Im Kontext der Telekommunikation wird häufig von Erreichbarkeit (accessibility) gesprochen. Das bedeutet zweierlei: Die Nutzer der mobilen Telefonie haben globalen personalisierten Zugriff auf ein simultanes Netzwerk. Dessen soziale und kontextuelle Verfügbarkeit ebnet soziale Unterschiede und Hierarchie und beinhaltet gleichzeitig Verhandlungen über die zeitliche Flexibilität von Individuen. Beide Bedeutungen von Erreichbarkeit drücken sich im Englischem – in der Medientheorie wie auch in den Werbekampagnen großer Mobiltelefonanbieter – im Begriff seamless connectivity (nahtlose Kommunikation) aus. »Nahtlosigkeit« beschreibt Formen der Kommunikation, die geographische Distanz überschreiten. Diese Ideologie erinnert an Begriffe aus den 1960er Jahren: zum Beispiel den des »globalen Dorfes« von Marshall McLuhan (1964), der die Existenz jenseits geographischer Grenzen beschreiben sollte. Mit Einführung des Begriffs der »ortlosen Gemeinschaft« (non-place community) schlug Melvin M. Webber (1967) vor, die traditionelle Vorstellung von »Gemeinschaften«, die Individuen binden, durch »Gemeinschaften der Erreichbarkeit« zu ersetzen. Beim gegenwärtigen Stand der Verbreitung der Kommunikationstechnologien, so ungleich sie auch verteilt sind, können Gemeinschaften tatsächlich unabhängig von den geographischen Orten ihrer Mitglieder existieren. Mittlerweile ist das »Netzwerk« als Modell und Metapher zunehmend populär geworden, um alternative Organisationsstrukturen zu erfassen – nicht nur in sozialen Gemeinschaften, sondern auch in politischen, administrativen, kulturellen und in anderen autonomen Bereichen (Barvy 2001).

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Postkarte der “Phone-Wars”

Postkarte der “Phone-Wars”

Der Ethnologe Arjun Appadurai hat bereits 1996 darauf hingewiesen, dass sich mit der Herstellung von Netzwerken die Beziehungen zwischen den Menschen durch die Entstehung von »Zwischenorten« (between-places) grundlegend verändert haben. Wie das Mobiltelefon der Erreichbarkeit wegen in das soziale Leben integriert wird, spiegelt sich in fünf verschiedenen Landschaften: der technologischen, ethnischen, medialen, ökonomischen und der politischen Landschaft. Offen bleibt jedoch, wie sich die reale Komplexität solcher Räume reflektieren lässt. Andrew Barry unterscheidet zwischen idealisierten Bildern globaler Kommunikation als bloßen Vorstellungen und globalen »technologischen Landschaften«, die nur bestimmte Orte und Praktiken einschließen und verbinden und andere ausschließen (2001). Das wird besonders deutlich an der Logistik, die zur Unterstützung der globalen mobilen Kommunikation aufgebaut wurde. So blieb die Konkurrenz um Rohstoffe wie Coltan, die zur Aufrechterhaltung der Netzwerke benötigt werden, bisher im Verborgenen, muss aber in die Diskussionen zu mobiler Kommunikation einbezogen werden.1

Was also folgt aus der Möglichkeit mobiler Kommunikation? Es gibt komplexe globale Folgen, einschließlich der Ausbeutung materieller und humaner Ressourcen. Auch der ideologische Raum der mobilen Telefonie hat ökonomische Bedeutung. Im Folgenden analysiere ich die Machtbeziehungen innerhalb der mobilen Telefonie an zwei Beispielen: Eines ist Coltan, ein für Mobiltelefone und andere tragbare Geräte wesentlicher Rohstoff; das andere ist die besondere Mobiltelefon-Infrastruktur im Kosovo. Dabei geht es mir darum zu beschreiben, welche Räume inmitten transnationaler technologischer und kapitalistischer Expansion und Vorstellungsproduktionen eher unsichtbar bleiben.

