In Bolivien wird bislang kein Lithium gefördert. Haupterzeuger ist Chile mit 44 Prozent der Weltproduktion, gefolgt von Australien (25 Prozent), China (13 Prozent) und Argentinien (zwölf Prozent). Die bolivianische Regierung schätzt die eigenen Vorkommen auf bis zu 8,9 Millionen Tonnen Lithium, 194 Millionen Tonnen Kalium, 7,7 Millionen Tonnen Bor und 211 Millionen Tonnen Magnesium. Lithium spielt eine entscheidende Rolle bei der Herstellung von leistungsfähigen Batterien für Elektroautos. Die großen multinationalen Konzerne haben seit geraumer Zeit die bolivianischen Vorkommen im Visier, die Konflikte haben in den letzten zwei Jahren zugenommen. Entscheidende Akteure sind neben der Regierung Evo Morales die sozialen Bewegungen und das globale Finanzkapital.

FORMIERUNG VON WIDERSTAND

1989 vergibt die bolivianische Regierung unter Jaime Paz Zamora eine Förderkonzession für den Salar de Uyuni an die Lithium Corporation of America (LITHCOA). Das Gebiet hat seit Ende der 1960er Jahre den Status einer reserva fiscal, eines staatlich kontrollierten Investitionsgebiets.2 Kurz darauf wird die Konzession für ungültig erklärt, da nach bolivianischem Recht eine Ausschreibung hätte erfolgen müssen. Seitdem ist das ausländische Interesse an den Salzvorkommen auch der Bevölkerung der Region und des gesamten Departements Potosí bekannt. An der Ausschreibung beteiligen sich neben LITHCOA die Unternehmen SOQUIMICH und COPLA. 1992 wird ein Vertrag mit LITHCOA geschlossen. An diesem Punkt formieren sich die sozialen Bewegungen. Der Verband der Bauern des südlichen Altiplanos (Federación Regional de Campesinos del Altiplano Sur, FRUTCAS) ruft zu einem Generalstreik auf und fordert die Annullierung des Vertrags: Er sieht nur geringe Steuern vor und erlaubt die extensive Nutzung öffentlicher Güter wie Wasser. Nach einer Woche Generalstreik im Departement Potosí wird er für ungültig erklärt. 1998 wird durch das so genannte ValdaGesetz die reserva fiscal auf die Ausdehnung der Salzkruste reduziert. Dadurch können Förderlizenzen für die angrenzenden Gebiete erteilt werden, etwa für Rio Grande, das als der lithiumreichste Teil der Salar de Uyuni gilt. 2003, während der Proteste, die Evo Morales schließlich an die Regierung bringen, erreichen die lokalen Gemeinschaften im Altiplano die Annullierung des Gesetzes und die Wiederherstellung der staatlichen Kontrolle über das gesamte Gebiet. Von da an fordern die sozialen Bewegungen zusätzlich ein Exportverbot für unverarbeitete Erze. Im September 2007 entwickeln Abgeordnete aus Potosí gemeinsam mit FRUTCAS einen Vorschlag zur industriellen Verwertung der Salzlake und drängen auf die Schaffung eines staatlichen Unternehmens. Ende 2007 beauftragt die Regierung Morales eine Gruppe von Technikern mit dem Entwurf für ein Pilotprojekt, das die industrielle Produktion von Lithium (und anderer Metalle wie Bor, Magnesium und Kalium) vorbereiten soll. Am 1. April 2008 wird die staatliche Bergbaugesellschaft COMIBOL (Corporación Minera de Bolivia) ermächtigt, eine Abteilung zur industriellen Nutzung der Salar de Uyuni aufzubauen, die Dirección Nacional de Recursos Evaporíticos (DNRE). Dem Projekt wird »nationale Priorität« eingeräumt. Messstationen werden installiert, um die Lithiumkonzentration im Salzsee zu messen; die gesamten Salzvorkommen werden elektronisch kartiert. Fachkräfte werden ausgebildet und eingestellt, da es am notwendigen Know-how fehlt, um technische Gutachten auf internationalem Niveau zu erstellen.

