Eine feministische Kritik der Bioökonomie muss von einem umfassenden Ökonomieverständnis ausgehen und ökonomistische Verkürzungen vermeiden. Denn für das Ineinandergreifen von monetarisierten und nichtmonetarisierten Formen der Eizellabgabe ist die politisch-rechtliche Regulation enorm wichtig, also die Frage, welche Praktiken juristisch erlaubt oder verboten sind (vgl. Schultz/Braun 2012). Dies gilt insgesamt für die bioökonomische Produktion von Körperstoffen, bei der rechtliche Konstrukte für die Konstitution von zirkulationsfähigen Waren bedeutsam sind (vgl. Waldby/Mitchell 2006). Erst die Prozedur der »informierten Einwilligung« macht aus den »gespendeten« Embryonen, Eizellen, Organen oder dem Gewebe jeweils ein rechtlich eingehegtes, eigentumsfähiges Gut. In der Produktion von bioökonomischen Körperstoffen greifen also technische und rechtliche Prozeduren ineinander, die als disentanglement bezeichnet werden (ebd.), also als »Entflechtung« oder mit Polanyi gesprochen als »Entbettung« von Körperstoffen. Nur wenn diese aus den Körperund Erfahrungszusammenhängen, in denen sie gegeben sind, herausgelöst werden, können sie zu Dingen werden, die einen eigenständigen rechtlichen Status haben: den des Eigentums. Zusätzlich zu politischen und rechtlichen Aspekten der Produktion bioökonomischer Dinge muss sich eine feministische Kritik der Bioökonomie mit neuen Formen der Konsumtion von Körperstoffen auseinandersetzen. Ganz allgemein lautet die Frage: Wer konsumiert, unter welchen Bedingungen, wessen Körperstoffe? So gefragt, enthüllt sich eine durchaus kannibalistische Dimension der Bioökonomie. Die Einbeziehung der Konsumtionssphäre erfordert auch, die Entstehung und Formierung von Bedürfnissen kritisch zu analysieren – deren gesellschaftliche und historische Gewordenheit, Widersprüchlichkeit und Umkämpftheit. Nancy Frasers Analyse des »Kampfs um die Bedürfnisse«, die sie ursprünglich im Kontext der Sozialstaatsdebatten der späten 1980er Jahre formuliert hat, gibt dafür wichtige Impulse. Fraser argumentiert, dass Bedürfnisse keineswegs anthropologisch fixe Gegebenheiten, sondern gesellschaftlich konstituiert werden und von Interpretationen abhängig sind. Was zählt als ein Bedürfnis? Welches sind angemessene Mittel zu seiner Befriedigung? Wem gelingt es, bestimmte Bedürfnisse als relevant und dringlich darzustellen? Durch welche Strategien erscheinen umgekehrt Bedürfnisse als unwichtig und vernachlässigbar oder werden ganz und gar ausgeblendet? Dies alles sind offensichtlich in großem Ausmaß politische Fragen, die Gegenstand politischer Auseinandersetzung und von Kämpfen um Hegemonie sind. Die »Politik der Bedürfnisinterpretation«, die Fraser (1994) umreißt, ist also nicht auf institutionalisierte Politik beschränkt, sondern zugleich auch eine Politik der Subjektivität und der Infragestellung von gesellschaftlichen und kulturellen Mustern der Produktion von Bedürfnissen und Wünschen. Eines der prominentesten Beispiele für ein derart umkämpftes Bedürfnis ist, im Zusammenhang mit der Politik um Reproduktionstechnologien, der »Kinderwunsch«: Er wird als anthropologisch gegebenes Bedürfnis dargestellt, das nun mit Hilfe der Reproduktionstechnologien angemessen befriedigt werden kann. Andererseits haben Feministinnen immer wieder aufgezeigt, wie dieser Wunsch durch die Reproduktionstechnologien und die dazu gehörige Industrie konstituiert und auf spezifische Art und Weise formiert wurde. Eine feministische Kritik der Bioökonomie erfordert also eine integrale Analyse, die Formen der Produktion, Zirkulation und Konsumtion einschließlich der Politiken der Bedürfnisinterpretation berücksichtigt. Dies geht in vielerlei Hinsicht über Karl Polanyis Kritik der Marktökonomie hinaus und bricht – wie es auch Faser in ihrer kritischen Re-Lektüre von Polanyi fordert – insbesondere mit dessen Ökonomismus. Gleichzeitig geht eine solche feministische Perspektive auch über Polanyis Verständnis »sozialer Protektion« hinaus, das, wie Fraser betont, Formen der Herrschaft, die sich als Schutz- und Sorgepolitiken darstellen, ausblendet. Die Entwicklung von politischen feministischen Perspektiven, die sich dem Gegensatz von Vermarktlichung und Protektion entziehen, ist keineswegs immer leicht, sondern bedarf der fortgesetzten politischen und theoretischen Reflexion und Auseinandersetzung. In feministischen Debatten um politische Strategien zur sogenannten Eizellspende schwanken die verschiedenen Positionen stark zwischen Polen der Vermarktlichung und der Protektion. Während einige Feministinnen den »Schutz« von Frauen einklagen, wobei diese tendenziell auf die Position von passiven Opfern der Bioökonomie reduziert werden, plädieren andere – mit unterschiedlichen Argumenten und aus unterschiedlichen Gründen – für eine Vermarktlichung, nämlich adäquate Bezahlung und Arbeitnehmerinnenrechte. Um diese Fallstricke zu umgehen, ist – auf einer theoretischen und politischen Ebene – die Hinwendung zum Begriff der Emanzipation, die Fraser vollzieht, vielversprechend. Zwar gibt dieser Begriff keine stabile Orientierung, besteht aber auf der Verbindung von Herrschaftskritik und individueller wie kollektiver Handlungsfähigkeit, die es aus dieser Kritik zu gewinnen gilt. Die Bioökonomie der Zukunft fordert solche Kritik auf vielen Ebenen heraus.  