Coltan-Industrie: beweglicher Schatten der Kolonialstrukturen

Die Werbung für Mobiltelefone betont und verspricht absolute Erreichbarkeit über den Globus. Auch ohne Netz ist das Mobiltelefon bereits Teil einer starken Verbindung zwischen den Erdteilen – allein durch die Materialien, aus denen es hergestellt wird. Um Mobiltelefone zu produzieren, bedarf es einer Reihe von Rohstoffen aus verschiedenen, mehr oder weniger abhängigen, über die Welt verteilten Ökonomien: Nickel aus Chile für die Batterie, Öl aus dem Persischen Golf, Texas, Russland oder der Nordsee für das Plastikgehäuse und für LCDs, Tantal aus Australien oder Afrika, Mikroprozessoren aus Nordamerika oder Skandinavien für Kondensatoren (Agar 2003, 14). Das Mobiltelefon kann als komprimiertes Abbild der gegenwärtigen Strukturen des Welthandels gesehen werden.

Zwei Kunstprojekte

Mit dieser Perspektive auf Praktiken und Politik der Mobiltelefonie sind Alice Creischer und Andreas Siekmann sowie eine Gruppe britischer Künstler, Graham Harwood, Richard Wright und Matsuko Yokoji (im Weiteren H.W.Y.), der scheinbar einfachen Frage nachgegangen: Woher kommt Ihr Mobiltelefon?

Dafür ist es wichtig zu analysieren, wie ein geopolitisches Thema am Beispiel des Rohstoffs Coltan in der Kunst dargestellt und untersucht wird. Kunstwerke arbeiten mit konkreten Zugängen und Einstellungen.

Die Unsichtbarkeit der realen Bestandteile, die für mobile Kommunikation wesentlich sind, findet ihre Parallele in den meisten aktuellen Schautafel-Systemen. Vor dem Hintergrund der Geschichtlichkeit dieses Problems im Kontext moderner westlicher Kunst bemüht sich das Langzeitprojekt von Alice Creischer und Andreas Siekmann um eine Neubewertung historischer Modelle statistischer Repräsentation. Sie experimentieren mit der Möglichkeit, einige dieser historischen Modelle auf die heutigen sozio-politischen Formationen anzuwenden.

In diesem Kontext ist das Coltan-Kapitel in ihrem Atlas-Projekt interessant: Der Fall Coltan/Monopolartige Produktionen (2005, Abb. S. 115 u. 121). Coltan ist ein gutes Beispiel, um die Machtbeziehungen der mobilen Kommunikationsindustrie, der internationalen Politik und der globalen Ökonomie nachzuzeichnen. Coltan ist Abkürzung und Handelsname der Mineralgruppe Columbit- Tantalit. Diese wird aus den wertvollen Metallen Tantal (Ta) und Niob (Nb) gewonnen und ist vielfältig industriell einsetzbar. Das gilt besonders für Tantal, das in elektronischen Bausteinen, Chemieanlagen, Raketentechnologien und Atomreaktoren benutzt wird. Ein Großteil der weltweiten Tantalproduktion (ca. 60 Prozent) geht in die Kondensatoren der Elektronikindustrie. Es kann zur Herstellung von hitzebeständigem Pulver benutzt werden, das große elektrische Ladungen aufnehmen kann, die es nur langsam und kontinuierlich abgibt. Seine Attraktivität und die entsprechende Nachfrage ergeben sich aus dem Gebrauchswert zur Herstellung von Kondensatoren in Mobiltelefonen und allen Arten von IT-Produkten wie Laptops, Spielkonsolen und anderen Elektronikgeräten. Kondensatoren auf Coltan-Basis verlängern den Batteriebetrieb der Produkte beträchtlich. Auf der politisch-ökonomischen Ebene sind Unternehmen im Mineralhandel der »Motor des Konflikts« um diesen Rohstoff, der unter den Bedingungen des Konfliktes zum »Blut-Coltan« mutiert. Viele Hightech- Produzenten versuchen zwar, »Blut-Coltan« zu vermeiden. Es ist aber fast unmöglich, die Herkunft des Metalls festzustellen. Außerdem beschädigt der Abbau das lokale Ökosystem und bedroht die Gorillapopulation (Tegera 2002).

