Wir befinden uns derzeit in einer Phase verschärften imperialen Wettstreits. Während ich diesen Text schreibe, werfen die USA und Israel Bomben über Iran ab. Eine militärische Aggression, die unmittelbar auf die Gefangennahme des venezolanischen Staatspräsidenten Nicholas Maduro im Januar erfolgt. Angesichts solcher Entwicklungen ist es die Aufgabe aller Sozialist*innen, allen Akten imperialistischer Gewalt Widerstand zu leisten. Nichts ist derzeit dringender als der Aufbau einer breiten Antikriegsbewegung.

Gleichzeitig ist es die Aufgabe einer ernstzunehmenden internationalen Linken, die Dynamiken zu analysieren, die dem neuen Imperialismus zugrunde liegen. Das ist für die Allgemeinbildung, die zum Aufbau kraftvoller Bewegungen notwendig ist, von entscheidender Bedeutung. Sonst bleiben Erklärungen allzu oft nur an der Oberfläche. Feststellungen wie „Es geht nur um die Aneignung von Öl“ oder „Trump ist ein Egomane“ erfassen die tiefgreifenden Veränderungen des imperialen Wettstreits unserer Gegenwart nicht. Linke Analysen übersehen zu oft, dass während der neoliberalen Ära ein neues Zentrum der globalen Akkumulation entstanden ist, das inzwischen auch globale Reichweite erlangt hat: Der Aufstieg Chinas zum Epizentrum der Weltwirtschaft hat die geopolitische imperiale Aufstellung neu definiert. Aus diesem Grund drehen sich die aktuellen imperialen Strategien der USA in erster Linie darum, Chinas wachsende globale Einflussnahme zu kontrollieren.

China im Fokus

China hat sich während der letzten 40 Jahre zur weltweit dynamischsten Region in Bezug auf die Kapitalakkumulation entwickelt (Hung 2009; McNallly 2011; Friedman u.a. 2024). 2024 betrug der Anteil des Landes an der globalen Güterproduktion 27 Prozent. Der Vergleichswert lag für die USA bei 17 Prozent, für Deutschland bei fünf Prozent und bei drei Prozent für Indien. Seit 2001 ist China der international größte Stahlproduzent, das Land hat in atemberaubendem Tempo neue Städte gebaut und inzwischen eine Vorreiterrolle im Bereich Künstlicher Intelligenz eingenommen.

Dieses gewaltige Wachstum löste in den letzten Jahrzehnten einen sogenannten Rohstoff-Superzyklus aus, da Chinas Boom die Nachfrage nach Öl, Gas, Mineralien und anderen natürlichen Ressourcen – und damit auch die Preise – nach oben trieb. China etablierte Lieferketten von Lateinamerika nach Afrika und in den Nahen Osten und investierte in Rohstoffindustrien, um sich den Zugang zu wichtigen Ressourcen zu sichern. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Belt and Road Initiative (BRI), über die Peking 1,4 Billionen US-Dollar in Großprojekte, vor allem in den Bereichen Energie und Bergbau, investiert hat. Im Zuge der Entwicklung Tausender Abkommen mit 150 Ländern ist China zudem zum weltweit größten bilateralen Kreditgeber geworden (White 2026Miller 2025). Von entscheidender Bedeutung ist darüber hinaus, dass der chinesische Staat inzwischen neben seiner weitgehenden Kontrolle über wichtige Mineralien wie Kobalt und Nickel die Führungsrolle beim Abbau Seltener Erden übernommen hat, die zentrale Bedeutung für den militärischen und den Halbleiter-Sektor haben. Laut einer Studie der Internationalen Energieagentur (2025) ist China heute der größte Lieferant von 19 der 20 wichtigsten kritischen Mineralien (Pilling/Hook 2026).