Literatur

BMBF 2012: Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030. Unser Weg zu einer bio-basierten Wirtschaft, www.bmbf.de/pub/biooekonimie.pdf Fraser, Nancy, 1994: Der Kampf um die Bedürfnisse: Entwurf für eine sozialistisch-feministische kritische Theorie der politischen Kultur im Spätkapitalismus, in: dies., Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht, Frankfurt/M, 249–291 Gupta, Jyotsna Agnihotri, 2012: Reproductive Biocrossings: Indian Egg Donors and Surrogates in the Globalized Fertility Market, in: International Journal of Feminist Approaches to Bioethics (5) 1/2012, 25–51 Lettow, Susanne (Hg.), 2012: Bioökonomie. Die Lebenswissenschaften und die Bewirtschaftung der Körper, Bielefeld OECD 2006: The Bioeconomy to 2030. Designing a Policy Agenda, www.oecd.org/futures/long-termtechnologicalsocietalchallenges/thebioeconomyto2030designingapolicyagenda.htm Polanyi, Karl, 1977: The Great Transformation. (1944), Wien Schaper-Rinkel, Petra, 2012: Bio-Politische Ökonomie. Zur Zukunft des Regierens von Biotechnologien, in: Lettow, S. (Hg.): a.a.O., 155–180 Schultz, Susanne und Kathrin Braun, 2012: Der bioökonomische Zugriff auf Körpermaterialien. Eine politische Positionssuche am Beispiel der Forschung mit Eizellen, in: Lettow, a.a.O., 61–84 Tauli-Corpuz, Victoria, 2007: Is Biopiracy an Issue for Feminists in the Philippines?, in: Signs 2007, (32) 2, 332–337 Waldby, Catherine und Robert Mitchell (Hg.), 2006: Tissue Economies. Blood, Organs, and Cell Lines in Late Capitalism, Durham und London

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