Auf der Grundlage ihrer eigenen Nachforschungen über die Zirkulation natürlicher Ressourcen in kapitalistischen Ökonomien haben Creischer/Siekmann hier visuelle Interpretationen aktueller Statistiken geschaffen, unter Nutzung eines spezifischen historischen Modells: des Atlas Gesellschaft und Wirtschaft, in dem Gerd Arntz und Otto Neurath ihre in den 1930er Jahren in Wien entwickelte Darstellungsmethode der angewandten Soziologie entfaltet haben.2 Unter Anpassung der Bildgrafiken von Arntz und Neurath erstellten Creischer und Siekmann eine aktuelle Version des Atlas, um die Komplexität verschiedener globaler »Landschaften« auf eine einfache Art zu visualisieren, die dem Betrachter einen »realistischeren« Eindruck der Dimensionen von Menschen und Dingen vermittelt, die sonst in Zahlen versteckt bleiben. In Europa versuchten Forscher wie Arntz und Neurath und andere politische Künstlergruppen (z.B. die Kölner Progressiven Franz Wilhelm Seiwert, Max Hoelz u.a.), durch die Entwicklung des Atlas dieses Verständnis von »Fortschritt« in Frage zu stellen. Sie sehen sich hierzu in der Tradition der Aufklärung im Industriezeitalter. So betrachtet wirft das Coltan-Thema, wie es im Atlas dargestellt wird, für jeden Betrachter eine Reihe von Fragen auf: Wie können wir hinsichtlich der Prozesse mobiler Kommunikation die verschränkten Elemente der politischen und ökonomischen Welt in all ihrer Komplexität verstehen? Reicht es aus, einfach von einem globalisierten »Fluss« zu sprechen? Wie kann die mit mobiler Erreichbarkeit verbundene Vorstellung von Fortschritt reflektiert werden?

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Harwood, Wright und Yokoji (H.W.Y.) haben in ihren Projekten Tantalum Trottoire und Phone Wars (2006) einen gänzlich anderen Zugang zum Thema Coltan. Sie konzentrieren sich auf die Folgen der Coltankriege3 im Kongo und passen die sozialen Telefonnetzwerke entsprechend an, um einen durch die mobilen Geräte produzierten, soziopolitischen Raum sichtbar zu machen. Ausgangspunkt war ihr Interesse an einer historisch bedeutenden, auf Musik, gesprochenem Wort und Kommunikationspraktiken beruhenden lebendigen kongolesischen Kultur, die sie in Zusammenarbeit mit der Radiosendung Nostalgie Ya Mboka aus London in ein Projekt mit dem Titel: Telephone Trottoire überführt haben. Dieses Kunstprojekt basierte auf einem Telefonnetzwerksystem, das aus Tratsch Informationen für kongolesische Teilnehmer sammelt und verteilt. In diesem Projekt wurden Kongolesen auf der ganzen Welt gebeten, Nachrichten über ihre Telefone zu übermitteln, eigene Kommentare und neue Informationen aufzuzeichnen. Die Teilnehmer rufen zufällig ausgewählte Nummern an und hören sich die Musik, eine Geschichte oder Nachrichteninhalte an. Jeder Zuhörer ist eingeladen, sich mit der Aufzeichnung eines Kommentars, anderen Interaktionen oder der Weiterleitung an Freunde zu beteiligen. Diese Technik »ansteckender« Mediennutzung hat Bezüge zur traditionellen kongolesischen Praxis des »Radio trottoire« – der Weitergabe von Nachrichten und Tratsch an Straßenecken, mit der staatliche Zensur umgangen wird. Auf Telephone Trottoire aufbauend, schufen H.W.Y. mit Tantalum Trottoire (2006) eine Version mit jungen Leuten auf der ganzen Welt zum Thema der Herstellung ihrer Telefone und der damit verbundenen Coltankriege. Auf der Ausstellung wurden die Aktivitäten live übertragen und die Ergebnisse auf der Webseite des Projekts zugänglich gemacht. Auf der letzten Stufe präsentierte das Projekt unter dem Titel Phone Wars/Tantalum Memorial (2006) die Strowgersche Telefonvermittlerstelle des Science Museum in London, die für den Empfang wieder hergerichtet wurde (Abb. S. 123).

Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit

Phone Wars / Tantalum Memorial lenkte die Aufmerksamkeit auf das Thema: »Coltan des Kongo« und zeigte dadurch mit einer gewissen Selbstreflexivität, wie man mittels des Telefons eine Öffentlichkeit schaffen kann. Das Projekt erforschte die Thematik auf drei Ebenen, die alle Unsichtbarkeit mit Sichtbarkeit verbanden: 1. die Sichtbarkeit der kongolesischen Flüchtlinge in London, die Unsichtbarkeit ihrer Erfahrungen und Erinnerungen bezüglich des Kriegs und des Leids im Kongo, 2. die Sichtbarkeit einer Plattform, auf der Themen diskutiert werden, und die Unsichtbarkeit der Wege der Information durch ihr soziales Telefonnetzwerk3. die Sichtbarkeit der Strowgerschen Vermittlerstelle und die Unsichtbarkeit der historischen Beziehung heutiger mobiler Telefonie zu Technologien sowie die Unsichtbarkeit der tatsächlich am Tantalum Trottoire Beteiligten und der afrikanischen Opfer der »Mobiltelefonkriege«. In dieser Werkreihe wird Unsichtbares sichtbar und die Öffentlichkeit auf Möglichkeiten gelenkt, mit Unsichtbarkeit innerhalb des Sichtbaren umzugehen. Tantalum Trottoire passte sich den aktuellen Bedingungen sozialer Beziehungen an, um einen Informationsfluss zu schaffen, der auf dem Modell und der Macht des Tratsches basiert.

Das Projekt bot die Möglichkeit, durch die Vernetzung eine Beschäftigung mit dem Problem innerhalb persönlicher Netzwerke zu aktivieren, auf das Potenzial der Macht von Netzwerken zu verweisen, globale Probleme am Beispiel von Coltan darzustellen und auf das Potenzial kritisch einwirken zu können.

Der Kosovo ist in Monaco

In geopolitischen Zonen, in denen mobile Telefonie eine relativ neue Industrie darstellt, ergibt sich die Vernetzung aus Verhandlungen über Einflussstrukturen in der lokalen Politik sowie in transnationalen Unternehmen. Ein repräsentatives Beispiel einer aus dieser Situation resultierenden Trennung des Orts der Macht und ihrer Repräsentation ist der Kosovo.4

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Installation »Phone Wars/Tantalum Memorial« National Science Museum, London (2006), Graham Harwood, Richard Wright, Matsuko Yokokoji

Installation »Phone Wars/Tantalum Memorial« National Science Museum, London (2006), Graham Harwood, Richard Wright, Matsuko Yokokoji