»Da die USA beim Aufbau globaler Lieferketten und bei Direktinvestitionen, die den Zugang zu wichtigen Ressourcen sichern, China hinterherhinken, hat sich der US-Staat auf seine Kernkompetenz konzentriert: nämlich die militärische Überlegenheit.«

Die geopolitischen Folgen all dessen rückten im April 2025 schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit. Trump hatte gegen China gerade Zölle in Höhe von 125 Prozent verhängt. Als Gegenmaßnahme erließ die chinesische Regierung strenge Auflagen für den Export Seltener Erden (und die daraus gewonnenen Seltene-Erden-Magnete). Das hatte unter anderem für US-Autohersteller derart verheerende Auswirkungen, dass das Weiße Haus bestürzt einlenkte und die Zölle für China wieder radikal senkte. Diese Kehrtwende veranlasste das Weiße Haus allerdings auch dazu, seine Bemühungen um die maximale Kontrolle über strategische Ressourcen von Öl bis Kupfer und seine Drohungen, Gebiete wie Grönland oder Venezuela zu besetzen und zu kontrollieren, noch zu verstärken. Hierin kann man Elemente einer imperialen Strategie erkennen, die zur perversen Logik spätkapitalistischer Konkurrenzkämpfe gehören.

China in Schach zu halten war ein eminentes Anliegen der Regierung unter Biden, doch unter Trump bekam es noch größere Bedeutung. Dies geht aus der Nationalen Sicherheitsstrategie (NNS 2025, 13) der USA für 2025 hervor, in der die „Sicherung des Zugangs zu kritischen Lieferketten und Ressourcen“ zur höchsten Priorität erklärt wird.  Darüber hinaus hat die US-Regierung mit mehr als 20 Staaten überstürzt Rohstoff-Deals abgeschlossen und stockt strategische Vorräte Seltener Erden auf. Im Februar dieses Jahres hat das US-amerikanische Außenministerium zudem ein „Critical Minerals Ministerial“ abgehalten, an dem 54 Länder teilnahmen. China war nicht eingeladen. Gleichzeitig stellte US-Vizepräsident J. D. Vance einen neuen Handelsblock für kritische Ressourcen vor. Inzwischen hat Trump zudem die neue militärische Allianz „Shield of the Americas“ mit einer Reihe lateinamerikanischer Staaten ausgerufen – bezeichnenderweise ohne Brasilien, Mexiko und Kolumbien (The Economist, 26.2.2026AP News, 5.2.2026Chavez/Politi 2026). 

Um beim Kampf um Ressourcen nicht außen vor zu bleiben, mischt inzwischen auch die EU kräftig mit und hat einer neuen Freihandelszone mit vier wichtigen lateinamerikanischen Staaten – Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay – zugestimmt. Die EU verhandelt außerdem mit Brasilien über gemeinsame Investitionsprojekte im Bereich kritischer Ressourcen (Cohen 2026Pooler u.a. 2026).  Die entscheidende Konfliktlinie verläuft derzeit jedoch zwischen den USA und China, das heißt, die jüngsten militärischen Aggressionen der USA sollten in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Iran und Venezuela: Das Ziel der USA ist China

Angesichts der Tatsache, dass die USA beim Aufbau globaler Lieferketten und bei Direktinvestitionen, die den Zugang zu wichtigen Ressourcen sichern, China hinterherhinken, hat sich der US-Staat auf seine Kernkompetenz konzentriert: nämlich die militärische Überlegenheit. Das birgt Risiken, auch was die eigenen Interessen betrifft, wie wir noch sehen werden. Trotzdem ist es die Strategie der Stunde. Trump hat nicht zufällig erst vor Kurzem zwei erdölexportierende Länder mit engen Verbindungen zu China attackiert: Venezuela und Iran.