DAS PILOTPROJEKT UND DIE MULTIS

Am 10. Mai 2008 wird eine Modellanlage in den Ausläufern der Hügel von Alka Loma eingeweiht. Inzwischen arbeiten dort 95 Personen, die monatlich 40 Tonnen Lithiumcarbonat produzieren. Das Projekt versorgt die lokale Bevölkerung mit Trinkwasser und Strom.3 Beides sind Hauptanliegen der Zentralregierung und der sozialen Bewegungen. Dieses Mal sollen die Bolivianer von ihrem Reichtum profitieren, alles wird langsam angegangen. Zunächst geht es darum, abzuschätzen, ob jährlich 20000 Tonnen Lithiumcarbonat produziert werden können, ohne dass die Produktionskosten drei US-Dollar pro Kilogramm überschreiten. Ein Kanal, der die Salzlake auf festen Grund ableitet, und Verdunstungsbecken mit tausenden von Quadratmetern Fläche, um die Ablagerung der Mineralien in hoher Konzentration zu gewährleisten, müssen gebaut werden. Erst wenn die Fabrik in Betrieb genommen ist, will die Regierung Angebote einholen und über Beteiligungen entscheiden. Regierung und soziale Bewegungen sind großem internationalen Druck ausgesetzt. Die japanischen Unternehmen Sumitomo, Mitsubishi und Jogmec, das französische Unternehmen Bolloré (mit ihrem Elektroauto Bluecar), die Südkoreaner Kores und LG und das brasilianische Unternehmen Vale sind nur einige der interessierten Akteure. Besonders die Franzosen drängen. Sie wollen bis 2013 eine Lithiumcarbonatfabrik in Uyuni errichten, später sollen Fabriken zur Herstellung von Lithiumbatterien hinzukommen. »Wir wollen so schnell wie möglich loslegen«, so Thierry Marraud, der Finanzdirektor der Bolloré- Gruppe im April 2010 in La Paz. Neu ist der starke Druck aus Brasilien. Im April 2010 unterbreitet eine brasilianische Delegation unter Leitung von Marco Aurélio García, Sonderberater von Präsident Lula da Silva, ein bedeutendes Angebot. Die Brasilianer wollen einen industriellen Komplex an der brasilianisch-bolivianischen Grenze errichten und dort Gas- und Chemieindustrie ansiedeln, um das Lithium industriell zu verarbeiten. Es sollen Flughäfen, Straßenverbindungen und Schienenstrecken gebaut werden. Das Interesse der Brasilianer liegt auf der Hand: Es geht darum, den Multi Vale (das zweitgrößte Bergbauunternehmen der Welt) in Position zu bringen und zu vermeiden, dass »die zehn Millionen Tonnen Lithium und die Kaliumvorkommen der Salar de Uyuni durch nordamerikanische, japanische, russische, französische oder koreanische Konzerne ausgebeutet werden, ohne dass Brasilien einen entscheidenden Anteil erhält«.4 Trotz einer strategischen Allianz zwischen beiden Regierungen mussten die Brasilianer mit leeren Händen abziehen. Alle haben es eilig – bis auf die Regierung. Evo Morales hat drei Bedingungen genannt, die nicht verhandelbar sind: die nationale Souveränität über die Ressourcen sowie eine Mehrheitsbeteiligung des Staates an den Bergbauunternehmen und an der verarbeitenden Industrie. Die »Langsamkeit« der Regierung Evo Morales, eine Entscheidung zur industriellen Verarbeitung des Lithiums zu treffen, liegt weder an Unfähigkeit noch am fehlenden politischen Willen. Eine Bevölkerung, die erfolgreich einen »Wasserkrieg« und zwei »Gaskriege« führte, ist nicht mehr bereit, sich ihre Bodenschätze entreißen zu lassen.