Während der Kongo aufgrund materieller Ressourcen für die Hightech-Produktion in die Prozesse der ökonomischen und politischen Globalisierung einbezogen ist, ist der Kosovo für entsprechende Industrien interessant mit Blick auf die Ebene der Infrastruktur. Vom Standpunkt der Geopolitik der Telekommunikation ist der Kosovo nicht so sehr eine umkämpfte Provinz in Serbien, sondern ein Teil Monacos. Kosovo ist mit den weltweiten Kommunikationsnetzwerken über den Ländercode 0377 verbunden, was auch der Ländercode Monacos ist – auch wenn dieser nun nach einigen politischen Auseinandersetzungen offiziell Serbien gehört. In der täglichen Netzwerkrealität bedeutet das, dass alle Anrufe von und auf Mobiltelefone innerhalb des Kosovo über Monaco verbunden werden. Diese sonderbare Situation entstand 1999 durch eine Entscheidung der UNMIK (United Nations Mission in Kosovo) im Laufe des Wiederaufbauprozesses des Kosovo. Alcatel (ein französisches Telekommunikationsunternehmen) sollte für Vala900 (ein Subunternehmen von Monaco Telecom) die Infrastruktur für Mobiltelefone im Kosovo aufbauen. Die Übernahme des Codes von Monaco war Teil der von Alcatel angebotenen Paketlösung. Wegen dieses Abkommens müssen Mobiltelefonnutzer im Kosovo, auch wenn sie lokal kommunizieren wollen, über Monaco umgeleitete internationale Anrufe tätigen. Damit unterliegt die Kommunikation im Kosovo effektiv der Kontrolle Monacos (Monaco Telecom): bezüglich der Anzahl der zugelassenen Verbindungen, der ausgegebenen Telefonkarten und auch der heutigen und zukünftigen Entwicklung der dortigen Industrie. Vernetzung als entscheidendes geopolitisches Paradigma findet somit statt als Ergebnis von Kämpfen um die Vorherrschaft. Darin drückt sich das gegenwärtige fundamentale Missverhältnis von Ökonomie, Kultur und Politik aus. Laut UNO entscheidet über die wichtigsten Kriterien für die Zuteilung internationaler Ländercodes die Internationale Fernmeldeunion (ITU) oder die UNO. Diese Kriterien greifen indirekt so ineinander, dass sie transnationalen Unternehmen erlauben, Vorteile aus chaotischen politischen Situationen zu ziehen – ein grundlegendes Element der spätkapitalistischen Entwicklung. Roaming- Technologie erlaubt die Kommunikation in den, aus dem und innerhalb des Kosovo und verändert sich dabei in bekannte »technologische Landschaften« neuer globaler ökonomischer Strukturen. Der Kosovo ist auf diese Weise Teil der Ökonomie Monacos. Das heißt der Raum der mobilen Telekommunikation wird nicht einfach durch »Vernetzung« hergestellt. Wie Coltan im Kongo ein Beispiel dafür ist, wie die alten Kolonialstrukturen fortbestehen und globale Wirtschaftsbeziehungen diktieren, so ist der Kosovo ein Beispiel für den geopolitischen und transnationalen Kapitalismus im Zeitalter digitaler mobiler Netzwerke. Wie ist mit dem kritischen Ergebnis einer solchen Analyse unsichtbarer Beziehungen umzugehen? Die digitalen Netzwerke bieten Unmengen an Informationen, die sichtbar oder bewusst unsichtbar gehalten werden. Man muss also – dem Gedanken Oskar Wildes folgend, dass das wahre Geheimnis nicht im Unsichtbaren, sondern im Sichtbaren liegt –, die Mechanismen der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit innerhalb des Systems entziffern: Was ist zu sehen und zu hören und was nicht – und wieso? Im Zeitalter digitaler Information ist das Bedeutungsvolle durch seine Beweglichkeit gekennzeichnet (Kristof Nyíri). Der relativ einfache Zugriff auf zunehmend schneller zirkulierende Information birgt die Gefahr, dass Forscher schon alles zu wissen glauben.

Vorsicht ist geboten, sich nicht mit bloßen Abstraktionen und linguistischen Formationen zufrieden zu geben. Wenn Begriffe wie Beweglichkeit und Nahtlosigkeit gebraucht werden, muss nachgefragt werden: Handelt es sich um mehr als metaphorische Elemente einer offiziellen Erfolgsideologie? Was bewegt sich, zu welchem Grad, angetrieben durch welche verborgene Kraft? Man könnte auch fragen, was passiert mit den Nähten nach ihrem Verschwinden? Ist das nur die idealistische oder positivistische Beschreibung eines technologischen Vernetzungssystems? Ist es nicht an der Zeit, die fragmentierte Szene, die die Mobiltelefonie geschaffen hat, in einen Erwartungs- und Vorstellungshorizont einzubetten? Erreichbarkeit produziert neue Formen von Kontroll- und Machtbeziehungen. Kann das Mobiltelefon als Dispositiv dennoch neue und andere Zugriffsmöglichkeiten im Sinne alternativer sozialer Organisation hervorbringen?