»Trump fetischisiert nicht nur Grund und Boden und die darin enthaltenen Ressourcen, er stellt sich kapitalistischen Profit auch nach dem Vorbild der Erhebung von Pachtzinsen vor.«

Entgegen einigen anderslautenden Stellungnahmen sind die USA keinesfalls abhängig von Öl aus Venezuela oder dem Nahen Osten. China aber durchaus. Venezuela ist der viertgrößte Empfänger von Krediten aus China, deren Gesamtvolumen bis 2023 die 100-Milliarden-Dollar-Marke überschritten hat. Und diese Kredite wurden durch Venezuelas Rohöl abgesichert (und sollten damit zurückgezahlt werden) – mit dem Öl also, das Trump nun für die USA beansprucht (Wooley 2025).  Wenn das Weiße Haus erklärt, dass „die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin bekräftigen und durchsetzen werden, um die amerikanische Vorrangstellung in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen, unser Land zu schützen und unseren Zugang zu strategisch wichtigen geografischen Gebieten in der Region zu sichern“ (The White House 2025a, 15), so ist das ein Versuch, Chinas wirtschaftliche und politische Bedeutung in der gesamten Region im großen Stil zurückzudrängen. Die USA sind bestrebt, Pekings Zugriff auf Öl und mineralische Ressourcen zu beschränken. Das Weiße Haus ist sicherlich auch deshalb daran interessiert, den Zugang zu den riesigen Gold-, Bauxit-, Kobalt- und Seltene-Erden-Vorkommen in Venezuela zu monopolisieren.[1] Damit versucht Washington seinen Einfluss auf China zu erhöhen, um dessen Aufstieg zur dominierenden globalen Macht auszubremsen.

Für den Nahen Osten hat Adam Hanieh (2024) diesen Antrieb hinter der imperialen Strategie der USA eindrucksvoll beschrieben. Auch hier sind die USA nicht auf das Öl der Region angewiesen. China hingegen schon. Rund 44 Prozent der gesamten Ölimporte Chinas kommen von dort. Fast 1,4 Millionen Barrel werden täglich aus Iran geliefert. Das dominante Auftreten Washingtons im Nahen Osten und die Schwächung Irans sind also eindeutige Mahnungen in Richtung eines gefürchteten Rivalen, dessen Energieversorgung, so die Botschaft, das Weiße Haus nach Belieben jederzeit empfindlich treffen kann.[2]

Landraub, Kryptowährung und Macht ohne Vorherrschaft von Eliten

So sehr die USA unter Trump ihre immense militärische Macht auch unter Beweis gestellt haben, es ist ihnen nicht gelungen, Chinas Aufstieg zu einer Großmacht zu verhindern. Vor allem aber verspielen die USA durch das Zurschaustellen dieser militärischen Dominanz und durch ihre Drohgebärden gegenüber befreundeten Staaten wie Kanada oder Dänemark ihre Möglichkeiten, einen geschlossenen und geeinten imperialen Block aus Nordamerika, Westeuropa, Japan, Südkorea und weiteren Verbündeten anzuführen. Stattdessen verschleudern sie ihr hegemoniales „Kapital“, wenn Trump samt Gefolge gegen Freunde wütet und historische Verbündete schikaniert. Als Kanadas Premier Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar 2026 sagte, dass „die regelbasierte Ordnung schwindet, dass die Starken tun, was sie können, und die Schwachen leiden, was sie müssen“, so war das keine große Neuigkeit.[3] Carney erklärte lediglich öffentlich, was unter Staatsbediensteten und politischen Entscheidungsträger*innen schon seit Trumps Wiederwahl 2024 kursiert.