EIN VERÄNDERTES BEWUSSTSEIN

Die jüngste Untersuchung zur industriellen Verarbeitung des Lithiums fasst zusammen, was auf dem Spiel steht: »Bolivien will mit einem Fluch brechen – dem Paradox des Überflusses –, dem nur wenige verarmte Nationen entronnen sind. Die Anstrengung, dem Fluch zu entkommen, ist von solcher Bedeutung, dass sie von der ganzen Welt aufmerksam beobachtet werden.« (Hollender/ Shultz 2010, 7) Die bolivianische Bevölkerung weiß, was auf dem Spiel steht, und es sieht nicht danach aus, dass sie diese Gelegenheit verstreichen lassen wird. Die Bewegungen, besonders FRUTCAS, überwachen jeden Schritt der Regierung. Sie wissen: Der Druck der multinationalen Konzerne ist enorm und in der Regierung Evo Morales gibt es Tendenzen, sich die Reichtümer des Landes – als »Geschäftspartner« – untereinander aufzuteilen. Das Ziel ist »eine überlegte Ausbeutung der strategischen Ressourcen in der Region und der Aufbau einer chemischen und Bergbauindustrie auf nationaler Ebene. Die industrielle Verwertung der Salzvorkommen hat letztlich dem Wohle des Landes und der Bevölkerung zu dienen und die nationale Souveränität zu garantieren« (Petro Press 13, 21). Es gibt Bestrebungen, den Salar de Uyuni zu parzellieren und so die Vergabe von Abbaurechten an private Unternehmen zu erleichtern. Die Rechte versucht gezielt, die Bevölkerung von Potosí zu spalten. Die in FRUTCAS organisierten Bewegungen haben daher verkündet, dass der Salzsee »von allen Gemeinden des südlichen Altiplano bewacht wird«. Was damit gemeint ist, hat sich in der Mine bei San Cristóbal, 90 Kilometer entfernt von Uyuni, gezeigt. Sie ist im Besitz des japanischen Konzerns Sumitodo, einem der weltweit größten Förderer von Zink, Blei und Gold. Es werden dort täglich 48 000 Tonnen Gestein verarbeitet und daraus 1 600 Tonnen angereichertes Erz gewonnen. Die Firma weist einen jährlichen Gewinn von einer Milliarde US-Dollar aus, zahlt aber nur 35 Millionen US-Dollar an Steuern. Die Summe deckt nicht einmal die Kosten für das verbrauchte Wasser in der Wüstenregion. Mitte April 2010 organisieren Gemeindemitglieder aus der Region eine Lkw-Blockade und sperren die Schienenwege nach San Cristóbal. Sie fordern ein Elektrifizierungsprojekt, die Installierung von Telekommunikationsantennen und verlangen, dass der Sitz der gerade erst gegründeten Staatsfirma EBRE (Empresa Boliviana de Recursos Evaporíticos) in Rio Grande eingerichtet wird. Von Sumitodo fordern sie zudem eine Abgabe auf die entnommenen 50 000 Kubikmeter Wasser. In der Nacht des 16. April besetzen sie die Bürogebäude des japanischen Unternehmens, stecken sie in Brand und drohen damit, 80 Container mit angereichertem Erz zu zerstören, die zum Export bereitstehen. In Potosí stehen sich nicht nur lokale Gemeinden und transnationale Bergbauunternehmen gegenüber. Die Regierung unterzeichnete am 10. März 2010 das Dekret zur Gründung der EBRE und siedelte die Firma in La Paz an – und nicht, wie es die Verfassung vorsieht, in Potosí. Das gegen die Zentralregierung eingestellte Bürgerkomitee von Potosí (COMCIPO) und Angehörige der Universität Tomás Frías fordern, vom Lithium dürfe nur das Departement Potosí profitieren. Kurz vor den Kommunalwahlen erklärt die Regierung das umstrittene Dekret für ungültig. Das »Schlimme ist, dass diese Oppositionellen unter diesen Umständen zur Privatisierung des aktuellen staatlichen Projekts beitragen, wie auch zur Forderung, die reserva fiscal aufzuheben, die die exklusive Nutzung durch den Staat garantiert«.5 In Reaktion darauf schlägt FRUTCAS im April 2010 die Schaffung eines »Rates der Sozialen Kontrolle« vor, in dem Repräsentanten der Basisorganisationen der Region vertreten sein sollen. Die Regierung erlässt unterdessen ein Gesetz, durch das die Rechte der indigenen Völker beschnitten werden, vor dem Abbau natürlicher Ressourcen in ihren Territorien vom Staat befragt und informiert zu werden, einschränkt. Alles deutet darauf hin, dass die Schlacht um das Lithium noch lange andauert. Aus dem Spanischen von Stefan Thimmel  

LITERATUR

Hollender, Rebecca, und Jim Shultz, 2010: Bolivia and its Lithium, Democracy Center, Cochabamba

Anmerkungen

1 Die United States Geological Survey ist eine wissenschaftliche Behörde im Geschäftsbereich des Innenministeriums der Vereinigten Staaten (Anm. d. Red.). 2 Diese Regelung sichert dem Staat die Kontrolle über die Bodenschätze in dem Gebiet (Anm. d. Red.). 3 DNRE, 9.6.2010; www.evaporiticosbolivia.org. 4 Andrés Soliz Rada, 26.4.2010, www.rebelion.org. 5 Nuevos sobresaltos privatizadores en el proyecto litio, in: Petro Press, Nr. 19, CEDIB, Cochabamba, April 2010, 29.