Fazit

Heute ist fast jeder Aspekt des täglichen Lebens ein integrierter Teil komplexer globaler Zusammenhänge und Resultat des transnationalen Kapitalismus. Es ist unausweichlich, diese Komplexität mit einzubeziehen und zugleich dazu verurteilt zu sein, immer von neuem auf dieser überdimensionierten elementaren Ebene zu beginnen. Das dämpft das Bestreben nach wissenschaftlicher Genauigkeit. Die gegenwärtige Situation hält eine Reihe von Angeboten bereit, die verlockend einfach banale individuelle Handlung mit einem größeren Kontext in Beziehung zu setzen. Auch wenn man fast gleichzeitig über eine große Zahl globaler Themen gut informiert ist, bleibt es schwierig herauszufinden, wie man sich in diese Informationsgruppen einbringen kann. Oder einfacher: wie man eine konkrete Frage aufwerfen kann. Hier kann die Konkretion von Kunstwerken helfen, sich nicht in abstrakten Begrifflichkeiten zu verlieren. Alice Creischer und Andreas Siekmann haben statistische Informationen in visuelle Form übersetzt und die Abstraktion von einem Bereich in einen anderen verschoben. H.W.Y. haben ein altes Modell des Tratschens auf der Straße in den Bereich sozialer Telefonnetzwerke überführt, um im Zeitalter der Abstraktion und Entmaterialisierung – der Abstraktion des Visuellen in Symbole, Bilder, Zeichen und der De-Materialisierung (gesellschaftlicher) Beziehungen durch mediale Netzwerke – einen Raum für konkrete Erfahrungen zu schaffen. Da sich das abstrakte Denken bereits voll entwickelt hat, verweist Paolo Virno auf die zunehmende Bedeutung sinnlicher Erfahrung – die Wichtigkeit der ästhetischen Dimension oder einer Dimension der Sinnlichkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft. Das Problem sei »nicht der binäre Gegensatz zwischen der Abstraktion und dem Konkreten des gesellschaftlichen Lebens, sondern wie man aus der Wirklichkeit der Abstraktion ein neues Konkretes gewinnt« (2008, 38). Diesem Gedanken folgend sind die zwei vorgestellten Kunstprojekte sicher keine politischen Aktivitäten, sie erzeugen jedoch eine neue Konkretheit unter abstrakten Bedingungen, erzeugen Sichtbarkeit im Unsichtbaren. Diese Verbindung von Konkretheit und Abstraktheit, die Virno »Empfindungen zweiter Ordnung« nennt, führt uns zurück zu einer Konstellation intellektuellen Wissens. Eine neue Konkretheit hat auch das Potenzial, als Katalysator für ein Denken und Handeln gegen die vom transnationalen Kapitalismus geschaffenen geopolitischen Probleme zu wirken. Folglich kann Konkretheit in der Kunst letzten Endes einen Raum schaffen, der nicht glamourös oder spektakulär, sondern anregend ist, und in dem soziale Vorstellungen geschaffen werden, die nicht auf Informationen aus zweiter Hand basieren, sondern auf konkreter und sinnlicher Erfahrung.

von Miya Yoshida
Aus dem Englischen von Daniel Fastner

1) Ich habe das Thema Coltan in das Kunstprojekt Die unsichtbaren Landschaften integriert (Malmö 2003). Vgl. www.invisible-landscapes.net.

2) wirtschaftsmuseum.at/pdf/Atlas_Neurath_Gesellschaft_und_Wirtschaft.pdf

3) Seit August 1998 gab es 3,8 Mio. Tote im Kongokrieg. Obwohl der Krieg offiziell 2003 beendet wurde, setzt er sich bis in die Gegenwart fort. Bis 2001 wuchs die Zahl der Flüchtlinge auf 361.720, es gibt über 35.000 Flüchtlinge alleine in Großbritannien. Dieser Exodus ist hauptsächlich verursacht durch politische Unterdrückung und Bürgerkriege um die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen der Region – die Coltankriege. Etwa 90% der in Großbritannien lebenden Kongolesen sind politische Flüchtlinge. Sie erleiden zusätzlich sozialen Ausschluss durch Misstrauen der offiziellen Medien und Regierungsstellen.

4) Die Provinz ist Gegenstand einer lang andauernden Auseinandersetzung zwischen der serbischen (und davor jugoslawischen) Regierung und der albanischen Bevölkerung des Kosovo über politische und territoriale Fragen. Obgleich de jure Teil Serbiens, wurde der Kosovo seit dem Ende des Kosovokriegs 1999 von den Vereinten Nationen verwaltet. Regiert wird die Region von der Übergangsverwaltungsmission der Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK) und den lokal gewählten vorläufigen Institutionen der Selbstverwaltung.

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