Doch dies offenbart keine Stärke des heutigen US-Imperiums, sondern Schwäche. Die Zerstörung historisch gewachsener Allianzen spiegelt die Wut eines Präsidenten und seines Kabinetts wider, die angesichts des Aufstiegs Chinas mit den Grenzen der eigenen ökonomischen und politischen Vorherrschaft konfrontiert sind (Fedor 2026).[4] Und Trump ist die ideale Figur für ein Projekt, das auf blindwütige Schikane setzt. Als jemand, dessen Vermögen – das auf das seines Vaters zurückgeht – mit Immobiliengeschäften aufgebaut wurde, ist er besessen davon, sich Land anzueignen. Auch Trumps Gepolter, Gaza einzunehmen und es in ein touristisches Luxusressort zu verwandeln, in eine „Riviera des Nahen Ostens“, ist Ausdruck dieser kolonialistischen „Großgrundbesitzermentalität“ (Imbert/Ricard 2026). Trump verbindet eine plumpe „materialistische“ Vorstellung von Kapital mit einer ausgesprochen „idealistischen“. Er fetischisiert nicht nur Grund und Boden und die darin enthaltenen Ressourcen, er stellt sich kapitalistischen Profit auch nach dem Vorbild der Erhebung von Pachtzinsen vor. Und im Laufe der gesamten Geschichte des Kapitalismus umfasste dies, dass Grundbesitz als fiktives Kapital fungiert, also als Ware, deren Wert auf Zukunftsprognosen basiert, und somit Gegenstand von Deals ist – von Geschäftemacherei und Spekulationswahn (Harvey 1982).

Während also die Drohungen, Grönland zu übernehmen und Kanada zu einem US-Bundesstaat zu machen, dem territorialen Fetisch einer älteren Form des Imperialismus entsprechen, zeigen sich in der Begeisterung für Kryptowährungen die zwanghaften Manien des Finanzspekulanten. Der Präsident hat nicht nur den „$Trump Meme-Coin“ herausgegeben, er hat auch versprochen, die USA zur „Krypto-Hauptstadt der Welt“ zu machen (The White House 2025b). Während China globale Industriezweige und Lieferketten aufbaut, basiert das Kapitalismusmodell à la Trump auf Immobilienbetrug, juristischer Einschüchterung und einer großspurigen Überbewertung von Finanzanlagen. Es basiert auch auf Militärinvasionen, Zollkriegen und obsessivem Aushandeln von Deals. Zwar beaufsichtigt der US-Staat die jeweiligen konkreten Investitionsprojekte, die Trumpsche Vorstellungswelt funktioniert jedoch nach einem Nullsummen-Akkumulationsmodell, das darauf ausgelegt ist, den Zugang zu Ressourcen zu monopolisieren, ohne realistische Perspektiven für längerfristige Entwicklungen zu schaffen. Der Trump Tower, Mar-a-Lago, Meme-Coins und ein gefügiges Regime in Venezuela mögen innerhalb der MAGA-Bewegung auf Beifall stoßen. Doch es ist schwer, dahinter eine langfristige und tragfähige Akkumulationsstrategie zu erkennen. Und es ist kaum vorstellbar, wie militärische Angriffe, Landraub und Zollkriege einem wiedererstarkten imperialen Block dienen sollen, der sich vereint gegen Chinas Aufstieg stemmen könnte.

Wir müssen also mit einer instabilen und zersplitterten Weltordnung zurechtkommen, die zwischen Rohstoffkriegen und militärischen Konflikten wankt. Der Trumpismus ist lediglich Ausdruck dieses umfassenden gesellschaftlichen Zerfalls. Rosa Luxemburgs beharrliche Feststellung, dass die Welt vor der Wahl zwischen Sozialismus und Barbarei steht, beschreibt einmal mehr das grundlegende Dilemma auch unserer Zeit.


Dieser Artikel ist eine Vorveröffentlichung aus der kommenden LuXemburg-Ausgabe "Im Vorkrieg", die Ende Mai erscheint. Mehr dazu in Kürze.
Aus dem Englischen von Sabine Voß und Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective

[1] Vermutlich ist die Aussicht, Venezuela als Tor zu den reichen Öl- und Gasvorkommen des benachbarten Guyana zu nutzen, für die US-Ölindustrie wesentlich interessanter (Council on Foreign Relations 2026). 

[2] Zu Chinas Abhängigkeit von Öl aus dem Nahen Osten vgl. NDTV World 2026.

[3] Das Zitat geht auf einen Aphorismus von Thukydides zurück (Anm. d. Übers.).

[4] Deswegen haben einige Republikaner*innen sich gegen Trumps Drohungen in Richtung Grönland ausgesprochen (Fedor 2026).

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